Bohrende Fragen

Holger Knothe, Eine andere Welt ist möglich – ohne Antisemitismus?. Antisemitismus und Globalisierungskritik bei Attac, transcript-Verlag, Bielefeld 2009, 213 S., 24,80 Euro; Marcus Meier, »Gewerkschaftsmäßig könnten die sich ja vor allem für Deutsche einsetzen«. Rechte Orientierungen unter jungen Gewerkschaftsmitgliedern, Peter Lang-Verlag, Frankfurt/M. u.a. 2010, 212 S., 34,80 Euro.

 Antisemitismus bei Attac? Rechte Einstellungen bei jungen Gewerkschaftern? Man stutzt – handelt es sich doch bei beiden Organisationen um Akteure, die dem linken politischen Spektrum zugeordnet werden, während Antisemitismus und rechte Einstellungen per se mit linken Einstellungen und Programmatiken unvereinbar sind – sollte man zumindest annehmen. Die hier zu besprechenden Bücher zeigen, dass es nicht ganz so einfach ist.

Selbstredend gebührt den Autoren nicht der Verdienst, darauf zum ersten Mal aufmerksam gemacht zu haben. So war die Kritik des linken Antisemitismus nicht nur Gegenstand etwa der Bücher von Thomas Haury, sondern gar ein wesentlicher Faktor für die Entstehung der so genannten antinationalen bzw. später dann antideutschen Strömung innerhalb der bundesdeutschen radikalen Linken. Und diese verdächtigt auch Attac immer mal wieder des Antisemitismus. Durch ihr inquisitorisches Verhalten, ihre Verabsolutierung eines Aspektes und insbesondere mit ihrer Unterstützung der US-Kriege gegen Afghanistan und Irak desavouierten sich die Antideutschen bald selbst. Glücklicherweise. Gleichwohl muss ihnen zugute gehalten werden, dass sie mit ihrer Kritik durchaus wichtige, bislang unterbelichtete Fragen innerhalb der Linken aufgeworfen haben.[1] Das Thema rechte Einstellungen bzw. Rechtsextremismus bei Gewerkschaftern ist bereits Gegenstand mehrerer sozialwissenschaftlicher Studien gewesen und auch innerhalb der Organisationen – sicher nicht in angemessenem Umfang – thematisiert worden.[2]

 

Holger Knothe, der nicht dem antideutschen Spektrum zuzurechnen ist, betritt insofern Neuland, als seine Dissertation zum ersten Mal das Thema Antisemitismus und Attac wissenschaftlich analysiert. Vergewissern wir uns zunächst, was empirische Untersuchungen über die Verbreitung von Antisemitismus in Deutschland herausgefunden haben, was wiederum Rückschlüsse auf die Verortung des Akteurs Attac innerhalb eines spezifischen gesellschaftlichen Rahmens zulässt.[3] Während der manifeste Antisemitismus seit Jahrzehnten kontinuierlich zurückgeht, verharrt der so genannte sekundäre bzw. latente Antisemitismus auf einem relativ hohen Niveau. Eine zentrale Aussage des auch Antisemitismus nach Auschwitz genannten sekundären Antisemitismus ist, dass die Deutschen es Leid seien, immer wieder an die deutschen Verbrechen an den Juden erinnert zu werden. Diesem Satz stimmen 62% der Deutschen zu. Auch einer weiteren Aussage, der die Schuldabwehr der Deutschen durch eine Täter-Opfer-Umkehrung ausdrückt, stimmen mehr als die Hälfte der Deutschen zu: der Gleichsetzung von israelischer Besatzungspolitik und NS-Politik. Insgesamt – das bekräftigt z.B. auch die neueste Folge der von Wilhelm Heitmeyer herausgegebenen Langzeituntersuchung »Deutsche Zustände« – kann von etwa 10% manifestem Antisemitismus und von über bis zu einem Drittel latenten bzw. sekundären Antisemitismus gesprochen werden.[4] Auch Marcus Meier (S. 184) führt entsprechende Werte an: Die Studie »Vom Rand zur Mitte – Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland« kommt zu dem Schluss, dass ca. 15 bis 20% der Deutschen Sätzen wie dem folgenden zustimmen: »Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß«, »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns.« Besonders brisant dabei: Bei acht Prozent der Nichtgewerkschaftsmitglieder, aber bei elf Prozent der Gewerkschaftsmitglieder seien stabile antisemitische Einstellungen festzustellen.

