Faschismus oder „nationaler Sozialismus“?

Mit dem 2006 gestarteten Versuch des konservativen Lifestylemagazins Cicero, nach Günter Grass auch die zweite Ikone der sozialdemokratischen Kulturrevolution, Jürgen Habermas, zum jugendlichen Adepten des Spätfaschismus zu machen, wird eine Tendenz der geschichtspolitischen Frontstellung deutlich, die Albrecht von Lucke in einer Analyse der Grass-Debatte als „Propaganda der Neuen Bürgerlichkeit“ bezeichnet hat. Während Grass’ spätes Eingeständnis seiner SS-Angehörigkeit als 17-jähriger bei den einen Entsetzen und bei den anderen mehr oder minder deutliche Befriedigung ob der damit erlangten moralischen Desavouierung auslöste, geriet die den Memoiren Joachim C. Fests entnommene Geschichte über Habermas’ angebliche Hitler-Begeisterung schnell zum Rohrkrepierer. Die offensichtliche Fehlinformation in Fests Buch, zu der dieser aufgrund seines Todes keine Stellung mehr nehmen konnte, ist nur schwer als Fauxpas des Autors zu deuten. Vielmehr zeigt sich hier eine späte Revanche in einer Jahrzehnte alten Kontroverse, die ihren Grund in der Deutung der deutschen Vergangenheit hat, die sowohl für Habermas als auch für Fest entscheidender Bezugspunkt ihres öffentlichen Wirkens war und ist.
Zum ersten Mal trafen diese unterschiedlichen Sichtweisen auf Faschismus und deutsche Geschichte im Historikerstreit von 1986 aufeinander, als Habermas der Antipode zu Fest und Ernst Nolte war, die beide in der damaligen Bundesrepublik ein neues, von den Deutungen der 68er Generation abgehobenes Bild der NS-Vergangenheit etablieren wollten. Und ähnlich wie damals ging es auch zwanzig Jahre später um die Frage nach der Verantwortung für den Faschismus, nach den sozialen Trägern der NS-Bewegung und schließlich nach dem Selbstverständnis eines deutschen Bürgertums, das sich wieder in die Rolle der natürlichen Elite begeben möchte – befreit möglichst von jedem historischen Ballast. Mit Grass und Habermas werden zwei Vertreter der politischen Richtung der alten Bundesrepublik zu typischen Mitläufern des Faschismus erklärt, die in ihrer kritischen Wendung gegen die alten Eliten und das Beschweigen der Vergangenheit aus der Sicht des Konservatismus für den verhängnisvollen Bruch von 1968 verantwortlich sind, der den Konservatismus so lange in die Defensive gedrängt hatte. Als „Angriff auf die bürgerliche Welt“ wertet Udo di Fabio dementsprechend die 68er Bewegung, und die Aussage des früheren Familienministers und zeitweiligen Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, Bruno Heck, „die Rebellion von 68 hat mehr Werte zerstört als das Dritte Reich. Sie zu bewältigen, ist daher wichtiger, als ein weiteres Mal Hitler zu überwinden“ , trifft das Empfinden vieler Konservativer bis heute.
War die schärfste Waffe der 68er der Verweis auf das Versagen des deutschen Bürgertums gegenüber dem Faschismus, so lassen sich auf Seiten des Konservatismus immer wieder Versuche ausmachen, diese Waffe zu entschärfen, in dem ein gänzlich anderes Bild der faschistischen Vergangenheit gezeichnet wird. Grass hatte in seinem „Geständnis-Interview“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) mit dem Hinweis auf die ihn faszinierende „antibürgerliche“ Seite der Nazis und die Ideologie der „Volksgemein-schaft“ genau die Stichworte geliefert, die von interessierter Seite genutzt werden konnten. Konstitutiv für den Faschismus und – das war der Clou – die 68er-Bewegung seien demnach Werte wie Antibürgerlichkeit, Volksgemeinschaft bzw. klassenlose Gesellschaft, die aus begeisterten Jünglingen für den Faschismus später Wortführer der 68er-Generation machten. Die positive Schlussfolgerung für die eigene Gruppe zog Joachim Kaiser, langjähriger Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung: „Mir wird dadurch deutlich, dass es offenbar in meinen damals bürgerlich-großbürgerlichen Kreisen, deren politisches Versagen man nach 1945 so oft kritisierte, eine viel unmittelbarere, geradezu instinktive Ablehnung des Dritten Reiches und des wahnsinnigen Hitlerkrieges gegeben hat als in proletarischen oder simplen Schichten.“
Das hier aufscheinende Bild des deutschen Faschismus ist nicht neu und die Frontstellungen, wie sie schon im Historikerstreit zu beobachten waren, werden nur reaktiviert. Es handelt sich vor allem um geschichtspolitische Kämpfe, die nicht durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse abgedeckt werden. Wenig Grund also, sich mit diesen Fragen erneut zu beschäftigen? Dem entgegen steht die Entwicklung der historischen Debatten zum deutschen Faschismus, wie sie in den letzten zehn Jahren zu beobachten waren und die von einigen schon als Rückkehr der Faschismusdebatte bezeichnet wurde. Mit einem Rekurs auf den Faschismusbegriff lässt sich einer Relativierung der Verantwortung der bürgerlichen Eliten aus Politik und Wirtschaft für die Machtübertragung an den Faschismus, wie sie hier skizziert wurde, am effektivsten entgegen treten. Welche Entwicklungen zeichnen sich hier also ab und welche Sichtweisen konkurrieren miteinander. Nach einem einleitenden Blick auf die Debatte um Götz Alys Buch „Hitlers Volksstaat“ wollen wir uns ausgewählten neueren Arbeiten zum Faschismus widmen.

Götz Aly: „Wohlfühldiktatur“, „nationaler Sozialismus“?

