Liegt unter dem Beton Utopie?

In Hamburg will eine Ausstellung die Geschichte der Neuen Heimat neu bewerten

Mit glücklichen Gesichtern schaukeln Kinder in Gärten, springen in Schwimmbecken oder verausgaben sich beim Sport in der Turnhalle. Die Werbevideos des einst größten europäischen nichtstaatlichen Wohnungsbaukonzerns Neue Heimat transportieren die erfüllte Hoffnung auf ein besseres Leben in der von Wohnungsnot geprägten Nachkriegszeit der Bundesrepublik. Aber dafür ist die Neue Heimat nicht bekannt, in Erinnerung blieb ihr unrühmliches Ende. Das gewerkschaftseigene Unternehmen wurde abgewickelt, nachdem der »Spiegel« 1982 über Korruption, Veruntreuung und Bereicherung der Neue-Heimat-Manager berichtet hatte.

Doch wird man der Geschichte der Neuen Heimat gerecht, wenn man sie auf Korruption und Veruntreuung reduziert? Zur Neubewertung regt derzeit die im Museum für Hamburgische Geschichte zu sehende Ausstellung »Die Neue Heimat (1950 – 1982). Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten« an, die in Kooperation mit dem Architekturmuseum der Technischen Universität München und der Hamburgischen Architektenkammer entstand.

Sozialdemokratische Utopie? Das mutet etwas hochgegriffen an. Doch zumindest für ein sozialdemokratisches Prinzip stand die 1950 vom Deutschen Gewerkschaftsbund wiedergegründete Neue Heimat: für preisgünstiges Wohnen für alle, insbesondere für Arbeiterfamilien.

Dass die Wohnungsfrage in der Bundesrepublik zwischenzeitlich als gelöst galt – ganz im Gegensatz zu heute – ist auch ein Verdienst der Neuen Heimat. Seit ihrer Gründung machte sie sich von Hamburg aus daran, zerstörte Wohnungen wieder herzurichten, dann an die Schaffung von neuem günstigen Wohnraum. Die Devise lautete »Wohnungen, Wohnungen und nochmals Wohnungen«. Schnell expandierte das Unternehmen in alle westlichen Bundesländer. 1960 hatte die Neue Heimat, inzwischen ein Konzern mit 27 Tochterunternehmen, bereits 100 000 Wohnungen gebaut, zwei Jahre später doppelt so viele. Insgesamt schuf die Neue Heimat in rund drei Jahrzehnten 460 000 Wohneinheiten. Mitte der 60er Jahre allerdings war die Nachfrage weitgehend gedeckt.

Obwohl der Gemeinnützigkeit verpflichtet, wurde die Neue Heimat nach privatwirtschaftlichen Methoden geführt. Die Manager scheuten sich nicht, sich über den Kapitalmarkt zu finanzieren. »Wir bauen unsere Häuser mit anderer Leute Geld, und wenn wir es vom Teufel holen«, sagte Heinrich Plett, erster Vorstandsvorsitzender.

Dem Wachstumsdiktat entzog sich die Neue Heimat somit nicht. Die Folge: Mit eigens dafür gegründeten Tochterunternehmen expandierte die Neue Heimat ins Ausland, stieg in das Geschäft mit Gewerbeimmobilien, Kommunalbauten und in die Stadtentwicklung ein. Schon 1962 wurde die Gewerbebauträger GmbH gegründet, die nicht an die Gemeinnützigkeit gebunden war. 1978 begann die Neue Heimat NRW damit, Wohnungen an Versicherungen, Anleger und Mieter zu verkaufen. Alles Faktoren, die zum Ende der Erfolgsgeschichte beitrugen.

