Währungskrisen in Schwellenländern

»Sie haben ihren Dollar, wir haben unseren Gott.« Was der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zur Bekämpfung des Absturzes der türkischen Lira anzubieten hat, wird den Vermögensverwaltern kaum mehr als ein müdes Lächeln abringen. Nicht viel besser sieht es bei einem Präsidenten aus, dessen Land Argentinien ebenfalls mit einem drastischen Wertverlust seiner Währung konfrontiert ist. Mauricio Marcri schwor seine Mitbürger_innen mit den Worten »Dies muss die letzte Krise sein« auf einen neuen Sparkurs ein.

In Argentinien hat der Peso seit Januar über die Hälfte seines Wertes zum US-Dollar verloren, in der Türkei verlor die Lira rund 40 Prozent im Vergleich zur Leitwährung. Auch in weiteren Schwellenländern wie Brasilien, Indien und Indonesien sackten die Währungen ab. Zu beobachten sind somit bereits veritable Währungskrisen in den aufstrebenden Industrieländern. Und diese könnten sich durchaus zu einer neuen Verschuldungskrise auswachsen. Schon warnte der ehemalige EZB-Chef Jean-Claude Trichet, dass die Situation an den globalen Finanzmärkten instabiler sei als 2008, als mit dem Lehman-Crash die globale Finanzkrise ausbrach. Den Grund dafür sieht Trichet in der Verschuldung der Schwellenländer.

Was aber sind die Ursachen für Währungskrisen in den Schwellenländern? Man kann hier tiefer und weniger tiefer liegende Ursachen unterscheiden. Liberale führen zumeist die folgenden oberflächlichen Faktoren an: hohe Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite, eine starke Verschuldung in Fremdwährungen, geringere Wachstumsraten sowie unzureichende Devisenreserven. Hinzu können auch politische Faktoren wie Korruption, autoritäre Führungsstile oder schlechte institutionelle Voraussetzungen kommen.

Wichtiger als diese sind aber die tiefer liegenden Gründe. Diese sind in der Überakkumulation von Kapital in Zeiten eines vom Finanzmarkt getriebenen Kapitalismus zu suchen. Mit der Aufgabe eines Währungssystems fester Wechselkurse Anfang der 1970er Jahre (Ende des Bretton-Woods-Systems) und der Deregulierung der internationalen Finanzmärkte konnte sich das überschüssige Kapital ungehindert Anlagemöglichkeiten suchen. Viel Kapital floss aus den kapitalistischen Zentren in Öl exportierende oder aufstrebende Schwellenländer. Dort gab es ein höheres Wirtschaftswachstum und ergo höhere Profiterwartungen.

Als aber der US-Notenbankchef Paul Volcker, der Urheber der monetär-neoliberalen Wende, Anfang der 1980er Jahre die Zinsen drastisch anhob, um eine Inflation und den Verfall des Dollars zu bekämpfen, zogen viele Investoren ihr Kapital wieder ab. Für Entwicklungs- und Schwellenländer bedeutete diese einen drastischen Anstieg der Verschuldung, weil sie zu großen Teilen ihre Schulden in US-Dollar aufgenommen hatten. Diese Entwicklung führte in die Schuldenkrise von Anfang der 1980er Jahre.

Heute vollzieht sich Ähnliches: Die US-Notenbank, die FED, hat bereits vor zweieinhalb Jahren den Einstieg in den Ausstieg aus der Nullzinspolitik vollzogen, die infolge der Finanzkrise von 2008 betrieben wurde, um die Konjunktur mittels Kreditvergabe wieder in Schwung zu bringen. Selbst die geringsten Leitzinserhöhungen in den USA haben zur Folge, dass Geldvermögensbesitzer ihre Anlagen aus den Schwellenländern, wo sie während der Niedrigzinspolitik Geschäfte gemacht hatten, abziehen und in den USA investieren. Hinzu können noch spekulative Attacken gegen Währungen der Schwellenländer kommen. Zudem verstärkt der computergestützte Handel den ohnehin vorhandenen Herdentrieb der Investoren. Vermutlich wird die FED dieses Jahr noch zwei Mal die Leitzinsen leicht erhöhen, was die Schwellenländer weiter unter Druck setzen wird.

Was können sie gegen ihre Währungskrisen tun? Im Grunde kaum etwas, was nicht auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen wird. Leitzinserhöhungen, die den Kurs der Landeswährung stützen sollen, würgen das Wirtschaftswachstum ab, was zu Erwerbslosigkeit führt. In Argentinien liegt der Leitzins inzwischen bei 60 Prozent, und in der Türkei wurde er nun auch angehoben, wogegen sich Erdogan lange gesträubt hatte. Kredite des Internationalen Währungsfonds sind an Bedingungen geknüpft, die als Strukturanpassungsprogramme zur traurigen Berühmtheit gelangt sind. Sie haben zum Ziel, den Schuldendienst an die Gläubiger aufrechtzuerhalten – zulasten von Transfereinkommen und öffentlichen Ausgaben, die zusammengestrichen werden müssen.

Die Krise der Schwellenländer hat gerade erst begonnen. Nicht ausgeschlossen scheint, dass sie in einer späteren Phase europäische oder US-Banken in Bedrängnis bringen wird.

aus: analyse & kritik Nr. 641, 18.9.2018

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