Nebulös und unverbindlich

Der Sozialphilosoph Axel Honneth möchte die Idee des Sozialismus aktualisieren – und lässt kaum etwas von ihr übrig

Er gilt zusammen mit Jürgen Habermas als der wichtigste lebende Vertreter der Frankfurter Schule. Allerdings hat Axel Honneth – wie Habermas – die einst von Horkheimer, Adorno und anderen begründete Kritische Theorie aus ihrer marxistischen Verankerung gelöst. Insofern ist es überraschend, dass sein neuestes Buch eine Aktualisierung der Idee des Sozialismus leisten möchte. Allerdings stellt sich nach der Lektüre der Eindruck ein, dass für Honneth der Begriff Sozialismus das ist, was der des demokratischen Sozialismus für die SPD ist: nebulös und unverbindlich. Vom Sozialismus bleibt nicht viel übrig – außer: Er ist das Niederreißen von Kommunikationsbarrieren und eine demokratische Lebensform. Zudem soll er postmarxistisch sein.

Honneth kritisiert zunächst die »drei Geburtsfehler des Sozialismus«. Alles was man landläufig mit Sozialismus verbindet, ist ihm zufolge mit der »Schlacke seines im 19. Jahrhunderts wurzelnden Denkgehäuses« behaftet. Gemeint ist dreierlei: Ökonomismus, die These von der revolutionäre Mission des Proletariats und die geschichtsdeterministische Annahme vom zwangsläufigen Ende des Kapitalismus.

Diesen aus dem Manchesterkapitalismus stammenden »Erblasten« setzt Honneth einen Sozialismus als »historischen Experimentalismus« und als »demokratische Lebensform« entgegen. Methodisch geht er dabei von einer funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften aus. Es gebe keine steuernde Instanz, verschiedene Sozialsphären funktionierten nach eigenen Gesetzen. Deshalb mache es keinen Sinn, gesellschaftliche Veränderung allein auf die Ökonomie zu beschränken. Vielmehr will Honneth die Idee der sozialen Freiheit in allen Sphären – Ökonomie, politische Willensbildung und persönliche Beziehungen – verankert wissen. Doch es mutet befremdlich an, von autonomen Sphären auszugehen, wenn die Ökonomisierung von immer mehr gesellschaftlichen Bereichen offenkundig ist. Selbst Jürgen Habermas sprach ja noch von einer »Kolonialisierung der Lebenswelt« durch die Ökonomie. Nicht so Honneth (was nicht heißt, dass Kritik an starren Basis-Überbau-Modellen unangebracht wäre).

Freilich fällt damit auch die Beantwortung der Frage des historischen Subjekts für die Umsetzung eines Sozialismus anders aus. »Institutionelle Errungenschaften sollten als soziale Träger der normativen Ansprüche gelten, die der Sozialismus innerhalb der modernen Gesellschaften anzumelden versucht«, revidiert Honneth – und präzisiert, dass alle Bürgerinnen und Bürger als Träger infrage kämen. Mit letzteren meint er den Citoyen, den politischen Staatsbürger. Aber was ist mit dem Besitzbürger? Dieser dürfte anderer Meinung über zum Beispiel das von Honneth gelobte deutsche Mitbestimmungsrecht oder den Mindestlohn sein als der auf den Verkauf seiner Arbeitskraft angewiesene Büroangestellte oder die Bäckereiverkäuferin. Der Frankfurter Seniorprofessor übersieht, dass institutionelle Errungenschaften nicht vom Himmel fallen, sondern soziale Träger haben, die diese in sozialen Kämpfen durchsetzen. Das Mitbestimmungsrecht wäre ohne den Klassenkompromiss nach dem Zweiten Weltkrieg nicht denkbar gewesen, ebenso wenig die Institutionalisierung des Mindestlohns durch gewerkschaftliche Kämpfe. Honneths Auflösung der Klassen- in Kommunikationskämpfe geht an der sozialen Wirklichkeit vorbei.

