Aus der Geschichte lernen?

Nur wenige Wochen nach dem Party-Patriotismus der Fußballweltmeisterschaft, der weitgehend als Indiz für den nunmehr unverkrampften Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte gedeutet wurde, ist mit dem Eingeständnis Günter Grass’, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, eine Debatte über das Verhältnis zum Nationalsozialismus wieder aktuell geworden. Fast genau 20 Jahre nach Ernst Noltes – den Auftakt für den Historikerstreit gebenden – Klagen über die Vergangenheit, die nicht vergehen will, scheint die deutsche Öffentlichkeit sich derzeit mitten in einer neuen geschichtspolitischen Kontroverse zu befinden. Schon frohlockt der Protagonist des rechts-konservativen Lagers aus dem Historikerstreit in einer italienischen Zeitung – hierzulande ist er mittlerweile sogar der FAZ zu weit rechts -, die Grass-Diskussion sei ein Anzeichen dafür, dass die von ihm seit 1986 vorausgesagte Verschiebung der herrschenden Begriffe nun eingetreten sei (vgl. FAZ, 17.8.2006). Anlass genug, zu fragen, ob dem tatsächlich so ist. 
Was drückt sich in den Bilanzierungen zum Historikerstreit und was in der Grass-Debatte aus? Was kann an der hegemonialen Deutung des Nazi-Faschismus kritisiert werden und wie können Ansatzpunkte für einen adäquaten Umgang mit diesem aussehen?

Grass-Debatte
Viele Stimmen zu Grass’ Geständnis bemängelten den moralischen Autoritätsverlust des Schriftstellers und (politischen) Intellektuellen durch das jahrzehntelange Schweigen über seine Zeit in der SS. Nicht wenige kritisierten, dass Art und Weise sowie Zeitpunkt des Geständnisses der Ruch einer geschickt platzierten Marketingkampagne anhafte. Beides ist durchaus nicht von der Hand zu weisen. Aber abgesehen von dem Einwand, dass einige politische Stellungnahmen Grass’- etwa seine totalitarismustheoretische Gleichsetzung von Nazis und Kommunisten, seine Befürwortung des Krieges gegen Jugoslawien sowie sein Eintreten mit Erika Steinbach für das Zentrum gegen Vertreibung – zweifelhafte Interventionen darstellten (wenngleich andere Äußerungen von ihm sicher anders zu werten sind), und abgesehen davon, dass Marketing für ein Produkt im Kapitalismus nichts verwerfliches ist, ist im Kern doch etwas anderes herauszustellen. Die Stellungnahmen zu Grass, so die These, sind durch eine Konzentration auf individuell-moralische Aspekte gekennzeichnet, in denen sich die derzeit hegemoniale Sicht auf den Nationalsozialismus (oder den deutschen Faschismus, da beginnt bereits der Kampf um die Begriffe) als singulärem Phänomen ausdrückt. Wiederum darin drückt sich das im Historikerstreit von linksliberaler Seite gegen die Relativierungsbemühungen der Konservativen gerichtete Argument vom Nationalsozialismus als „Zivilisationsbruch“, als „Rückfall in die Barbarei“ oder als Ausbruch kollektiven Rassenhasses oder Antisemitismus aus, was einer rationalen Erklärung für nicht zugänglich erachtet wurde.

Mittlerweile hat eine individualisierte Opfer- und Täterperspektive den Blick auf soziale Strukturen, Verhältnisse, Prozesse und auf Herrschaftssysteme mit Klasseninteressen sowie die Frage der den Faschismus begünstigenden Kontinuitäten der deutschen Geschichte in den Hintergrund treten lassen. Eine entsprechend moralisch-individuelle Erinnerung kann demnach keinen Bezugspunkt zu den realen Spaltungslinien der heutigen Gesellschaft aufweisen. (Diese Perspektive, die, ausschließlich angewendet, einer Dekontextualisierung des geschichtlichen Geschehens Vorschub leistet, ist im Übrigen offenbar eine Voraussetzung für die neue Opferdebatte in Deutschland, die u.a. auch durch Günter Grass’ Novelle „Im Krebsgang“ [2002] ausgelöst wurde).[1]

Vor diesem Hintergrund könnte man fragen, ob nicht gerade das lange Schweigen Grass’ auch eine Konsequenz seiner eigenen Sichtweise auf den Faschismus als singulärem Ereignis und eben nicht als in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft selbst weiterhin angelegtem Potenzial geschuldet ist.

