Neues Heldengedenken

Die Deutschen gedenken am liebsten ihrer selbst. Und nicht etwa derer, die von ihnen in das „Grab der Lüfte“ befördert wurden. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gerierte man sich als Verführte des Dämonen Hitler und klagte über eine „ungerechte“ Besatzungspolitik und die Entnazifizierungsmaßnahmen der Alliierten. Die Vernichtung des europäischen Judentums sickerte erst mit der Ausstrahlung der vierteiligen Fernsehserie „Holocaust“ ab 1979 in das kollektive Gedächtnis ein, von dem Völkermord an den Sinti und Roma lässt sich dieses nicht behaupten. Zwar bekennt sich die schreibende und redende Elite der Bundesrepublik nunmehr zu diesen bislang beispiellosen Verbrechen. Jedoch nur, um sogleich darauf hinzuweisen, wie gut man doch diese Vergangenheit bewältigt habe.
Ein nicht unerheblicher Teil der schweigenden Mehrheit sieht dies anders: Sie will von den Verbrechen des Nazi-Faschismus, der freilich Nationalsozialismus genannt wird, nichts mehr wissen und endlich einmal offen – am Stammtisch geschieht dies schon lange – über die positiven Seiten reden, die es unter Hitler ja auch gegeben habe. Stichwort Autobahnen und Sozialpolitik. Mehrere Studien zur generationenübergreifenden Weitergabe von Einstellungen zum Nazi-Faschismus (z.B. „Opa war kein Nazi“, 2002) zeigen, dass die Verbrechen weitgehend ausgeblendet, die familiäre Verstrickung nicht thematisiert und die NS-Vergangenheit bagatellisiert oder gar verherrlicht wird. Seit kurzem wird deshalb wieder hervorgehoben, dass eine Ausblendung bzw. eine unzulängliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit für die Entwicklung von rechtsextremen Einstellungen von Bedeutung ist (vgl. die Studie „Ein Blick in die Mitte“, 2008 bzw. die Buchveröffentlichung „Rechtsextremismus und sein Umfeld“, 2008).

Gelegentlich artikuliert auch jemand aus der intellektuellen Elite diese Sehnsucht. Martin Walser etwa, der in dem Holocaustmahnmal eine „Dauerpräsentation unserer Schande“ befürchtete, oder die ehemalige Fernsehmoderatorin Eva Hermann, die die Familienpolitik der Nazis lobte. Die Verletzung des Tabus wird zwar öffentlich sanktioniert, allerdings zeugen die Leserbriefspalten und Weblogs von einer unzureichend aufgearbeiteten Vergangenheit und einer Schlussstrichmentalität in weiten Kreisen der Bevölkerung. Der Historiker Wolfgang Wippermann hat dies anhand des Falls Eva Hermann in seinem Buch „Autobahn zum Mutterkreuz. Der Historikerstreit der schweigenden Mehrheit“ dargelegt.

Die Deutschen gedenken am liebsten ihrer selbst: Davon zeugt der so genannte neue Opferdiskurs. In ihm erinnern sich die Deutschen als Opfer des Krieges im Allgemeinen und der alliierten Bombardements, der russischen Vergewaltigungen sowie von Flucht und Vertreibung im Besonderen. Und seit 1989 sind die Deutschen auch die Opfer der zweiten Diktatur auf deutschem Boden: der der SED. Die geschieht freilich unter Ausblendung der historischen Kontexte.

Die Deutschen gedenken nunmehr auch ihrer für „Frieden, Recht und Freiheit“ gefallenen Soldaten der Bundeswehr – so die Inschrift des zentralen Ehrenmals, dessen Grundsteinlegung durch Verteidigungsminister Franz-Josef Jung am Donnerstag vergangener Woche im Bendlerblock, dem Sitz des Verteidigungsministeriums, erfolgte.

Wenn man bedenkt, dass zwischen erster Idee und Grundsteinlegung lediglich knapp anderthalb Jahre liegen, während die Fertigstellung des Mahnmals für die ermordeten Sinti und Roma nun schon 16 Jahre auf sich warten lässt – von dem jahrzehntelangen zähen Einsatz der Opfer, bis es überhaupt zu dem Beschluss der Bundesregierung im Jahre 1992 kam, einmal abgesehen –, wird deutlich, was deutsche Normalität heißt: Da wird den Toten der Bundeswehr mir nichts dir nichts ein vier Millionen Euro teures Denkmal hingestellt, während man den unter maßgeblicher Hilfe ihrer Vorgängerorganisation Wehrmacht ermordeten Sinti und Roma nach jahrelangem Ringen eines für zwei Millionen Euro „gönnt“.