Damit ist eine weitere große Schwäche des Buches angesprochen. Es kommt ohne den Bezug auf soziale Bewegungen aus und argumentiert nie historisch. Sonst müsste Honneth auffallen, dass es etwa in Deutschland die sozialistische Arbeiterbewegung war, die das allgemeine Wahlrecht für alle – auch für Frauen – mit durchsetzte. Mithin das, was Honneth bei den frühen sozialistischen Denkern vermisst: die Ausweitung der Freiheit auf die politische Sphäre.

Methodisch sind diese soziologischen und historischen Leerstellen erklärbar, weil Honneth sich überwiegend auf Schriften von Frühsozialisten wie Louis Blanc, Pierre-Joseph Proudhon, Robert Owen, Henri de Saint-Simon und den jungen Marx stützt. Keine Beachtung findet der späte Marx, der zusammen mit Engels und weiteren marxistischen Theoretikern die sozialistische Arbeiterbewegung viel stärker prägte. Erwähnt wird nicht, dass die beiden eine Kritik des Frühsozialismus vornahmen. Und vernachlässigt werden überdies die sogenannten westlichen Marxisten, die in Anschluss an Marx durchaus nicht nur die von Honneth angesprochenen Probleme diskutiert, sondern auch sein Werk fortgesetzt, korrigiert und erweitert haben. Insbesondere Antonio Gramsci wäre hier zu nennen, der als einer der ersten den Ökonomismus kritisierte und sich mit der Analyse der politischen Sphäre beschäftigte, aber beispielsweise auch Nicos Poulantzas. Stattdessen postuliert Honneth, der sich positiv auf Eduard Bernstein, Hegel und den US-amerikanischen Philosphen John Dewey bezieht, lediglich, dass der Sozialismus nur eine Zukunft haben kann, wenn er eine postmarxistische Form annehme.

So scheitert Honneth an seinem Ziel, die Rückbildung des Sozialismus zu einer rein normativen Theorie zu verhindern und stattdessen einen Ersatz für die verloren gegangene Bindung an die Arbeiterbewegung zu suchen. Sein Versuch wird im Grunde zu genau dem: zu einer Gerechtigkeitstheorie, die keine Geschichte, keine Kritik der Politischen Ökonomie und keine Transformationsperspektive mehr kennt.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Idee des Sozialismus und die des Marxismus keiner Revision bedarf. Honneth schreibt zu Recht: »Allerdings werden sich diejenigen, die meinem Revisionsvorschlag … Zweifel entgegenbringen, die Frage gefallen lassen müssen, ob sie nicht in ihrem verkrampften Festhalten an liebgewonnenen Illusionen die vielleicht letzte Chance verspielen, das eigene Projekt noch einmal mit begründeten Hoffnungen auf seine zukünftige Realisierbarkeit zu versehen.«

Der Revisionsvorschlag muss also anders aussehen. Er muss die Geschichte berücksichtigen, die Kritik der Politischen Ökonomie fortführen – und er muss vor allem angesichts des Überschreitens der Belastbarkeitsgrenzen der Erde ökologisch fundiert werden. Denn Folgendes lag für die sozialistischen Theoretiker des 19. Jahrhunderts jenseits jeglicher Vorstellungskraft: Dass die Industrialisierung eine solche Dynamik gewinnen würde, dass der Raubbau an der Natur mit ökologischen Katastrophen auf die Gesellschaften zurückschlägt. Insofern sind der Sozialismus und der Marxismus in ihren dominanten Strömungen tatsächlich mit der Erblast des Industriekapitalismus behaftet – bis heute. Eine Kritik des Produktivismus und des Fortschrittsoptimismus wäre, um nur zwei Beispiele zu nennen, ein unabdingbares Muss. Es geht mithin um eine ökosozialistische Revision des Marxismus und um eine ökomarxistische des Sozialismus. Hierfür allerdings muss man Autoren wie John Bellamy Foster, Joel Kovel oder Saral Sarkar zu Rate ziehen.

Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung. Suhrkamp. 166 S., geb., 22,95 €.

aus: neues deutschland, 28.10.2015

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