Götz Alys Buch über „Hitlers Volksstaat“ hat die wissenschaftliche und öffentliche Debatte zur generellen Bewertung des deutschen Faschismus neu belebt und die vorhandenen Stränge und oftmals unausgesprochenen Deutungen der letzten Dekade pointiert auf den Punkt gebracht. Die Frage der Zustimmung zum und Beteiligung weiter Teile der deutschen Bevölkerung am NS-Regime und seinen Massenverbrechen beschäftigt seit den neunziger Jahren die Wissenschaft in zunehmendem Maße: Wie weit ließen sich „ganz normale“ Männer und Frauen auf das verbrecherische System ein, unterstützten es aktiv oder passiv, profitierten von seinen – und ihren – Verbrechen? Welche Motivation lag dieser Beteiligung zugrunde? War es eine vor allem ideologische Übereinstimmung, bestehend aus Antisemitismus, völkischem Rassismus und Nationalismus oder handelte es sich um eine materiell erkaufte Beteiligung, die aus Profiteuren von Raub und Vernichtungskrieg Komplizen des Regimes machte?
In zahlreichen geschichtspolitischen Kontroversen der letzten Jahre, von Browning, Goldhagen und der Wehrmachtsausstellung bis zu Götz Aly spielt die kontroverse Deutung dieser Fragen nach Beteiligung und Täterschaft eine wesentliche Rolle. Besonderes Aufsehen erregen dabei die Arbeiten, die mit einer zugespitzten These eine vermeintlich eindeutige Antwort liefern. Götz Aly formuliert eine solche zugespitzte These, wenn er schreibt, dass der Holocaust unverstanden bleibt, „sofern er nicht als der konsequenteste Massenraubmord der modernen Geschichte analysiert wird.“ Alys Erklä-rungsansatz für den millionenfachen Mord an den europäischen Juden ist, vor dem Hintergrund seiner bisherigen Arbeiten nicht verwunderlich, ein materialistischer. Nicht antisemitische Ideologie oder ein eliminatorischer Antisemitismus erklären den Holocaust, sondern das – von politischer Führung und Bevölkerung geteilte – Motiv der materiellen Ausbeutung der enteigneten, deportierten und schließlich ermordeten jüdischen Bevölkerung im von Deutschland besetzten Europa. Diese materiellen Motive, angefangen von den Finanz- und Wirtschaftsfachleuten bis hin zu den ausgebombten Familien, die mit dem geraubten Hausrat der deportierten Juden neu ausgestattet wurden, breitet Aly an verschiedenen Stellen seiner Untersuchung aus. Aber Aly geht es um mehr als die Frage nach Motivation und Beteiligung an den NS-Massenverbrechen, es geht ihm um eine generelle Deutung des faschistischen Herrschaftssystems in Deutschland, das er mit Attributen wie „Volksstaat“, „Gefälligkeitsdiktatur“, „Wohlfühldiktatur“ und „nationaler Sozialismus“ belegt. Diese Kennzeichnungen des Regimes haben vielfältigen Widerspruch hervorgerufen.
Alys Verdienst ist es, materielle Faktoren der bis zum Ende bestehenden Massenloyalität gegenüber dem NS-Regime herausgearbeitet zu haben. Ihm gelingt es damit, den in den letzten Jahren vor allem benannten ideologischen Motiven eine materielle Komponente gegenüberzustellen, die für einen Großteil der Mitläufer und einfachen „Volksgenossen“ eine größere Kraft besitzt, als etwa ein „eliminatorischer Antisemitismus“.
Scharf kritisiert wurden hingegen die von Aly aus seinen Quellen gezogenen Schlüsse, die eine generelle Einordnung und Charakterisierung des NS-Herrschaftssystems betreffen. Aus linker Perspektive sind hier besonders die Einwände zu nennen, die in der Zeitschrift Sozial.Geschichte vorgebracht wurden: Angelika Ebbinghaus, Rüdiger Hachtmann, Christoph Buchheim, Thomas Kuczynski und Michael Wildt üben hier teils scharfe Kritik an Aly. So müsse das von ihm gezeichnete Bild der sozialen Lage der subalternen Klassen im Dritten Reich relativiert werden. Keineswegs habe sich die ma-terielle Lage der Bevölkerung gegenüber der Weimarer Republik verbessert, auch könne bei der Verteilung der sozialen Lasten nicht von einer einseitigen Bevorzugung der unteren Klassen gegenüber der Bourgeoisie gesprochen werden. Das Schwadronieren Alys über einen „nationalen Sozialismus“ entbehre jeder Grundlage. Aly bestätige letztendlich mit seiner Darstellung die NS-Propaganda von einer homogenen Volksgemeinschaft und negiere alle real vorhandenen Klassenspaltungen. Die Autor(inn)en der Sozial.Geschichte führen für ihre Kritik überzeugende Belege an und weisen Aly weiter einen laxen Umgang mit dem von ihm präsentierten Zahlenmaterial vor. Bei aller berechtigten Kritik formulieren sie jedoch keine Alternative zu der von Aly vorgetragenen Hauptthese, dass die materielle Beteiligung am Raubkrieg ein wesentliches Motiv für die Bindung zum Regime war. Die empirischen Fakten scheinen den Kritikern Recht zu geben, aber offensichtlich treffen sie damit nicht den entscheidenden Punkt. So, wie seit Jahren die offiziellen Kriminalitätsstatistiken ein Sinken der Kriminalität ausweisen und sich gleichzeitig ein Anstieg subjektiver Bedrohungsgefühle verzeichnen lässt, so scheint auch die gefühlte materielle Verbesserung der einfachen Deutschen über die faktische Lage zu triumphieren. Letztlich wäre es dann jedoch keine materielle, sondern eine propagandistische Einbindung gewesen.
Wenig beachtet wurde bei der Kritik an Aly, dass dessen Paradigmenwechsel, von der Verantwortung der Eliten zur Verantwortung der „kleinen Leute“, Vorläufer hat: Der neurechte Historiker Rainer Zitelmann legte zu Beginn der neunziger Jahre ein Buch mit dem Titel „Hitler: Selbstverständnis eines Revolutionärs“ vor, in dem er Hitler als Vertreter der „kleinen Leute“ und nationalen Sozialisten vorstellte, dessen Politik sich vor allem gegen das konservative Bürgertum richtete. Zitelmann ging es damals um eine historische Entlastung der bürgerlichen Rechten. Alys Motive sind andere, an manchen Stellen ergibt sich jedoch eine beängstigende Übereinstimmung in den Argumentationen.
Insbesondere die Entlastung der bürgerlichen Eliten dürfte Aly viele Freunde in der bürgerlichen Presse gebracht haben. Ähnlich wie schon Zitelmann zu Beginn der neunziger Jahre sieht auch Aly in den konservativen und bürgerlichen Eliten und der Wirtschaft die eigentlichen Verlierer des Regimes. Ihnen seien die größten finanziellen Lasten abverlangt worden. Der Raubkrieg im Osten wird von Aly als Mittel zur Massenbindung durch Beteiligung gedeutet: „Das alles wurde nicht zum Vorteil von Junkern und Monopolisten geplant, sondern als konkrete Utopie für jedermann.“ Durchgehalten werden kann eine solche Sichtweise bei Aly, weil er sich konsequent auf den Faschismus an der Macht und auf die für die Masseneinbindung besonders wichtige Kriegszeit beschränkt. Die Geschichte und Kontinuität deutscher imperialistischer Interessen, die Eingaben und Planungen deutscher Kapitalisten für einen neuen Krieg im Osten, die Beteiligung der Wirtschaft am Generalplan Ost – all das spielt bei Aly keine Rolle. So wird der verdienstvolle Ansatz des Autors durch eine verkürzte Perspektive letztlich zu einer Umdeutung des Faschismus insgesamt – dieser erscheint als „nationaler Sozialismus“ im Interesse der subalternen Klassen.

