Weg mit dem marxistischen Jargon!

Das US-Magazin «Jacobin» arbeitet an der Neuformulierung des Sozialismus für junge Amerikaner – mit Erfolg

Für eine linke Zeitschrift ist es ein enormer Erfolg: Nach nur vier Jahren hat das vierteljährlich erscheinende US-Magazin «Jacobin» bereits 7500 Abonnenten und monatlich bis 600 000 Website-Besuche. Im deutschsprachigen Raum scheint das undenkbar.
Linke Zeitschriften-Neugründungen wie der «Prager Frühling» oder die von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebene «Luxemburg» gibt es nach wenigen Jahren der Print-Existenz nur noch – oder überwiegend – online. Seit sieben Jahren erscheint inzwischen «Lunapark 21», die Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie, die Auflagenhöhe jedoch ist unbekannt. Nur wenige linke Publikationen erfreuen sich einer wachsenden Leserschaft. Die «Blätter für deutsche und internationale Politik» meldeten – allerdings bereits vor wenigen Jahren – einen Anstieg der Druckauflage auf 10 000 Exemplare, verkauft werden davon 7800. Die monatlich erscheinende Zeitung «analyse und kritik» berichtete in ihrer Dezember-Ausgabe, dass sie in den letzten Jahren einen Zuwachs von rund 1100 Abonnenten zu verzeichnen habe. Das Ausgangsniveau lag 2010 indes bei 1800 Beziehern. Die Abonnentenzahl bei anderen linken Publikationen, Tages- und Wochenzeitungen mal ausgenommen, dürfte bei 1000 bis 2000 liegen. Tendenz leicht abnehmend – nicht zuletzt aufgrund der Überalterung ihrer Leserinnen und Leser.

Nicht nur angesichts dieses Vergleichs, sondern auch angesichts der Marginalisierung der US-Linken im eigenen Land ist der Erfolg der 2010 zunächst als Online-Zeitschrift entstandenen «Jacobin» schon verwunderlich genug. Erstaunlich ist ferner, dass «Jacobin» nicht einfach eine linke Zeitschrift, sondern eine mit explizit marxistischen, sozialistischen bis linksradikalen Inhalten ist. Ihrem Herausgeber Bhaskar Sunkara zufolge changieren die Texte zwischen Leninismus und Sozialdemokratie – und das bestätigt die Lektüre. Name wie Logo – auf dem der Führer der schwarzen Jakobiner und Anführer der Haitianischen Revolution, Toussaint Louverture, abgebildet ist – stehen für einen direkten Bezug zu einer der radikalsten Ausformungen der französischen Revolution von 1789 ff.: die Jakobiner. Bemerkenswert ist auch das Alter ihres Gründers Sunkara. Ganze 21 war er, als er «Jacobin» aus der Taufe hob.

Blättert man die Ausgaben durch und besucht die Website, springt sofort ins Auge: Layout und Design sind hervorragend. Kein Vergleich mit deutschen linken Publikationen, denen man nicht selten ansieht, dass ihre Macher den Inhalt wichtiger als das Layout finden. Das Magazin «Jacobin», das sich selbst als führende Stimme der US-amerikanischen Linken bezeichnet und sozialistische Perspektiven zu Politik, Ökonomie und Kultur aufzeigen will, ist ein Produkt von den und für die jungen linken US-Intellektuellen, deren Sozialisation und Politisierung nach Ende des Kalten Kriegs erfolgte. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Autoren unter 35, Herausgeber Sunkara ist heute erst 25 Jahre alt. Seine Politisierung erfuhr er dabei ausschließlich über Lektüre. Allerdings wurde der Anstoß zum Lesen wohl auch von den Arbeitsverhältnissen im neoliberalen Kapitalismus ausgelöst. Seine aus Trinidad in die USA eingewanderten Eltern arbeiteten 60 Stunden die Woche. Da zu Hause niemand auf den jungen Bhaskar aufpassen konnte, ging er nach der Schule in die Bibliothek. Die erste Stunde konnte er noch mit Kindern verbringen, doch dann blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit Büchern zu beschäftigen. Bei George Orwell fand er das Wort «Trotzkismus». Daraufhin las er mit 12, 13 Jahren die Lebenserinnerungen von Leo Trotzki. Dann Isaac Deutscher, die traditionsreiche «New Left Review», Perry Anderson und Howard Zinns Klassiker «Eine Geschichte des amerikanischen Volkes». Letzteres gab ihm zwar nicht viel, doch sein Lehrer nannte Zinn einen Sozialisten. Ein entscheidender Anstoß für Sunkara: «Wenn jemand genug intellektuelle Glaubwürdigkeit hat, um im Unterricht gelesen zu werden, und sich selbst als Sozialist bezeichnet, dann kann auch ich mich einen Sozialisten nennen», sagt er der «Boston Review».

