Die Kriegerin des höchsten Gottes

Tilman Köhler inszeniert Schillers »Die Jungfrau von Orleans« am Deutschen Schauspielhaus Hamburg

Tilman Köhler bleibt der Johanna treu. Am Staatsschauspiel Dresden inszenierte er 2009 »Die heilige Johanna der Schlachthöfe« von Brecht. Nun nimmt er er sich in Hamburg Schillers Johanna als »Jungfrau von Orleans« vor. Seine Dresdner Inszenierung gilt als Erfolg. Ob die Hamburger Johanna da mithält, muss sich erst noch erweisen.

 Der Beginn der Inszenierung zumindest ist spektakulär. Männer in Anzügen stehen mit dem Rücken auf einer Art Gerüst und beginnen berühmt-berüchtigte Kriegsreden zu deklamieren. »Wahrt Manneszucht« ruft Kaiser Wilhelm II. seinen Soldaten zu, die den Boxeraufstand in China niederschlagen werden. »Es ist Krieg zu führen, zu Wasser, zu Land und in der Luft, mit all unserer Macht und mit all der Kraft, die Gott uns geben kann«, heißt es in Winston Churchills »Blut-Schweiß-und-Tränen«-Rede. »Dies wird kein halbherziger Feldzug. Möge Gott unser Land schützen und alle, die es verteidigen«, tönt George Bush senior. Vorgetragen wird auch die Brutkastenlüge einer vermeintlich kuwaitischen Hilfskrankenschwester, mit der der erste Irakkrieg gerechtfertigt wurde. Und auch Sarrazin wird mit den Worten zitiert: »Wir müssen unsere eigene Bevölkerung und unser Gesellschaftsmodell vor äußerer Bedrohung schützen.« Diese und weitere Reden münden in ein Stimmenwirrwarr, während die Bühne sich langsam dreht und eine Art Halfpipe bzw. Halbarena erkennbar wird.

Das schlichte, aber eindrucksvolle Bühnenbild stammt von Karoly Risz, der bereits mehrere Male mit Köhler gearbeitet hat. Szenenapplaus brandete während der Premiere auf. Aber warum nicht noch mutiger? Und zum Beispiel die Fötengrill-Rede von Rudolf Scharping oder den Hufeisenplan aus dem Krieg gegen Jugoslawien 1999 einflechten? Das hätte das hanseatisch-gesetzte Publikum sicherlich irritieren können.

Wie auch immer: Krieg, so die Kontinuität, auf die Köhler hinweist, wurde schon im Mittelalter als heiliger Krieg gerechtfertigt. Heute ist es nicht viel anders: Zu seiner Legitimation lügen die Herrschenden. Jeanne d’Arc, heute von der katholischen Kirche verehrte französische Nationalheldin, verlässt als 17-Jährige, getrieben von der Götterstimme, das Heim, um im 100-jährigen Krieg gegen die Truppen aus England zu kämpfen sowie Karl VII. in Reims zur Krönung zu verhelfen. Freilich war der Krieg keiner von Nationen, sondern von Lehensverbänden. Schiller hatte aber durchaus die Absicht, mit seinem Stück, zu seinen Lebzeiten eines der erfolgreichsten, den Nationalgedanken zu fördern. Zu welcher Art Wahnsinn das führen kann, ist durch die Geschichte hinlänglich bekannt. Und es ist derzeit in Dresden zu beobachten. Köhler zeigt das, indem er den Vater Johannas (dargestellt von Josef Ostendorf) mit einem Schild mit der Aufschrift »Für unsere Enkel« und mit der Vokabel »Lügenpresse« im Munde auftreten lässt. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Doch dem Vater wird die Tochter unheimlich, er wird sie als im Bunde mit dem Teufel anklagen.

Der Mittdreißiger Köhler, ein Shootingstar, hat Schillers pathetisch-romantisches und als schwer geltendes Drama stark gekürzt und mit den eingangs erwähnten sowie weiteren Texteinschüben aktualisiert. Zudem lässt er seine Johanna nicht sterben wie Schiller im Kampfe (die historische starb auf dem Scheiterhaufen). So währt die Hamburger Inszenierung keine zwei Stunden. Dennoch verliert das Stück im letzten Drittel etwas an Schwung. Das mag daran liegen, dass Johannas Prüfung ihres Gelübdes – »Ich bin die Kriegerin des höchsten Gottes / Und keinem Manne kann ich Gattin sein« – zu unvermittelt erfolgt. Hals über Kopf verliebt die von Anne Müller genialisch-fanatisch gespielte Protagonistin sich auf dem Schlachtfeld in den Engländer Lionel.

Beeindruckend aber, wie das Machtgefälle zwischen der Herrschergesellschaft um Karl VII. auf dem Gerüst und Johanna unten in der Halbarena durch das Bühnenbild akzentuiert wird. Obwohl der König aus seiner Niederlagengewissheit nur durch die siegreiche Jungfrau und kaltblütige Mörderin (den Waliser meuchelt sie mit dem Messer, nachdem sie ihm eine letzte Zigarette gab) gerissen wird, versucht er sogleich, über sie zu verfügen, sie zu verheiraten, sie in die Rolle der Frau zurückzudrängen. »Und ihr erblickt in mir nichts als ein Weib«, ruft Johanna. Der Theaterwissenschaftler Jörg Bochow erblickt darin im Programmheft eine Aporie: »Außer dem Handeln, das von egoistisch-berechnendem Machtinteresse bestimmt ist, und dem der selbst ernannten, ideologisierten Kämpferin fürs Vaterland gibt es in Schillers Drama nichts, das auf eine andere Perspektive, die in dieser Welt Bestand hat, verweist.«

Etwas ärgerlich, dass die Schauspieler in der neunten Reihe schlecht zu verstehen waren, wenn sie dem Publikum bisweilen den Rücken zukehrten. Wie muss es da erst auf den billigen Plätzen gewesen sein? Doch das sind Abzüge in der B-Note einer insgesamt gelungenen Inszenierung.

aus: neues deutschland, 9.11.2015

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