Das vergessene Paradoxon

Technik wird uns nicht aus dem ökologischen Elend erlösen

William Stanley Jevons muss sich am Kopf gekratzt haben: Komisch, wieso nimmt denn der Verbrauch von Kohle zu, obwohl die neue Dampfmaschine von James Watt viel effizienter arbeitet als die alte Technik? Der Ökonom Jevons beschäftigte sich in den 1860er Jahren in England, dem Mutterland der industriellen Revolution, mit dieser Frage – und fand in seinem 1865 publizierten Buch »The Coal question« eine überzeugende Antwort: Technologische Innovationen müssen nicht zu einer Senkung des verwendeten Rohstoffes führen. Oft führen sie sogar zu einem größeren Verbrauch. Warum? Weil durch die effizientere Technik der Preis sinkt und die Nachfrage steigt. So wurde durch Watts Erfindung die Kohle zu einer billigen Energiequelle. Das wiederum führte zur Anwendung der Technik im Verkehrs- und in anderen Industriebereichen.

Die Dampfmaschine steht heute für den Siegeszug des industriellen Kapitalismus. Im Zuge dessen wurde es auch möglich, weitere fossilen Rohstoffe – Öl und Gas – zu verbrennen. Der fossilistische Kapitalismus hat die Produktivkräfte entfesselt und nie gekannte Wachstums- und Beschleunigungsprozesse ausgelöst. Doch die Schattenseiten sind seit Jahrzehnten bekannt: Naturzerstörung und Klimawandel drohen den Planeten Erde für Millionen Menschen zu einem unbewohnbaren Ort zu machen.

Als Wunderwaffe gegen den Treibhauseffekt wird von den Eliten seit wenigen Jahren eine grüne Ökonomie angepriesen. Ihre Verheißungen lauten Effizienz, technologische Innovation und Einführung von Marktelementen im Umweltschutz. Auf diese Weise könne Wachstum generiert, weniger Ressourcen verbraucht und Emissionen in die Luft geblasen werden. Es geht mithin um die Entkopplung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) vom Naturverbrauch.

Es ist erstaunlich, dass Jevons 150 Jahre alte Erkenntnis seitdem kaum Spuren hinterlassen hat. Seine Erklärungen haben den Technikoptimismus nicht trüben können – gerade auch den grün angestrichenen nicht, der sich von Technik eine Erlösung aus unserem ökologischen Elend erhofft. Anlass zum Pessimismus müssten auch die Erkenntnisse der so genannten Material Flow Analysis geben. Dieser Forschungszweig will den Umfang der Stoffflüsse (ausgenommen Wasser) in den Ökonomien im Zeitverlauf darstellen. Die im letzten Jahr veröffentlichte Studie »Global Patterns of Material Flows and their Socio-Economic and Environmental Implications« kommt zum Beispiel zu folgendem Resultat. Zwischen 1980 und 2009 hat sich die global Ressourcenextraktion und -konsumtion um 94 Prozent erhöht. Zwar hat sich im selben Zeitraum auch die Materialproduktivität in den meisten Ländern erhöht, d.h. das BIP ist schneller gewachsen als der Ressourcenverbrauch. Aber diese relative Entkopplung sei durch das Wirtschaftswachstum überkompensiert worden. »Es muss also geschlussfolgert werden«, lautet das Fazit, »dass die Welt als Ganzes nicht auf dem Weg hin zu einem grünen Wachstum oder einer grünen Wirtschaft ist.« Was es durchaus geben kann, ist eine relative Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch. Die Wirtschaft wächst in diesem Falle schneller als der Verbrauch von Natur.

Eine absolute Entkopplung, eine Reduktion des Naturverbrauchs bei gleichzeitiger BIP-Zunahme, hat es hingegen noch nicht gegeben. Sie wird es auch kaum geben können – womit wir wieder bei Jevons und seinem Paradoxon wären. Immerhin wird dieses seit wenigen Jahren unter dem Begriff Rebound-Effekt auch jenseits wissenschaftlicher Zirkel in Bezug auf Energie diskutiert. Um nur ein aktuelles Beispiel für dieses Phänomen anzuführen: Die Einsparpotenziale von besser gedämmten Wohnungen resultieren oft nicht in einem Rückgang des Energiebedarfs, weil gleichzeitig mehr Zimmer oder größere Wohnungen beheizt werden.

Dabei ist es schon gegenwärtig möglich, heißt es im Schlussbericht der Bundestags-Enquete-Kommission zum Thema Wachstum, den »Verbrauch von Energiedienstleistungen vom Ausstoß von CO2 zu entkoppeln – und zwar mit den heute bereits bekannten Technologien und ohne hypothetische Berücksichtigung möglicher zukünftiger Innovationssprünge«.

Nicht Technik kann uns somit aus unserem ökologischen Elend erlösen. Sondern nur bestimmte Techniken, wie z.B. Solarzellen. Und nur dann, wenn sie in anderen sozial-ökonomischen, politischen und kulturellen Verhältnissen Anwendung finden.

aus: neues deutschland, 24.12.2015

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