Da nennt Jung die Bundeswehr, die von ehemaligen Nazigenerälen aufgebaut wurde, deren Kasernen zum Teil immer noch die Namen von Wehrmachtsgenerälen tragen und die Kontakte mit revisionistischen und revanchistischen Verbänden pflegt, eine „Parlamentsarmee“. Wohl aus diesem Grund ordnete der Verteidigungsminister den Bau des Ehrenmals administrativ an, ohne das Parlament in diese Entscheidung mit einzubeziehen und somit eine öffentliche Diskussion darüber zu ermöglichen.

Wohl aus ähnlichen Erwägungen erfolgte die letzte Verlängerung des Afghanistanmandats für einen Zeitraum von 14 Monaten, um die nächste Mandatierung aus dem Bundestagswahlkampf herauszuhalten. Diesmal zwar unter Einbezug des Parlaments, aber quasi mit der Zielsetzung, dass das Parlament wählende Volk von der Entscheidungsfindung auszuschließen. Ein interessantes Demokratieverständnis, nach der die politische Elite unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihre Entscheidungen trifft.

Und überhaupt: Eine „Parlamentsarmee“, deren Mitglieder makabere Spiele mit den sterblichen Überresten von Menschen treiben, oder die Geiselerschießungen vortäuschen, und in der rechtsextremistische Vorfälle auf ein im Vergleich zur Restbevölkerung überdurchschnittlich verbreitetes entsprechendes Gedankengut hindeuten. Wen wundert das? Schließlich handelt es sich um eine Organisation, die eine hierarchische, auf Gewalt fokussierte und zum Töten ausgebildete Männergemeinschaft ist, die Rechte und Neonazis sicher stärker anzieht als andere junge Männer im wehrfähigen Alter.

Da sollen die Toten einer Organisation geehrt werden, die sich angeblich für „Frieden, Recht und Freiheit“ einsetzten. Was wohl die BürgerInnen des ehemaligen Jugoslawiens von einem Frieden halten, der ihnen unter Mithilfe eben jener Organisation 1999 die Zerstörung ihrer Infrastruktur und zahlreiche Tote einbrachte? Welches Recht konnte gemeint sein, als dies unter Missachtung völkerrechtlicher Prinzipien geschah? Wie ist dies und der Afghanistaneinsatz mit dem Grundgesetz vereinbar, der die Aufgabe der Bundeswehr in der Landesverteidigung definiert? Von welcher Freiheit ist die Rede, wenn in den verteidigungspolitischen Richtlinien die Aufgabe der Bundeswehr in der „Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt im Rahmen einer gerechten Weltwirtschaftsordnung“ gesehen wird? Von der Freiheit eines ehemaligen ghanaischen Geflügelzüchters, dessen Existenzgrundlage durch die europäischen tiefgefrorenen Billigimporte im Rahmen eines gerechten Weltmarkts vernichtet wurde, und der sich nun frei entscheidet, sein Dasein als Kleinkrimineller in einem Megaslum zu fristen?

Die Errichtung des Ehrenmals für die Toten der Bundeswehr fügt sich somit ein in das Normalisierungsbestreben der bundesrepublikanischen Eliten, die Hürde der NS-Vergangenheit hinter sich zu lassen und wieder ein „normaler“ Staat zu werden. Wobei Normalität heißt, dass der deutsche Staat sein Recht auf Einflussvergrößerung in der globalen Staatenkonkurrenz eben auch mit Krieg und Militarisierung der Außenpolitik durchzusetzen legitimiert ist. Technisch-logistisch geht damit die Umstrukturierung der Bundeswehr von einer Verteidigungs- zur globalen Interventionsarmee einher. Ideologisch wird dies abgesichert durch ein Heldengedenken an die gefallenen Soldaten, das an militaristische Traditionen unseliger Vergangenheit erinnert.

(aus: www.sozialismus.de)

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