Zeit für eine neue Kritik am Bruttoinlandsprodukt

Sind wir schon wieder in der Krise? Wer Mitte August die Tagesschau guckte, sah und hörte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), wie dieser von Kurzarbeit und Weiterbildung sprach. Gerade die Kurzarbeit sollte gestärkt werden, um für die nächste Krise gewappnet zu sein. Man erinnere sich: Mit der Kurzarbeit, so eine gerne verbreitete Ansicht, gelang es Deutschland, den massiven Wirtschaftseinbruch infolge der Finanzkrise von 2008 abzufedern. Tatsächlich dürfte die rasch wieder steigende Nachfrage ein weitaus bedeutsamerer Faktor gewesen sein.

Dass aber Hubertus Heil sich hinstellt und von Kurzarbeit und wirtschaftlicher Krise spricht und für den Herbst einen entsprechenden Gesetzentwurf mit dem hübschen Titel »Arbeit-von-morgen-Gesetz« ankündigt, von dem bisher kaum Details bekannt sind, zeugt von aufkommender Unruhe, ja Panik. Droht nach Jahren stetigen, wenngleich geringen Wachstumsraten nun eine Delle, gar eine Rezession?

Anlass vieler Berichte, die sich dieser Frage widmeten, war folgende Mitteilung des Statistischen Bundesamtes: »Das reale (preisbereinigte) Bruttoinlandsprodukt in Deutschland war im 2. Quartal 2019 saison- und kalenderbereinigt um 0,1% niedriger als im 1. Quartal 2019.« Im ersten Quartal 2019 hatte es noch einen Anstieg von 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gegeben.

Ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukt (BIP) in einem Quartal, also eine Reduktion des Gesamtwertes aller Güter, die während dieses Zeitraumes in Deutschland hergestellt wurden – das klingt nach einer halben Rezession. Laut Definition ist diese gegeben, wenn es in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen eine Schrumpfung des Wachstums gibt. Ökonom*innen sprechen auch von einer »technischen Rezession«. Damit soll der Unterschied zu einer echten Rezession im Jahresvergleich kenntlich gemacht werden. Das macht Sinn. Selbst wenn das dritte Quartal ebenfalls niedriger ausfällt, gehen alle Prognosen für das gesamte Jahr 2019 von einem höheren BIP im Vergleich zum Vorjahr aus. Die Bundesregierung rechnet mit 0,5 Prozent, der Internationale Währungsfonds korrigierte im Juli seine Prognose auf 0,7 Prozent herunter. Der Weltkonjunktur sagte er zwar mit 3,2 Prozent die niedrigste Zuwachsrate seit 2009 voraus. Aber eine Rezession sieht dann doch anders aus.

Nichtsdestotrotz: Gerade für Deutschland trüben sich die ökonomischen Aussichten nicht erst seit gestern ein. Zahlreiche Indikatoren belegen das, vor allem die aus dem verarbeitenden Gewerbe. Im Juni lag die Industrieproduktion um nicht weniger als sechs Prozent unter ihrem Vorjahresniveau. Das liegt an der extremen Exportorientierung der Bundesrepublik. Wer Lohndumping betreibt, den Binnenmarkt vernachlässigt und einseitig auf Ausfuhren setzt, der macht sich extrem abhängig von der Weltkonjunktur. Steht es gut um diese, freut sich das exportorientierte deutsche Kapital; kriselt sie, droht es besonders hart getroffen zu werden. So war es im Jahr 2009, als das deutsche BIP im Zuge der globalen Krise um 5,6 Prozent einbrach. Der Handels- und Technologiestreit zwischen China und den USA, der drohende harte Brexit, die damit ungewisse Zukunft der EU – das sind die wichtigsten Faktoren für die schlechteren Prognosen für die globale Wirtschaft. Und sie schlagen sich für Deutschland bereits nieder. Die deutsche Ökonomie war im zweiten Quartal Schlusslicht im Euroraum, was das Wachstum anbelangt.

Doch man sollte nicht in die simple Logik von Wachstum gut, Schrumpfung schlecht einstimmen. Denn das Konzept des BIP, dessen Zu- oder Abnahme im herrschenden Verständnis über die Verfassung einer Ökonomie Aufschluss gibt, ist hoch problematisch. Keine ganz neue Erkenntnis, denn selbst ein »Miterfinder« des BIP, Simon Kuznets, wies auf die Nachteile seiner Erfindung hin. Es lasse vollkommen außer Acht, wie die Güter und Dienstleistungen verteilt werden. Nicht umsonst spricht man schon länger vom beschäftigungslosen Wachstum (»jobless growth«) und zunehmender Ungleichheit. Zudem wird am BIP kritisiert, dass es nur über den Markt vermittelte Tätigkeiten berücksichtigt. Unbezahlte Hausarbeit, essenziell für die Reproduktion von Ökonomien, spielt in der hoch aggregierten, komplexen Zahl keine Rolle. Wer überdies mit dem Auto täglich zur Arbeit fährt, es womöglich auch noch zu Schrott fährt, trägt erheblich mehr zum BIP bei als jemand, der täglich das Fahrrad benutzt. Insofern ist das BIP auch auf dem ökologischen Auge blind. Umweltverschmutzung spielt in ihm keine Rolle. Wirtschaftswachstum ging insofern bis dato immer mit mehr Umweltverschmutzung und Treibhausgasemissionen einher – und umgekehrt. Nur 2009, als das BIP einbrach, wurde weniger CO2 ausgestoßen.

Zurzeit dominiert im Zuge der Fridays-for-Future-Bewegung die Klimadiskussion die politische Debatte. Das wäre auch eine Chance, die Kritik am Konzept des Bruttoinlandsprodukts zu erneuern.

aus: analyse & kritik, Nr. 651 / 20.8.2019

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