Die Relevanz von Knothes Thema wird dadurch unterstrichen, dass sich zwei Artikel des aktuellsten Bandes von »Deutsche Zustände« mit dem Zusammenhang von Antiamerikanismus und Antisemitismus infolge der Kritik am krisenhaften Finanz-Kapitalismus beschäftigen. Allerdings konnten die Autoren in der Heitmeyer-Studie feststellen, dass im Gegensatz zum Antiamerikanismus der sekundäre Antisemitismus bei sich selbst als links bezeichnenden Personen geringere Zustimmungswerte aufweist als bei Personen, die sich politisch rechts verorten und sich der Mitte zugehörig fühlen. Nichts desto trotz zeigt dies, dass der Akteur Attac in einem gesellschaftlichen Umfeld agiert, welches durch latent antisemitische Einstellungsmuster mitgeprägt wird; Knothe fasst dies mit dem Begriff Post-Holocaust-Deutschland zusammen.

Knothes Buch – und das ist das Ärgerliche – suggeriert indes bereits durch den Titel, dass es Antisemitismus bei Attac gebe. Liest man es jedoch, so relativiert sich das. So ist es »unbestritten, dass die globalisierungskritische Bewegung und ihr prominentester Protagonist Attac nicht per se als antisemitisch bezeichnet werden kann« (S. 133). Andererseits will Knothe aufzeigen, dass innerhalb zentraler globalisierungskritischer Narrative bedeutende und wichtige Anschlüsse hin zu antisemitischen Stereotypen und ideologischen Elementen des Antisemitismus bestünden. Gelingt ihm das? Im Großen und Ganzen wird man das bejahen müssen. Aber nur, wenn man seiner Definition von Antisemitismus folgt, die er nach einer knappen wie kenntnisreichen Zusammenfassung diverser Antisemitismustheorien (Krisen- und Deprivationstheorien, psychosoziale Ansätze, Korrespondenz- und Differenztheorien etc.) herausarbeitet. Diese Definition ist eine sehr weite, die weniger auf einen manifesten, als vielmehr auf einen latenten, sich permanent wandelnden und in Partikel auflösenden Antisemitismus zielt, der auch im Unterbewusstsein verankert sei. Dabei folgt der Autor der Kritischen Theorie mit ihrem Fokus auf latente Sinnstrukturen und Denkformen. Als anschlussfähig für antisemitische Diskurse betrachtet Knothe erstens eine manichäische Aufteilung der Welt in Gut und Böse, zweitens die Konstruktion abstrakter Herrschaftsverhältnisse und drittens die Tendenz zur Personalisierung dieser abstrakten Herrschaftsverhältnisse. D.h. es geht ihm weniger um eine inhaltliche als vielmehr um eine formale Definition für die Anschlussfähigkeit von Antisemitismus. Darüber mag man diskutieren; einen Schritt weiter vermag man Knothe allerdings nicht zu folgen: dann nämlich, wenn er Antisemitismus als Erklärungsmodell für die nicht verstandenen Entwicklungstendenzen der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt deutet (S. 29). Das ist so weit gefasst, dass es konturlos wird.

