Das moderne Opium des Volkes

Die Forschung boomt und auch die ARD hat das Glück entdeckt: Lässt sich das Thema kapitalismuskritisch wenden?

«Der Glücksanspruch hat einen gefährlichen Klang in einer Ordnung, die für die meisten Not, Mangel und Mühe bringt», schrieb Herbert Marcuse – vor Jahrzehnten. Von dem gefährlichen Klang ist heute nichts mehr zu spüren. Gefühlt jedes dritte Ratgeberbuch ist der Erlangung von Glück gewidmet und jetzt hat sich sogar die ARD in einer Themenwoche des Sujets angenommen. Auch dort: keine Gefahr für die herrschende Ordnung. Unterscheidet sich Marcuses Glücksbegriff von dem heute vorherrschenden? Oder haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse geändert, dass sie für die meisten eben nicht mehr Not, Mangel und Mühe bringen?

Letzteres ist bezogen auf die industrialisierten Länder einerseits richtig und andererseits falsch. Richtig, weil sich die materielle Lage durchaus stark verbessert. Von körperlich schwerer Arbeit sind die meisten Bewohner der USA, Europas und Japan befreit (die wird nun im Globalen Süden für sie gemacht). Auch müssen die wenigsten fürchten, Hunger zu leiden (wobei im Zuge der Krise existenzielle Not wieder zunimmt).

Und doch: Dass so viel über Glück geredet wird, deutet darauf hin, dass etwas mit den Menschen im modernen Kapitalismus nicht in Ordnung ist. Empirisch fassbar wird das, wenn man sich die Ergebnisse eines Forschungszweiges anschaut, der in den letzten Jahrzehnten einen ungeahnten Aufschwung erfahren hat: die Glücksforschung. Deutlich wird ihr Aufschwung zum Beispiel anhand der Bibliografie der World Database of Happiness an der Uni Rotterdam. Während für den Zeitraum von 1951 bis 1960 nur 58 sozialwissenschaftliche Studien verzeichnet sind, so ist die Zahl seitdem förmlich explodiert.

Welche gesellschaftliche Entwicklung unterstützte diesen rasanten Anstieg der Publikationen? Was drückt sich in der Schwemme an Ratgeberliteratur zum Thema aus? Eine Erklärung: Die religiösen Heilserwartungen sind säkularisiert worden. Aber das Streben nach Heil und Glück, die Suche nach Lebenszufriedenheit und -sinn sind weiter zentral im Leben der Menschen – und deuten auf Verhältnisse hin, die trotz offensichtlichen materiellen Wohlstands genau das nicht ausreichend anbieten.

Die Frage liegt nahe, ob die breite Thematisierung von Glück das moderne Opium des Volkes, also gleichsam ein entfremdeter Protest gegen die Entfremdung ist. Frei nach Marx: Das Elend der Glücksforschung ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem der Protest gegen das wirkliche Elend. Die Aufhebung der Forschung über das illusorische Glück des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Kritik der Glücksforschung ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Glücksforschung ist.

Was aber sind die Erkenntnisse der Glücksforschung? Das wichtigste Resultat ist sicher: Nur bis zu einem bestimmten Einkommensniveau/Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf geht die Steigerung des materiellen Wohlstands mit einem Mehr an Glück und Lebenszufriedenheit einher. Darüber hinaus stagniert das Glücksempfinden der Befragten, wie insbesondere die Beispiele Japan und USA belegen. In beiden Ländern werden Lebenszufriedenheitsbefragungen bereits seit dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt. In den Vereinigten Staaten hat sich das reale BIP pro Kopf seit 1945 mehr als verdreifacht, doch das Glücksempfinden der Bevölkerung blieb exakt gleich. In Japan ist das noch eindrücklicher. Dort versechsfachte sich das BIP pro Kopf, während die Befragungen ein konstantes Glücksempfinden ergaben.

John M. Keynes kann über die Ursachen dieser Resultate aufklären. Solange es um die Befriedigung von absoluten Bedürfnissen wie Ernährung, Kleidung, Wohnen etc. geht, steigert das Einkommen der Bevölkerung die Lebenszufriedenheit deutlich, weil dadurch existenzielle Notsituationen überwunden werden. Sind diese Bedürfnisse gesättigt, vollzieht sich der Übergang vom Komfort- zum Statuskonsum mit den dazugehörigen relativen Bedürfnissen. Der Konsument möchte sich durch ein tolles Auto oder das neueste iPhone von anderen abheben. Was passiert aber, wenn plötzlich alle einen Mercedes oder das neueste Apple-Produkt haben? Die erhoffte Befriedigung durch den Konsum hält nicht lange an – das Glücksempfinden wird im nächsten Konsumakt neu zu wecken versucht. Die «Tretmühle des Glücks» (M. Binswanger) beginnt sich zu drehen. Die Menschen streben ständig nach Glück, aber sie werden nicht glücklicher. Dieses Phänomen kann als die kulturkritische Seite einer Kritik verstanden werden, die seit der Krise von 2008/09 einen enormen Aufschwung erfahren hat: die Wachstumskritik. Die Glücksforschung zeigt, dass in den fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten die noch immer in den Köpfen ihrer Bewohnerinnen steckende Ansicht «mehr Wirtschaftswachstum und mehr Einkommen = mehr Wohlstand, Glück und Lebenszufriedenheit» schon seit Jahrzehnten nicht mehr gültig ist.

Das wäre also im Keim die Kritik des Jammertales. Warum aber ist die Glücksforschung zugleich ihr Heiligenschein? Weil sie (wie auch die Wachstumskritik) das ignoriert, was in der marxistischen Kapitalismusanalyse mit ihrer Entfremdungskritik zentral war: die Infragestellung der Zwänge, die sich aus der kapitalistischen Produktionsweise ergeben. Doch eine umstandslose Übertragung der Entfremdungskritik auf die Gegenwart des 21. Jahrhunderts wäre ebenso wenig sinnvoll wie ein unbedarfter Bezug auf Glücksforschung (wie Wachstumskritik). Worauf es ankäme, wäre eine Aktualisierung der marxistischen Entfremdungskritik auf Basis der empirischen Glücksforschung. Denn prinzipiell ist diese besser geeignet, eine Kulturkritik des Kapitalismus zu leisten, weil ihr eine emanzipatorische Tendenz eingeschrieben ist. Wenn die Neuformulierung geleistet wird, könnte der Glücksanspruch wieder einen gefährlichen Klang für die herrschende Ordnung bekommen.

Übrigens: Das Glücks-Paradox scheint im Alltagsverständnis der Deutschen angekommen zu sein. Laut Emnid glaubt nur noch ein Drittel der Befragten, dass das Wirtschaftswachstum mit einer Steigerung ihrer privaten Lebensqualität einhergeht. Daran ließe sich doch anknüpfen.

(aus: neues deutschland, 22.11.2013)

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