Explosiver Dauerzustand

Die zehnte Folge von »Deutsche Zustände«[1] ist vorerst die letzte. Das seit 2002 laufende Langzeitprojekt unter der Regie von Wilhelm Heitmeyer ist mit seinen 23.000 befragten Personen die bisher weltweit größte und am längsten laufende Untersuchung ihrer Art. Ob es eine Fortsetzung ohne den emeritierten Heitmeyer geben wird, ist derzeit noch unklar. Es wird auf die Mobilisierung von Drittmitteln ankommen.
Was war der Ausgangspunkt dieses Forschungsprojekts? Anfang der 1990er Jahre stand die liberale und linke Öffentlichkeit des wiedervereinigten Deutschlands angesichts der Pogrome von Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen etc. unter Schock. Rassismus und Neonazis wurden als Ursache dieser Ausschreitungen angesehen. Das ist nicht falsch, aber nicht die ganze Wahrheit. Gegen die Fixierung auf den Aspekt Rassismus allgemein und gegen die ausschließliche Verknüpfung von Rassismus und Neonazis im Besonderen argumentierte 1992 Heitmeyer in einem Artikel für »Das Argument.« Acht Jahre später wurde daraus das Forschungskonzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF). Dieses nahm ganz allgemein Ideologien der Ungleichwertigkeit in den Blick. Neben Rassismus und Ausländerfeindlichkeit wurden die Deutschen ebenso auf ihre Abwertung von Obdachlosen, Homosexuellen, Behinderten, Langzeitarbeitslosen, Sinti und Roma sowie Muslimen hin untersucht. Eine weitere Spezifik ist die Infragestellung der »beruhigenden« Unterscheidung zwischen dem »Extremismus« der Nazis und der angeblich toleranten sowie demokratischen Bevölkerungsmehrheit. Heitmeyer und seine MitstreiterInnen konnten nämlich zeigen, das abwertende Einstellungen und Praxen nicht nur ein Problem von Rechtsradikalen, sondern eines der gesellschaftlichen Mitte darstellen. Konkret: Die gewaltbereiten Neonazis fühlen sich durch diese durchaus auch fremdenfeindliche Mitte bei ihren Mordtaten gedeckt. Kein Wunder also, dass die »Deutschen Zustände« sich einem »massiven Ideologieverdacht« (326) ausgesetzt sahen, vermuteten Stiftungen und potenzielle Geldgeber doch, man wolle das Ansehen der deutschen Gesellschaft herabsetzen.
Das ist das eine. Heitmeyers Projekt kann aber auch als Langzeitkritik neoliberaler Zustände und des sich herausbildenden autoritären Kapitalismus mit seinen Merkmalen Entsicherung, Kontrollverlust, Undurchschaubarkeit, wachsende Ungleichheit, Entmachtung, Beschleunigung sowie Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts gelesen werden. Sein Blick auf gruppenbezogene Abwertungen von Menschen korrespondiert nämlich mit einer Thematisierung und Analyse von sozialen und ökonomischen Verhältnissen. Frei nach Horkheimer und mit Kritik am moralisierenden Antirassismus der bürgerlichen Mitte, den Aufständen der Anständigen etc. könnte man also formulieren: Wer aber von Ökonomisierung und Prekarisierung nicht reden will, sollte auch von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus schweigen. So gehörte zur Ausgangshypothese der Bielefelder ForscherInnen, dass »eine durchökonomisierte Gesellschaft zum Nährboden für eine elitär motivierte Menschenfeindlichkeit wird« (57).

