Die Geschichte blamiert die Idee

Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. C.H. Beck, München 2012, 606 S., 29,90 Euro.
Gruppe INEX (Hrsg.), Nie wieder Kommunismus?, Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus, Unrast, Münster 2012, 228 S., 14,80 Euro.

Es mag auf den ersten Blick nicht einleuchtend erscheinen, diese beiden Bücher zusammen zu besprechen. Das eine – »Verbrannte Erde« –, in einem großen Verlag erschienen, von dem etablierten Historiker Baberowski verfasst, bereits viel besprochen und mit dem Leipziger Preis der Buchmesse ausgezeichnet, ist eine historische Studie der Gewaltherrschaft Stalins, die auf dem jüngsten Stand der wissenschaftlichen Forschung beruht. 

Davon zeugt der fast 100 Seiten umfassende Fußnoten- und Literaturapparat, der überwiegend russisch- und englischsprachige Titel berücksichtigt. Das andere – »Nie wieder Kommunismus?« –, im kleinen linken Unrast-Verlag publiziert, ist ein Sammelband, der Beiträge von überwiegend jüngeren linken Autoren enthält, die sich die Frage stellen, warum der erste Versuch einer Alternative zur kapitalistischen Produktionsweise in Terror und Unterdrückung endete und wie dies bei einem erneuten Anlauf vermieden werden kann.

Wenn man beide Bücher liest, wird ein Problem offensichtlich. Die Kenntnisse über die konkrete Geschichte der Sowjetunion unter Stalin sind seit zwei Jahrzehnten in einem großen Umbruch begriffen. Die Öffnung der Archive nach der Implosion des Realsozialismus führte zu einer Revision bisheriger Einschätzungen. So müssen z.B. die Moskauer Schauprozesse 1936-1938, die jahrzehntelang als Höhepunkt des Großen Terrors galten, lediglich als Spitze eines Eisberges gelten. Parallel dazu und im Geheimen wurden Hunderttausende von Menschen in den sog. Massenaktionen gegen ehemalige Kulaken und andere »sozial gefährliche Elemente« und ebenfalls Hunderttausende Menschen durch die sogenannten Nationalen Operationen entweder deportiert oder in Erschießungsanlagen des NKWD getötet. Des Weiteren ist mittlerweile erwiesen, dass die Steuerung dieser Gewalt von Stalin selbst und seinen Satrapen ausging. Der Diktator unterzeichnete eigenhändig Todeslisten (im Jahr 1937 waren es allein annähernd 40.000 Menschen) und er entschied – fast ausnahmslos positiv – über die Gesuche aus den Provinzen, noch mehr Menschen erschießen zu dürfen. Schließlich wurde auf Geheiß Stalins Ende 1938 der Massenterror wieder eingestellt. All das wird von Baberowski in seinen schrecklichen Details nachgezeichnet. Hat man die Lektüre beendet, so ist man von der Wucht der Schilderung Baberowskis ein wenig erschlagen. Man fragt sich, was von der kommunistischen Idee noch bleiben kann angesichts dieser schrecklichen sowjetischen Erfahrung. Baberowski freilich stellt sich diese Frage nicht, weil ihm die kommunistische Idee egal ist. Dennoch gibt er auf diese Frage implizit eine Antwort. Der stalinistische Terror sei zwar im Namen kommunistischer Ideen und Vorstellungen begründet und gerechtfertigt, aber nicht motiviert gewesen. »Für Kommunisten«, so Baberowski, »haben sich im 20. Jahrhundert viele Machthaber gehalten, ohne daß es ihnen in den Sinn gekommen wäre, aus solchem Bekenntnis eine Lizenz zum Massenmord abzuleiten.« Ideen töten nicht, fasst er pointiert zusammen.

Wenn nicht Ideen töten, was dann?

Im Grunde führt Baberowski die Gewalt und ihre Dynamiken auf zwei Ursachen zurück. Zum einen interpretiert er diese als Reaktion auf die Schwäche des bolschewistischen Projektes und ihrer Macht. Wir müssten uns einen schwachen Staat vorstellen, so Baberowski, »dessen Repräsentanten Gefallen an der Inszenierung des permanenten Chaos und der Gewalt fanden, weil sie nur so ihren Herrschaftsanspruch ständig in Erinnerung halten konnten.« (23) Die Gewalt wird somit quasi als Folge eines gescheiterten Integrationsprojekts begriffen; sie war das einzig verbliebene Vergemeinschaftungsmittel in dem rückständigen, weitgehend von Analphabeten bewohnten Riesenreich.