2009 war Sunkara ein Jahr krank – die Zeit nutzte er zum autodidaktischen Lesen. Den Kanon des westlichen Marxismus arbeitete er ab, mit der Frankfurter Schule indes kann er nicht so viel anfangen. Ihm sagen eher Autoren der II. Internationale wie Karl Kautsky zu. Von den eher zeitgenössischen Theoretikern schätzt er den Professor für Politikwissenschaft und bekannten US-Sozialisten Michael Harrington oder den britischen Marxisten Ralph Milliband. «Mehr als jeder andere» repräsentiere dieser den «Mittelweg zwischen Leninismus und Sozialdemokratie», sagt Sunkara in einem Interview in der jüngsten Ausgabe von «New Left Review». Auch die eurokommunistische Tradition ist für Sunkara und seine Autoren ein wichtiger Einfluss.

Er spricht von zwei Zielen, die sein Zeitschriftenprojekt verfolgt: «Das erste ist, innerhalb der Linken die Wichtigkeit von Klassen- und marxistischer Analyse im Kontext einer stärker werdenden anarchistischen Linken zu betonen.» Gleichzeitig grenzt sich Sunkara gegen marxistische Traditionen ab. «Wir sind nicht dogmatisch und orthodox, wir denken nicht auf die alte Weise über die Organisationsfrage nach. Unser Engagement zielt darauf ab, das alte Denken an die neuen materiellen Realitäten anzupassen.» Marxistischer akademischer Jargon – damit kann die Redaktion gar nichts anfangen.

Die Herausgabe der Zeitschrift ist für Sunkara und seine Kollegen kein Selbstzweck. Das politische Projekt, die sozialistische Bewegung in den USA aufzubauen, sei der einzige Grund für die Existenz des Magazins. Der im Jahr des Berliner Mauerfalls geborene Sunkara benutzt das Wort «Sozialismus» bewusst und oft. Er vertritt die These, dass es generationsbedingt zu einer Änderung der Wahrnehmung des Begriffs kam. «Wir nähern uns dem Punkt, wo Sozialismus nicht länger so stark mit der Sowjetunion assoziiert wird», sagt er in dem «New Left Review»-Gespräch. Und er weiß das mit Umfrageergebnissen des Meinungsforschungsinstituts Pew Poll zu unterfüttern. Demzufolge haben Befragte in den USA zwischen 19 und 30 Jahren eine positivere Meinung über den Sozialismus als über den Kapitalismus. Wenngleich sie mit Sozialismus eher die skandinavischen Wohlfahrtsstaaten meinen. Aber das sei immerhin besser als Assoziationen wie Gulags und Militärparaden.

Der Erfolg von «Jacobin» hängt auch mit der Occupy-Wall-Street-Bewegung von 2011 zusammen. Doch im Gegensatz zu dieser setzt sich der Erfolg des Magazins fort. Für dieses Jahr rechnet die Redaktion mit 10 000 Abonnenten und einer Million Besuche ihrer Website pro Monat. Auf dieser werden pro Tag ein bis zwei Artikel veröffentlicht. Schon haben sich in rund 50 Städten Lesegruppen gebildet, auch in europäischen Städten. Und im Verso-Verlag gibt es eine «Jacobin»-Buchreihe. Kein Wunder, dass auch alte US-Linke begeistert sind. Noam Chomsky sagte: «Das Erscheinen von ›Jacobin‹ ist ein helles Licht in dunklen Zeiten.» Und Doug Henwood vom «Left Business Observer» schrieb: «Es ist großartig, wie die Jugend sich für radikale Politik und ernsthaftes Denken interessiert, gleichzeitig aber Spaß hat.

aus: neues deutschland, 26.01.2015

 

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