Seltener wurden die Gründe von Grass selbst, die der Schriftsteller für seinen Weg zur Waffen-SS angab, zum Gegenstand der Kritik. Die interessanteste übte Jens Jesse (Die ZEIT, 17.8.2006). Die positive Schilderung des „Antibürgerlichen“ des Nationalsozialismus, des Aufhebens von Klassenunterschieden in der Volksgemeinschaft durch den Schriftsteller verleitete den ZEIT-Autor zu der Frage, ob Grass „sich von dem Hokuspokus der nationalsozialistischen Propaganda befreit hat.“ Dieser allerdings interpretationsbedürftige Gedanke wie auch jene „krude Anekdote“, dass Grass mit echtem Rassismus nicht im Dritten Reich, sondern in der Kriegsgefangenschaft unter US-amerikanischen Soldaten konfrontiert worden sei, wird jedoch sogleich gegen die Linke in Gestalt der 68er gewendet. In dem antibürgerlichen Motiv sieht Jesse eine Parallele von Studentenbewegung und dem SS-Soldaten Grass. „Die Passagen lesen sich wie mentalitätsgeschichtliche Belege zu Götz Alys These von Hitlers Volksstaat, der eben nicht nur genuin rechte, sondern auch linke Hoffnungen und Sehnsüchte befriedigte“, so seine Schlussfolgerung.

Aber sowohl die bisherige Grass-Debatte als auch der jüngste Wirbel um Alys neustes Faschismus-Buch dringen nicht wirklich zu einer Erhellung des Zusammenhangs von gesellschaftlichen Strukturen und mentalitätsgeschichtlichen Dispositionen im Deutschland am Vorabend und während des Faschismus vor. Günter Grass’ wenn auch knappe Charakterisierung faschistischer Jugendorganisationen als „antibürgerlich“ und in gewissem Sinne „modern“ verweisen beispielhaft auf die fortgeschrittene krisenhafte Auflösung intakter bürgerlicher Strukturen am Ende der Weimarer Republik. In der bloßen Fokussierung auf Grass’ SS-Mitgliedschaft bleibt dieser Strukturzusammenhang unterbelichtet. Und auch Alys publikumswirksame Reduktion der deutschen Lohnabhängigen im Faschismus auf Schnäppchenjäger im Krieg und dumpfe Nutznießer staatlicher Umverteilungspolitik blendet die dabei zugrundeliegenden Folgewirkungen der Wohlfahrtskrise der Weimarer Republik und ihre faschistische Krisenlösung durch Selektion, Ausgrenzung und Ausmerzung aus.

So bleibt in beiden Diskursen, dem literarisch-feuilletonistischen wie dem zeitgeschichtlich-politischen, der innere Zusammenhang des „Janusgesichts“ einer bürgerlich-kapitalistischen Moderne der 1920/30er Jahre und ihrem Umschlagen in faschistische Krisenlösungen auf der Strecke. Dies sollte aber gerade ein aufklärerischer Ertrag sein, der sowohl aus Autobiographischem, literarischen Verarbeitungen wie sozialgeschichtlichen Untersuchungen aus der Zeit des deutschen Faschismus gelernt werden könnte.

Alys Bilanz des Historikerstreits
Diese Schwierigkeit eines gelingenden „Lernens aus der Geschichte“ zeigt sich auch im Kampf um die Deutungshoheit im Historikerstreit. Der Hinweis auf Götz Aly im Zusammenhang der Grass-Debatte ist dabei symptomatisch. Alys Interpretation des nationalen Sozialismus – wie es in dem Untertitel seines Buches Hitlers Volksstaat heißt – belegt einmal mehr eine öffentlich mehrheitlich goutierte folgenreiche Verschiebung der Perspektive auf den deutschen Faschismus.[2] Diese bekräftigte Aly unlängst in seiner Bestandsaufnahme 20 Jahre nach dem Historikerstreit „Logik des Grauens“ (Die ZEIT, 1.6.2006).

Die große Frage, die der Historikerstreit hinterließ, sieht Aly darin, wie „das überragende Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts, der Holocaust, in die deutsche und europäische Geschichte eingeordnet werden soll.“ Insofern habe Nolte den Fokus auf ein richtiges Thema gelenkt: die übergreifende geschichtliche Einordnung des Holocaust. Freilich distanziert er sich von Noltes Antwort auf diese Frage, hält die Historisierung des Holocaust jedoch für prinzipiell richtig, wenngleich der Versuch zum damaligen Zeitpunkt aufgrund der fehlenden notwendigen Kenntnisse zu früh erfolgt sei.