Wiederbelebung der Faschismusdiskussion?

Nicht nur für eine historische Einschätzung des Faschismus, sondern auch für die Analyse seines möglicherweise gegenwärtigen Potenzials sind die Fragen nach seinen Voraussetzung und seinem Wesen von fundamentaler Bedeutung. Angesichts der krisenhaften Entwicklung des globalen Kapitalismus, der zunehmenden Entleerung der parlamentarischen Demokratie, autoritärer und gewalttätiger Entwicklung der internationalen Beziehungen, einer verstärkten Ethnisierung der sozialen Frage und eines sich ausweitenden religiösen Fundamentalismus ist die Frage des Faschismus nicht nur eine akademische. Nicht zuletzt die Erfolge von unterschiedlichen Parteien der extremen Rechten in Europa verleihen der Frage Aktualität.
Die bisher vorgestellten Arbeiten und Debatten geben wenige Auskünfte über die Voraussetzungen faschistischer Herrschaft. In ihrer Beschreibung von Konsens und Partizipation geben sie wichtige Hinweise zur Stabilität und Dauer etwa des Faschismus in Deutschland. Mit der hier vorzufindenden Identifikation von kollektiven Interessen – Massenraubmord, eliminatorischer Antisemitismus, nationaler Sozialismus – lässt sich die Frage, wie und warum der Faschismus zur Macht gelangen konnte, nicht klären. Für die Beurteilung seines gegenwärtigen Potenzials ist diese Frage aber entscheidend. Eine Wiederbelebung faschismustheoretischer Diskussionsstränge wäre also erforderlich, die die Ergebnisse der wissenschaftlichen Debatten der letzten Jahre produktiv aufnimmt und mit einer materialistisch fundierten Sichtweise verbindet. Leider scheinen zumindest in Deutschland die Chancen für eine solche produktive Wiederbelebung der Faschismusdebatte schlecht zu sein; zu stark ist hier noch immer der Ideologieverdacht gegenüber solchen Ansätzen. Das scheint in anderen Ländern, insbesondere im angloamerikanischen Raum, anders zu sein.