Im Anschluss untersucht Knothe das globalisierungskritische Umfeld von Attac im Hinblick auf (sekundär) antisemitische Tendenzen und Äußerungen. Dieses Kapitel ist das schwächste des Buches, weil es aus einer willkürlichen Zusammenstellung – zugegebenermaßen höchst problematischer und durchaus antisemitischer – Zitate besteht. Daraus wird die Schlussfolgerung gezogen, dass »das Argument der strukturellen Affinität zu antisemitischen Weltbildern und der sekundär antisemitischen Elemente insbesondere in der Wahrnehmung des Nahostkonflikts gehaltvoll« sei (S. 134). Auf ähnliche Weise ließen sich indessen auch Zitate anführen, die eine ganz andere Quintessenz nahelegen, wie der Autor im Fazit selbst einräumt (S. 133).

Weitaus fundierter ist das folgende Kapitel: In ihm untersucht Knothe mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse die Dokumente von Attac Deutschland und Österreich, die sich mit den Antisemitismus-Vorwürfen auseinandersetzen – zu Recht gemachten Vorwürfen, wenn in einem Attac-Flugblatt von »der faschistischen israelischen Regierung« und »Sharons Endlösung« die Rede war, oder eine Puppe von Donald Rumsfeld mit Judenstern auf einer Demo gezeigt wurde. Knothe arbeitet heraus, dass die Vorwürfe von Attac Österreich – wenngleich von einer breiten Debatte auch hier nicht die Rede sein kann – intensiver wahrgenommen und reflektiert wurden, während bei Attac Deutschland die Bemühung überwog, die Kritiker als bewusste oder unbewusste Gegner der globalisierungskritischen Bewegung zu delegitimieren (S. 170). Knothe nennt hierfür drei Gründe: Zunächst führe die Fixierung auf das Movens Globalisierung, die als von außen verursacht gilt, zu einer Verhärtung und Fundamentalisierung, zu einer manichäisch, moralisch aufgeladenen Weltsicht. Hier taucht allerdings das bereits erwähnte Problem auf, ob das eine angemessene Beschreibung der Weltsicht von Attac-Mitgliedern ist, oder sich nicht aus anderen Zitaten etwas anderes ableiten ließe. Des weiteren plädiert der Autor indirekt für eine Art Reformismus und Mäßigung von Attac, wenn er m.E. fälschlicherweise unterstellt, dass Attac ins Grundsätzlich ausweiche und nicht mehr auf konkrete Probleme und erreichbare Ziele bezogen sei. Zumindest heute, wo etwa eine Finanztransaktionssteuer selbst von der herrschenden Elite gefordert wird, erscheint dies als unzutreffend.

Zweitens führe die heterogene und plurale Struktur von Attac im Interesse einer breiten Mobilisierung zu einer schwammigen Grenzziehung, und drittens lege der nationale Rahmen des Post-Holocaust-Deutschlands eine sekundär-antisemitische Reaktionsbildung nahe. Letzter Punkt lässt unberücksichtigt, dass – wie erwähnt – andere Studien besagen, dass Linke weniger (nicht generell) sekundär-antisemitisch sind als Rechte und Personen, die sich der Mitte zuordnen. Und überdies, dass es ja gerade die Linke, nicht zuletzt in Gestalt der 68er-Bewegung, war, die eine Thematisierung der NS-Verbrechen in der breiten Öffentlichkeit durchsetzte.

