»Populismus ist eine Reaktion auf Verteilungskonflikte«

Der Politikwissenschaftler Philip Manow erklärt, warum sich Protestparteien in einigen Ländern rechts und in anderern links positionieren. Ein Interview.

Herr Manow, Sie kritisieren in Ihrem Buch, dass die Debatte über Populismus ein Defizit hat: Sie wird zwar mit viel Moral und Leidenschaft geführt, aber ohne über den Kapitalismus zu reden. Warum ist letzteres wichtig? Weiterlesen

Hollande und Macron töteten seinen Vater

Édouard Louis ruft in seinem neuen Buch die strukturelle Gewalt der Klassengesellschaft in Erinnerung

Es sind Sätze, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen: »Jacques Chirac und Xavier Bertrand machten deinen Darm kaputt«, »Nicolas Sarkozy und Martin Hirsch haben dir das Rückgrat gebrochen« und »Hollande und El Khomri haben dir die Luft genommen«. Und selbstverständlich bekommt auch der aktuelle französische Präsident sein Fett weg: »Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.« Weiterlesen

Aus dem Tritt geraten

Andreas Lehmann: Über Tage. Roman. Karl-Rauch-Verlag, Düsseldorf 2018. 174 Seiten, 20 EUR.

Joscha Farnbach, Angestellter in einer Druckerei, weiß auf die Frage seiner Kollegin, was er am Wochenende mache, nur zu antworten: »Ausruhen, denke ich.« Symptomatisch für das »wie immer« dahinfließende Leben zwischen Lieferscheinen, Kantinenessen und dem freudlosen Zusammensein mit seiner Freundin. Aus dem Tritt gerät sein Leben, als Farnbach von seinem Chef aufgefordert wird, nach Augsburg zu reisen, um einen unzuverlässigen Lieferanten persönlich zur Räson zu bringen. Weiterlesen

Intensives Atmen vermeiden

Gerhard Henschels achter Martin-Schlosser-Roman ist erschienen

In meinem Briefkasten gammelte nur Reklame für Grillfleisch, Planschbecken und elektrische Zahnbürsten herum.« Martin Schlosser, Gerhard Henschels Alter Ego, hatte jedoch auf den einen oder anderen Honorarscheck gehofft. »Erfolgsroman«, der Titel von Henschels neuem autobiografischem Roman, wirkt zunächst irritierend. Weiterlesen

Traurige Alpen

Veronika Bohrn Mena beleuchtet prekäre Arbeit in Österreich, wo die Deregulierung erst jetzt richtig Fahrt aufnimmt

Der Wecker klingelt um 3.30 Uhr. Eine halbe Stunde später bricht Ercan mit seinem kleinen Transporter zur Arbeit auf. Eine Stunde benötigt er für den Weg. Um 5 Uhr ist Dienstbeginn in einer stinkenden und unbeheizten Lagerhalle. Auf einem Förderband fahren unzählige Pakete wie in einem Flughafen entlang.

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»Jedem seine eigene Scheiße«

Adam Toozes Buch »Crashed« wirft ein anderes Licht auf die Krisenfolgen von 2008

Als Angela Merkel Ende Oktober ihren Verzicht auf weitere Kandidaturen für den CDU-Vorsitz sowie das Kanzleramt bekannt gab, hoben linksliberale Kommentatoren ihre Verdienste um Europa hervor. Natürlich: Die Vergleichsfolien sind Orban, Kurz oder die rechtskonservative PiS-Regierung in Polen. Aber man sollte sich in Erinnerung rufen, dass Merkels Agieren infolge der Finanzkrise von 2008 und der sogenannten Eurokrise keineswegs eines Lobes würdig ist. Weiterlesen

Finanzkapitalistische Spielanordnung

Der Wiener Ökonom Stephan Schulmeister rechnet in seinem neuen Buch mit dem neoliberalen Mainstream ab

Ökonomen seien überdurchschnittlich egoistisch. Das schreibt Stephan Schulmeister mit Verweis auf Studien, die Haltungen und Verhalten von Ökonomen mit jenen anderer Gruppen verglichen haben. Der pensionierte langjährige Mitarbeiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung meint hiermit freilich nicht sich oder andere kritische Ökonomen, sondern neoliberale Wirtschaftswissenschaftler. Für diese sei der Markt zu einem Subjekt geworden, dem sich der Mensch zu unterwerfen habe. Anteilnahme für das Schicksal der Menschen bringe die Mainstream-Ökonomie nicht auf. Weiterlesen

Pornostars, Punks & Postboten

Virginie Despentes: »Das Leben des Vernon Subutex 2«

Die eine kann damit leben, der andere verfault innerlich am Groll über seine Mittelmäßigkeit: Auch im zweiten Teil von Virginie Despentes’ viel gelobter Trilogie »Das Leben des Vernon Subutex« leiden die Protagonisten am verpfuschten Leben. Aber im Gegensatz zum ersten Teil gönnt ihnen die ehemalige Punkerin und Pornofilmkritikerin, die heutige Feministin sowie Schriftstellerin hier eine Auszeit. Weiterlesen

Auch Zahlen sind politisch

Oliver Schlaudt kritisiert die scheinbare Objektivität von Statistiken

»Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.« Dieser Satz ist längst zum geflügelten Wort geworden. Doch um Statistiken oder Zahlen, die durch Fälschung entstehen und mit denen Akteure einen politischen Zweck verfolgen, geht es in dem neuen Buch von Oliver Schlaudt nur am Rande. Den über ökonomische Fragen schreibenden Philosophen interessieren jene Zahlen, bei denen alles mit rechten Dingen zugeht. Denn: Auch dann sind Zahlen politische Zahlen, so Schlaudts Hauptthese. Weiterlesen

Marxisten wollen uns nicht die Zahnbürsten wegnehmen

Ein strukturell pervertiertes System aus kommerziellen Beziehungen und Besitz sei der Kapitalismus, schreibt Papst Franziskus in seiner Enzyklika »Laudato si«. Was als radikale Kapitalismuskritik erscheint, zielt beim Oberhaupt der katholischen Kirche einzig auf die ungerechte Verteilung in der globalisierten neoliberalen Ökonomie. Auch die Kritik des viel beachteten Buches »Das Kapital im 21. Jahrhundert« von Thomas Piketty hebt auf die Verteilungsfrage ab. Nicht gestellt wird die Frage, ob in einer von Privateigentum dominierten Eigentumsform Ungleichheit überhaupt vermeidbar ist. Weiterlesen