Enzo Traverso: Das Verschwinden des Faschismus

In Deutschland stand und steht der Faschismusbegriff unter (marxistischem) Ideologieverdacht und wird insofern von (sozial)liberalen und konservativen Historikern und Sozialwissenschaftlern im Unterschied zu ihren englisch-sprachigen Kollegen weitgehend gemieden. Enzo Traverso vertritt die These, dass das Verschwinden des Faschismusbegriffes im deutschsprachigen Raum mit der Herausbildung eines historischen Bewusstseins über den Genozid an den Juden einherging (wobei er u. E. übersieht, dass der Terminus Faschismus lediglich Ende der 1960er und Anfang der 1970er im deutschen historiographischen Feld weiter verbreitet war, sieht man einmal von Ernst Noltes einflussreichem Werk aus den 60ern ab). Im Kern geht es danach um die Frage der Einzigartigkeit bzw. Singularität des nationalsozialistischen Judenmordes – eine Frage, die mehr oder weniger eindeutig von den meisten deutschen Historikern bejaht wird. Das gilt im Übrigen auch für die öffentliche Erinnerung. In wichtigen geschichtswissenschaftlichen und/oder -politischen Kontroversen wie dem Historikerstreit 1986, dem Briefwechsel zwischen Saul Fiedländer und Martin Broszat sowie der Auseinandersetzung um Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ lässt sich die Kontroverse über diese Frage nachzeichnen. Traverso bewertet die Anerkennung der Einzigartigkeit als Fortschritt, gleichwohl sie mit „problematischen, manchmal beunruhigenden Folgen“ verbunden sei. Die wichtigste negative Auswirkung sei eben das Verschwinden des Faschismusbegriffs und die zunehmende Akzeptanz des Totalitarismusbegriffes. Der französische Historiker gibt hierfür vier Gründe an. Erstens liege die Zurückdrängung auch an der Schwäche der klassischen faschismustheoretischen Ansätze selbst. Gerade marxistische Konzepte hätten sich als zu eng (sprich: zu ökonomistisch) erwiesen; der Judenmord etwa blieb zumeist völlig ausgeblendet oder wurde unmittelbar auf Profitinteressen des Großkapitals zurückgeführt. Gleichwohl gesteht Traverso zu, dass marxistische Ansätze vielfach differenzierter und reichhaltiger sind, als die herkömmliche Kritik meint. Als zweiten Grund benennt Traverso die starken Unterschiede zwischen Faschismus und Nationalsozialismus – vor allem im Bereich der Ideologie. Dies bereite Schwierigkeiten, den Faschismus als im Wesentlichen homogenes Phänomen mit lediglich geringfügigen nationalen Unterschieden zu charakterisieren. Während sich diese beiden Argumente auf der wissenschaftlichen Ebene bewegen, so ist die dritte Ursache für das von Traverso postulierte „Verschwinden des Faschismus“ eindeutig eine politische: Mit dem Zusammenbruch des so genannten Realsozialismus sei auch die zur Staatsdoktrin erhobene Faschismustheorie marxistisch-leninistischer Provenienz verschwunden – und mit ihr der Antifaschismus. Gerade im deutsch-deutschen Kalten Krieg waren diese Begriffe Gegenstand heftiger Kontroversen. Schließlich sieht Traverso den vierten und entscheidenden Grund in der bereits erwähnten Herausbildung eines historischen Bewusstseins, „gestützt durch die Erinnerung an Auschwitz.“ Faschismus erscheine infolgedessen als eine zu allgemeine Kategorie, um Auschwitz zu verstehen. (Traverso thematisiert im Übrigen nicht, dass es denjenigen, die die Einzigartigkeit des Holocaust „beschwören“, oftmals nicht um ein Verstehen im Sinne einer rationalen Erklärung geht.)
Die negative Folge der Anerkennung der Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und des damit einhergehenden Verschwindens des Faschismusbegriffs liegt Traverso zufolge darin, dass die Voraussetzungen der Shoah nicht in der gesamten westlichen Welt gesehen werden. Wenngleich Gaskammern außerhalb des Dritten Reiches nicht existierten, so seien ihre historischen Voraussetzungen mit unterschiedlicher Intensität in der gesamten westlichen Welt verbreitet. Es werden also, so könnte man das Argument zusammenfassen, historisierende (europäische) Kontinuitätsbezüge gänzlich ausgeschlossen.
Auf der anderen Seite schließt, so Traverso, „die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Verbrechen die Zugehörigkeit zu einer größeren politischen Familie, der der europäischen Faschismen, nicht aus.“ Der Autor schlägt folglich eine alternative positive Bestimmung der Einzigartigkeit des deutschen Faschismus vor, die nichts mit einer Normalisierung oder Rehabilitierung des Nazi-Faschismus zu tun hat, sondern darauf zielt, „unsere Zivilisation zu entnormalisieren’ und die Geschichte Europas in Frage zu stellen.“ Seine Definition lautet: „[Die] Einzigartigkeit des nazistischen Deutschlands [liegt] in seiner übrigens unbekannten Synthese verschiedener Elemente, die Ende des 19. Jahrhunderts im gesamten Europa vorkamen und sich nach dem Ersten Weltkrieg auf dem Kontinent ausbreiteten: Antisemitismus, Faschismus, totalitärer Staat, technische Moderne, Rassismus, Eugenik, Imperialismus, Konterrevolution, Antikommunismus.“
Mit dieser Bestimmung scheint freilich die These des deutschen Sonderwegs in Frage gestellt zu sein, da nicht spezifisch deutsche historische Entwicklungen, sondern europäische in den Mittelpunkt rücken. Doch, so wendet Traverso ein, falls es einen deutschen Sonderweg gegeben haben sollte, könne er nicht die Wurzeln des Nationalsozialismus, sondern vielmehr sein Ergebnis erklären.
Traversos Fazit, dass der Begriff Faschismus deshalb verschwindet, weil sich zwei Tendenzen – der anti-totalitäre und ‚anti-antifaschistische’ Konsens und die Herausbildung eines historischen Bewusstseins, das sich auf die Erinnerung an die Shoah und ihre Einzigartigkeit stützt – verbunden haben, ist nachvollziehbar. Gleichwohl stellen sich einige Fragen. Erstens: Liegt der Intention, „eine europäische Genealogie des Nazi-Terrors“ zu schreiben – so der Untertitel seines Buches „Moderne und Gewalt“ , in dem diese Argumentation im Einzelnen entfaltet wird – nicht doch eine Unterschätzung des spezifischen historischen Entwicklungspfades Deutschlands zugrunde? Zumal er in „Moderne und Gewalt“ die Sonderwegsthese nicht nur in Zweifel zieht, sondern mit dem Argument verwirft, der Nationalsozialismus habe die dem allgemeinen europäischen Kontext entstammenden Motive (Rassismus, Antisemitismus, Eugenik, Antikommunismus) und die Mittel (Krieg, Eroberung, industrielle Vernichtung) auf originäre Weise synthetisiert.
Zweitens und damit zusammenhängend: Die Singularität des Nationalsozialismus nicht im Gegensatz zum Westen, sondern in der Synthese von verschieden Formen der Gewalt zu sehen, wird nicht streng durchgehalten. Es finden sich Formulierungen, die die Einzigartigkeit in der industriell betriebenen Massenvernichtung sehen. Das ist eine vorherrschende Sichtweise, die nicht ganz falsch ist, allerdings nicht berücksichtigt, dass längst nicht alle Jüdinnen und Juden auf industrielle Weise ermordet worden sind und dass die Singularität eher in der erstmalig von einem Staat beschlossenen und mit allen ihm zur Verfügung stehenden Machtmitteln verfolgten Ausrottung einer bestimmten Menschengruppe bestand.
Nichts desto trotz ist Enzo Traversos Problematisierung der vorherrschenden Singularitätsthese, die durch das Verschwinden des Faschismusbegriffes in Deutschland begünstigt wurde, im Wesentlichen zuzustimmen. Denn er stellt sich dem Anspruch, den deutschen Faschismus in seinen europäischen Kontext einzuordnen. Indem er das tut, lenkt er – um ein Argument von Detlev Peukert aufzugreifen – das Interesse auf gesellschaftliche Strukturen, sodass geschichtliche Erfahrung durch die Herstellung von Kontinuitätsbezügen wach gehalten wird. Das schließt eine politische gesellschaftskritische Perspektive ein, die auch die klassische faschismustheoretische Frage nach dem Verhältnis von Kapitalismus und Faschismus stellt. Die Tradition von Adorno und Horkheimer aufgreifend stellen Traversos Arbeiten darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zur Diskussion des Verhältnisses von Nationalsozialismus und kapitalistischer Moderne dar.