Knothe belässt es nicht bei diesem Fazit, er zeigt abschließend drei Ansatzpunkte auf, wie die Auseinandersetzung um Antisemitismus als Chance begriffen werden könne, die Globalisierungskritik so auszubuchstabieren, dass rechte Gruppierungen gar nicht mehr auf die Idee kommen, sich einer Attac-Demo anzuschließen. Genau das wurde auch bei Attac Österreich versucht. Einerseits müsse ein Verständnis von Globalisierung gewonnen werden, dass diese nicht als von außen kommend, sondern als widersprüchlichen Prozess beschreibt, den die Subjekte selbst reproduzieren. Damit zusammenhängend rät Knothe Attac zu einem Verzicht auf eine angeblich fundamental utopische und universalistische Perspektive (S. 192) und zu einer realistischen Auffassung der Veränderungspotenziale. Letzteres schadet nie – aber warum ein Verzicht auf eine utopische Perspektive, die es so ja nicht gibt? Vielmehr müsste es Attac darum gehen, die Globalisierungskritik zu einer adäquaten Kritik des Kapitalismus an sich auszubauen, die von den sozialen und ökonomischen Verhältnisse ausgeht, die die Menschen prägen, die aber auch von den Menschen verändert werden. Ähnliches – freilich nicht auf Attac beschränkt – wird in der aktuellen Folge von »Deutsche Zustände« mit der Frage nahegelegt, ob eine systembezogene Ökonomiekritik die Zunahme von »Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit« verhindern könne.[5] Die zwei weiteren Punkte – Aufarbeitung der Tradition des linken Antisemitismus und Reflexion der grundlegenden Mechanismen der Schuldabwehr – erscheinen indes als sinnvoll.

 

Rassismus und Nationalismus bei jungen Gewerkschaftern

Während Knothe einem herkömmlichen liberalen Wissenschaftsverständnis verpflichtet ist, Distanz zu seinem Untersuchungsgegenstand wahrt, und kaum über seine normativen wie politischen Standpunkte Auskunft gibt, folgt Marcus Meiers Dissertation einem kritischen Wissenschaftsverständnis. Er selbst ist Akteur innerhalb seines Untersuchungsgegenstandes gewesen: als Teamer in der Jungendbildungsarbeit der Gewerkschaften. Die dort gemachten Erfahrungen – die Konfrontation mit rassistischen und nationalistischen Einstellungen bei jungen Gewerkschaftsmitgliedern – haben ihn auf sein Forschungsthema gestoßen. Insofern verfolgt Meier nicht primär ein akademisches, sondern ein politisches Anliegen: Wie lässt sich die Praxis der Gewerkschaften insoweit ändern, als dass es zu einer angemessenen Reflexion der Praktiken exkludierender Solidarität, ethnisierender und ausgrenzender Ideologien und schließlich zu einer Entwicklung von inkludierender Solidarität kommt? Dies sieht Meier als möglichen Ausgangspunkt »im Ringen um gesellschaftliche Hegemonie, in der es um die Deutungshoheit und Erklärungskraft der Ursachen von Macht- und Herrschaftsverhältnissen im neoliberalen Kapitalismus geht« (S. 198). Ein politischer Forschungsantrieb muss nichts mit mangelnder Wissenschaftlichkeit zu tun haben. Im Gegenteil: Das Bild eines objektiven, unpolitischen Wissenschaftsbildes ist selbst Ideologie, weil es die stets vorhandenen subjektiv-politischen Vorannahmen negiert und somit politisch wirkt, indem – sei es bewusst oder unbewusst – ein solches Wissenschaftsverständnis auf die Apologie des Bestehenden hinausläuft. Überdies schließt eine politische Herangehensweise keineswegs eine streng wissenschaftliche methodische Arbeitsweise aus, das zeigt Meier mit seiner Arbeit aufs Neue.

