Weniger ist zu wenig

Wachstumskritiker stellen wichtige Fragen, die Marxisten und Keynesianer überwiegend ignorieren. Ihre Antworten indes sind unzureichend. Hier kann Marx weiterhelfen.

Es ist das Einfache, das schwer zu machen ist, schrieb Bertolt Brecht über den Kommunismus. Man kann diese Aussage auch auf eine Gesellschaft übertragen, die nicht auf die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP), auf Wachstum ausgerichtet ist. Dabei liegt die Notwendigkeit, über eine Postwachstumsgesellschaft nachzudenken, inzwischen seit Jahrzehnten auf der Hand. Der Außenseiter-Ökonom Kenneth Boulding begründete dies in denkbar schlichten Worten: »Wer glaubt, dass in einer endlichen Welt unendliches Wachstum möglich ist, kann nur verrückt sein – oder Ökonom.« Das Gleichsetzen von Verrücktheit und Ökonomenzunft ist berechtigt. 99 Prozent der Ökonomen – und der Politiker, wäre zu ergänzen – folgen dem Motto: Wachstum ist nicht alles, aber ohne Wachstum ist alles nichts. Die deutsche Politik hat den Zwang zum Wirtschaftswachstum 2009 sogar in Gesetzesform gegossen. Das Wachstumsbeschleunigungsgesetz sollte als Konjunkturpaket die Folgen der Finanzkrise von 2008 abmildern.

Auch linke Ökonomen und Politiker, die in der Tradition der sozialistischen Arbeiterbewegung oder des Keynesianismus stehen, zweifeln die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstum in der Regel nicht an. Historisch ist das nachvollziehbar. Mitte des 19. Jahrhunderts, als die sozialistische Bewegung und die marxistische Theorie entstanden, waren die biophysischen Belastungsgrenzen der Erde noch längst nicht absehbar. Und klassenpolitisch führte Wirtschaftswachstum tatsächlich zu einer Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse. Aber heute gilt das eben nicht mehr ohne Weiteres. Anfang August wurde der Earth Overshoot Day (Erdüberlastungstag) begangen. Das heißt, seit dem 8. August werden mehr Ressourcen verbraucht, als die Erde in einem Jahr reproduziert und mehr Emissionen ausgestoßen, als die Atmosphäre absorbieren kann. Der Erdüberlastungstag ist in den letzten Jahren immer weiter vorgerückt, 1987 fiel er noch auf den 19. Dezember.

Den Kopf über eine Gesellschaft ohne Wachstum zerbricht sich seit Kurzem wieder verstärkt eine kleine soziale Bewegung, die in England, Spanien und Frankreich stärker ist als hierzulande und dort unter den Namen Degrowth und Décroissance (Wachstumsrücknahme) bekannt ist. Sie stellt die für die langfristige Überlebensfähigkeit der Menschheit entscheidenden Fragen. Doch ihre Fokussierung auf das Thema Konsumverzicht (Suffizienz) greift zu kurz. Zwar ist es löblich, wenn (deutsche) Protagonisten wie der Oldenburger Ökonom Niko Paech auf Flugreisen komplett verzichten. Doch dieser Ansatz läuft Gefahr, moralisierend zu werden.

Eine Ironie dabei ist: Gerade der gut verdienende Grünen-Wähler oder die akademisch gebildete Degrowth-Anhängerin aus den gentrifizierten Stadtteilen von Berlin oder Hamburg verbrauchen mehr Natur als der Hartz-IV-Empfänger oder Niedriglöhner, der sich weder Auto noch Eigenheim leisten kann. Das grüne konsumkritische Bürgertum hat Geld und gibt das gerne für Weltreisen aus. Die verheerende Ökobilanz wird durch den Einkauf in der Bioeinkaufsgemeinschaft nicht aufgewogen. Mehr noch: Die gebildete grüne Elite, zu der der typische Degrowthler bald gehören wird, wird paradoxerweise gar zu einem Vorreiter des Strebens nach positionalen Gütern, die den sozialen Status des Käufers charakterisieren – und damit des kapitalistischen Konkurrenzkonsums. Wenn das ökologisch bewusste Bürgertum Bioprodukte kauft, konstituiert es einen neuen Mainstream, dem sich das Individuum nur schwerlich entziehen kann. »Tatsächlich ist es im Spätkapitalismus ja der Wunsch, sich zu unterscheiden, der ständig neue positionale Güter kreiert und die Akkumulation anheizt«, heißt es in dem jüngst erschienenen Handbuch »Degrowth«.