Jürgen Zimmerer: Kolonialismus und Holocaust

Enzo Traversos – eher essayistisch vorgetragenen – Thesen werden seit wenigen Jahren durch eine geschichtswissenschaftliche Debatte gestützt: Es handelt sich um die Diskussion über das Verhältnis zwischen Kolonialismus und Holocaust. Insbesondere Jürgen Zimmerer (und Adam Tooze pflichtet ihm bei) ist mit dem Anspruch angetreten, die Kontinuität zwischen den kolonialen Verbrechen des Deutschen Reiches in Südwestafrika – herausragendes Beispiel ist der Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama zwischen 1904 und 1907 – und dem Vernichtungskrieg der Nazis in Osteuropa aufzuzeigen. Zimmerer bewertet diesen Krieg als Tabubruch in der Geschichte des europäischen Kolonialismus, da dieser sich durch eine totale Kriegsführung, eine systematische Zerstörung der Lebensgrundlage der Bevölkerung sowie der Vernichtung von Zivilisten in Konzentrationslagern „auszeichne“. Indem er den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und andere osteuropäische Länder auch als Form des Kolonialismus beschreibt, stellt er Verbindungslinien zwischen Kolonialismus, Vernichtungskrieg und Ermordung des europäischen Judentums her. Seine Argumentation wird als neue deutsche Sonderwegsthese rezipiert – und kritisiert. So präsentiere die Wiedergeburt der Sonderwegsthese aus dem Geist des Kolonialismus eine Linie, „die den deutschen Kolonialismus aus unerfindlichen Gründen von allen anderen unterschieden haben soll.“ Verbrechen anderer europäischer Kolonialmächte seien ähnlich schlimm gewesen und die Erfindung von Konzentrationslagern beispielsweise gehe nicht auf die deutsche Kolonialpolitik zurück, da solche Lager schon um die Jahrhundertwende durch Spanien in Kuba, durch Großbritannien in Südafrika und von den USA auf den Philippinen errichtet wurden. Doch gerade dieses Argument spräche für die Ausführungen Traversos über die Wurzeln des Nazi-Terrors in der europäischen Kolonial- und Imperialismusgeschichte, die mitnichten eine ungebrochene Kontinuität von Kolonialismus zur Judenvernichtung ziehen, sondern in der Kontinuität den Bruch, das spezifisch Neue und Einzigartige zu berücksichtigen versuchen. Gerade diese Dialektik von Kontinuität und Bruch weiter auszuarbeiten, wäre eine dringliche Forschungsaufgabe. Vor diesem Hintergrund wären auch Zimmerers Thesen zu differenzieren. In Bezug auf den Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion mögen sie plausibel erscheinen, in Bezug auf die Vernichtung der Juden müssen sie indes wohl präzisiert werden. Strikter zu unterscheiden wäre zwischen Rassismus und Antisemitismus und ihrer materiellen Umsetzung in Politik. Denn dass alle Jüdinnen und Juden, eben nicht nur die osteuropäischen, deportiert und umgebracht worden sind, lässt sich weniger mit kolonialen Siedlungsplänen, sondern eher mit spezifisch deutschen antisemitischen Traditionen und der Verselbständigung dieses Faktors erklären.