Liberalisierung der Deutschen Zustände?
Lässt sich diese Ausgangshypothese nach zehn Jahren bestätigen? Besser als mit der Folge 10 der Deutschen Zustände lässt sich diese Frage mit den Pressematerialien »Das entsicherte Jahrzehnt« (DeJ) zur Buchvorstellung desselben Bandes beantworten. Auf den ersten Blick scheinen die Ergebnisse dabei recht erfreulich zu sein, sprich die Verbreitung der Ideologien der Ungleichheit ist im Zeitraum von 2002 bis 2011 fast durchweg rückläufig. Allerdings gibt es Ausnahmen: Rassismus und die Abwertung von Langzeitarbeitslosen, deren Werte leicht ansteigend sind (33). Antisemitische, sexistische und homophobe Statements indes erfahren z.T. signifikant weniger Zuspruch in der deutschen Bevölkerung. Ein Beispiel sei angeführt. Dem Statement »Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen« stimmten 2002 34,8% zu, während es 2011 »nur« noch 25,3% sind.
Die überwiegende Tendenz also scheint auf eine Liberalisierung der Deutschen Zustände hinzuweisen, so stellen die Wissenschaftler fest, dass das rechtspopulistische
Potenzial kleiner geworden ist (DeJ, 11). In diesem Sinne wurde die Präsentation der neuesten Folge beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung (12.10.2011) interpretiert: »Wer dies Trends betrachtet«, heißt es dort, »blickt auf eine Gesellschaft, die in diesem Jahrzehnt zumindest partiell weniger menschenfeindlich geworden ist. Markante dramatische Entwicklungen … zeigen sich bei den Antworten der Befragten eben nicht.« Die Zeitung aus München rät deshalb zu weniger Apokalypse und mit Berufung auf Ralf Dahrendorf zu einem sparsamen Gebrauch des Wortes »Krise«.
Dementsprechend könnte man Heitmeyers Forschungsresultate – vordergründig – als Beleg für die Thesen des Psychologen Steven Pinker nehmen. Dieser vertritt in seinem ambitionierten Buch »Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit« eine geschichtsoptimistische Perspektive. Demzufolge gebe es im Laufe der Geschichte immer weniger Morde, Vergewaltigungen und Kriege. Pinker führt dies u.a. darauf zurück, dass die »Revolution der Rechte« zu einer Toleranz gegenüber Farbigen, Homosexuellen, zur Gleichberechtigung der Frauen etc. geführt habe. »Die Einstellungen der Konservativen [sind] der Entwicklung bei den Liberalen gefolgt, was zur Folge hat, das die Konservativen von heute liberaler sind als die Liberalen von gestern.«[2]
Heitmeyers Resümee bzw. das seiner Mitforschenden, wonach »in den westeuropäischen Ländern sich Normen der Toleranz etablieren [konnten]« und »lange Zeit gehegte Vorurteile gegenüber Schwarzen, Juden, Frauen und Homosexuellen zunehmend geächtet [werden]«, spricht in der Tat für »einen Modernisierungs- und Lernprozeß, der in den osteuropäischen Ländern erst langsam einsetzt« (296).
Wie aber kann angesichts dieser Entwicklungen dennoch von einer »explosiven Situation als Dauerzustand« (34) geredet werden? Wieso sind diese Trends nur auf den ersten Blick erfreulich? Dazu lassen sich mehrere Gründe anführen. Einer lautet: Zwar ist das rechtspopulistische Potenzial – darunter werden Personen gefasst, die fremdenfeindlichen, antisemitischen, autoritären und islamfeindlichen Aussagen zustimmen – auf 9,2% geschrumpft. Aber weil die politische Entfremdung und Apathie zunimmt, die parteipolitische Integration schwindet, Protestbereitschaft und Gewaltbereitschaft ansteigen, stellt das rechtspopulistische Potenzial gleichzeitig – und paradoxerweise wäre hinzuzufügen – ein größeres Problem dar (DeJ, 14).
Ein weiterer Grund ist, dass infolge der Einführung der Hartz IV-Gesetze und der Krise von 2008ff. zumindest in bestimmten Bereichen wie Rassismus, Abwertung von Langzeitarbeitslosen und Obdachlosen vor allem in den höheren Einkommensschichten wieder ansteigende Werte zu verzeichnen sind. Innerhalb eines Jahres hat sich etwa die Zustimmung zu der Aussage »Aussiedler sollten besser gestellt werden als Ausländer, da sie deutscher Abstammung sind«, von 19,1 auf 22,2% erhöht. Dem Statement »Die Weißen sind zu Recht führend in der Welt« stimmten 2010 11,3% zu, 2011 waren es 12,8%. Die Abwertung von Langzeitarbeitslosen wurde u.a. mit der Bejahung zur Aussage »Ich finde es empörend, wenn sich die Langzeitarbeitslosen auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen« gemessen. Bis 2010 sank der Zustimmungswert von 60,8 auf 58,9%, danach stieg er auf 61,2% an (DeJ, 18f.).
Ob diese Entwicklungen lediglich kurzfristige Ausschläge in der auf lange Sicht abnehmenden Verbreitung der Ideologien der Ungleichwertigkeit sind, bleibt kritisch zu beobachten. Heitmeyer geht davon aus, dass sich die Entwicklung volatil fortschreiben wird. »Wir erleben, wie sich ein neuer Standard etabliert: volatility.« (34) Im Vergleich zur Folge 9 der »Deutschen Zustände« ist dies eine neue Beobachtung. Vor einem Jahr hatte die Forschungsgruppe noch konstatiert, dass die ökonomische Krise nicht markant auf die Einstellungen der Deutschen durchschlägt und dies damit begründet, dass die Krisenprozesse nur zeitverzögert Auswirkungen auf das Alltagsbewusstsein haben. Auch 2011 stellen Heitmeyer und KollegInnen fest, dass bislang »keine Kumulation der Effekte der unterschiedlichen Krisen eingetreten ist, sondern das diese zeitlich gestaffelt spürbar werden« (ebd.). Entsicherung, Richtungslosigkeit und Instabilität seien zur neuen Normalität geworden, die Krisen würden prozessiert. Der neue Standard der Volatilität wird somit, so steht zu befürchten, zu mehr Unsicherheit, verstärkter Entfremdung, zunehmender Anomie und wachsendem Druck infolge nicht vorausschaubarer und erst recht nicht beherrschbarer Verhältnisse führen.