In diesem kann auch nachgelesen werden, warum die Strategie Konsumverzicht unzureichend ist. Dies wird mit einem Paradoxon begründet, das immer häufiger – durchaus zu Recht – als Parade-Argument der Wachstumskritiker gilt: dem Jevons-Paradoxon. Das auch als Rebound-Effekt bekannte Phänomen besagt, dass Effizienzsteigerungen nicht notwendigerweise zu einer Verringerung des Inputs von Energie oder Rohstoffen führen. Dadurch, dass sie die Kosten für Produkte oder Dienstleistungen senken, wird mehr angeboten und nachgefragt. Beispiel: Der Kauf eines Sprit sparenden Autos führt oft dazu, dass der Besitzer es für zusätzliche Fahrten nutzt. Effizientere Motoren führen dazu, dass die Autohersteller immer schwerere Autos konstruieren.

Doch auch ein suffizienter (genügsamer) Lebensstil kann zu Rebound-Effekten führen. Wenn etwa Tausende von Degrowth-Anhänger im Globalen Norden beschließen, weniger Energie zu kaufen, senkt der geschrumpfte Bedarf den Preis für Energie durch ein Mehr an Energie auf den Weltmarkt. Dies wiederum versetzt die sogenannten Grenzkonsumenten auf der Welt, die so viel wie zuvor arbeiten und mehr Produkte konsumieren möchten, in die Lage nachzufragen, was die Suffizienz-Anhänger nicht mehr nachfragen. Konsequenz: Konsumverzicht kann zwar zu einem gerechteren Konsum führen, aber nicht zwingend zu einer Reduktion von Energie. Denn: Wenn nicht die gesamte Weltbevölkerung genügsamer wird, werden andere Menschen den durch freiwilligen Energieverzicht entstehenden Rückgang der Nachfrage wieder ausgleichen. Insofern ist es moralisch eine zweifelhafte Angelegenheit, Suffizienz für die ganze Erdbevölkerung anzustreben, weil Milliarden Menschen in unfreiwilliger (Energie-)Armut leben.

Diese Argumentation gilt nicht nur für Energie, sondern für den Naturverbrauch im Allgemeinen. In dem Degrowth-Handbuch wird stattdessen eine gesetzliche Obergrenze für die Menge der geförderten und verbrauchten Rohstoffe ins Spiel gebracht. Denn was zuvörderst nicht mehr wachsen, ja schrumpfen soll, ist nicht in erster Linie das BIP – das ist lediglich eine abstrakte mathematisch-statistische Größe -, sondern die Menge an biophysikalischem, von Menschen verursachtem Durchsatz, sprich die Gesamtmenge verbrauchter natürlicher Ressourcen plus Emissionen.

Obergrenzen können in der Tat ein Weg sein. Es gibt aber noch einen anderen. In dem Handbuch wird er nur angedeutet, wenn beiläufig die kapitalistische Produktionsweise und ihr Zwang zur Gewinnerwirtschaftung erwähnt werden. Der Kapitalismus wird von Degrowth-Autoren überwiegend nicht in Frage gestellt, obwohl sie zumeist einräumen, dass zwischen Kapitalismus und Degrowth eine grundlegende Unvereinbarkeit besteht. So schreibt Serge Latouche, einer der einflussreichsten Autoren der Décroissance-Bewegung: »Die Wachstumsrücknahme ist notwendigerweise antikapitalistisch.« Aber die Feststellung in dem »Handbuch für eine neue Ära«, wonach sich die Degrowthler sträuben, selbst explizit Position gegen den Kapitalismus zu beziehen, ist zutreffend. Drei Gründe lassen sich dafür anführen: Erstens soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass der Hauptgegner der Kapitalismus sei. Dieser sei der Produktivismus. Erneut Latouche: »Ein mehr oder weniger liberaler Kapitalismus und ein produktivistischer Sozialismus sind zwei Varianten ein und derselben Wachstumsgesellschaft, die auf der Entfesselung der Produktivkräfte gründet.« Hinzu kommen bündnis- und wissenschaftspolitische Motive: Man will nicht nur Antikapitalisten als Partner und man strebt nach Akzeptanz in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Resümierend heißt es in dem Handbuch: »Aufgrund dieser Bedenken hat sich die Degrowth-Gemeinde bisher im Großen und Ganzen einem kritischen Engagement hinsichtlich der politischen Ökonomie des Kapitalismus und der Möglichkeiten seiner Transformation verweigert.« Dies bleibe indes eine entscheidende intellektuelle und politische Aufgabe für Wissenschaftler und Aktivisten, die die Wachstumsrücknahme wollen.

