Filmkritik: Das wahre Leben

»Die Franzosen haben uns geschluckt, ich bin arbeitslos« – mit diesen Worten eröffnet der Risikomanager Roland Spatz (Ulrich Noethen) seiner sich die Langeweile mit einer Galerie vertreibenden Frau Sybille (Katja Riemann) und seinen Söhnen Charles und Linus eine unverhofft neue Lebenssituation – mit einschneidenden Konsequenzen. Denn die Familie hatte sich bereits seit Langem daran gewöhnt, dass der Vater vollkommen, emotional wie zeitlich, von seinem Job in Anspruch genommen wird. Nun aber schickt er sich an, sich (wieder) für sie zu interessieren und seine Autorität als Vater wiederherzustellen. Doch die patriarchalen Strukturen sind längst durch das harte Businessleben und die zeitökonomische Durchdringung des Familienlebens ins Wanken geraten. Niemand braucht den Vater daheim, es kommt zur endgültigen Entzweiung mit den Söhnen und zu einer handfesten Ehekrise. In einem heftigen Streit schleudert Sybille ihren Mann den Satz um die Ohren »Du behandelst uns wie deine Angestellten«, worauf Roland erwidert: »Die konnte ich wenigstens entlassen«. Und in der Tat veranschaulicht die Tragikkomödie am Beispiel einer Familie die Folgen der zunehmenden Unterordnung aller Lebensbereiche unter das Diktat des Finanzmarktkapitalismus. Roland, gefangen in seiner Managerrolle, ist unfähig die Rolle eines Vaters oder Ehemanns einzunehmen. Wenn er es dennoch versucht – so wenn er etwa seinen Sohn Charles an einen vermeintlich tollen Segelurlaub erinnert –, zeigt sich, dass er auch hier nur vor seinem Chef punkten wollte, dem die Segeljacht gehörte. Auf Kosten Charles, den er zwang, das Steuer zu führen, um so dem Chef zu demonstrieren, welche tapferen Sohn er habe. Die nett gemeinten Gesprächsversuche enden in einem Fiasko: Roland weiß seit Jahren nichts mehr über seine Söhne. Weder ganz banale Dinge noch, dass Charles gerade sein Coming Out bei der Bundeswehr erlebt oder der wissenschaftlich Begabte Linus aus purer Langeweile Bomben baut und Postkästen und Kitschskulpturen der Nachbarschaft in die Luft sprengt. Den Verlust seiner Autorität als Vater versucht er krampfhaft mit dem Verweis auf die Tatsache, dass er doch schließlich alles bezahle zu kompensieren. Worin sich wiederum die Ökonomisierung seines Denkens offenbart.
In der scheinbar heilen gehobenen Mittelschicht in einem Stuttgarter Vorort kommen die Konflikte mit der neuen Situation der Arbeitslosigkeit also an die Oberfläche. Bei der neuen Nachbarsfamilie hingegen sind sie bereits tief in die Psyche eingegraben. Auf den plötzlichen Tod ihres Sohnes reagierte die Mutter mit Depressionen und Tablettensucht, die Tochter Florina (Hannah Herzsprung), zusätzlich unter den Liebesentzug ihrer Mutter und allgemein an mangelnder Aufmerksamkeit – der Vater ist ein viel gereister Geschäftsmann – leidend, ist suizidgefährdet. Zugleich ist sie in dem Film des schweizer Nachwuchsregisseurs Alain Gsponer die einzige Figur, die die Fassade der Mittelstandsidylle zu durchschauen scheint und gegen sie, wenn auch mit selbstzerstörerischen Aktionen, rebelliert. Der Mutter Spatz sagt sie offen ins Gesicht, dass sie sich die Galerie quasi als verlängerte therapeutische Maßnahme von ihrem Mann finanzieren lässt. Apropos Therapie: Das Klischee, wonach es in bestimmten gehobenen Kreisen schick sei, sich einen Psychologen anzuvertrauen, wird in kleinen Nebenszenen ins Lächerliche gezogen – wie übrigens auch der Kunstbetrieb, der Journalismus sowie die Headhunter-Branche (»Haben Sie Erbkrankheiten« – »Was soll das?! Sagen Sie mir einfach, was ich tun soll!«).
Diese knappen, treffenden Dialoge, die hervorragenden Schauspieler und die Details in der Bildführung – etwa wenn die Kamera Rolands musternden Blick durch die Wohnung folgt, so als ob er sie das erste Mal bewusst sieht – machen den Film weitaus interessanter als so manch andere derzeit hochgelobte deutsche Filmproduktion. Allein, den etwas zu dick aufgetragenen Schluss hätte der Regisseur sich sparen können.

(aus: Sozialismus 4/2007)

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