Welche Historisierung schlägt Aly vor? Er ist der Ansicht, dass „20 Jahre nach dem Historikerstreit, mehr als 16 Jahre nach dem Fall der Mauer die Zeit reif (ist), die Epoche des gewalttätigen Nationalismus, der ethnischen Segregations-, Enteignungs- und Vernichtungspolitik im 20. Jahrhundert neu und übergreifend zu fassen.“ In Weltkriegen, in Revolutionen und auch in Friedensschlüssen seien zwei alte Ideen zur blutigen Praxis geworden: die nationale und die soziale Homogenisierung. Ähnlich wie in seinem Buch „Hitlers Volksstaat“ und weiteren Aufsätzen entlastet Aly damit die Eliten bzw. die herrschende Klasse und sieht die Schuld bei den Massen. In einer Replik auf seine Kritiker sprach er von einem Perspektivenwechsel von der Elitenverantwortung zum Nutznießertum des Volkes.[3] „Beide Konzepte – nicht selten in explosiver Kombination – beflügelten die Massen, sich aus dem Elend, der Enge des Hergebrachten zu erlösen und den Weg in ein besseres Leben mit Gewalt zu beschleunigen.“ Die implizite Gleichsetzung von Marxismus, Sozialismus und Kommunismus mit Faschismus – nicht zufällig benutzt Aly Formulierungen aus dem Liedgut der Arbeiterbewegung – wird an anderer Stelle noch deutlicher ausgesprochen: „Wer genau hinsieht, erkennt die innere Verwandtschaft von Begriffen wie Arisierung, Polonisierung, Magyarisierung, Nationalisierung oder eben Sozialisierung.“ Sein Fazit für die Historisierung lautet demnach: „Im Zentrum einer umfassenden historischen Einordnung hätten die verschiedenen Formen der ethnisch und sozial begründeten Massenmobilisierungen und „Säuberungen“ zu stehen. Ihre äußerste Form erreichten sie in den Angriffskriegen des nationalsozialistischen Deutschlands und dem damit verbundenen Mord an den europäischen Juden.“

Historisierende Kontinuitätsbezüge
An Alys Ausführungen ist im Wesentlichen zweierlei kritisch zu diskutieren. Zum einen sein Plädoyer im Einklang mit Ernst Nolte für eine Historisierung des Holocaust bzw. des deutschen Faschismus und die damit verbundenen Fragen nach der Tauglichkeit einer Kontinuitätsperspektive bzw. der Singularitätsthese. Zum anderen die Frage des adäquaten Erinnerns und die geschichtspolitische Dimension und deren Verknüpfungen und Konsequenzen für gesellschafts- und kapitalismuskritischer Theorien.

Was den ersten Aspekt anbelangt, so ist prinzipiell gegen eine historisierende Einordnung des Faschismus und insbesondere des Holocausts nichts einzuwenden, womit freilich nicht eine Behandlung des Faschismus als ein geschichtliches Ereignis wie jedes andere verstanden wird, wie es die Absicht revisionistischer Historiker war und ist.[4] Sondern – darauf wies etwa der früh verstorbene Historiker Detlev Peukert hin -, dass Historisierung das Interesse auf gesellschaftliche Strukturen lenke, sodass geschichtliche Erfahrungen durch die Herstellung von Kontinuitätsbezügen wach gehalten werden können. Der Nationalsozialismus erscheine dann nicht als das Produkt von pathologischen Personen, mit deren Tod die Gefahr der Wiederholbarkeit ausgeschlossen sei.[5]

Historisierende Kontinuitätsbezüge, die auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen hinweisen, sind in Alys Text nun durchaus vorhanden. So macht er darauf aufmerksam, dass die Selektion von Bevölkerungsgruppen nach ethnischen Kriterien keinesfalls von Nazi-Deutschland erfunden wurde, sondern bereits vom republikanischen Frankreich 1919 im wiedergewonnenen Elsass praktiziert worden sei. In dieser Argumentation schwingt durchaus Kritik an liberalen Gesellschaften mit, indem die Frage des Zusammenhangs von bürgerlicher Gesellschaft und Faschismus sowie der Kontinuität von ethnischen Vertreibungen und Säuberungen aufgeworfen wird.

