Ein Volk verkappter Sozialisten?

Hinter Kapitalismus- und Globalisierungskritik verbirgt sich häufig rechtes Gedankengut.
Meinungsumfragen, wie zuletzt von Allensbach, zeigen: Die deutsche Bevölkerung hegt eine ausgeprägte Skepsis gegenüber Marktwirtschaft und Kapitalismus. Doch das ist kein Grund zur Freude.


Die Deutschen sind verkappte Sozialisten, der freien Wirtschaft trauen sie nicht über den Weg, dem Staat schon. So lauten – pointiert zusammengefasst – die Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage, über die Thomas Petersen, Mitarbeiter des Meinungsforschungsinstitutes, kürzlich in der FAZ konsterniert berichtete. Gegen dieses falsche Bewusstsein helfe, überspitzt geschlussfolgert, nur intensive Propaganda. Denn dass die freie Wirtschaft ein Segen sei, leuchte den Deutschen einfach nicht ein. Auf die Idee, dass daran die soziale Realität schuld sein könnte, kommt der Autor nicht.

Der Artikel mit dem Titel »Stille Liebe zur Planwirtschaft« ist von Interesse, weil in ihm Umfrageergebnisse zum ökonomischen Alltagsverstand über einen längeren Zeitraum skizziert werden. Der Autor stellt fest, dass Wachstumserfolge und das Ende der Planwirtschaft im Osten die Befragten nicht zu Musterkapitalisten gemacht haben. Im Gegenteil: Eine skeptische Meinung von der Marktwirtschaft sei weit verbreitet.

Der Forscher verdeutlicht das u.a. anhand der Einstellung der Deutschen zu staatlichen Preiskontrollen. Bei einer der ersten Allensbach-Umfragen überhaupt sprachen sich 1948 70 Prozent der Befragten für eine Rückkehr zu staatlichen Preiskontrollen aus. Von diesen sagten wiederum 71 Prozent, dass sie dies auch dann befürworten würden, wenn dadurch das Angebot in den Geschäften schlechter werde. Auch durch aufwendige Werbekampagnen sei den Deutschen die Marktwirtschaft nicht näher zu bringen gewesen, so Petersen. 1969 waren immer noch 60 Prozent der Ansicht, dass die Behörden die Preise kontrollieren sollten.

Und auch 2013 haben die von der FAZ beauftragten Meinungsforscher nicht das Wunschergebnis liefern können: Weiter herrsche eine »stille Zuneigung der Deutschen zur Wirtschaftsplanung«. Es gebe sogar Anzeichen, dass marktwirtschaftliche Prinzipien an Akzeptanz verlören. So waren bis Anfang der 1990er etwa ähnlich viele Befragte der Meinung, die Verhältnisse seien gerecht beziehungsweise ungerecht. Seitdem aber steige der Anteil derer, der die Gesellschaft für ungerecht hält – heute sind es 65 Prozent. »Der Eindruck, es gebe immer mehr soziale Ungerechtigkeit, geht einher mit einem erheblichen Misstrauen gegenüber der freien Wirtschaft«, stellt Petersen fest. Das alles habe indes nichts mit Veränderungen der Sozialstruktur zu tun. Laut Statistischem Bundesamt habe sich diese in der jüngeren Vergangenheit kaum verändert – eine Aussage, die Diskussionen über Prekarisierung, Niedriglöhne, Armut und soziale Ungleichheit völlig außer Acht lässt.

Petersen führt noch weitere Belege für den Widerwillen der Deutschen an, sich als Musterkapitalisten zu gebärden. Das Resümee: »Viele politisch Verantwortliche scheinen zu glauben, die Vorteile eines freiheitlichen Wirtschaftssystems seien so offensichtlich, dass es unnötig sei, dafür zu werben. Doch das ist ein Irrtum. Das Prinzip der freien Wirtschaft leuchtet den meisten Menschen spontan nicht ein.«

Die in der FAZ zusammengefassten Umfragen decken sich mit repräsentativen Untersuchungen der vergangenen Jahre. Diese fragten ausdrücklich nach antikapitalistischen, kapitalismus- und globalisierungskritischen Meinungen in Deutschland. So stellten Richard Stöss in »Rechtsextremismus und Kapitalismuskritik« und die Friedrich-Ebert-Stiftung in »Die Mitte in der Krise« eine weite Verbreitung dieser Ansichten fest. So sind 72,2 Prozent der befragten West- und 77 Prozent der Ostdeutschen der Meinung, dass die internationalen Finanzmärkte Schuld an der wachsenden sozialen Ungleichheit sind. Dem Satz »Der Sozialismus ist im Grunde eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt wurde«, stimmen 43,4 Prozent der West- und 55,6 Prozent der Ostdeutschen zu. Alles in allem sind bei zwei Drittel der Befragten kapitalismuskritische Einstellungen vorhanden. Nach der Krise von 2008 gab es eine Zunahme, doch bereits zuvor war die Kritik am Kapitalismus recht verbreitet.

Und jetzt kommt das große Aber: Die Forscher untersuchten nämlich die Frage, ob in den Befunden auch eine Kapitalismuskritik von rechts zum Ausdruck komme – und bejahten das. Man muss dieser Schlussfolgerung nicht uneingeschränkt zustimmen. Doch dass Kapitalismuskritik auch von rechts geübt wird, ist bekannt. So liegt der Verdacht nahe, dass sich auch hinter den neuen marktkritischen und staatsfixierten Allensbach-Ergebnissen eine überwiegend von rechts artikulierte Kapitalismuskritik verbirgt. Für die frühen Befragungen ist dies sogar sehr wahrscheinlich, denn die NS-Volksgemeinschaft wirkte damals noch nach. Die Sorge der FAZ über die fehlende Liebe der Deutschen zum Kapitalismus ist also berechtigt – doch auf andere Art und Weise.

aus: neues deutschland, 2.1.2014

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