War Marx ein Grüner?

Marxisten ließen die ökologische Frage meist links liegen. Doch nicht nur auf die Integration 
der Umweltfrage in den Marxismus kommt es an, sondern auch auf die der Kapitalismuskritik 
in die Ökologie

Formuliert wurde folgender Gedanke vor über 100 Jahren, doch erst heute offenbart sich vollends seine ökologische Relevanz: »Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben.« Der Verfasser dieser Zeilen ist der Mitbegründer des Marxismus, Friedrich Engels, und das Zitat stammt aus der »Dialektik der Natur«, einem nicht fertiggestellten Manuskript, das erstmals 1925 veröffentlicht wurde.
In der Passage beschreibt Engels Beispiele für die ökologisch verheerenden Auswirkungen von menschlichen Handlungen. So habe das Abholzen von Wäldern in Mesopotamien, Griechenland und Kleinasien, um Flächen urbar zu machen, zur Verödung jener Länder beigetragen. Heute ließe sich Engels’ Feststellung mit anderen Beispielen illustrieren. Das durch Fracking gewonnene Schiefergas in den USA wirkt als Konjunkturmotor für den auf fossile Brennstoffe angewiesenen Kapitalismus. Kurzfristig mögen so Amerikaner neue Jobs bekommen. Gleichzeitig wird aber das Grundwasser durch das chemische Gemisch verschmutzt und es gibt Hinweise auf die Gefahr von Erdbeben. Und vor allem wird mit der Verbrennung von fossilen Rohstoffen langfristig die Erderwärmung befördert – wovon in erster Linie die Menschen auf der Südhalbkugel betroffen sind.

Warum aber würde man das Zitat nicht ohne weiteres Engels zuordnen? Wieso fallen einem zum Thema Ökologie nicht die Namen Marx und Engels ein? Wieso ist das Verhältnis des Marxismus zur Ökologie ein sehr stiefmütterliches? Man könnte einwenden, dass Engels’ Worte aus einer nachgelassenen Schrift stammen und deshalb wenig beachtet wurden. Allerdings: Nicht nur in der »Dialektik der Natur«, sondern im Hauptwerk des Marxismus – dem Marx’schen »Kapital« – findet sich eine Reihe von Passagen, die sich so lesen, als wäre Marx nicht nur ein Kritiker der politischen Ökonomie des Kapitalismus, sondern auch ein ökologischer Denker gewesen. Das betrifft vor allem den Abschnitt über die Landwirtschaft in kapitalistischen Produktionsweisen. Hier entwickelt Marx, auf die Forschungen des Chemikers und Agronomen Justus von Liebig aufbauend, die Theorie des sogenannten Risses des Stoffwechsels zwischen menschlichen Gesellschaften und der Natur infolge der Industrialisierung. Es sind bemerkenswerte Ausführungen, weil die zentrale Marx’sche Kategorie vom Wachstum der Produktivkräfte nicht einseitig als Fortschritt beschrieben wird, sondern ebenso als Rückschritt, ja langfristig als Zerstörung. Man könnte also genauso gut von Destruktivkräften sprechen, wenn Produktivkräfte gemeint sind. (Und in der Tat benutzten Marx und Engels den Terminus Destruktivkräfte, allerdings in einer früheren Schrift).

Doch lassen wir Marx ausführlich zu Wort kommen: Jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur, heißt es im »Kapital«, »ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit.« Und weiter wendet er diesen Gedanken auf die sich kapitalistisch entwickelnde USA an. »Je mehr … ein Land von der großen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerstörungsprozess.« Marx Gedanke mündet in der verallgemeinernden Schlussfolgerung: »Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozess, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.«

Dies sind zweifelsohne ökologische Gedanken, entstanden zu einer Zeit, als sich die Zeitgenossen das Ausmaß der ökologischen Katastrophe, mit der wir heute konfrontiert sind, nicht im Geringsten vorstellen konnten. Klimawandel, Erschöpfung von CO2-Senken, das Überschreiten der planetarischen Grenzen und knapper werdende Ressourcen – im 19. Jahrhundert ließen sich diese Probleme nicht einmal erahnen. Umso bemerkenswerter die Einsichten von Marx, auf die er kam, weil sein Verständnis von Arbeit als Stoffwechsel des Menschen mit der Natur mit einem ökologischen Verständnis kompatibel ist. Und sogar eine Art ökologischen Imperativ formuliert Marx im dritten Band des »Kapitals«: Gesellschaften sollten den nachfolgenden Generationen die Erde verbessert hinterlassen. Dazu bedürfe es der rationellen Regelung des Stoffwechsels von Mensch und Natur.

Dennoch ist mehr als offensichtlich: Diese Passagen prägen das Bild über den Marxismus in keiner Weise. Dominant hingegen ist eine Interpretation, die von der Arbeiterbewegung in Europa entwickelt, durch die realsozialistischen Staaten in das Gebäude des Marxismus-Leninismus gegossen und in der Sowjetunion durch eine ökologische verheerende Praxis begleitet wurde. Exakt hier setzt die Kritik der Ökologiebewegung am Marxismus an. Sie werfen diesem vor, dass er am Produktivismus und Industrialismus des Kapitalismus festhalte – was freilich für die Sowjetunion, aber weniger für Marx zutrifft. (Die Diskussion der Gründe, warum die Sowjetunion einen Weg der nachholenden Industrialisierung einschlug, würde hier zu weit führen).