Hinzu kam: Mittels einer industrialisierten Bauproduktion aus dem Boden gestampfte Stadtviertel wie Mümmelmannsberg in Hamburg, Ebertsgrund in Heidelberg oder Neuperlach in München entpuppten sich rasch als soziale Problemviertel. In Hamburg zu sehende Fotografien Herlinde Koelbls von der für 80 000 Münchener als Entlastungsstadt konzipierten Siedlung Neuperlach dokumentieren das eindrücklich. Auf abweisenden Betonschluchten liest der Betrachter Parolen wie »Beton kann töten«, »Menschensilo« oder »Wohnhaftiert«.»Wir bauen alles, wenn Sie wollen, können sie bei uns eine ganze Stadt bestellen«, brachte Albert Vietor, der seit 1963 dem Konzern vorstand, die neue Devise auf den Punkt.

Der Umschlag in den Größenwahn ist nicht fern. Davon zeugen die nicht realisierten Pläne zum Alsterzentrum in Hamburger Stadtteil St. Georg. 20 000 Menschen sollten dort in fünf bis zu 200 Meter hohen Wohnpyramiden leben, unterirdisch 16 500 Parkplätze geschaffen werden. Die Neue Heimat lobbyierte daher für das Städtebauförderungsgesetz von 1971, das die Enteignung von Kleineigentümern ermöglichen sollte. Denn zur Errichtung des Alsterzentrums wären umfangreiche sogenannte Flächensanierungen, sprich der Abriss von Altbauten, notwendig gewesen.

In der Hamburger Schau sind Fotografien, Modelle, Planmaterialien und Videoaufnahmen zahlreicher Neue-Heimat-Bauten zu sehen. Die meisten von ihnen stehen auch heute noch, manche wie die Neutra-Siedlung in Walldorf, die Gartenstadt Farmsen oder die Uniklinik Aachen sind sogar unter Denkmalschutz gestellt. Ein erstes Anzeichen, das auf eine Neubewertung der Neuen Heimat hinweist.

Ein viel deutlicheres ist jedoch das Instrument, mit dem die Neue Heimat es in den ersten 15 Jahren ihrer Existenz vollbrachte, günstigen Wohnraum zu schaffen: die Wohnungsgemeinnützigkeit. Das war ein zentraler Hebel, der die alte Bundesrepublik zu einer Hochburg des sozialen Wohnungsbaus machte. Mit dieser war es möglich, Wohnungen über einen langen Zeitraum zu fördern und eben nicht wie gegenwärtig nach ein paar Jahren aus der Sozialbindung fallen zu lassen.

Die Beschäftigten der Neuen Heimat, insbesondere ihres Thinktanks, der GEWOS, verstanden das ausdrücklich als Mittel gegen einen ungezügelten Kapitalismus. Entsprechend stolz war man auf das gemeinwirtschaftliche Unternehmen. Um so größer dann der Schock, als die Veruntreuung und Bereicherung der Vorstandsmitglieder bekannt wurde. Ohne das skandalöse Ende der Neuen Heimat hätte die Regierung Kohl 1988 nicht die Wohnungsgemeinnützigkeit abgeschafft – der Startschuss für die Umstrukturierung des Immobilienmarktes nach neoliberalen Kriterien.

Mit gutem Grund wird daher zur Lösung der gegenwärtigen Mietenmisere als ein Instrument die Wiedereinführung der Wohnungsgemeinnützigkeit vorgeschlagen. In der Hamburger Ausstellung »Die Neue Heimat« wird klar, dass sie schon einmal mit zur Lösung der Wohnungsfrage beigetragen hat.

Allerdings wir auch deutlich: Ein riesig gewordenes gemeinnütziges Unternehmenskonglomerat, das nach Erfüllung seiner eigentlichen Aufgabe auf den freien Markt und Expansion setzt, ist vor Korruption nicht gefeit. Wohl auch ohne die Recherche des »Spiegels« wäre die Neue Heimat untergegangen. Denn im Zuge dessen kam hervor, dass es insbesondere durch seinen Expansionskurs im Ausland ein riesigen Verlustberg angehäuft hatte.

Die Neue Heimat 1950 – 1982. Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. Museum für Hamburgische Geschichte, Holstenwall 24, 20355 Hamburg, bis 6.10.

aus: neues deutschland, 8.07.2019

 

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