Roger Griffin: Faschismus als Ideologie

Dass Dilemma, in das Traverso die deutschen Historiker durch die „Isolierung“ der nationalsozialistischen Vergangenheit verstrickt sieht, gilt nicht für die internationale vergleichende Faschismusforschung. Der Faschismusbegriff, verstanden als „Idealtypus“, erfreut sich hier durchaus einiger Beliebtheit. Nach den ersten beiden Wellen der Faschismusdiskussion – zunächst in den 1920er bis 1940er Jahren, dann in der Folge von 1968 – entwickelte sich in den 1990er Jahren eine dritte Welle der internationalen vergleichenden Faschismusdiskussion. Diese – im Unterschied zu den ersten beiden Wellen – nichtmarxistische Diskussion wurde freilich in Deutschland auch von Nichtmarxisten überwiegend ignoriert (was auch daran abzulesen ist, dass bislang keines der einflussreichen Werke in deutscher Übersetzung vorliegt). Als prägender Autor dieses Ansatzes gilt der an der Oxforder Brooks University lehrende Roger Griffin, der mit seinem 1991 veröffentlichten „The Nature of Facism“ eine bis heute andauernde Diskussion auslöste. Mittlerweile wird gar von einem „neuen Konsens“ (Richard Thurlow) gesprochen und Griffin wird als „most important new scholar“ (Stanley Payne) der Faschismusforschung bezeichnet. Bei so viel Lob lässt die Kritik nicht auf sich warten: Der marxistische Historiker Dave Renton stellt die Auseinandersetzung mit Griffin und ähnlichen Ansätzen unter die Überschrift „The Prison of Ideas“. Mit Verzögerung hat die Debatte mittlerweile auch den deutschsprachigen Raum erreicht. Im Jahr 2004 gab es eine sich über mehrere Ausgaben erstreckende ausführliche Diskussion in der Zeitschrift „Erwägen Wissen Ethik“.
Was hat es mit diesem „neuen Konsens“ auf sich, in dessen Zusammenhang auch die Arbeiten von Roger Eatwell, Zeev Sternhell und Stanley Payne genannt werden müssen? Griffin nennt fünf Hauptpunkte, die seinen Ansatz charakterisieren: Erstens besteht die methodische Prämisse in Max Webers Konstruktion eines Idealtypus. Zweitens identifiziert Griffin das „faschistische Minimum“ in einer Ideologie der nationalen Wiedergeburt. Er bringt hier den Begriff der Palingenese (griechisch palin-, „wieder-“ und génesis, „Entstehung, Schöpfung, Geburt“) ins Spiel, der ursprünglich von Emilio Gentile in die Faschismusdiskussion eingeführt wurde. Griffins Definition lautet: „Faschismus ist eine politische Ideologie, deren mythischer Kern in seinen mannigfachen Permutationen aus einer palingenetischen Form populistischem Ultranationalismus besteht.“ Der „utopische Antrieb“ des Faschismus liegt in dem Versprechen, das „Problem der Dekadenz“ durch eine „radikale Erneuerung der Nation“ lösen zu wollen. Faschismus ist also ultra- oder revolutionärer Nationalismus.
Drittens betrachtet Griffin, gleichwohl er die Singularität des Nazi-Faschismus anerkennt, diesen eher als außergewöhnliches Beispiel eines faschistischen Regimes. Als vierten Punkt hebt er hervor, dass sein Faschismusbegriff sich nicht auf eine abgeschlossene Epoche des Faschismus bezieht, sondern auch auf die Nachkriegsentwicklung anzuwenden ist. Dieses Argument fortführend stellt er fünftens eine tiefgehende organisatorische Umstrukturierung des Nachkriegsfaschismus fest, die er mit Begriffen aus der „postmodernen Theorietradition“ zu beschreiben sucht.
Die wesentliche Neuerung dieser Faschismusdefinition ist mithin, dass der Kern des Faschismus im Unterschied zu früheren Beschreibungen als antiliberal, antikommunistisch, antikonservativ etc. in einer positiv definierten faschistischen Ideologie gesehen und damit gleichrangig wie andere politische Ideologien behandelt wird.
Freilich setzt an diesem Punkt die Kritik ein. Doch zunächst sei zweierlei hervorgehoben: Griffin nimmt sich eines wichtigen Problems an, welches in der marxistischen Faschismusforschung bislang vielfach vernachlässigt wurde: Nämlich die Frage, wie die Ideologie gerade auch in der Entstehungsphase faschistischer Bewegungen dazu beitrug, die Mitglieder an sich zu binden und zu mobilisieren. Des Weiteren benutzt Griffin den Faschismusbegriff nicht als historisch abgeschlossene Epochenbezeichnung, sondern hat den Anspruch, „Einsichten in die Wandlungen des internationalen Faschismus nach 1945“ zu erforschen. Indem er somit das Fortwirken faschistischer Ideologien in den Fokus rückt, stellt er Kontinuitätsbezüge her. Doch ist diesen eine gewisse Einseitigkeit und Überbetonung nicht abzusprechen: In der Kontinuität droht der Bruch des Jahres 1945 tendenziell eingeebnet zu werden.
Griffins Vorgehensweise wirft ein generelles methodisches Problem auf, welches bereits an Ernst Noltes phänomenologischer Methode kritisiert wurde. Indem Nolte wie Griffin die faschistischen Ideologen und Führer „selbst sprechen“ lassen, d.h. ihre Aussagen wörtlich nehmen, beschreiben sie den Faschismus in den Worten ihrer Repräsentanten. Mit einer Selbstdarstellung kann man den Faschismus jedoch nicht verstehen, allenfalls ideologisch beschreiben. Eine kritisch-erklärende Theorie des Faschismus wird somit ausgeschlossen.
In gewisser Weise trifft auch auf Griffin zu, was an Sternhell, einem weiteren Vertreter des „neuen Konsenses“, kritisiert wurde: der Rückfall in die alte Ideengeschichte, die eine Analyse des konkreten historischen Kontextes und dessen Einfluss auf die Ideen bzw. ihre wechselseitige Verschränktheit vernachlässigt. „Da Griffin alles Gesellschaftliche nur als imaginäre Institution begreift, löst er die Rückbindung eines Phänomens an seine materielle Verankerung, die es aus dieser Sicht gar nicht gibt. Er richtet seinen Blick einseitig auf Prozesse der De- und Rekonstruktion von Diskursen in einer Sphäre des ‚Kollektiv-Imaginären’ und fragt nicht danach, was der Faschismus in seinen jeweiligen Phasen konkret und funktional in der Praxis war. Dies hat vor allem Auswirkungen auf seinen Revolutionsbegriff, der sich auf problematische Weise dem faschistischen Selbstverständnis nähert.“
Überdies ist Griffins Definition immanent in Zweifel zu ziehen. Allein eine Definition des Nationalismus ist schwer genug (wie einschlägige Kontroversen zeigen). Griffin versucht mithin den einen Mythos, Faschismus, durch einen weiteren, Nationalismus, zu erklären. Ohne eine konsistente Erklärung des Nationalismus, die ideologietheoretisch zu fundieren wäre, ist Dave Renton zufolge Griffins Definition auf Sand gebaut. Konkret stellt sich etwa die Frage, was denn einen faschistischen Nationalismus ausmache, wenn bereits in moderateren Nationalismen ebenfalls das Element der Wiedergeburt der Nation – für Griffin ein Kernelement des Faschismus – zu finden ist.
Ein weiterer fundamentaler Einwand gegenüber Griffin betrifft den Ausschluss von Rassismus und Antisemitismus aus seinem „faschistischen Minimum“. Weiterführend ist in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass „Nationalismus und Rassismus historisch und systematisch aufeinander bezogene, keine voneinander unabhängigen Phänomene [sind]. Der historische Rassismus hat sich bekanntlich als eine Ideologie entwickelt, die für die Begründung und Rechtfertigung des Kolonialismus der europäischen Nationalstaaten bedeutsam war. In ein Verständnis von Nationalstaaten als Abstammungsgemeinschaften ist ersichtlich das Potential rassialisierender Konstruktion von Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit eingelassen, das gegenwärtig primär mit kulturrassistischen Ideologemen aktualisiert wird.“
Darüber hinaus sind in Griffins „faschistischem Minimum“ noch eine Reihe von weiteren Aspekten nicht enthalten, die nicht nur, aber gerade auch für eine marxistische Fragestellung relevant sind: Massenbewegung, charismatische Führerschaft, ökonomische Triebkräfte, soziale Funktion, Imperialismus, Militarismus sowie der Nexus von Ideologie und Herrschaftspraxis. Karin Priester drückt dieses Problem in einer rhetorischen Frage aus: „Was aber bleibt vom Faschismus, wenn das Führerprinzip, der Militarismus, der Imperialismus, die repressiven, diktatorischen Strukturen, die spezifischen Stilmerkmale als mögliche, aber nicht notwendige Strukturen ausgeklammert werden?“