Dieser These mag man noch etwas abgewinnen, sie wird jedoch überdeckt von Baberowskis psychologisierendem Erklärungsansatz, wonach Stalin ein bösartiger Psychopath gewesen sei. Stalins psychopathische Grundstruktur habe sich gut mit der Diktatur und dem Krieg, mit der Entfesselung destruktiver Kräfte vertragen, und sie habe andere Psychopathen und Sadisten ermächtigt, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Ihre paranoide Wahrnehmung habe ihnen sogar dabei geholfen, im Gewaltraum zu überleben (218f.). Nun mag stimmen, dass Stalins Persönlichkeit und seine unbestritten dominante Rolle ein Erklärungsfaktor insbesondere für den Massenterror der Jahre 1936 bis 1938 ist. Zumal Baberowski mit guten Argumenten die insbesondere noch von Molotow Jahrzehnte später vorgetragene Rechtfertigung der Ausschaltung einer angeblichen fünften Kolonne angesichts der drohenden Kriegsgefahr in Zweifel zieht. »Warum«, so die Fragen, »töteten Stalin und seine Helfer Kinder, Greise, Bauern und Analphabeten, die vom Ausland und seinen Geheimdiensten ebenso wenig wußten wie von den Plänen und Absichten der Stalinschen Führung? Aus welchem Grund mußten 1937 auch Zehntausende von Lagerhäftlingen ermordet werden, warum ließ Stalin seine Verwandten und Freunde töten, die Partei- und Armeeführung vernichten?« (218) Hierauf Antworten zu finden, ist in der Tat ohne Berücksichtigung des paranoiden Charakters Stalins kaum möglich. Baberowski zufolge sitzt der Rekurs auf eine Ideologie oder eine nachträglich intellektuelle Begründung der Gewalt dem Irrglauben auf, jener einen historischen Sinn geben zu müssen, weil sie auf diese Weise besser zu »verarbeiten« sei. Wenn aber Baberwoski seine situationsbedingte, dynamische und psychologisierende Begründung der Gewalt u.a. mit »Ermöglichungsräumen« (219) erklärt, stellt sich die Frage, was jenseits der Person Stalins zu diesem Ermöglichungsraum beigetragen hat. Wie ist z.B. die Entstehung des Gulag-Lagersystems zu erklären, wie der Terror, der schon im Bürgerkrieg unter Lenin einsetzte, und wie die Tolerierung der Hungersnöte? Mit einem Wort: Zu Recht betont der Berliner Historiker die Rolle Stalins, doch das Zusammenspiel mit anderen Faktoren bleibt zu sehr im Ungefähren.

Stalinismus – ein Element der Moderne?

Bemerkenswert ist, dass Baberowski seine frühere Auffassung revidiert, wonach in Anlehnung an den Soziologen Zygmunt Bauman, die Ursache des Terrors in dem Streben nach Eindeutigkeiten, der Überwindung von Ambivalenz und die Ordnungswut des Gärtnerstaates gesehen hatte – mithin als ein zentrales Element der, wie auch immer bestimmten, Moderne. Nunmehr interpretiert er die Geschichte der Sowjetunion unter Stalin als nicht der Moderne zugehörig, sondern vielmehr als asiatisch geprägt. Das ist einerseits richtig, weil die Sowjetunion in der Tat zu großen Teilen schon rein geografisch nicht zu Europa gehörte, und modernes Gedankengut bei einer überwiegend analphabetischen Bevölkerung schlicht keine Chance hatte, auf fruchtbaren Boden zu treffen. Und richtig ist auch, dass insbesondere Stalin und seine Clique aus einem Milieu stammen, welches von Blutrache und anderen »archaischen« Ritualen geprägt war. Andererseits war insbesondere die bolschewistische Führung um Lenin und anderen stark europäisch geprägt. Sie lebten jahrelang in europäischen Großstädten und sogen dort das moderne Denken, insbesondere den Marxismus auf. Somit stellt sich die Frage, ob die bolschewistische und stalinistische Gewalt nicht eher als das Resultat einer ungleichen Entwicklung zu interpretieren ist. Nachdem die Bolschewiki zunächst vergeblich auf den Sieg der Revolution insbesondere in Deutschland gehofft hatten, der als Voraussetzung für den Aufbau des Sozialismus in Russland angesehen wurde, sahen sie sich mit einer ausweglosen Situation konfrontiert:[2] eben jenen Aufbau zu wagen in einem rückständigen, isolierten, von Feinden bedrohten Land – in einem Staat also, in welchem weder die von Marx und Engels als notwendig erachteten materiellen noch die ideellen Voraussetzungen vorhanden waren. Die bolschewistische Führung wendete somit quasi das europäisch-moderne Projekt des Marxismus auf ein »halbasiatisches« (F. Engels) Land an; den sich aus dieser Kluft ergebenden Widerstand sucht sie durch den Einsatz von Gewalt zu überwinden. Auch bei Baberowski ist dieses Argument, wenngleich implizit, enthalten. So schreibt er etwa: »Die Maßlosigkeit der Ziele widersprach den Vollzugsdefiziten eines vormodernen Regierungssystems, das den Gehorsam der Funktionsträger nur durch die Androhung von Gewalt erzwingen konnte.« (22)

