Die Konzerne schwimmen in Geld

Für die magische 13.000-Zähler-Marke reichte es bis zum Redaktionsschluss noch nicht. Der Deutsche Aktienindex (Dax) hat im Oktober neue Rekorde aufgestellt. Kurzzeitig knackte er sogar die magische Höhe von 13.000 Punkten, auch wenn die 13.000-er Marke für den Dax eine »harte Nuss« bleibt, wie sich ein Börsenexperte es ausdrückte. Das Allzeithoch des Börsenindex, in dem die 30 größten und umsatzstärksten deutschen Unternehmen erfasst sind, spiegelt wider, was für den Preis einer Aktie allgemein gilt: Je höher er ist, desto mehr verspricht sich der Halter der Unternehmensanleihe bei der jährlichen Dividendenausschüttung. Oder einfach ausgedrückt: Je höher der Aktienkurs eines Konzerns, desto höher der Profit in der Zukunft.

In der Tat haben die 30 Dax-Unternehmen bereits im letzten Jahr Rekordgewinne erzielen können. Und die bisherigen Quartalsberichte deuten darauf hin, dass das 2017 nicht anders sein wird. Ein weiteres Indiz dafür sind die hohen Aktienrückkäufe der Dax-Konzerne. Diese stützen die Kurse und belohnen die Aktionär_innen. Die Konzerne schwimmen in Geld.

Gleichwohl gibt es Hinweise, dass es mit dem Aufwärtstrend bald wieder vorbei sein könnte. Das ist einerseits banal. Kapitalistische Ökonomien befinden sich nie in einem Gleichgewicht, wovon die bürgerliche Ökonomie ausgeht. Krisen sind ihr immanent. Marxist_innen sehen das Potenzial zur Krise bereits in der Warenproduktion angelegt. Denn ein Warenbesitzer kann sich niemals sicher sein, ob sein Produkt auf dem Markt auf zahlungskräftige Nachfrage stoßen wird. Finden die Waren keine Käufer, kann eine Krise entstehen. Das können schwere globale Krisen sein oder schwächere wie rezessive und depressive Phasen eines Konjunkturzyklus. Eines ist gewiss: Die nächste Krise kommt bestimmt.

In dieser Allgemeinheit ist diese Aussage jedoch andererseits recht wertlos. Was ist das Spezifische des derzeitigen Booms der Aktienkurse? Was deutet darauf hin, dass der Dax-Boom bald durch eine neue Krise beendet wird?

Schauen wir auf die sogenannten Fundamentaldaten, das heißt die Prognosen zum Wirtschaftswachstum. Diesen zufolge soll die globale Ökonomie in den kommenden Monaten weiter wachsen. Das bedeutet für die global agierenden und stark exportorientierten deutschen Konzerne weiterhin gute Renditeaussichten. Zumal sie durch die deutsche Wirtschafts- und Sozialpolitik (Druck auf Löhne durch Hartz IV oder Leiharbeit bspw.) flankiert werden. Deutsche Waren verdrängen die anderer Anbieter_innen.

Hinzu kommt die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Die Märkte werden mit billigem Kapital – der Zins ist der Preis für das Kapital – geflutet. Ein Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik ist trotz lauter Forderungen so bald nicht zu erwarten. Denn das Ziel einer Inflationsrate von knapp zwei Prozent im Euroraum ist nicht erreicht. Solange die Zinsen niedrig sind, gibt es kaum Alternativen zum Investment in Aktien. Die Folge: Es strömt Geld in die Aktienmärkte. Die Kurse steigen auch aus dem Grund, weil die Investor_innen es erwarten – nicht, weil die Fundamentaldaten eines Unternehmens oder einer Volkswirtschaft das nahelegen.

In diesem Fall spricht man von rational spekulativen Blasen. Rational, weil der Investor annimmt, die Aktien zu einem höheren Wert verkaufen zu können. Blase, weil die Kurse wenig mit konjunkturellen Basisdaten zu tun haben. Ein spekulativ getriebener Kurs freilich birgt die Gefahr, dass die Blase platzt – und die Börse crasht. Derzeit gehen Ökonomen davon aus, dass der hohe Dax-Kurs zu einem Drittel auf spekulatives Kapital zurückzuführen ist.

Außerökonomische Risiken, wie geopolitische Konflikte, spielen überdies eine Rolle. Der Atomkonflikt mit Nordkorea ist dafür ein Beispiel, aber auch mögliche Wahlerfolge von nationalistisch-populistischen Parteien in Europa, die den Auflösungsprozess der EU beschleunigen könnten. Eine jüngst von der Deutschen Bank publizierte Studie deutet letztere Gefahr sogar als Frühwarnsignal für Krisen im Finanzsystem.

Aber die Hauptthese der bemerkenswerten Studie lautet, dass binnen zwei Jahren mit einem neuen schweren Schock an den Finanzmärkten zu rechnen ist. Begründung: Die Aufgabe der Goldbindung des Dollars und von festen Wechselkursen (Ende des Bretton-Woods-Systems 1973) habe die Frequenz von Finanzkrisen erhöht. Drohende Krisen würden kontinuierlich mit monetären Stimuli bekämpft, das reinigende Gewitter nicht zugelassen. Daraus folgt, dass Probleme in andere Bereiche des Finanzsystems verschoben würden, um sich dann in größeren und unkontrollierbaren Krisen zu entladen.

So gesehen ist die Kursrallye des Dax nur Ausdruck eines verschobenen Problems des globalen Finanzkapitalismus, der sich eben mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems und der neoliberalen Offensive herausgebildet hat.

aus: analyse & kritik Nr. 631

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