Allerdings bewegt sich diese Kritik an der Oberfläche, und andererseits droht die Spezifik der systematischen Ermordung der europäischen Juden verloren zu gehen. Bei Aly erscheint der Holocaust lediglich als „äußerste Form“ der „ethnisch und sozial begründeten Massenmobilisierung“. Die Singularitätsthese des Holocausts scheint somit in Frage gestellt zu sein, wenngleich Aly sich von einer Relativierung des Holocaust und der Schuld der Deutschen rhetorisch abgrenzt. Nun ist jedoch diese These – wie auch der Ansatz des Kontinuitätsbezugs – sehr umstritten und schnell der Vorwurf der Verharmlosung zur Hand. Das Problem ist, dass häufig verschiedene Ebenen – eine moralisch-politische und eine wissenschaftliche – verschwimmen, die zu unterscheiden – wie Brigitte Berlekamp vorschlägt[6] – die Diskussion bereichern würde. Die moralisch-politische, auf die sich die Singularitätsthese bezieht, soll das Herausragende, Außerordentliche kennzeichnen und der Relativierung durch Vergleich vorbeugen. Singularität wird hier verstanden als die erstmalige von einem Staat organisierte, systematische und von der Mehrheitsbevölkerung zumindest tolerierte Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung einer anderen Bevölkerungsgruppe, einschließlich der Greisen und Kinder. Auf der wissenschaftlichen Ebene hingegen würde eine Singularitätsthese der komplexen Rekonstruktion der Ereignisse in seinem geschichtlichen Kontext entgegenstehen, den Holocaust aus den geschichtlichen Strukturen und Prozessen herausnehmen und die Gefahr der Wiederholbarkeit letztlich ausschließen.

Alys Vorschlag bleibt deshalb an der Oberfläche, weil er nicht die Frage stellt, warum es zu ethnischen Massenmobilisierungen und Säuberungen kommt und welche – faschismustheoretisch gesprochen – klassenpolitischen Interessen dahinter stehen. Dass Aly für die geschichtliche Einordnung des Holocaust in früheren Jahren wesentlich tiefergehende Vorschläge und Erklärungsansätze hatte, beweist vor allem ein Blick in sein zusammen mit Susanne Heim verfasstes Buch „Vordenker der Vernichtung“ (Hamburg 1990). Dort sahen sie eine Ursache des Holocaust in bevölkerungsökonomischen Gründen und einer gnadenlos instrumentalisierten Vernunft kapitalistischer Rationalität. Eine faschismustheoretische Erklärung könnte an diese Thesen durchaus kritisch anknüpfen, müsste jedoch dem sich verselbständigenden Faktor Antisemitismus ein größeres Gewicht beimessen.[7]

Adäquates Erinnern?
Ein Erinnern an die Verbrechen des deutschen Faschismus hat zum Ziel, die Wiederholung eines ähnlichen Geschehens zu verhindern. Die Art und Weise, wie erinnert wird und welche Schlussfolgerungen zur Vermeidung in Erwägung gezogen werden, hängt davon ab, wie man das historische Geschehen zu erklären versucht (bzw. ob man es überhaupt einer rationalen Erklärung für zugänglich erachtet). Wenn Aly in den nationalen wie sozialen Homogenisierungsversuchen die Ursache für Faschismus und andere Verbrechen der letzten Jahrhunderte sieht, liefert er damit implizit geschichtswissenschaftlich verbrämte Argumente für den neoliberalen Sozialstaatsabbau.[8]

Nicht minder fragwürdig ist die Mainstream-Sicht auf den Faschismus, insbesondere den Judenmord. Während Aly einer bedenklichen Historisierung das Wort redet, ist das Problem dieser, wie oben bereits erwähnt, die Enthistorisierung, -kontextualisierung und -konkretisierung des tatsächlichen geschichtlichen Geschehens. Die Ursache des Holocausts wird im Wesentlichen in der Ideologie, in erster Linie im Antisemitismus, gesehen (wobei der Kritik an Aly, was die ungenügende Berücksichtigung des Faktors Antisemitismus betrifft, durchaus zuzustimmen ist). Der Vorgang „der sozialen Erstellung des genozidalen Prozesses“ (Michael Welzer) droht zu verschwinden, wenn beispielsweise – um nur ein Beispiel zu nennen – der Holocaust aus dem Kontext des (imperialistischen) Zweiten Weltkrieges herausgelöst wird.

