Empirischer Kurzschluss

Die antideutsche Kontinuitätsthese ist Unfug. Die Kritik des deutschen Nationalismus und WM-Patriotismus allerdings weiterhin notwendig.

Unlängst gab Aram Lintzel in seinem Text »Empirischer Störfall« (taz, 8.6.2010) bekannt, dass er schon jetzt genervt sei von der Paranoia alarmierter Kokommentatoren, die aus dem Torgegröle den Prolog zum Pogrom heraushören. Mit Kokommentatoren meint er die sogenannten Antideutschen, deren Resonanzboden sich zur Fußball-WM erhöhen werde. Denn hinter der schwarz-rot-goldenen Bildsprache lauere mindestens Nationalismus, wenn nicht Faschismus. Lintzel kritisiert zu Recht die ungebrochene Kontinuitätsthese der Antideutschen, die umstandslos suggeriert, die deutsche Volksgemeinschaft habe sich auch sechs Jahrzehnte nach dem Untergang des Nazifaschismus kaum geändert. Und ebenso zutreffend ist seine Feststellung, dass den Antideutschen vorgeworfen werde, dass sie ex negativo genau jene identitäre Zwangslogik fortschreibt, welche Gegenstand ihrer antifaschistischen Kritik sei. Indes: Lintzel schüttet das Kind mit dem Bade aus: Die antideutsche Kontinuitätshypothese sieht er durch einen »empirischen Störfall« widerlegt – einen »empirischen Störfall« aus seiner ganz persönlichen Beobachtung: eine Gruppe schwarz-rot-gold geschminkter Israelis, die nach einem Spiel der deutschen Nationalelf während der WM 2006 am Brandenburger Tor feierten. Diese Israelis waren nämlich »jene amtlichen Zionisten«, mit denen Antideutsche sich bedingungslos solidarisch erklären.

Doch schieben wir die persönlichen Beobachtungen beiseite und begeben uns auf das empirische Feld. Was sagen empirische Forschungsprojekte über die Verbreitung von nationalistischen und patriotischen Einstellungsmustern aus? Ist infolge des Party-Patriotismus während der WM 2006 ein Anstieg dieser Einstellungen zu beobachten? Und gibt es einen Zusammenhang von Nationalismus/Patriotismus, der Abwertung von Fremden und rassistischen Einstellungen? Wilhelm Heitmeyers Langzeitforschungsprojekt »Deutsche Zustände« ist in seiner Folge 5 (2007) u.a. genau diesen Fragen nachgegangen, rezipiert wurden diese Ergebnisse indessen kaum. Kein Wunder: Denn die Resultate widersprechen jenen, die dem unverkrampften Verhältnis der Deutschen zu ihren Nationalflaggen und einem »gesunden Umgang mit der eigenen Nation« das Wort reden. So stellen die Autoren des Beitrages »Nationalismus und Patriotismus als Ursache von Fremdenfeindlichkeit« fest, dass die WM einen positiven Effekt auf beide Formen nationaler Bindung, Patriotismus und Nationalismus, gehabt habe: Die nationalistische Variante sei angestiegen, während die patriotische leicht abgefallen sei. Die Vermutung, dass es sich bei der nationalistischen Bindung infolge der WM um eine offene und tolerante Form der Identifikation mit dem eigenen Land handele, verneinen die Autoren. »Der Zusammenhang von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit bleibt relativ stabil.« Das unterstreicht auch die Studie »Nation und Exklusion« (2008) von Klaus Ahlheim und Bardo Heger: Die Zustimmungswerte zu der Aussage »Ich bin ziemlich oder sehr stolz, ein Deutscher zu sein« sind von 1996 bis 2006 von 63 auf 73% gestiegen, und schon im Ansatz gingen sie mit der Ausgrenzung und Abwehr der nicht Dazugehörigen, der Fremden einher. Die »Deutschen Zustände«-Forscher zeigen überdies, dass der vermeintliche Patriotismus, der sich im Gegensatz zum Nationalismus nicht durch einen Stolz auf die Nation an sich, sondern vielmehr durch seine demokratischen Traditionen und den Wohlfahrtsstaat auszeichne, dennoch eine problematische Komponente aufweist. Patriotismus umfasse nämlich neben der Verfassungspatriotismus-Komponente auch die Bindung an das eigene Land, und gerade bei den Westdeutschen fördere dies die Ablehnung von Fremden. Insofern sei nicht viel von der These zu halten, Patriotismus, verstanden als Wertschätzung von Demokratie und sozialen Werten, mindere die Verbreitung fremdenfeindlicher Einstellungen. Das tun diese Elemente an sich, mit der Bindung an das eigene Land hat das aber nichts zu tun.

So haltlos infolgedessen die These einer bruchlosen Fortsetzung der deutschen Volksgemeinschaft in der Bundesrepublik ist, so falsch ist auch die Annahme, dass insbesondere der WM-Patriotismus harmlos ist. Im Gegenteil: Nationalistisches Denken ist in Deutschland weit verbreitet und geht mit rassistischen Abwertungen einher. Auf die Dialektik von Kontinuität und Bruch kommt es mithin an.

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