It’s not Marienhof, it’s Mad Men

Das moderne Erzählfernsehen, eine Mischung aus Kino und Literatur, ist in aller Munde

»Und? Welche neue Serien hast du in letzter Zeit gesehen?« Diese Frage war vor wenigen Jahren noch recht unüblich. Denn mit TV-Serien assoziierte man in Deutschland die »Schwarzwaldklinik«, das »Großstadtrevier«, die »Lindenstraße« oder den »Marienhof«. Derlei schaute man sich vielleicht mal an, aber reden tat man lieber nicht darüber.

Das änderte sich, als ab der Jahrtausendwende US-amerikanische Serien wie »The Sopranos«, »The Wire« oder »Mad Men« ihren Siegeszug antraten. Heute kann man die »heftige Omnipräsenz des Seriengespräches«, so eine Formulierung des Kulturkritikers Diedrich Diederichsen, allenthalben feststellen. Sei es auf dem Schulhof, im Büro, in der Kneipe oder auf einer Vernissage. Fernsehserien, vornehmlich solche aus den USA, aber auch aus den skandinavischen Ländern oder Großbritannien, gelten nicht mehr als billiger Schund, sondern als die Kunstform des 21. Jahrhunderts. Nicht einem Roman oder einem Film gelang es etwa, Zeitgenossenschaft vom deindustralisierten neoliberalen US-Kapitalismus abzulegen, sondern der Serie »The Wire« des Fernsehsenders HBO. Wegen der langen Erzählstränge, die Raum für die Entwicklung von Figuren und narrative Vielschichtigkeit lassen, wird nicht nur diese Serie eher mit Literatur verglichen als mit herkömmlichen TV-Serien.

Das sogenannte serielle Erzählen setzt nicht auf abgeschlossene Episoden oder plumpe Cliffhanger. Die einzelnen Folgen sind wie Kapitel eines Romans. Man muss sie am Stück ansehen, um der Handlung folgen zu können. Folge um Folge entfaltet sich ein Handlungsbogen von epischer Breite. Hinzu kommt, dass der künstlerisch Verantwortliche, der »Showrunner«, viel Freiheit genießt und der Produktion so seinen Stempel aufdrücken kann – vergleichbar dem französischen Autorenkino.

Der Erfolg des sogenannten Erzählfernsehens verdankt sich dabei auch technischen und ökonomischen Entwicklungen. Das Breitbandinternet machte es möglich, dass die Zuschauer heute ganze Staffeln am Stück sehen können, in einer Nacht, und nicht mehr Woche für Woche auf die nächste Folge warten müssen. Ein Abonnentensender wie HBO nutzte seine Unabhängigkeit vom Einfluss der Werbewirtschaft und von staatlichen Auflagen dazu, auch kontroverse Themen anzufassen. Man schaue sich nur die erste moderne HBO-Serie »Oz« an. Eine so drastische Schilderung des Lebens in einem US-Gefängnis auf so hohem Niveau mit so exzellenten Schauspielern – das ist bis heute unerreicht.

Übrigens galt der Sender HBO mit seinem programmatischen Slogan »It’s not TV, it’s HBO« bis vor kurzem als Synonym für gute Serien. Inzwischen produzieren auch andere Unternehmen wie Netflix oder Showtime Serien. Selbst Amazon hatte einen Anteil daran, dass im vergangenen Jahr 400 englischsprachige Serien produziert wurden. 2016 dürften es noch mehr werden. Schon ist von einer Serienblase die Rede, Stimmen werden lauter, dass die Innovationsphase längst in eine Phase fortschreitender Konsolidierung übergegangen sei.

Das Reden über Serien hat vielerorts das Alltagsgespräch über Pop oder Kino ersetzt. »Es gibt keine Popstars mehr, die alle interessieren. Aber was Walter White macht, wollen alle wissen«, schreibt Diederichsen.

Im »nd« wollen wir die Diskussion über das neue »Quality TV« in Zukunft stärker begleiten. Deshalb wird es an dieser Stelle jeden Mittwoch eine Kolumne zum neuen Seriengeschehen geben. Sei es, dass neu anlaufende Produktionen besprochen, sei es, dass übergeordnete Aspekte, wie zum Beispiel der jüngste True-Crime-Trend, analysiert werden.

aus: neues deutschland, 3.2.2016

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