Im hegemonialen Diskurs schwingt implizit oder explizit immer das Argument mit, dass die jetzige deutsche Gesellschaft nichts mehr mit der des Nationalsozialismus gemein habe. Zudem wird die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen, zu denen man sich im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten zweifelsohne offen bekennt, als vorbildlich hingestellt. Mehr und mehr wird die Geschichte der Bundesrepublik Bezugspunkt positiver Identifikation – vergessen scheint das „kollektive Beschweigen“ der NS-Vergangenheit in der frühen Bundesrepublik, die der konservative Philosoph Hermann Lübbe als die notwendige Voraussetzung für den Aufbau des neuen Staates mit den Trägern und Mitläufern des alten bezeichnete. In der Konsequenz bedeutet dies, dass die Annahme der abstrakten – da aus ihrem geschichtlichen Kontext gelösten – Täterschaft „somit zur Bedingung einer selbstbewussten, nationalen Identität [wird], die wiederum als Voraussetzung für die Teilnahme an der universalisierten Erinnerungskultur verstanden wird.“[9]

Wie aus marxistischer Sichtweise ein adäquates Gedenken an die Judenvernichtung und deren Erforschung auszusehen hat, skizziert Moshe Zuckermann.[10] Ausgang muss ihm zufolge das Wesen des zu Gedenkenden sein – was bei Auschwitz allerdings auf erhebliche Schwierigkeiten stößt. Gleichwohl muss auch hier gelten, dass das als „Sonnenfinsternis der westlichen Zivilisation“ oder „black box des Verstehens“ Apostrophierte von Menschen gemachte Geschichte sei. Und zwar von Menschen in spezifischen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenhängen und Ideologien. Ein Erinnern der Opfer sei zwar unabdingbar, doch komme es darauf an, die historischen Zusammenhänge zu ergründen, die Menschen zu Opfern und zu Tätern haben werden lassen. Praxisbezogen geht, so Zuckermann, damit folgendes einher: „Wenn es primär darum gehe, die historischen Bedingungen des Holocaust als politisch Prozesse, gesellschaftliche Determinanten, kulturelle Zusammenhänge und Ideologien zu begreifen, zudem die Einsicht aufrecht zu halten, dass die Strukturen, die diesen historischen Bedingungen zugrunde liegen, noch keineswegs aus der Welt geräumt sind, dann kann es sich bei diesem – der Opfer im Stande ihres Opferseins gedenkenden – Erinnerungsakt um nichts anderes als um eine jene Strukturen radikal bekämpfende, sie aus der Welt zu räumen bestrebte politische, soziale und kulturelle Praxis handeln.“ Nur, so Zuckermann weiter, „eine jeglichem Rassendünkel, ethnisch motiviertem Vorurteil, autoritärer Untertanengesinnung und gesellschaftlicher (auch wirtschaftlicher) Ausgrenzung, Verfolgung und Ausbeutung rigoros entgegentretende, mithin um wirkliche Demokratie, soziale Gerechtigkeit und kulturellen Pluralismus bemühte politische Praxis wäre im Stande, die gesellschaftlich bedingte, historisch entstandene und kulturell legitimierte Existenz von Opfern als solche tendenziell aufzuheben, somit aber auch der historischen Opfer im Stande ihres Opferseins wahrhaft zu gedenken“.

20 Jahre nach Nolte
Im Sommer vor 20 Jahren ging es um den Versuch seitens der konservativen Protagonisten, eine positive Identifikation mit der deutschen Geschichte durch eine Relativierung des deutschen Faschismus durchzusetzen. Gemeinhin heißt es, dass dieser Vorstoß durch die linksliberalen Kontrahenten abgewehrt wurde. Das ist nicht ganz falsch: Zwei Jahrzehnte später ist nicht eingetreten, was Habermas befürchtet hatte: Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind heute im Geschichtsbewusstsein präsenter denn je und auch die politischen RepräsentantInnen bekennen sich eindeutig wie nie zur Verantwortungsübernahme des Staates. Doch andererseits hatte der linksliberale Punktesieg zur Folge, dass sich die oben beschriebene Sicht auf den Faschismus durchsetzen konnte, was nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen ist, dass die Argumentation von Habermas zwar gegen die Konservativen gerichtet war, aber gleichzeitig mit ihrem Plädoyer für Westbindung und Verfassungspatriotismus eine systemkritische Linke und ihre (faschismustheoretische) Sicht auf den Nationalsozialismus ausschloss. Sicher lag das auch an den unzulänglichen, ökonomistischen Theorien gewisser marxistischer Strömungen selbst. Aber gerade deshalb muss faschismustheoretische Forschung mit entsprechenden Modifikationen wieder an das Horkheimersche Diktum („Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, solle auch vom Faschismus schweigen“) anknüpfen – auch um in den Hegemonie-Kämpfen wieder eine Form ihrer symbolischen Reproduktion zu finden. So kann dem Krisenpotenzial im „Janusgesicht der bürgerlichen Moderne“ auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit seinen Ausgrenzungen, Rassismen, neuen Kriegen und gesellschaftlichen Zerstörungen aufklärerisch Rechnung getragen werden.