Doch es greift auch zu kurz, den vermeintlich ökologischen Marx gegen seine nachfolgenden verfälschenden Interpreten zu verteidigen. Bei Marx selbst ist das Ökologische weniger etwas Ausgearbeitetes, im Zentrum Stehendes, sondern eher verstreut Vorkommendes, ein zu hebendes Potenzial. Vor allem aber lassen sich auch Stellen finden, die der skizzierten Janusköpfigkeit des Produktivkraftfortschritts widersprechen. Dazu zählt das bekannte Zitat aus dem Vorwort der Kritik der Politischen Ökonomie: »Auf einer gewissen Entwicklungsstufe geraten die materiellen Produktivkräfte in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen, die aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte zu deren Fesseln werden. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.« Und im »Kapital« heißt es: »Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit der kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Eigentums schlägt.«

Hier werden die Produktivkräfte als neutral beschrieben. Nicht auch ihr Destruktionspotenzial wird problematisiert, sondern das durch die Produktionsverhältnisse ausgehende Hemmnis ihrer Weiterentwicklung. Dieser Kontinuitätslogik zufolge würde die proletarische Revolution zu einer Art »Superproduktivismus« (Daniel Tanuro) führen, weil der Sozialismus materiellen Reichtum für alle verspricht. Übertragen auf heutige Technologien bedeutet das, dass Atomtechnik, das Verbrennen fossiler Energieträger und industrielle Agrarwirtschaft an sich weder gut noch schlecht sind, es lediglich auf die Eigentumsverhältnisse ankommt, in welchen sie Anwendung finden.

Eine Sichtweise, die spätestens seit den 1970er Jahren, als erstmals über »Die Grenzen des Wachstums« diskutiert wurde, befremdlich anmutet. Wir wissen heute um so mehr, dass die Entwicklung der Produktivkräfte und damit eine weitere Steigerung der Produktion mit immer mehr Ressourcenverbrauch und Ausstoß des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids einhergeht – allem Entkopplungs- und grünem Wachstums-Gerede zum Trotz. Dennoch setzen alle Politiker, aber auch die keynesianische Linke auf Wachstum bzw. Marxisten auf die Entwicklung der Produktivkräfte – mithin auf unendliches Wachstum in einer endlichen Welt. Dabei war das nicht das Ziel des Marx’schen Emanzipationsversprechen: Marx ging es um mehr frei verfügbare Zeit für die Entwicklung der Individuen.

Wenn Marx also nicht einseitig Produktivismus vorgeworfen werden kann, so doch, dass er eine für die heutige Zeit entscheidende Tatsache nicht als Problem in seine Analyse aufgenommen hat: nämlich die Frage der Energie. Der belgische Ökomarxist Daniel Tanuro findet es frappierend, dass Marx und Engels in ihrer Analyse der industriellen Revolution die enorme ökologische und ökonomische Bedeutung des Übergangs vom erneuerbaren Holz zur nicht erneuerbaren Kohle als Brennstoff nicht verstanden haben. Das hat zur Folge, dass die Marx’sche Bestimmung einer Produktionsweise durch die Produktions- und Eigentumsverhältnisse nicht ausreicht. Sie sei auch gekennzeichnet durch die Technologie, die sich nach der Wahl der Energiequelle richtet, schreibt Tanuro. Und weiter: »Das kapitalistische Energiesystem ist zentralisiert, anarchisch, verschwenderisch, ineffizient, intensiv in toter Arbeit, es gründet sich auf nicht erneuerbare Quellen und orientiert auf die tendenzielle Überproduktion von Waren.«

Was politisch daraus folgt? Es geht angesichts des Klimawandels um die Ersetzung der derzeit existierenden Produktionsweise durch ein dezentralisiertes und auf erneuerbaren Energien basierenden Modells. Was Marx über den bürgerlichen Staatsapparat schrieb – dass dieser nicht zu übernehmen, sondern zu zerschlagen sei – muss also auch für das fossilistische Energiesystem gelten. Das kann nur mit der Senkung des Energiekonsums, mithin mit der Verringerung von Produktion und Transport von Materie einhergehen. Diese Schlussfolgerung aber verträgt sich schlecht mit dem traditionellen Marxismus-Verständnis. Außerhalb Deutschlands scheint man eher einer ökologischen Revision des Marxismus zuzuneigen. Michael Löwy etwa hält die ökologische Frage für die große Herausforderung für einen neuen Frühling des marxistischen Denkens. »Sie verlangt von den Marxisten einen radikalen Bruch mit der Ideologie des linearen Fortschritts und dem technologischen-ökonomischen Paradigma der modernen industriellen Zivilisation.«

Indes: Vielleicht noch wichtiger als die Integration der Ökologie in den Marxismus ist die des Marxismus in die Ökologie. Denn ohne die Marx’sche Ökonomiekritik werden ökologisches Denken und Politik zu oft auf eine Kulturkritik des Konsumismus reduziert. Das gilt auch für die in den letzten Jahren populärer gewordene ökologische Wachstumskritik. Sie dringt nicht vor zur Ursache des Wachstums kapitalistischer Produktionsweisen: dem inhärenten Zwang zu Verwertung und Akkumulation von Kapital.

Naomi Klein, ursprünglich aus einem linksliberalen Milieu kommend, scheint das in ihrem neuem Buch »Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima« verstanden zu haben. Ausgehend von der massivsten ökologischen Bedrohung – dem Klimawandel – stellt sie die Systemfrage. Nur mit einem Bruch mit dem auf Wachstum ausgerichteten (deregulierten) Kapitalismus kann die Erderwärmung aufgehalten werden. Kleins im März erscheinendes Buch bietet also auch die Chance, die ökomarxistische Debatte in Deutschland zu beleben.

aus: neues deutschland, 21.2.2015

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