Problematisch wird Baberowskis Argumentation des Weiteren, wenn er auf die Vergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Kommunismus zu sprechen kommt. So konstatiert er, dass zwischen der Moderne und jener monströsen Gewalt, die von Nationalsozialisten und Kommunisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entfacht wurde, kein kausaler Zusammenhang bestehe. »Die Moderne ist nicht Urheber des totalitären Vernichtungsterrors.« (26) Das stimmt aus dem soeben angeführten Argument schon so nicht für den Stalinismus. In Bezug auf den deutschen Faschismus ist diese Weißwaschung der (kapitalistischen) Moderne indessen höchst problematisch. Denn die NSDAP gelangte ja gerade mit Unterstützung wesentlicher Teile der traditionellen Eliten in einem der modernsten Staaten Europas an die Regierungsgewalt. Selbstredend waren die Ziele der Nazis nicht modern, die Wahl ihrer Mittel war es hingegen schon. Nicht widerspruchsfrei ist überdies die Charakterisierung des Ersten Weltkrieges als Geburtshelfer des aggressiven Nationalismus, der ethnischen Säuberung und des Pogroms auch in Russland, in der Hass, Missgunst und Gewalt gediehen (48). Kann man den Ersten Weltkrieg aus der Geschichte der Moderne extrahieren? Oder ist Baberowski der Ansicht, dass Hass, Missgunst und Gewalt nach dem Ersten Weltkrieg schlagartig verschwanden und erst wieder durch die Bolschewiki, insbesondere dann durch Stalin hervorgerufen wurden? Nicht nur hier zeigt sich der Nachteil einer undifferenzierten Verwendung des allgemein positiv besetzten Begriffs »Moderne« und »modern«; keine Erwähnung finden bei Baberowski Autoren wie Adorno und Horkheimer oder auch Historiker, die die Dialektik der Aufklärung, die Ambivalenz der Moderne, die gewaltsamen Potenziale und die pathologischen Entwicklungsformen der Moderne in das Zentrum ihrer Analysen gestellt haben.

Stark zweifelhaft erscheint in diesem Zusammenhang auch folgende Bemerkung Baberowskis: »Es scheint mir kein Zufall zu sein, daß die grausamsten Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts nicht in den bürgerlichen Gesellschaften, sondern in den vormodernen, staatsfernen Räumen ihre größten Triumphe feierten, dort, wo sich der Hybris des modernen Interventionsstaates nichts entgegenstellte.« (27) Wie ist diese Aussage zu verstehen? Hält Baberowski die Stalinschen Verbrechen für schlimmer als die Hitlers? Oder ist er der Meinung, dass der deutsche Nazifaschismus nichts mit der bürgerlichen Gesellschaft zu tun hat? Beides ist zu verneinen. Ersteres stellt eine Verharmlosung des Holocaust dar, letzteres eine Entschuldung nicht nur des deutschen Bürgertums, ohne welches die NSDAP nicht an die Macht gekommen wäre, sondern auch der vielen Deutschen, dies sich ganz freiwillig in die Volksgemeinschaft integrierten und so lange vom Krieg und seinen Verbrechen an Juden und Slawen begeistert waren, bis sie selbst bombardiert wurden. Baberowskis Kollege Karl Schlögel schreibt deshalb in seiner ebenfalls viel beachteten Studie »Terror und Traum« (2008) zutreffend, wie bodenlos vieles an den Vergleichen mit dem Nationalsozialismus sei – und verzichtet daher darauf. Im Widerspruch steht dieses Argument Baberowskis überdies mit seiner Aussage an anderer Stelle, wonach der Stalinismus nur überleben konnte, weil der NS-Terror den stalinistischen Terror in den Schatten stellte (417).

