Kontinuum und Exzess

„Wir machen genau das, was ihr Alten am Stammtisch und am Familientisch sagt, aber nicht zu tun wagt.“ Dieses Zitat eines jungen Rechtsextremen (vgl. Alheim/Heger: 52) verweist darauf, dass das gesellschaftlich weitverbreitete fremdenfeindliche Vorurteil der Gewalttat vorausgeht. Doch in der Öffentlichkeit wie in der Politik herrscht zwar stets nach einem besonders schlimmen Pogrom große einhellige Empörung, die allerdings nach wenigen Tagen wieder verschwindet. Die alltägliche Diskriminierungspraxis hingegen, die den Boden für die Gewaltexzesse bereitet, wird weitgehend ignoriert.

Ein jüngstes Beispiel hierfür sind der Umgang mit bzw. die ausbleibenden Reaktionen auf die Ergebnisse des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsens (KFN). Die Forschergruppe unter Leitung von Christian Pfeiffer hatte als Hauptergebnis ihrer Studie „Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt“ herausgefunden, dass die mediale Darstellung von Jugendgewalt keinesfalls mit dem tatsächlichen Sachverhalt übereinstimmt.

Entgegen einer weitverbreiteten Meinung gehe diese nämlich zurück. Doch das war gar nicht der Punkt, an dem sich eine kleine – vornehmlich in der taz geführte – Diskussion entzündete, sondern vielmehr die Resultate des Abschnittes „Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus“, in dessen Rahmen 20.604 15-Jährige Schülerinnen und Schülern befragt wurden.

Das Forschungsteam fasst seine Ergebnisse selbst so zusammen: „Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus prägen das Weltbild einer Minderheit von Jugendlichen; in einigen Gebieten fällt deren Anteil allerdings alarmierend hoch aus.“ (S. 13) Das liest sich zunächst nicht besonders dramatisch. Folgendes indessen doch: Insgesamt seien 3,8% der deutschen Neuntklässler Mitglied in einer rechten Gruppe oder Kameradschaft, in absoluten Zahlen sind dies 34.000. Da aber nicht, wie die taz (23.3.09) schreibt, „davon auszugehen sei, dass sich die 16-, 17-, und 18-jährigen Schüler bezüglich ihrer Einstellungen und ihres Organisationsgrades völlig unterscheiden, ist die Lage reichlich düster.“ Damit wären 100.000 Jugendliche Mitglied in einer rechtsextremen Organisation.

Der enorme Sprengstoff, der sich hieraus ergibt, ist, dass der Verfassungsschutz lediglich von 31.000 Organisierten ausgeht. Christian Pfeiffer hat für diese Differenz einen, so scheint es, plausiblen Grund angegeben: Es sei in der Forschung völlig normal, dass die Dunkelziffer über den ermittelten Daten liegt (taz. 20.3.09). Soll heißen: Der Verfassungsschutz stützt sich nur auf Zahlen, die belegbar sind. Doch, so die taz, das stimme nicht, denn die Zahlen beruhen sehr wohl auch auf Schätzungen. Insofern bliebe nur der Schluss, dass der Verfassungsschutz die Öffentlichkeit in einer falschen Sicherheit wiege.

Neben der hohen Zahl von Mitgliedschaften in rechten Gruppen und Kameradschaften sorgten die Zustimmungswerte zu ausländerfeindlichen Aussagen für Aufsehen. So seien als „sehr ausländerfeindlich“ 14,4% und als „eher ausländerfeindlich“ 26,2% der befragten 15-Jährigen einzustufen (S. 116). Insgesamt also über 40%. Dies liegt über dem Wert von anderen Studien („Deutsche Zustände“; „Vom Rand zur Mitte“), die bei einem Drittel der Befragten ausländerfeindliche Einstellungen konstatierten.

Diese hohen Zustimmungswerte wurden von Zeitungen wie der Neuen Zürcher Zeitung und der Süddeutschen Zeitung in Zweifel gezogen, wie bereits in der Vergangenheit auch andere Studien. Hauptkritikpunkt ist stets der „methodische Murks“ (SZ, 24.3.09), der bereits in der Fragestellung die gewünschte Antwort suggeriere.

Sehen wir uns einen Entkräftigungsversuch genauer an: Der SZ-Autor wendet ein, dass es doch ein fragwürdiges Verfahren sei, alle Ausländer als Bereicherung ansehen zu müssen, um nicht als xenophob zu gelten. Umgekehrt würde doch „auch kein vernünftiger Mensch behaupten, dass alle deutschen Staatsbürger eine Bereicherung für die Kultur seien.“ Doch genau das ist anzunehmen.

Zuletzt hat nicht nur die Untersuchung „Nation und Exklusion“ (2008) von Klaus Ahlheim und Bardo Heger darauf hingewiesen, dass die gestiegenen Zustimmungswerte zu der Aussage „Ich bin ziemlich oder sehr stolz, ein Deutscher zu sein“ (von 1996 bis 2006 von 63 auf 73%) schon im Ansatz mit der Ausgrenzung und Abwehr der nicht Dazugehörigen, der Fremden einhergehen. Hier drückt sich eine Ideologie der Ungleichwertigkeit aus, die eben nicht verschiedene individuelle „Ausländer“ (z.B. einen Wissenschaftler oder einen antisemitischen Islamisten) differenziert, sondern in Kategorien ethnisch definierter Bevölkerungsgruppen denkt – die gesetzliche Praxis in Deutschland und anderen Nationalstaaten macht es ja im Übrigen auch nicht anders.

Immerhin gesteht der Autor in der SZ indes zu, dass der Trend der Jugendlichen eindeutig nach rechts geht. Und richtig ist sein Plädoyer, zwischen rechts, rechtsextrem, ausländerfeindlich etc. zu differenzieren – was der Pfeiffer-Studie, zumindest die Unterscheidung zwischen ausländerfeindlichen Einstellungen und rechtsextremen (niederschwelligen) Handeln betreffend, recht gut gelingt.

Insgesamt gesehen zeigt diese Stellungnahme und mehr noch die weitgehende Nicht-Thematisierung des in der gesellschaftlichen Mitte grassierenden Rassismus – auch die taz konzentrierte sich auf den Aspekt des organisierten Rechtsextremismus -, dass die Mainstream-Sichtweise auf dieses Phänomen nicht in der Lage ist, den Zusammenhang von Kontinuum und Gewaltexzess zu denken. Sie ignorieren das Kontinuum und empören sich umso mehr über die Exzesse in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Mölln, Solingen und Mügeln, um kurz darauf wieder zu schweigen. Denn die Kritik des Kontinuums schlösse auch die Kritik der Normalität der Mitte ein – dessen Teil man selbst ist.

Die Ergebnisse der Pfeiffer-Studie über Jugendgewalt und rechtsextreme Einstellungen verdienen es, gründlich zur Kenntnis genommen zu werden, machen sie doch auf eine bedrohliche Entwicklung aufmerksam, die auch schon die Untersuchung von Ahlheim/Heger feststellte (vgl. S. 59): den Anstieg von ausländerfeindlichen, rassistischen und antisemitischen Einstellungen bei Jüngeren.

Literatur
Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt. Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministerium des Innern und des KFN, als pdf einzusehen unter: www.kfn.de (Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf den Forschungsbericht)
Klaus Ahlheim/Bardo Heger, Nation und Exklusion. Der Stolz der Deutschen und seine Nebenwirkungen, Schwalbach/TS. 2008

(aus: www.sozialismus.de)

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