Wolfgang Wippermann: Rassismus als zentrales Merkmal des Faschismus

Der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann, einer der rührigsten Vertreter der Faschismustheorie in der Bundesrepublik, startete vor einigen Jahren den (nicht sehr erfolgreichen) Versuch, die Debatte neu zu beleben. Für den Band „Faschismus – kontrovers“ lud er eine ganze Reihe von Diskutanten ein, zu einem neuen definitorischen Ansatz von ihm schriftlich Stellung zu nehmen und in eine Debatte einzutreten.
Für die historische und theoretische Bestimmung des Faschismus sind für Wippermann die folgenden, auch die Diskussion beherrschenden Punkte von Bedeutung: Der Faschismus sei mehr als nur ein Agent oder Instrument der herrschenden Klasse gewesen, er müsse als eine weitgehend autonome Erscheinung betrachtet werden. Diese durchgehende Abgrenzung von – manchmal recht verkürzt wiedergegebenen – marxistischen Faschismustheorien schränkt Wippermann jedoch selbst durch den Hinweis ein, dass der historische Faschismus nicht nur auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaftsordnung entstanden, sondern auch im Bündnis mit bestimmten herrschenden Kräften dieser Ordnung zur Macht gelangt sei. Da es darüber hinaus in keinem faschistischen Regime zu grundlegenden Veränderungen der Eigentumsstruktur gekommen ist, müsse die marxistische Grundfrage nach der ökonomischen Funktion des Faschismus an der Macht als legitim erachtet werden. Dennoch liegt in dieser Funktion für Wippermann nicht das Wesen des Faschismus begründet, dessen eigenständiger Charakter stärker in den Mittelpunkt rücken müsse. Diesen Mittelpunkt stellt für Wippermann der Rassismus als ideologischer Kern des Faschismus dar, der eben keinen verschleiernden oder instrumentellen, sondern einen programmatischen Charakter gehabt habe. Somit sei der Rassismus und nicht der Antimarxismus der Mittelpunkt der faschistischen Ideologie, um den sich weitere Ideologeme gruppiert hätten.
Die anhand dieser Punkte festzustellenden Gemeinsamkeiten verschiedener Regime und Parteien rechtfertigen für Wippermann die Verwendung eines allgemeinen Faschismusbegriffs, wenngleich es zwischen ihnen große Unterschiede gebe. Um den „Sonderfall des deutschen Faschismus“ theoretisch angemessen fassen zu können, greift Wippermann auf die von Ernst Nolte eingeführte Unterscheidung zwischen „Normalfaschismus“ und „Radikalfaschismus“ zurück. Während der an Italien orientierte „Normalfaschismus“ seine klassische Ausprägung in Osteuropa gefunden habe, habe er sich in Deutschland zu einem „Radikalfaschismus“ entwickelt, der als Sonderfall be-trachtet werden müsse. Hier sei die „Verselbständigung der Exekutive“ weiter als in Italien gegangen, so dass das rassenideologische Programm ohne konkurrierende oder widerständige Institutionen verwirklicht werden konnte. Ganz im Sinne des Rassismus als ideologischem Kernpunkt des Faschismus bezeichnet Wippermann dessen radikalisierte deutsche Variante als „Rassenstaat“. Wippermann versucht in seinem Beitrag die Fokussierung der Debatten in den neunziger Jahren auf Holocaust und rassistisch motivierten Vernichtungskrieg in die Faschismusdefinition aufzunehmen. Jedoch stieß er damit auf vielfältige Kritik.
Kritisiert wird vor allem der Widerspruch zwischen Wippermanns theoretischem Ausgangspunkt der Definition, eben dem italienischen Realtyp, und seiner inhaltlichen Bestimmung des Rassismus als ideologischem Kern des Faschismus. Gerade für den italienischen Faschismus, so führen zahlreiche Autoren aus, habe der Rassismus keine zentrale Rolle gespielt. Mithin könne, nimmt man den italienischen Faschismus als Ausgangspunkt, der Rassismus nicht zum zentralen Kriterium gemacht werden. „Verständigt man sich darauf“, so Karin Priester, „daß Rassismus mehr als Antisemitismus ist, so waren alle westlichen imperialistischen Mächte (…) rassistisch in ihrer Herrschaftspraxis gegenüber den kolonialisierten Völkern außerhalb Europas. (…) Reduziert man Rassismus jedoch auf Antisemitismus, so hat man Schwierigkeiten, ihn für Italien als ideologisch oder herrschaftspraktisch konstitutiv nachzuweisen.“ Unklar bleibe bei einer solchen Definition auch, warum der deutsche Faschismus als „Sonderfall“ erscheine, wenn doch der Rassismus den Kern jeder faschistischen Ideologie darstelle.
Als Gegenentwurf zu Wippermanns Bestimmung des Rassismus als zentralem Inhalt des Faschismus werden in der Diskussion seiner Thesen unterschiedliche Punkte angeboten. Während Roger Griffin etwa den Nationalismus und die Vorstellung der nationalen Wiedergeburt („rebirth“) als Kern faschistischer Regime ansieht, sehen Autoren wie Reinhard Kühnl, Werner Röhr und Karin Priester die soziale Funktion des Faschismus und damit seinen Kampf gegen die politische Linke als zentrale Gemeinsamkeit aller dieser Regime und Bewegungen an.
Für Kühnl zeigt sich das Wesen eines politischen Regimes in seiner Stellung zur dominierenden gesellschaftspolitischen Konfliktlinie seiner Zeit, und dies sei unzweifelhaft die „Konfrontation zwischen Kapitalismus und sozialer Revolutionsgefahr“ gewesen. Hier habe sich der Faschismus – bei allen ideologischen Widersprüchen – mit aller Klarheit auf Seiten des Kapitalismus eingeordnet. Aus dieser Stellung ergibt sich die den gemeinsamen Begriff rechtfertigende allgemeine Bezeichnung als Faschismus. Ähnlich argumentiert Karin Priester, die einen allgemeinen Faschismusbegriff, bei allen vorhandenen Differenzen, aus dem kleinsten gemeinsamen Nenner ableiten will, „und das war nach Lage der Dinge nun einmal der Antimarxismus und der Kampf gegen die sozialdemokratische Arbeiterbewegung. Nicht umsonst gründeten die sog. Achsenmächte einen ‘Antikominternpakt’ und nicht einen ‘Antizionismuspakt’ oder ähnliches.“
Für die Bestimmung der zentralen Inhalte des Faschismus ist die Frage nach seiner sozialen Funktion in der Tat von zentraler Bedeutung und hier lässt sich feststellen, dass er historisch nur in seiner sozialen Funktion für das Kapital an die Macht gekommen ist – oder mit Hilfe anderer Faschismen. Mit dieser funktionalen Seite ist die Frage nach dem Wesen des Faschismus jedoch noch nicht abschließend beantwortet, denn ideologisch herausgebildet und zu einem realen politischen Faktor – und damit auch erst zu einem potenziellen Machtträger – ist er vorher geworden, und hier stellt sich die Frage nach seinen Inhalten, nach den Ideologemen, die ihm einen Massenanhang bescherten, neu. Hier liegt die Evidenz der eigenständigen Untersuchung faschistischer Ideologien, die zur Erklärung des Phänomens Faschismus, zusätzlich zur Bestimmung seiner sozialen Funktion, wichtig sind. Die klassische, auf die Frage nach der sozialen Funktion fixierte marxistische Faschismustheorie muss also zeitlich nach vorne und hinten erweitert werden, um die ideologischen Komponenten der entstehenden faschistischen Bewegung und die Wandlungen des Faschismus an der Macht angemessener, und das heißt auch eigenständiger zu berücksichtigen.