Anmerkungen
[1] Erwähnt werden muss, dass die so genannte Täter- oder Opferforschung bzw. -perspektive in einem spezifischen Kontext auch progressiv wirken kann. Das ist in der Goldhagen-Debatte vor ca. zehn Jahren zu beobachten gewesen. Die Thesen Goldhagens vom „eliminatorischen Antisemitismus“ der Deutschen waren ein Gegengewicht zu damaligen Relativierungsbemühungen.
[2] An Alys Buch „Hitlers Volksstaat“ wurde vielfach Kritik geübt. Vgl. insbesondere die Beiträge in Sozial.Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts 20 (2005), 3 und Christoph Lieber, „Gefälligkeitsdiktatur“ oder mörderische Leistungsgesellschaft? Götz Alys simplifizierende Faschismusdeutung, in: Sozialismus 12/2005, S. 30-36.
[3] Vgl. Götz Aly, Antworten auf meine Kritiker, in: Sozial.Geschichte, Heft 1, 2006, S. 79.
[4] Vgl. zu der oftmals missverstandenen Kontroverse um Historisierung: Martin Broszat, Was heißt Historisierung des Nationalsozialismus, in: Historische Zeitschrift. Bd. 247 (1988) und Brigitte Berlekamp: Rassismus, Holocaust und die „Historisierung“ des Nationalsozialismus – Zu einem nicht beendeten Disput, in: Werner Röhr (Hrsg.): Faschismus und Rassismus – Kontroverse um Ideologie und Opfer, Berlin 1992.
[5] Detlev J.K. Peukert, Alltag und Barbarei. Zur Normalität des Dritten Reiches, in: Dan Diner, Ist der Nationalsozialismus Geschichte, Frankfurt a.M. 1998, S. 51-61.
[6] Berlekamp, a.a.O., S. 103f.
[7] Vgl. zur Kontroverse um die so genannte bevölkerungsökonomische Begründung des Judenmordes Wolfgang Schneider, Vernichtungspolitik – Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland, Hamburg 1991.
[8] Dass Alys neototalitarismustheoretische Gleichsetzung von links und rechts offenbar in seiner eigenen Biografie begründet liegt, interessiert hier nur am Rande. Als ehemaliges K-Gruppen Mitglied geht es ihm offenbar darum, mit seiner eigenen Vergangenheit abzurechnen. Einem Journalisten der ZEIT bekennt er, einem totalitären Glauben verfallen gewesen zu sein. Er wolle, so wird Aly wiedergegeben, den Totalitarismus verstehen, ob von rechts oder von links (vgl. Die ZEIT, 19.5.2005). In seiner Rezension des Buches „Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus“ schrieb er: „Die deutschen Achtundsechziger waren ihren Eltern auf elende Weise ähnlich – vor allem im Antisemitismus.“ So verwundert es nicht, dass er ex post die Seiten gewechselt hat und heute die repressive Seite des Staates in den damaligen Auseinandersetzungen und die BILD-Zeitungskampagnen lobt. „Wenn es langfristig überhaupt positive Auswirkungen des Achtundsechziger-Protests gegeben haben sollte, dann nur deshalb, weil es den Gegenkräften gelang, diese zutiefst intolerante und antidemokratische Bewegung mit Hilfe der Staatsgewalt und einer entschlossenen Publizistik zu stoppen.“ (Die Welt, 16.7.2005)
[9] Gerd Wiegel, Globalisierte Erinnerung? Die Universalisierung der NS-Erinnerung und ihre geschichtspolitische Funktion, in: Michael Klundt u.a.: Erinnern, Verdrängen, Vergessen. Geschichtspolitische Wege ins 21. Jahrhundert, Giessen 2003, S. 112. Zur selbstbewussten nationalen Identität gehört dann auch, dass die rot-grüne Bundesregierung sich, um ein angebliches neues Auschwitz im Kosovo zu verhindern, am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der westlichen „Wertegemeinschaft“ gegen Jugoslawien beteiligte.
[10] Vgl. Moshe Zuckermann, Holokaust, in: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, hrsg. von Wolfgang Fritz Haug, Bd. 6/I, Hamburg 2004, S. 492ff.

(aus: Sozialismus 9/2006)

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