Über Mike Davis‘ „Die Geburt der Dritten Welt“

Davis, Mike, Die Geburt der Dritten Welt – Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter, Assoziation A, Berlin, Hamburg, Göttingen 2004 (464 S., Ln., 30 €)

Davis’ Kernthese ist, „dass das, was wir heute die ‚Dritte Welt’ nennen, ein Produkt der Einkommens- und Vermögensungleichheiten ist – der berühmten ‚Entwicklungslücke’, die vor allem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstanden ist, als man begann, die großen Bauernschaften außerhalb Europas in die Weltwirtschaft zu integrieren.“ (24) Zur Zeit der Französischen Revolution 1789ff. habe es neben den Klassenunterschieden innerhalb einer Gesellschaft noch keine entsprechenden zwischen den Gesellschaften Europas und Asiens gegeben. Der durchschnittliche Lebensstandard in Europa lag Mitte des 19. Jahrhunderts sogar etwas unter dem Asiens (295ff). Die Geburt der „Dritten Welt“ habe sich im Laufe des Viktorianischen Zeitalters, der Hochphase des liberalen Kapitalismus, herausgebildet. „Millionen starben nicht außerhalb des ‚modernen Weltsystems’, sondern im Zuge des Prozesses, der sie zwang, sich den ökonomischen und politischen Strukturen anzupassen. Sie starben im goldenen Zeitalter des liberalen Kapitalismus; viele wurden […] durch die dogmatische Anwendung der heiligen Prinzipien von Smith, Bentham und Mill ermordet.“ (18)
Davis schildert mit den Mitteln der traditionell erzählenden Geschichtsschreibung die Hungerkatastrophen zwischen 1876 und 1879 sowie zwischen 1896 und 1900 in Indien, China und Brasilien, die in Folge von Dürren zwischen 31 und 61 Millionen Opfer fanden (16). Katastrophen, die in der westlichen Geschichtsschreibung auch von Marxisten wie Hobsbawm nicht berücksichtigt wurden (17f). Die Verhungernden waren Opfer des Zusammenspiels der ersten Welle der kapitalistischen Globalisierung, der Integration der bäuerlichen Subsistenzwirtschaften in Indien, China etc. in den Weltmarkt und der am Ende des 19. Jahrhunderts besonders heftigen Dürrekatastrophen in Folge der El-Nino-Southern-Oscillation (ENSO). Davis bezeichnet seine Methodologie in Anschluss an Michael Watts (Silent Violence: Food, Famine and Peasantry in Northern Nigeria 1983) als „Politische Ökologie des Hungers“, die die marxistische Politische Ökonomie mit der Umweltgeschichte verbindet (25). In diesem Sinne definiert er Termini wie Hungerkausalität, Hungersterblichkeit und Klima nicht essenziell, sondern als von sozialen Auseinandersetzungen mitgeprägte Kategorien. Hunger ist demnach in entwickelteren Gesellschaften nicht einfach Lebensmittelknappheit, sondern eine Konsequenz von bspw. zu hohen Preisen und Beschäftigungslosigkeit (29). Klimatische Risiken werden nicht als naturgegeben, sondern als Ergebnis ausgehandelter Abmachungen gesehen, da jedes Gemeinwesen andere institutionelle, soziale und technische Mittel entwickelt, mit diesen Risiken umzugehen. „Hungerkatastrophen sind demnach soziale Krisen, die das Versagen spezifischer ökonomischer und sozialer Systeme widerspiegeln.“ (291) Das schließt eine besondere Gewichtung von Klassenkämpfen und sozialer Ungleichheit bei der Analyse von Hungerkatastrophen ein (30). Am Beispiel der indischen Mogule und der chinesischen Kaiser des 18. Jahrhunderts zeigt Davis, wie andere spezifische und soziale Systeme als die vom britischen Imperialismus beeinflussten auf ähnliche Dürrekatastrophen reagiert haben. Durch ein System von Preisregulierung, Kornspeichern, einem Embargo für Weizenexporte, der unentgeltlichen Verteilung von Lebensmitteln, Bewässerungssystemen und einer niedrigen Besteuerung wurden die Katastrophen vermieden bzw. gemildert (288ff). Das Journal of the Statistical Society veröffentlichte schon 1878 eine Studie, wonach 31 schwerwiegenden Hungersnöten in 120 Jahren britischer Herrschaft nur 17 nachgewiesenen Hungersnöten in den beiden vorangegangen Jahrtausende gegenüberstanden (291).
Das System der britischen Kolonialherrschaft mit den aufgezwungenen Handelsschulden, dem zunehmenden Exportdruck zu Lasten der einheimischen Nahrungssicherheit, überhöhte Steuern und ein räuberisches Handelskapital, die Kontrolle über zentrale staatliche Einnahmequellen und Entwicklungsressourcen, anhaltende imperiale Militäraktionen und Bürgerkriege und ein Goldstandard, der die Taschen der asiatische Kleinbauern leerte (308), machten die peripheren Subsistenzwirtschaften extrem anfällig für Naturkatastrophen. Das war der Scheidepunkt für die Entwicklung der Welt in eine Erste und eine Dritte Welt.
Die Studie besticht durch ihre ungeheure Materialdichte; Verf. stützt sich auf lateinamerikanische und asiatische Historiker, so dass deren Arbeiten nun hoffentlich auch in Deutschland zur Kenntnis genommen werden. Zu kritisieren ist jedoch der Anspruch, die Geburt der „Dritten Welt“ erklären zu wollen. Denn Davis gelingt dies lediglich für Indien, China und Brasilien, den Kontinent Afrika behandelt er leider nur am Rande. Aber gerade Afrika ist ein wesentlicher Bestandteil der im Kalten Krieg geprägten Kategorie „Dritte Welt“. Nach einer Phase der vorwiegend kulturwissenschaftlichen Geschichtsschreibung des Kolonialismus (Said, Mitchell, Dirks, Stoler), stellt Davis Fragen der „alten“ Sozialgeschichte auf neue Weise: die nach dem Zusammenhang von Staatsbildungsprozessen, Armut, sozialen Bewegungen und – darin besteht das Neue – der Umweltgeschichte. Darüber hinaus drängt sich die Frage auf, was die Millionen von Toten der ersten Welle der Globalisierung über die heutige Welt aussagen. Davis äußert sich dazu nicht, politisch ist seine Studie durchaus als „Schwarzbuch des Kapitalismus“ zu lesen, wenngleich es in wissenschaftlicher Hinsicht nichts mit den sonst so bezeichneten Büchern zu tun hat.

(aus: Das Argument 253)

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