Ich, ich, ich

Lauren Greenfield fotografiert Reiche und Promis. Die Hamburger Deichtorhallen zeigen ihr Werk

Freudlos und leer: So wirken viele Gesichter der Superreichen auf den Fotografien der US-amerikanischen Fotografin Lauren Greenfield, die zurzeit in der Hamburger Ausstellung «Generation Wealth» zu sehen sind. Reich zu sein, macht eben doch nicht glücklich. Und reich zu sein in Beverly Hills oder Hollywood bedeutet, einem extremen Wettbewerb ausgesetzt zu sein. Wer hat die meisten Kontakte zu den wichtigsten Schauspielern, Produzenten und Regisseuren? Wer hat die schönsten Frauen, das meiste Geld, die tollste und größte Villa?

Für Frauen ist diese Konkurrenz um Reichtum, Ruhm und sexuelle Attraktivität noch härter. Oft sind sie gezwungen, vor allem das sexuelle Kapital ihres Körpers einzusetzen. Schönheitswettbewerbe und -operationen sind gang und gäbe. Die reichen Kinder der Hollywoodprominenz lassen sich schon früh die Nase machen.

So auch die 18-jährige Lindsey, die von Greenfield drei Tage nach ihrer Nasen-OP abgelichtet wurde. Inmitten ihres Gesichtes eine weiße Bandage. «Wenn eine Freundin sich die Nase hat machen lassen, konnten wir erkennen, bei welchem Arzt sie war», berichtet sie. Greenfield hat Lindsey nicht nur fotografiert, sondern mit ihr und vielen anderen Abgelichteten Interviews geführt. Auszüge aus diesen sind auf Tafeln zu lesen und ergänzen den ohnehin starken visuellen Eindruck der Bilder.

Da bohrt sich eine Spritze in Lippen, die ohnehin schon vergrößert sind; das Gesicht schmerzverzerrt. Da sammelt kriechend eine nackte Stripperin auf der Bühne eines Nachtclubs Dollarscheine auf. Da lächelt ein kleines Mädchen, zurechtgemacht als Schönheitskönigin, in die Kamera. Ihr Gesicht lässt erschaudern, weil es nur eines zum Ausdruck bringt: ich, ich, ich. Und da steht ein Model in ihrer Designervilla vor einer riesigen Bücherwand. In dieser nur ein Buch in hundertfacher Ausführung: ihr eigenes.

Narzissmus, Reichtum, Attraktivität und Berühmtheit sowie die Ausbreitung dieses amerikanischen Traums über den gesamten Globus – das sind die Themen von Greenfield. Sie selbst sagte: «In der Kultur des Kapitalismus liegt etwas Entmenschlichtes, das uns die Würde nimmt. Was man in meiner Schau sieht, ist, dass der Preis des Kapitalismus die Ökonomisierung des Menschen ist.»

Wozu diese Ökonomisierung führt, zeigen die autobiografischen Zitate. Sie haben einen zutiefst entfremdeten Ton. So sagt Wendy über ihre Herkunft als Tochter eines Filmmoguls in Beverly Hills, dass diese sie abgestumpft habe. «Was andere Leute machen, lässt mich kalt.» Und Adam, der in einem Ferienlager in Michigan, «normale Leute» kennenlernte, sagt: «Die Leute sind anders. Sie sind nett.»

Die 1966 geborene Greenfield wuchs in den 1970er und 80er Jahren in Venice (Los Angeles) auf, studierte Anthropologie und arbeitete zunächst als Pressefotografin. Anfang der 1990er Jahre begann sie, Jugendliche in LA zu fotografieren, die im Schatten von Hollywood aufwuchsen und ihr Leben über teure Konsumgüter definierten. Dieses Thema ließ sie nicht mehr los. In Fotos und Filmen widmete sie sich Phänomenen wie Prominentenkult, Materialismus und Körperkult. Die Ausstellung «Generation Wealth» ist Resultat einer 25-jährigen Arbeit Greenfields und enthält Fotos zu elf Themen, zudem werden Kurzfilme und Filme gezeigt.

Das Interessante an Greenfields Arbeit ist, dass in dieser auch ein starker soziologischer, psychologischer und ökonomischer Blick zum Ausdruck kommt. Greenfield interessiert sich nicht einfach für die Reichen und Schönen, sondern für die psychologischen Mechanismen des Strebens nach Geld und Attraktivität. Denn das Vorbild der Hollywood-Promis prägt durch Reality-Fernsehen und soziale Medien auch das Leben von Angehörigen der Mittel- und Unterklassen. So wie Kim Kardashian wollen viele sein. So wie sie wollen viele wohnen – zumindest ein bisschen.

Greenfieldws Fotos zeigen daher auch, wie sich der Traum vom Eigenheim in den USA geändert hat. Bis zur Präsidentschaft Ronald Reagans bestand dieser schlicht im Traum von den eigenen vier Wänden. Seitdem wandelte er sich zu Traumhaus-Fantasien. Immer größer, schöner musste es sein. Die Traumhaus-Fantasien fanden auch unter der Mittelschicht Verbreitung. Mit Subprime-Krediten suchte sie ihren Traum vom Eigenheim zu erfüllen. Das trug mit zur Immobilienkrise bei, die sich rasch zur Finanzkrise von 2008 ausweitete.

Greenfields Interesse für ökonomische und soziologische Fragen hat sie auch veranlasst, die Folgen dieser Krise zu dokumentieren. «Ich will ein Dach über den Kopf und vier Wände – einen Ort für meine Familie», sagt zum Beispiel Chuck. Ihn hat Greenfield vor einer geschlossenen Fabrik von General Motors porträtiert. Der ehemalige GM-Arbeiter verlor mit der Krise seinen Job, die Sonnenbank musste verkauft werden, um über die Runden zu kommen. Das Haus wurde zwangsversteigert. «Ich fühle mich gedemütigt, entmannt», sagt Chuck.

Er ist eines von Hunderttausenden Opfern der Wirtschaftskrise von vor zehn Jahren. Einigen von ihnen gibt Greenfield ein Gesicht und lässt sie zu Wort kommen. Sie hat neben den USA Irland, Island und Dubai bereist. Es sind Aufnahmen von leeren Häusern zu sehen. Sie verdeutlichen den Irrsinn des kapitalistischen Systems: Das Angebot an Häusern ist da, aber es gibt keine kaufkräftige Nachfrage mehr.

Sind aber alle Gesichter in «Generation Wealth» freudlos und leer? Nein, unter den Dream-Home-Fotografien findet sich eines, auf dem die zentrale Person, die Umweltschützerin Annie Leonard, glücklich in Greenfields Kamera lächelt. Auch die anderen Personen zeigen sich ausgelassen. Und es fällt auf: Der Garten sieht nicht perfekt getrimmt aus wie auf den anderen Bildern. Hier hat Greenfield ein Gegenmodell zum kapitalistischen Konkurrenzmodell abgelichtet. Mehrere befreundete Familien haben sich benachbarte Grundstücke gekauft und nutzen einen gemeinsamen Garten. Ein außergewöhnlicher Kontrapunkt in einer Ausstellung, deren rund 200 Fotos aus den USA, Brasilien, Kanada, Dubai, den Philippinen, Frankreich, Hongkong, Irland, Island, China, Mexiko, Deutschland und Russland mitunter so verstörend sind, das man sich abwenden muss.

«Lauren Greenfield – Generation Wealth», bis 23. Juni, Haus der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstraße 1 – 2, Hamburg

aus: neues deutschland, 2.5.2019

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