Meier beginnt seine Dissertation mit einem Überblick über die bisherige Forschung zur Verbreitung von (extrem) rechten Einstellungen im Allgemeinen und im Besonderen bei gewerkschaftlich organisierten wie nicht organisierten Jugendlichen. Mit (extrem) rechten Einstellungen sind hier in erster Linie Rassismus und Nationalismus gemeint, da eine Berücksichtigung von weiteren rechten Einstellungsmustern den Forschungsrahmen sprengen würde. In Anschluss diskutiert Meier die diversen in der Literatur diskutierten Ursachen für die hohe Verbreitung von (extrem) rechten Einstellungen. Seine Herangehensweise hebt sich von anderen ab, weil sie in einer komplex verstandenen kritisch-materialistischen Manier die subjektiven Einstellungen bzw. Verarbeitungsformen im Kontext von sich wandelnden Arbeitsverhältnissen diskutiert. Hierfür wird auf Theoretiker wie Gramsci, Bourdieu, Holzkamp und andere zurückgegriffen. Meier zeigt, wie sich der »Wechselwirkungsprozess von subjektiven Deutungen und objektiven Strukturen vor dem Hintergrund einer massiven Verunsicherung« infolge des neoliberalen Kapitalismus an den Orten der Erwerbsarbeit verdichtet (S. 120). Die Erfahrung des zunehmenden Wettbewerbs wecke das Bedürfnis nach Begrenzung der Konkurrenz, nach Sicherheit und kollektiver Identität. Und gerade diese legitimen Anliegen spräche der Rechtspopulismus mit stereotypisierenden und stigmatisierenden Phraseologien der Ideologie der Ungleichheit an. Im empirischen Teil seiner Arbeit wertet Meier die geführten qualitativen Einzelinterviews und Gruppendiskussionen mit Gewerkschaftsjugendlichen aus der IG BAU und der IG Metall aus. Der Autor stellt ein überraschendes Ausmaß an Stigmatisierung von Hartz-IV Empfängern und gegenüber Migrantinnen fest. Da die Befragten zum Teil langjährige Jugendfunktionäre der Gewerkschaften sind, rückt im Folgenden der Umgang von Gewerkschaften mit dem Problem von rechten Einstellungen und den sie fördernden Praxen in den Fokus der Studie. Das Selbstverständnis der Gewerkschaften ist zweifelsohne durch ihr antifaschistisches Engagement gekennzeichnet, doch dieser so genannte Beschlussantifaschismus beziehe sich ausschließlich auf einen äußeren Feind – den Neonazi mit Springerstiefel und Glatze –, während die fremdenfeindlichen Tendenzen in der eigenen Organisation nicht angemessen thematisiert würden (S. 160). Meier argumentiert ähnlich wie Knothe im Hinblick auf Attac, dass Gewerkschaften ihre Kapitalismuskritik auf die Finanzsphäre konzentrierten, die von der kapitalistischen Produktionsweise abgespalten werde (S. 184). Dieses Kritikmuster blende aber die der kapitalistischen Produktionsweise immanenten Macht- und Herrschaftsverhältnissen, denen sich der Lohnarbeiter durch seinen Verkauf der Ware Arbeitskraft und damit mit der Schaffung des Mehrwerts für den Unternehmer tagtäglich unterwirft, aus. Schlimmer noch: Die Mächte in der Ökonomie werden bisweilen auf ausländische Mächte projiziert. Bestes Beispiel hierfür war das IG Metall-Cover vom Mai 2005, worauf eine Karikatur einer Stechmücke mit US-amerikanischen Zylinder abgebildet war.[6]

