Tödlich, unsichtbar, subventioniert

Durch Luftverschmutzung sterben in Europa jährlich rund 467 000 Menschen

Es ist ein unsichtbarer, staatlich subventionierter Tod, der jedes Jahr in Europa ungefähr 467 000 Menschen vorzeitig ereilt. Die Opfer sterben an dem, was bei Dieselautos aus dem Auspuff oder bei Kohlekraft- und Industriewerken aus den Schloten kommt: Stickstoffoxide und Feinstaub.

Diese Zahl nennt die Europäische Umweltagentur (EUA) in ihrem am Mittwoch in Kopenhagen veröffentlichten jährlichen Bericht zur Luftqualität, der sich auf Messungen in mehr als 400 Städten aus dem Jahr 2014 stützt. Demnach mussten 85 Prozent der städtischen Bevölkerung eine Feinstaubbelastung in Kauf nehmen. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist diese schädlich, weil sie zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma und Lungenkrebs führt oder diese Erkrankungen verschlimmert.

Insgesamt sei die Qualität der Luft jedoch besser geworden. »Wir sehen eine langsame Verbesserung der Luftqualität, wo Kohlekraftwerke geschlossen und mehr auf erneuerbare Energien gesetzt wird«, sagte der Leiter der Untersuchung, Martin Adams. Ihm zufolge seien in der Industrie deutliche Reduzierungen der Emission messbar, während andere Bereiche wie die privaten Haushalte vernachlässigt würden. Fraglich ist jedoch, ob der Rückgang im Industriebereich auch auf die Verlagerung von schmutzigen Industrien in die Länder des Globalen Südens zurückgeht. Zwar verbessert sich dann die Luftqualität in Europa. Für den hiesigen, keineswegs geringer werdenden Konsum leiden indes andernorts die Menschen unter den Emissionen. Ein klassischer Fall von Externalisierung von Umweltbelastungen.

Der Verkehr ist Adams zufolge in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Griechenland zum großen Teil für die schlechte Luft verantwortlich. Daher forderte er die Länder auf, stärker auf Maßnahmen wie Fahrverbote zu setzen und alte Autos aus den Innenstädten zu verbannen.

Als weitere Hauptursache für Luftverschmutzung wird von der EUA die Landwirtschaft genannt. Für die Nahrungsmittelproduktion durch Feldwirtschaft und Nutztierhaltung werden Dünger und andere chemische Hilfsmittel eingesetzt, die einen negativen Einfluss auf die Luftqualität haben. Zu präzisieren wäre, dass es sich nicht um die Landwirtschaft an sich handelt, sondern um jene in ihrer industriellen und auf möglichst große Erträge abzielenden Form.

EUA-Geschäftsführer Hans Bruyninckx zog aus dem jüngsten Bericht noch weitergehende Konsequenzen. Er forderte einen grundlegenden und innovativen Wandel unserer Mobilitäts-, Energie- und Nahrungsmittelsysteme.

Ob dazu die am Mittwoch im Europaparlament verabschiedeten verschärften Grenzwerte zur Luftqualität ausreichen, ist eher zweifelhaft. Diesen zufolge soll etwa der Ausstoß von Feinstaub bis zum Jahr 2030 um 49 Prozent reduziert werden gegenüber dem Ausstoß im Jahr 2005. Die von Dieselfahrzeugen ausgestoßenen Stickoxide sollen um 63 Prozent sinken. Umweltzonen und die Grenzwerte für in der Luft vorhandenen Feinstaub sind von der Gesetzesänderung nicht betroffen.

Die Grünen zumindest kritisieren die geänderten Grenzwerte und stimmten gegen die Überarbeitung der Richtlinie. Begründung: zu niedrige Grenzwerte und die Ausklammerung wichtiger Schadstoffe. Martin Häusling, umweltpolitischer Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion, sagte: »Die Richtlinie enthält etliche Schlupflöcher, die es den Mitgliedstaaten erlauben, sich der Verantwortung zu entziehen.« Die Minderungsziele für Ammoniak würden herabgesetzt und Methan sei aus dem Schadstoffkatalog sogar gestrichen worden. »Dabei ist wissenschaftlich erwiesen«, so Häusling, »dass Ammoniak-Emissionen, die zu 95 Prozent aus der Landwirtschaft kommen, ein wichtiger Vorläuferstoff von Feinstaub sind, damit für dicke Luft in den Städten sorgt und zur Bodenversauerung beiträgt«. Ihm zufolge profitiert insbesondere die Automobilindustrie von den abgeschwächten Reduktionszielen.

Die Autoindustrie gerade in Deutschland profitiert zudem von der Rekordsubventionierung umweltschädlichen Verhaltens – man könnte auch sagen von staatlichen Förderungen, die zum Tod von Menschen führen. Vor etwa einem Monat hatte das Umweltbundesamt die Summe von 50 Milliarden Euro pro Jahr genant. Den größten Anteil haben seit Jahren die Unterstützungen im Verkehrssektor – Stichwort Steuervergünstigungen auf Diesel, Pendlerpauschale, Dienstwagenprivileg, und Steuerbefreiung von Kerosin.

Der Verkehrssektor machte auch am Mittwoch von sich reden. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat nach neuen Tests drei Dieselmodelle von Fiat, Renault und Daimler beanstandet. Bei von der DUH in Auftrag gegebenen Messungen seien hohe Grenzwertüberschreitungen bei Stickoxiden (NOx) festgestellt worden.

Derweil reifen in Wolfsburg – dem Sitz des Diesel-Sünders schlechthin – Überlegungen, den US-Markt für VW-Dieselmodelle komplett abzuschreiben. »Wir gehen derzeit davon aus, dass wir in den USA keine neuen Dieselfahrzeuge mehr anbieten«, sagte Markenchef Herbert Diess der Zeitung »Handelsblatt«. Grund dafür seien die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Diese sind bekanntlich strenger als hierzulande. Gut für die USA, schlecht für Europa.

aus: neues deutschland, 24.11.2016

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