Eine letzte Widersprüchlichkeit: Die Ursachen für die Gewaltexzesse der Roten Armee an insbesondere der weiblichen deutschen Zivilbevölkerung sieht Baberowski nicht etwa in Rache, sondern in der Erniedrigung, Atomisierung und der Verwandlung von Individuen in »abgestumpfte Kreaturen«, die im Krieg erfolgte (437). Durch die Anwendung von Gewalt hätten die Bauernsoldaten der Roten Armee ihre Vereinzelung überwunden. Wenige Seiten zuvor heißt es jedoch mit Rekurs auf den Komponisten Schostakowitsch, dass gerade der Krieg ein Teilen des Leides mit anderen Menschen ermöglicht habe, während das in den Terrorjahren zuvor nicht möglich war (420). Nun mag Baberowski hier die Differenzierung von Soldaten und Zivilbevölkerung voraussetzen, seine Erklärung in dieser Monokausalität bleibt dennoch fragwürdig. Warum soll, wenn doch die NS-Verbrechen die des Stalinismus in den Schatten stellten, nicht Rache auch eine Rolle gespielt haben?

Kommunismus trotz Realsozialismus und Stalinismus?

»Wer heute vom Kommunismus redet, darf von Realsozialismus und Stalinismus nicht schweigen, schreibt die Gruppe INEX einleitend in ihrem Band über linke Stalinismuskritik. Dem ist voll zuzustimmen – gerade vor dem Hintergrund, dass die allermeisten heutigen kapitalismuskritischen Linken den Umgang mit der sowjetischen Erfahrung scheuen. Sei es, weil sie sich nicht dieser Tradition zugehörig fühlen oder weil sie, gerade wegen der Zugehörigkeit zu dieser Tradition, betreten schweigen oder apologetisieren. Beide Lager verkennen freilich – sofern sie nicht den einfacheren Weg der Aufgabe der transformierenden Kapitalismuskritik gegangen sind und nur in der »Abfederung kapitalistischer Ungleichsproduktion die einzige Möglichkeit sozialer Wirtschaftspolitik« (INEX, 14) sehen –, dass die Belastungen durch die negative Ausstrahlung des Realsozialismus auf allen systemkritischen Linken lastet. Der Anspruch der Gruppe INEX und ihrer AutorInnen ist somit umso mehr zu würdigen, weil sie sich dieser Herausforderung stellen. Vor dem Hintergrund der Lektüre Baberowskis, aber auch anderer Studien, fällt jedoch auf, dass die meisten Beiträge die neuen Forschungsergebnisse noch nicht angemessen berücksichtigt haben. Eine Ausnahme stellt der Text »Schädelstätte des Sozialismus« von Christoph Jünke dar (der jedoch im Wesentlichen an der Bürokratisierungsthese von Trotzki festhält – wohingegen Baberowski feststellt, dass die Herrschaft Stalins eher als Mafiastruktur zu beschreiben ist).