Nicht links liegen lassen können sie dabei den sogenannten Ökomarxismus, der vor allem in den USA zu einer Neuinterpretation des Werkes von Marx und Engels geführt hat. Seine Vertreter zeigen, dass Marx’ Werk nicht nur ökologisch zu interpretieren, sondern im Kern ökologisch ist. Untermauert wird diese These nun von Kohei Saito, der soeben eine Dissertation zur Marxschen Ökologie vorgelegt hat. Marxsche Ökologie? Hat der große Denker aus Trier denn nicht der absoluten menschlichen Herrschaft über die Natur das Wort geredet? Und den Produktivkraftfetisch in die Welt gesetzt? Das hat er durchaus, sagt Saito. Aber nur bis Mitte der 1860er Jahre. Dann begann eine neue Periode, die durch die Lektüre agrarwissenschaftlicher Werke zum Beispiel von Justus von Liebig eingeläutet wurde. Dieser und andere Wissenschaftler hatten beobachtet, dass sich die Bodenerträge durch den Einsatz von Dünger und Maschinen zwar kurzfristig erhöhen ließen, aber langfristig abnähmen. Mehr und mehr thematisierte Marx mithilfe eines physiologischen Begriffs des »Stoffwechsels« die Mensch-Natur-Beziehung – und begann, dessen Störung als Widerspruch des Kapitalismus und seiner unendlichen Verwertungsbewegung zu kritisieren.

Saito rekonstruiert das erstmals auch anhand der Marxschen Exzerpt-hefte, die im Rahmen der Marx-Engels-Gesamtausgabe veröffentlicht werden. Fast zur Hälfte beschäftigte sich Marx in diesen mit biologischen, chemischen, botanischen, geologischen und mineralogischen Fragen. Bekanntlich hat Marx die weiteren Bände des »Kapital« nicht vollenden können. Saitos These lautet, dass Marx sich mit größter Wahrscheinlichkeit viel stärker des Problems der ökologischen Krise als zentralem Widerspruch des Kapitalismus angenommen hätte. Ihm sei bewusst geworden, dass seine optimistische These vom emanzipatorischen Potenzial der Produktivkraftentwicklung nicht mit den stofflichen Naturgrenzen der menschlichen Produktion in Einklang zu bringen sei. Es entstehe ein irreparabler Riss im von der Arbeit vermittelten Prozess des Stoffwechsels von Mensch und Natur. Und deshalb fordert Marx bereits im ersten Band des »Kapital« als zentrale Aufgabe des Sozialismus die bewusste Regulierung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur.

Die Kritik der Degrowthler am traditionellen Marxismus und Keynesianismus, mit dem Setzen auf Wachstum und Produktivkraftfortschritt – verstanden als ein Mehr materieller Produktion – die zum Teil bereits überschrittenen planetarischen Grenzen zu ignorieren, ist zutreffend. Zielen sie auf Marx selbst, laufen sie ins Leere. Das Einfache, das schwer zu machen ist – mit der ökologischen Marx-Interpretation von Kohei Saito und anderen wird es zumindest denkbar. Nicht Konsumverzicht allein bietet eine Lösung, sondern dessen klassenpolitisch und global differenzierte Kombination mit einer anderen Produktionsweise, die dem Verwertungszwang des Kapitals und des immer größeren Naturverbrauchs ein Ende setzt.

Zum Weiterlesen:
Giacomo D‘Alisa u.a. (Hrsg.): Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. oekom, München 2016, 297 S., 25 Euro. Serge Latouche: Es reicht! Abrechnung mit dem Wachstumswahn. oekom, München 2015, 200 S., 14,95 €. Kohei Saito: Natur gegen Kapital. Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus. Campus, Frankfurt/M., 328 S., 39,95 €.

aus: neues deutschland, 22.10.2016

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