Meier begnügt sich freilich nicht mit dieser wenig erfreulichen Bestandsaufnahme, sondern ihm geht es – gerade weil er Gewerkschaften für unverzichtbar im Ringen für mehr Emanzipation hält – um die Entwicklung eines inkludierenden universellen gewerkschaftlichen Solidaritätsbegriffs. Sollten Gegenstrategien erfolgreich sein, so führt er aus, müssen Gewerkschaften eine strukturelle Konzeption ihrer Organisation hin zu einer nicht-rassistischen/antirassistischen Grundausrichtung in den Mittelpunkt rücken, die über Aufrufe zu Multikulturalismus und Völkerverständigung hinausreichen (S. 185). Vielmehr muss diese Ausrichtung Teil der Alltagskultur werden. Meier weiß aus eigener Praxis nur zu gut, dass das schnell gesagt, sich in der Alltagspraxis aber als sehr mühselig erweist, weil nämlich die Umsetzung herkömmliche Gewissheiten des gewerkschaftlichen Selbstverständnisses infrage stellt. Sie seien nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Ein Beispiel: Hierarchien in der Arbeitswelt und vor allem auf dem Weltmarkt würden als selbstverständlich wahrgenommen und zementierten damit ungleiche Wertigkeiten, die an Menschen nicht-deutscher Herkunft vergeben werden. Wenn nach gewerkschaftlichen Handlungsansätzen gefragt werde, so »gehen wir oft unbewusst von einer Norm aus, die die Belange derer, die nicht deutsch, männlich, weiß und in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis integriert sind, in den Hintergrund treten lässt«, führt der Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit des DGB-Thüringen aus. Und weiter: »Ist das schon Rassismus? Vielleicht nicht, aber vielleicht legt es die Grundlage, aus denen Rassismus entsteht«. (zit. n. S. 193f.) Der Punkt hierbei ist nicht, Menschen, die diese Einstellungen reproduzieren, als Rassisten zu denunzieren, sondern ein Bewusstsein zu schaffen, aus welchen Einstellungen jener entstehen kann. Und auf ein weiteres Problem macht Meier aufmerksam, welches gerade infolge der Weltwirtschaftskrise an Brisanz gewonnen hat: die so genannte Standortpolitik, in der Gewerkschaften gemeinsam mit Staat und Unternehmen scheinbar kollektiv gemeinsam Entwicklungen planen (S. 196). Ausgerechnet diese vermeintliche harmonische und nicht-antagonistische Politik rekurriere »auf eine der stärksten Feindbildkonstruktionen, die es im politischen Feld gibt: die andere Wirtschaftsnation« (ebd.), die immer nationalistisch aufgeladen sei. Abschließend betont Meier nochmals den Ansatzpunkt der Kultur als unausgeschöpftes Potenzial, einen Weg hin zu einer kollektiven Identität einzuschlagen, die auf einer inkludierenden Solidarität beruht.

Ein Fazit fällt schwer: Beide Bücher sind unbequem, weil sie die Gewissheiten von Attac und Gewerkschaften infrage stellen, beide argumentieren mehr (Meier) oder minder (Knothe) überzeugend und beiden geht es um eine Kritik, die eben nicht anschlussfähig für rechte Einstellungen oder Antisemitismus ist. Man tut gut daran, sich an diesen Büchern zu reiben.

[1] Die selbst dem gemäßigt antideutschen Spektrum zuzurechnende Zeitschrift phase 2 hat in ihrer aktuellen Ausgabe eine bemerkenswert differenzierte Bilanz der antideutschen Strömung veröffentlicht. Vgl. Mark Hachnik, Nach den Antideutschen, in: phase 2, Nr. 34, Dezember 2009, S. 32-36

[2] Vgl. Michael Ebenau: Es bleibt hoher Diskussionsbedarf. Zum Bericht der Kommission Rechtsextremismus des DGB, in: Sozialismus, Heft Nr. 7/8 (Juli/August 2000), vgl. Guido Speckmann, Alarmierende Ergebnisse, in Sozialismus, Heft Nr. 10 (Oktober 2007).

[3] Vgl. auch Jürgen Leibold/Steffen Kühnel: Einigkeit in der Schuldabwehr. Die Entwicklung antisemitischer Einstellungen in Deutschland nach 1989, in: Deutsche Zustände, Folge 7, hrsg. von Wilhelm Heitmeyer, Frankfurt/M. 2009, S. 131-151.

[4] Felix Knappertsbusch/Udo Kelle, »Mutterland des nomadisierenden Finanzkapitals« – Zum Verhältnis von Antiamerikanismus und Antisemitismus vor dem Hintergrund der Finanzkrise, in: Deutsche Zustände, Folge 8, hrsg. von Wilhelm Heitmeyer, Berlin 2010, S. 153.

[5] Julia Becker/Ulrich Wagner/Oliver Christ, Ursachenzuschreibung in Krisenzeiten: Auswirkungen auf Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, in: Deutsche Zustände, a.a.O., S. 140.

[6] Vgl. Samuel Salzborn, Zum antisemitischen Gehalt von Ungeziefer-Metaphern, in: Jungle World, 11.2.2010.

(aus: Sozialismus 4/2010)

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