Im Angesicht der Katastrophe

Die Aussichten, den Klimawandel einzudämmen, sind düster. Doch was folgt daraus? Ansporn oder Resignation

Es ist eine bittere Ironie: Während in Paris 10 000 Delegierte um ein neues Klimaabkommen ringen, wird in 2100 chinesischen Fabriken vorübergehend die Produktion eingestellt. Mit dieser Maßnahme soll dem massiven Smog Einhalt geboten werden, der erneut vielen Chinesen ein Leben unter einer Dunstglocke aufzwingt. Die Bilder, die man zu sehen bekam, muten fast schon apokalyptisch an.

Überhaupt werden die Folgen einer ungebremsten Erderwärmung gerne mit Untergangsszenarien veranschaulicht: Inseln verschwinden im Meer, Metropolen in Küstennähe droht ein ähnliches Schicksal, wenn sie nicht wie New York oder Amsterdam das Glück haben, Unsummen in den Küstenschutz investieren zu können. Dürren machen die Landwirtschaft insbesondere in Ländern unmöglich, die historisch für den Klimawandel keine Verantwortung tragen. Extremwetterereignisse werden Flüchtlingsströme in Bewegung setzen, Konflikte um knapper werdende Rohstoffe schlagen in Ressourcenkriege um.

Mit einem Wunder bei den Pariser Verhandlungen ist nicht zu rechnen. Die vorab eingeholten – freiwilligen – Selbstverpflichtungserklärungen reichen bei Weitem nicht aus, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Selbst wenn noch etwas hinzukommt, die Zusagen – das lehrt die Vergangenheit – werden wohl nicht eingehalten. Einige Klimaforscher und Institutionen sagen voraus, dass die Erde bei einem Weiter-so auf eine Erderwärmung von 4 bis 6 Grad zusteuert. Und niemand kann sagen, was passiert, wenn die sogenannten Kipppunkte erreicht werden. Grund zur Resignation, zur Verzweiflung angesichts dieser apokalyptischen Perspektive gibt es somit allemal.

Oder ist es genau anders herum? Ist das Untergangszenario Antrieb, sich noch intensiver in die politischen Kämpfe für eine gerechte und soziale Klimapolitik zu stürzen? Rütteln Katastrophenszenarien die Leute auf?

Dieser Ansicht ist zumindest der ehemalige postmoderne Philosoph Gianni Vattimo, der in seinem Buch »Wie werde ich Kommunist?« seine Hinwendung zu Marxschen Gedanken reflektiert. Er schreibt, wenngleich nicht mit Blick auf den Klimawandel: »Wir brauchen uns nicht zu schämen, wenn wir unsere Situation in Begriffen wie ›Apokalypse‹ denken und dementsprechend die Wiederverwendung eines ›linken‹ Wortes wie ›Revolution‹ legitimieren, weil dieser Gedanke sich passgerecht auf den Wunsch nach radikalen Veränderungen rückbezieht, der dem europäischen Geist zu Beginn des 20. Jahrhunderts eigentümlich war.«

Die Gegenargumente indes liegen nicht fern. In der Bundesrepublik der 1980er Jahre ist eine ganze Generation in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass der mythenumrankte deutsche Wald bald ausstirbt. Eingebettet war diese Sorge in die noch größere Angst vor dem atomaren Super-GAU, der sich dann mit der Tschernobyl-Katastrophe zumindest in Westeuropa als nicht so schlimm erweisen sollte und mit dem Ende des Kalten Krieges aus dem Bewusstsein verschwand. Auch das Waldsterben ist nicht in dem Maße eingetreten, wie befürchtet. Das apokalyptische Szenario erwies sich als Fehlalarm. Man könnte darüber froh sein – wenn das ständige Gerede vom Fünf-vor-zwölf nicht vielen Menschen den ökologischen Gedanken madig gemacht hätte. »Die spinnen doch, die Ökos. Reden dauernd vom Weltuntergang – und was passiert? Nichts!«

Allerdings ist es wahrscheinlich, dass die politischen Maßnahmen infolge der Waldsterbensdebatte dazu beigetragen haben, die Schäden in Grenzen zu halten. Die Forscher sind sich darüber aber nicht einig. Auch gegen die Prognosen des berühmten Reports über »Die Grenzen des Wachstum« wird eingewendet – ist doch alles Quatsch. Jetzt wird in den USA gefrackt und sie sind nicht mehr auf Energieimporte angewiesen. Neue Technik werde es schon richten. Der dissidente DDR-Philosoph Wolfgang Harich bemerkte dazu: »Nach derselben Logik könnte jemand daraus, dass bis jetzt die Ärzte seine Krankheiten zu kurieren verstanden haben, auf die eigene Unsterblichkeit schließen.«

Verstellt nicht, so lautet ein weiterer Einwand gegen Endzeitszenarien, der Fokus auf zukünftige Katastrophen den Blick auf die sich vor allem im Globalen Süden gegenwärtig bereits vollziehende? Und den auf ihre strukturellen Ursachen, die insbesondere im Zwang kapitalistischer Unternehmen besteht, bei Strafe ihres Untergangs immer mehr Profit zu machen, immer mehr Ressourcen zu verbrauchen und immer mehr Treibhausgase in die Luft zu blasen?

Gegen eine kapitalismuskritische Sicht auf das Klimaproblem wird überdies noch das folgende Argument in Stellung gebracht: Die Welt könne nicht darauf warten, den Kapitalismus abzuschaffen, um die Klimakrise zu meistern. Wir müssten jetzt sofort handeln, jeder Einzelne. Vorgetragen wird es zum Beispiel vom führenden deutschen Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber – und vor allem von der grünen Kapitalfraktion, die auf ein Wachstumskapitalismus mit Windrädern und Kohlenstoffabscheidung im Boden setzt. Im Übrigen kleistert das gerne und oft benutzte »Wir« im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Menschheitsproblem Klimawandel die Spaltung der Gesellschaften in verschiedene Klassen zu.

Somit kann man der These des Artikels »Immer wieder fünf vor zwölf« von drei AutorInnen der Bundeskoordination Internationalismus zustimmen. In dem heißt es, dass die Fixierung auf zukünftige Katastrophenszenarien den Status quo kapitalistischer Naturaneignung verfestige, anstatt ihn zu brechen. Und ähnlich könnte der Katastrophenbegriff von Walter Benjamin interpretiert werden: »Daß es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene«, schrieb Benjamin. Damit legte er den Fokus nicht auf zukünftige, sondern auf die gegenwärtige Katastrophe, die, um eine Allegorie vom US-Autor Benjamin Kunkel zu benutzen, uns so gegenwärtig ist wie das Summen einer Fliege im Ohr: immer da, aber nur selten im Vordergrund. Indem Walter Benjamin die Katastrophe als Normalität der Gegenwart – und gerade nicht als eine zukünftige Ausnahmesituation – beschreibt, musste er auch Konsequenzen für den Revolutions-Begriff ziehen. Die sei bekanntlich nicht mehr die Lokomotive der Weltgeschichte, sondern der Griff zur Notbremse. Angesichts des Klimawandels kann dieser Gedanke ökologisch gefüllt werden. Und mit dem Benjaminschen permanenten Katastrophenbegriff könnte derselbe doch den Willen zur radikalen Veränderung wecken.

aus: neues deutschland, 5.12.2015

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