Klassenkampf von oben
Die bereits in der Folge 9 diagnostizierte so genannte neue rohe Bürgerlichkeit (vgl. Sozialismus 2/2011) wird auch in der Folge 10 wieder aufgegriffen. Ihre Existenz ist vielleicht das gewichtigste Argument gegen eine vorschnelle Entwarnung. Denn der Einfluss, den diese höheren Einkommensgruppen auf negative Veränderungen des sozialen und politischen Klimas haben, ist nicht zu unterschätzen. Unter roher Bürgerlichkeit versteht Heitmeyer dabei eine Bürgerlichkeit, die sich bei der Beurteilung sozialer Gruppen an den Maßstäben der kapitalistischen Nützlichkeit, der Verwertbarkeit und Effizienz orientiert und somit die Gleichwertigkeit von Menschen sowie ihre psychische wie physische Intergrität antastbar macht und dabei zugleich einen Klassenkampf von oben inszeniere (34f.). Heitmeyer findet dabei deutliche Worte, die die SZ gemeint haben dürfte, als sie zu etwas weniger Apokalypse mahnte: »Die geballte Wucht, mit der die Eliten einen rabiaten Klassenkampf von oben inszenieren, und die Transmission der sozialen Kälte durch eine rohe Bürgerlichkeit, die sich selbst in der Opferrolle wähnt und deshalb schwache Gruppen ostentativ abwertet, zeigen, daß eine gewaltförmige Desintegration auch in dieser Gesellschaft nicht unwahrscheinlich ist.« (35)
Vor dem Hintergrund indes, dass ein abnehmendes rechtspopulistisches Potenzial durchaus mit mehr gewaltbereiten Rechtspopulismus einhergehen kann sowie der Zunahme der menschenfeindlichen Einstellungen gerade in den Eliten, sind diese klaren Worte durchaus gerechtfertigt. Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani sieht es mit Bezug auf die »Deutschen Zustände« als Menetekel an, dass »der größte unter allen Bucherfolgen der letzten Jahre ausgerechnet einer Schrift zukam, die die Überlegenheit des Eigenen und die Bedrohung durch das Fremde nicht mehr nur kulturell erklärt wie im Rechtspopulismus, sondern genetisch festschreibt wie im nationalsozialistischen Denken.« (SZ, 23.1.2011)
Vor allem aber ist die Verbreitung von Homogenitätsvorstellungen und Überfremdungsängsten trotz gestiegener Akzeptanz der Vielfalt und geringerer Sorge um den Zerfall der Gesellschaft noch viel zu hoch. Mehr als die Hälfte der Befragten erachten 2011 den Zusammenhalt der Gesellschaft als gefährdet. Fast ebenso viele zeigen Überfremdungsängste, und rund 37% sind der Ansicht, kulturelle Unterschiede schadeten dem Zusammenhalt (172). Homogenitätsvorstellungen und die Sorge um den Zerfall der Gesellschaft gehen dabei mit der Abwertung von Menschengruppen einher. Stellung bezogen wird insofern gegen jegliche homogenisierenden Ansichten von einer deutschen Leitkultur. Oder wie es in dem Presse-Handout zugespitzter formuliert wird: »Eine Gesellschaft, die Gleichwertigkeit anstrebt und ihre Gruppen vor Vorurteilen und Diskriminierungen schützen möchte, sollte sich endgültig von der Vorstellung einer homogenen Volksgemeinschaft verabschieden.« (DeJ, 16)
Die Ausgangshypothese lässt sich also durchaus bestätigen. Haben aber die Erkenntnisse der Bielefelder gesellschaftlich ein Umdenken in Gang setzen können? Angesichts der Reaktionen auf die Entdeckung der neonazistischen Terrorzelle in NSU äußerte sich Heitmeyer skeptisch. Er sei entsetzt über den Eindruck, den viele Politiker und manche Medien noch immer erzeugten. So heißt es oft, es handele sich beim Nationalsozialistischen Untergrund um »ein paar Außenseiter in einer sonst intakten und humanen Gesellschaft«. Ihre Legitimation der Gewalt hätten die Rechtsterroristen aber vielmehr »aus einem Vorrat an menschenfeindlichen Einstellungen in der Bevölkerung« geschöpft.

Anmerkungen
1) Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 10, Suhrkamp, Berlin 2012, 336 S., 15,50 Euro. Alle Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf diesen Band; Seitenangaben, denen das Kürzel DeJ vorangestellt ist, beziehen sich auf das Presse-Handout »Das entsicherte Jahrzehnt« zur Vorstellung der Folge 10. Dieses findet sich als pdf auf www.uni-bielefeld.de/ikg
2) Steven Pinker, Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit, Frankfurt/M. 2011, S. 703. Pinkers Argumentation scheint mir in diesem und in vielen anderen Punkten nachvollziehbar, in vielen anderen eher nicht. So vertritt er einen zu einseitig positiven Fortschrittsbegriff, überdies ist sein Gewaltbegriff nur auf personale Gewalt fokussiert und lässt strukturelle Formen von Gewalt unberücksichtigt.

(aus: Sozialismus 2/2012)

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