Filmkritik: Princesas

Bürgerliche Demokratien schlossen stets – wie unlängst erneut Luciano Canfora in seiner kurzen Geschichte der Demokratie ausführte – einen Großteil von Menschen aus, indem ihnen der Bürgerstatus und damit das Wahlrecht verwehrt wurde, von sozialer Gleichheit gar nicht zu reden. Heute schottet sich die Festung Europa gegenüber den MigrantInnen ab und verweigert denen, die es dennoch geschafft haben, ein Aufenthaltsrecht. Die derart Illegalisierten sind somit gezwungen, ihren Lebensunterhalt in der Schattenökonomie zu verdienen – Frauen oftmals auf dem Sexmarkt. 
In dem neuen Film des Spaniers Fernando León de Aranoa, bekannt durch seinen Arbeitslosenstreifen „Montags in der Sonne“ wird das Schicksal einer dieser Prostituierten gezeigt. Zulema aus der Dominikanischen Republik ist nach Madrid gekommen, um als Hure Geld für ihre Familie, insbesondere für ihren fünfjährigen Sohn, zu verdienen. Da sie keine Papiere hat, klammert sie sich an jedes Versprechen, das ihr eben diese in Aussicht stellt. Das macht sie anfällig für Demütigungen skrupelloser Freier. Nachdem sie das erste Mal von einem verprügelt wurde, wird ihr von Caye – ebenfalls eine Prostituierte, allerdings aus besserem spanischen Haus – geholfen. Es entwickelt sich eine Freundschaft. Nicht selbstverständlich, da im Kreise ihrer Kolleginnen mächtig über die Konkurrenz aus den südlichen Ländern, die es zu Dumpingpreisen machen, hergezogen wird. Eine Szene, die die Schnittmenge von Neoliberalismus und Rassismus veranschaulicht: Als einer Hure, die rassistische Stereotype zum Besten gibt, vorgeworfen wird, dass sei doch rassistisch, erwidert diese schlicht, nein, das seien die Gesetze des Marktes. Es gibt zu viel Angebot – und das, seitdem die Illegalen aufgetaucht seien.
Die vertraulichen Gespräche der beiden Freundinnen – die zu den besten Szenen de Films gehören – zeigen, dass beide im Prinzip dasselbe ersehen: Glück in Form einer festen Beziehung und/oder einer Familie. Doch verwehrt wird es ihnen aus unterschiedlichen Gründen. Während Zulmela zunächst aufgrund schnöder ökonomischer Gründe an der Rückkehr zu ihrer Familie gehindert wird, liegt die Ursache für Caye offenbar in der bürgerlichen Fassade ihrer Familie begründet, hinter der sich tiefe Konflikte mit ihrer Mutter und ihrem verstorbenen Vater verbergen. Eine Andeutung des Regisseurs auf das katholisch-patriarchale Milieu Spaniens, in der Frauen bis vor nicht allzu langer Zeit nicht einmal ein Bankkonto eröffnen durften. In Grunde geht es Caye somit emotional noch schlechter als ihrer ständig von Abschiebung bedrohten und erpressbaren Freundin. Im Gegensatz zu ihr kann sie sich nicht wirklich nach etwas sehnen, da sie noch nie etwas wirklich Schönes erlebt hat. Damit korrespondieren die unterschiedlichen Motivationen ihres Gelderwerbs: Cayes Ziel ist es, Geld für eine Brustvergrößerung zu sparen, mit der sie sich eine erhöhte Attraktivität bei ihren Freiern und damit wiederum mehr Geldeinnahmen erhofft. Zumela geht anschaffen, um ihre Rückreise zu ihrer Familie zu finanzieren. Die Beziehung der beiden inmitten der trostlosen im Stile des Dokumentarfilms eingefangenen Umgebung Madrids vermag ihnen zwar Momente des Glücks bescheren, doch sind diese nicht frei von einer kulturindustriellen Vermittlung – so etwa die Shopping-Touren. Die zaghaften Anfänge einer Beziehung werden immer wieder durch die Vermischung von Job und Privatem gestört. Zum Schluss des Filmes fliegt Zumela dank des ursprünglich für die Brust-OP gedachte Geldes ihrer Freundin zurück in die Dominikanische Republik. Cayes Befreiungsversuch hingegen ist subtiler: Sie bittet ihre Mutter, den Anruf eines Freiers entgegenzunehmen, um so die Doppelmoral in ihrer Familie zu durchbrechen.
Fernando León de Aranoa hat einen sozial-realistischen Film gedreht, der gegen die Ausbeutung von Immigrantinnen aus den armen Ländern des Südens in den Metropolen der westlichen Demokratien Stellung bezieht. Auswege oder tiefere Erklärungen bietet er nicht an, doch auch die moralische Stellungnahme gegen den Sexmarkt als Billigkopie der gesellschaftlichen Praxis der neoliberal-kapitalistischen Gesellschaften, die keine wahre Gleichheit vorsehen, ist für das heutige Kino ja schon einiges – zumal wenn es filmisch so souverän umgesetzt ist.

(aus: Sozialismus 2/2007)

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