Filmkritik: Free Rainer

„The hard working people, the salt of the earth“ – diese Zeile aus einem frühen Song der Rolling Stones zeugt vom einstigen Stolz der Arbeiterklasse. Heute ist dieser Stolz, ja das schlichte Bewusstsein über die eigene Stellung im Produktionsprozess, verschwunden.
Nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung ist die kommerzialisierte Populärkultur, insbesondere das Fernsehen. Über dieses wird den Unterprivilegierten eine Vorbildwirkung von Celebrities vermittelt, deren Lebensstil und Kultur nichts mit ihnen zu tun hat. Harald Schmidt machte eine Facette dieses Phänomens mit dem Begriff „Unterschichtenfernsehen“ populär. Er traf einen Nerv, weil er die Angst der Bevölkerung vor dem sozialen Abstieg in Verbindung mit der kulturellen Benachteiligung auf den Punkt brachte.
Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis der erste Kinofilm sich dieses Themas annehmen würde. Hans Weingartner überzeugt mit „Free Rainer“ im Gegensatz zu seinem vorigen Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ allerdings nur bedingt.

Erzählt wird die Handlung von Rainer (Moritz Bleibtreu), einem überaus erfolgreichen und skrupellosen Produzenten von ebenso stumpfen TV-Shows wie zum Beispiel „Hol dir das Superbaby“. Dessen durch Drogen und Wutausbrüche kompensierte Selbstzweifel an seiner Tätigkeit brechen vollends auf, als er von der jungen Frau Pegah (Elsa Sophie Gambard) bei einer Racheaktion für den von ihm mitverschuldeten Selbstmord ihres Großvaters mit dem Auto angefahren wird. Nun beginnt Rainers rasche Wandlung vom Saulus zum Paulus. In Lebensgefahr schwebend träumt er, dass eine Jury von Unterschichtszombies in einer Reality-Show über sein Leben abstimmen darf. Und als ihm bewusst wird, dass er in seiner Fernsehsendung Pegahs Opa zu Unrecht des Dopings beschuldigt hat, zählt nur noch eins: der Kampf gegen das verdummende Fernsehen. Zunächst versucht er, diesen Kampf innerhalb des Systems zu führen. Er startet mit einer neuen qualitätsvollen Sendung, die etwa über die US-Kriegspropaganda zur Legitimierung des Golfkriegs informiert. Hätte Weingartner tatsächliche Aufklärungsarbeit leisten wollen, wären allerdings die Lügen eines sozialdemokratischen Verteidigungs- und eines grünen Außenministers zur Rechtfertigung des Krieges gegen Jugoslawien 1999 passender gewesen.

Doch diese Sendung erhält katastrophale Quoten und wird abgesetzt. Jetzt greift Rainer zu illegalen Mitteln: Er veräußert sein ganzes nicht unbeträchtliches Hab und Gut, lässt die Freundin sitzen, das alte Leben hinter sich, um vereint mit Pegah und angeheuerten Hartz-IV-Empfängern das Quotierungssystem zu verändern. Mit Erfolg: Die Sender sehen sich entsprechend den manipulierten Zuschauerzahlen gezwungen, anspruchsvolle Dokumentationen und Filme auszustrahlen. Und das Publikum gewöhnt sich daran. Auch nach dem Ende der Manipulierungen will es weiter Fassbinder-Filme und Dokus über das alte Ägypten sehen, die Printmedien berichten von einem „geistigen Frühling“ in Deutschland, von einer Renaissance des Volks der Denker und Dichter. Mission geglückt! Gegen Ende des Films können sich unsere Helden, die sich im Kampf von der Unterschicht an sich zur Unterschicht für sich entwickelt und damit auch ihre vormalige Vereinzelung überwunden haben, einer weiteren Mission zuwenden.

So unterstützenswert Weingartners Kritik an den Medien und den Individualisierungstendenzen im modernen Kapitalismus ist, so zweifelhaft erscheint seine filmische Umsetzung. Sämtliche aus Soap-Operas bekannten Klischees wie Schwarz-Weiß-Malerei, Happy End, Stereotypen, billige Gags, Vorhersehbarkeit der Handlung finden ihre Anwendung. Der Zeigefinger ist hoch erhoben. Und natürlich darf eine Lovestory nicht fehlen: Zum Schluss liegen sich Rainer und Pegah in den Armen.
Aber vielleicht ist das gerade Hans Weingartners Dialektik: Mit den Mitteln des Boulevards den Kampf gegen das Unterschichtenfernsehen aufnehmen. Dafür spricht zumindest seine Äußerung, wonach er nicht nur Menschen erreichen möchte, die zehn Jahre studiert haben.

(aus: Sozialismus 12/2007)

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