Hinzu kommt, dass zahlreiche Beiträge des Sammelbandes Stalinismus und Realsozialismus als Verwirklichung der kommunistischen Idee sehen und insofern von den Texten von Marx und Engels Aufschlüsse zum Verständnis der sowjetischen Geschichte erwarten. Zwar geben die Herausgeber zu, dass es hier unterschiedliche Ansichten gibt und sich insofern Teile des Buches als Diskussion zwischen beiden Ansätzen verstehen. Darüber hinaus sind sie sich darüber bewusst, dass ihr Band nicht den gesamten linken Reflexionsprozess auch nur annähernd wiederspiegelt. Gerechterweise kann man dem Buch somit auch nicht viel vorwerfen. Gleichwohl hat man bereits tiefer schürfende linke Auseinandersetzungen mit dem Realsozialismus gelesen. Erinnert sei etwa an Michael Schneiders Buch »Das Ende eines Jahrhundertmythos« aus dem Jahr 1992. Sein Befund über den vorwiegend moralischen und begrifflosen Umgang mit Geschichte, in dem die zentrale Kategorie der Rückständigkeit und der Ungleichzeitigkeit in der Auseinandersetzung über das Scheitern des Sozialismus fast gar nicht mehr vorkommt, sprich historisch-materialistisches Denken durch Abwesenheit glänzt, trifft in gewisser Weise auch auf etliche Beiträge des Bandes »Nie wieder Kommunismus?« zu. Demzufolge findet sich hier auch keine Fortführung der Argumentation von Schneider, die m.E. notwendig wäre, um den richtigen Anliegen der Gruppe INEX mehr Gewicht zu geben. Schneider hatte seine Analyse in folgenden Befund zusammengefasst: Da die ungleiche Entwicklung allen sozialistischen Gehversuchen der zurückbleibenden Völker – ob in Asien, Afrika oder Mittel- und Lateinamerika – grausame Schranken auferlegt hatte, sollte alles, was sich bisher »Sozialismus, »Realsozialismus« oder »Kommunismus« nannte, unter der Rubrik »Ausbruchsversuche aus rückständigen Verhältnissen bzw. Versuche der Überwindung der kolonialen Erbschaft« subsumiert werden.[3] Ironischerweise bestätige nämlich gerade das Ende der Hammer & Sichel-Epoche eine zentrale These des klassischen Marxismus: nämlich jene, wonach der Sozialismus sich nur auf der Grundlage der hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaften herausbilden kann, »d.h. auf der Basis des materiell entwickelten Reichtums und Überflusses, nicht auf der Basis des Mangels und der Rückständigkeit.«[4] Diese Argumentation klingt zwar in dem Beitrag »Der real gescheiterte Sozialismus und die real existierende sozialistische Linke« an, wenn es heißt: »Beim heutigen Stand der Produktivität und heutigen Bildungsniveau ist eine Verwaltung der Gesellschaft und der Produktion durch die Bevölkerung selbst durchaus vorstellbar.« (INEX, S. 218) Die dazugehörige Fußnote führt das auch weiter aus; doch das hat randständigen Charakter.

So gesehen haben die hier besprochenen Bücher doch mehr miteinander gemeinsam, als es anfangs den Anschein hatte. Baberowskis »Verbrannte Erde« ist einer der neuen Marksteine, an der sich eine sozialistische Linke wird abarbeiten müssen, will sie die im Massenbewusstsein enge Verknüpfung von Kommunismus und Gewalt aufbrechen. Baberowski schildert dabei einerseits die Sowjetunion als Land, in welchem die Menschen aufgrund des Terrors in so großer Angst lebten wie in keinem anderen; andererseits trennt er den Terror aber von der marxistischen Idee. Das heißt: Eine im Sinne Michael Schneiders historisch-materialistische Aufarbeitung des Realsozialismus anhand des u.a. von Baberowski zusammengefassten neuen historischen Kenntnisstandes wäre dringliche Aufgabe einer kapitalismus- und systemkritischen Linken.


[1] Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. C.H. Beck, München 2012, 606 S., 29,90 Euro.

Gruppe INEX (Hrsg.), Nie wieder Kommunismus?, Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus, Unrast, Münster 2012, 228 S., 14,80 Euro.

[2] Eine ausweglose Situation übrigens, welches Lenin kurz vor seinem Tode immer bewusster wurde. In seinen letzten Schriften, so argumentiert der Historiker Orlando Figes, war es Russlands kulturelle Rückständigkeit, die ihm keine Ruhe ließ. Es schien, als gestehe er ein, vielleicht nur sich selbst gegenüber, dass die Menschewiki mit ihrem Standpunkt recht behalten hätten, Russland sei noch nicht bereit für den Sozialismus, weil seine Massen zu ungebildet seien, als dass sie den Platz der Bourgeoisie einnehmen könnten, und jeder Versuch, diesen Prozess durch staatliches Eingreifen zu beschleunigen, müsse in Tyrannei enden. Vgl. Orlando Figes, Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der Russischen Revolution 1891-1924, Berlin 2008, S. 842.

[3] Vgl. Ebd., S. 318.

[4] Ebd., S. 315.

(aus: Sozialismus 5/2012)

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