Robert Paxton: Anatomie des Faschismus

In der angloamerikanischen Diskussion wird offensichtlich sehr viel unbefangener die funktionale Seite des Faschismus betont, wie man an der jüngst auch in Deutschland erschienenen Studie „Anatomie des Faschismus“ des US-Amerikanischen Historikers Robert O. Paxton sehen kann. Dieser hebt die Rolle der konservativen Eliten für die Machtübertragung an den Faschismus in einer Art und Weise hervor, die ihn in Deutschland unter Generalverdacht stellen würde: Keineswegs sei die Machterringung durch Mussolini und Hitler unvermeidlich gewesen, vielmehr hätten die konservativen Eliten andere Möglichkeiten der Krisenbewältigung zurückgewiesen: „Sie wählten die faschistische Option.“ Und zwar laut Paxton deshalb, weil sie bezüglich der Gewalt gegen die politische Linke gleiche Interessen hatten: „Konservative Komplizenschaft bei der Machterlangung der Faschisten waren von verschiedener Art. Vor allem gab es eine Komplizenschaft in der Gewalt der Faschisten gegen die Linke.“
Nicht die vermeintlich revolutionäre Seite des Faschismus, sein Einreißen der Klassenschranken sei der Garant des Erfolges gewesen, sondern die objektive Stabilisierung dieser Klassenverhältnisse: „Einmal an der Macht, konfiszierten die Faschisten nur das Eigentum der politischen Gegner, von Ausländern und von Juden. Keines dieser Regime veränderte die soziale Hierarchie, außer dass einzelne Abenteurer auf höhere Posten katapultiert wurden (Â…). Wenn der Faschismus ‚revolutionär’ war, dann in einem besonderen Sinne, der weit entfernt ist von der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes, wie sie von 1789 bis 1917 gegolten hatte, als man unter Revolutionen eine tiefgreifende Umwälzung der sozialen Ordnung und der Neuverteilung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Macht verstand.“
Trotz dieser Betonung der sozialen Funktion des Faschismus vertritt Paxton keine einfache Ableitung oder „Agententheorie“, sondern er arbeitet verschiedene Phasen des Faschismus heraus, die er in ihrer Bedeutung und Eigenständigkeit ernst nimmt, so dass ein komplexeres Bild des Phänomens erscheint. In der Faschismusbetrachtung unterscheidet Paxton fünf Stadien, die er als 1. Entstehung einer Bewegung, 2. Verwurzelung im politischen System, 3. Griff nach der Macht, 4. Machtausübung und 5. längerfristige Entwicklung bezeichnet.
Die Erkenntnisse und Ergebnisse Paxtons sind nicht neu und finden sich auch in unterschiedlichen Arbeiten der Faschismustheorie. In ihrer Zusammensicht geben sie jedoch einen erfrischend unaufgeregten Blick auf den Faschismus, dessen soziale Funktion klar benannt wird. Doch auch bei Paxton kommt die zentrale Rolle der Shoah zu kurz, die den deutschen Faschismus von seinen europäischen Pendants unterscheidet. Zwar differenziert Paxton zwischen der faschistischen Radikalisierung, wie sie in ihrer extremsten Form nur in Deutschland vorkam, und der „Entropie“, wie sie für andere Faschismen kennzeichnend sei. Die Rolle und Bedeutung der Vernichtungspolitik für den deutschen Faschismus bleibt damit aber unklar.
Hier bedarf es einer noch stärkeren Herausarbeitung der faschistischen Ideologiemomente und ihrer je spezifischen Ausformung, die in Deutschland eben die radikalste Variante des Antisemitismus hervorbrachte.

Ausblick

Für faschismustheoretische Ansätze ist die stärkere Betonung der Eigenständigkeit faschistischer Politik und Ideologie vor und nach der Erringung der Macht von besonderer Bedeutung. Mit der sozialen Funktion als herrschaftsstabilisierend und Bündnispartnern der konservativen Eliten im Moment der Machtübertragung ist diese Eigenständigkeit nicht verloren. In seiner dynamischsten und radikalsten Variante – in Deutschland – dominiert der Faschismus diese ursprünglichen Bündnispartner später deutlich, so dass das Bild des Zauberlehrlings hier eher die Realität trifft als die Vorstellung von faschistischen Marionetten. Spätestens Ende der 30er Jahre verlor die Bourgeoisie in Deutschland die Macht darüber, den faschistischen Erfüllungsgehilfen auch wieder los zu werden.
Die mit dem Begriff „Täterforschung“ bezeichneten Arbeiten aus den 90er Jahren haben wichtige Ergebnisse in dieser Richtung erbracht, die sich ohne Zwang mit faschismustheoretischen Fragestellungen verbinden lassen. Historisch würde es darum gehen, Antisemitismus und Rassismus stärker als Integrationselemente einer Politik zu analysieren, die auch über Konsens und nicht nur über Zwang organisiert wurde. Wie lässt sich etwa die große Bereit-schaft zur Kollaboration in zahlreichen von Deutschland besetzten Staaten erklären, die sich vor allem auch in der aktiven Beteiligung an der Verfolgung und Ermordung der Juden festmachen lässt? Die von Aly genanten materiellen Motive spielen hier eine Rolle, aber auch der traditionelle Antisemitismus ist für die Erklärung von großer Bedeutung.
Für eine Faschismusforschung, die im Faschismus eine Machtoption der herrschenden Klasse zur Abwehr der sozialen Revolution sieht, ist die Frage nach dem gegenwärtigen Potenzial des Faschismus nicht unerheblich. Sie gewinnt mit zunehmender Verschärfung der sozialen Frage im globalen Maßstab und dem Aufstieg einer extremen Rechten in Europa an Gewicht. Ist der Faschismus angesichts der globalen Verflechtung des Kapitals heute noch eine mögliche Option? Welche Bedeutung hat der zunehmende Rassismus in den europäischen Gesellschaften für die Parteien der extremen Rechten und ihre mögliche Beteiligung an der politischen Macht? Welche Funktion haben faschistische Politikangebote auch jenseits einer realen Machtoption? Wie könnte eine moderne faschistische Variante heute aussehen und welche Anknüpfungspunkte zu Konservatismus und Neoliberalismus sind hier vorhanden? Mit diesen Fragen sind nur wenige der zukünftigen Arbeitsfelder einer historisch orientierten kritischen Sozialwissenschaft benannt, die die Erfahrung des Faschismus zum Ausgangspunkt ihrer Arbeiten macht.

(aus: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 72, Dezember 2007, zusammen mit Gerd Wiegel)

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