Profite mit der grünen Scheinwelt

Auf den ersten Blick mag es so scheinen, dass die Ökologiebewegung der 1970er Jahre auf ganzer Linie gesiegt hat: Umweltschutz ist in aller Munde. Es gibt Umweltminister, Umweltgesetze, ökologische Verordnungen und die UN-Klimaverhandlungen. Und so gut wie alle Unternehmen haben Bio- und Öko-Produkte im Sortiment. »Alles, was einmal als schädlich und schändlich galt, dient heute der Weltrettung. Thunfischsteaks, dicke Autos, die Formel 1, Aktienfonds, Flugreisen, Pelzmäntel… – all das gibt es heute auch in ›nachhaltig‹, ›grün‹ oder ›verantwortungsvoll‹«, stellt Kathrin Hartmann in ihrem neuen Buch »Die Grüne Lüge« fest.

Aber: So viel Naturzerstörung gab es auch noch nie. Der sogenannte Erdüberlastungstag wird jedes Jahr vom Global Footprint Network berechnet. Der Tag zeigt an, wann alle Ressourcen der Welt, die binnen eines Jahres klimaverträglich, ökologisch und sozial gerecht genutzt werden können, aufgebraucht sind und die Kapazität erschöpft ist, Müll und Treibhausgase aufzunehmen. Jedes Jahr findet er früher statt. War er 2000 erst am 8. Oktober, so fiel der Erdüberlastungstag 2017 schon auf den 2. August. Hartmann bringt das Paradox treffend auf den Punkt: »Jenseits der grünen Scheinwelt schreitet die globale Zerstörung rapide fort.« Die Journalistin kritisiert in dem aus Dreharbeiten zum gleichnamigen Dokumentarfilm entstandenem Buch das Greenwashing der Konzerne als profitables Geschäftsmodell.

Perfektioniert wurde die Öko-PR vom Ölmulti BP. Das Kürzel stand bis 2002 für British Petrolem. Dann zimmerte sich der Konzern für 200 Millionen Dollar ein grünes Image. BP stand nun für »beyond petroleum« (zusätzlich zu Erdöl) »better products« (bessere Produkte) oder gar »better people« (bessere Menschen). Doch das Image eines Konzerns, der die ökologischen Zeichen der Zeit verstanden zu haben schien, währte nur kurz: 2010 explodierte die BP-Bohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko. Riesige Mengen Öl strömten ins Meer und sorgten für die größte Ölkatastrophe aller Zeiten. Hartmann zeichnet die Reaktionen von BP auf Deepwater Horizon detailliert nach, sprach mit Betroffenen vor Ort, die vor Zorn fast bersten.

Die Stärke von Hartmanns Buch ist, dass es nicht beim Moralisieren bleibt. Die lebhaften Reportagepassagen werden durch analytische Reflexionen eingerahmt. Im Falle von BP: Die Katastrophen-Geschichte ist nicht nur eine von skrupellosen Managern, sondern auch eine des naiven Vertrauens in Technik, von Deregulierung, Korruption, Lobbyismus und dem Kontrollverlust der Politik. Und: »Es nicht zuletzt die Geschichte der dramatischen Folgen des unstillbaren und exorbitant wachsenden Energie-, Rohstoff- und Ölhungers kapitalistischer Gesellschaften.«

Eine weitere Stärke des Buches: Nicht nur abstrakt wird die Systemfrage gestellt, sondern Hartmann zeigt, wie der vermeintlich ethische Konsument im globalen Norden, in dem System eingebunden ist. Es verspricht ihm, dass er seinen Lebensstil mit Produkten, die ein Öko- oder Biosiegel haben, fortsetzen kann. Und deshalb glaubt er gerne den grünen Lügen. Sie verhelfen dem Konsumenten zu einem etwas besseren Gewissen, obwohl er im Grunde weiß, dass sein Lebensstil global nicht verallgemeinerbar ist.

Kathrin Hartmann: Die grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. Blessing. 240 S., brosch., 15 Euro.

aus: neues deutschland, 9.4.2018

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