Wie der Sozialismus fast in die Verfassung geriet

Vor 70 Jahren trat das Grundgesetz in Kraft. Vergesellschaftungen befürworteten damals auch bürgerliche Parteien

Es hätte nicht viel gefehlt und ins deutsche Grundgesetz wäre eine Formulierung aufgenommen worden, die für eine »Bolschewisierung des geistigen und kulturellen Lebens« gesorgt hätte. So zumindest die Befürchtung des damaligen CSU-Politikers Gerhard Kroll. Er glaubte gar, dass eine »Kultur im echten Sinne überhaupt nicht mehr möglich sein« werde. (1) Das kann als antikommunistische Hysterie abgetan werden, aber fest steht: Hätte der Vorschlag zum Eigentumsbegriff, den das Redaktionskomitee des Grundsatzausschusses im Auftrag des Parlamentarischen Rats ausgearbeitet hatte, Eingang in das am 24. Mai 1949 in Kraft getretene Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland gefunden, diese Republik sähe womöglich anders aus – und auch die gegenwärtige Debatte um Enteignungen von großen Immobilienkonzernen und Kollektivierungen von Autofirmen würde ganz anders geführt werden. Weiterlesen

Hinsehen und hinhören!

Frauenhass und Homophobie sind im Pop bereits seit Jahren sichtbar: Jens Balzers neues Buch »Pop und Populismus«

Mit den Wahlerfolgen der AfD hat sich der Umgangston in der deutschen Politik weiter verschärft. Bösartige, hasserfüllte Rhetorik hat mit dem Siegeszug der Rechtspopulisten Eingang in die politische Debattenkultur gefunden. Findet diese Unkultur ihre Entsprechung auch in der aktuellen Popmusik? Dieser Frage geht der Berliner Popkritiker Jens Balzer in seinem neuen Buch »Pop und Populismus« nach. Wenig überraschend bejaht er diese Frage. Am Mittwochabend stellte er sein Buch in den Räumen der Hamburger Körber-Stiftung vor. Weiterlesen

Privare heißt rauben

Enteignungen sind im Kapitalismus alltäglich.

Droht hierzulande ein neuer sozialistischer Anlauf? Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert will Großunternehmen wie BMW kollektivieren, der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck sprach kürzlich von Enteignungen, die »notfalls« erfolgen müssten, und die Berliner Initiative »Deutsche Wohnen & Co. enteignen« sieht den Notfall längst gekommen. Konservative und neoliberale Meinungsführer überschlagen sich in ihren Reaktionen. So forderte die FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg, die SPD müsse »dringend ihr Verhältnis zum Eigentum klären«, und der Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler hatte getwittert: »Sozialismus fängt immer bei Grund und Boden an.« Weiterlesen

Ich, ich, ich

Lauren Greenfield fotografiert Reiche und Promis. Die Hamburger Deichtorhallen zeigen ihr Werk

Freudlos und leer: So wirken viele Gesichter der Superreichen auf den Fotografien der US-amerikanischen Fotografin Lauren Greenfield, die zurzeit in der Hamburger Ausstellung «Generation Wealth» zu sehen sind. Reich zu sein, macht eben doch nicht glücklich. Und reich zu sein in Beverly Hills oder Hollywood bedeutet, einem extremen Wettbewerb ausgesetzt zu sein. Wer hat die meisten Kontakte zu den wichtigsten Schauspielern, Produzenten und Regisseuren? Wer hat die schönsten Frauen, das meiste Geld, die tollste und größte Villa? Weiterlesen

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Man kann die Arbeiterklasse nicht vergessen

Anfang Januar fand ein historisches Ereignis statt, aber den deutschen Medien war es kaum eine Meldung wert. Bis zu 200 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter legten für zwei Tage in Indien das wirtschaftliche Leben lahm. Der Generalstreik war vermutlich der größte, den es jemals in der Geschichte der globalen Arbeiterbewegung gegeben hat. Die Ignoranz der deutschen Medien ist symptomatisch. In aller Ausführlichkeit wird über Gruppenvergewaltigungen in Indien, dem Land mit der zweitgrößten Einwohnerzahl, berichtet, nicht aber über dortige Arbeitskämpfe – oder über die in China, Indonesien oder Argentinien. Weiterlesen

»Heute dient Musik der Berieselung«

Buchautor Lukas Linek über gewandelte Hörgewohnheiten im Zeitalter des Streamings

Napster, iTunes und Spotify haben den Musikkonsum radikal gewandelt. Durch Downloads, Streaming und Smartphones ist fast jeder aufgenommene Song jederzeit und überall verfügbar. Das hat Auswirkungen nicht nur auf Hörer*innen und Musiker*innen, sondern auch auf die Musikindustrie und Tonqualität der Musik. Parallel dazu erfährt die totgeglaubte Schallplatte eine Renaissance. Lukas Linek hat sich in seinem Buch »Zwischen Schallplatten und Streamingdiensten. Wie Digital Natives Musik rezipieren« (Buechner-Verlag, 142 Seiten, 18 EUR) unter anderem mit diesen Fragen beschäftigt. Linek studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit Fokus auf Musikwirtschaft und neue Medien an der Universität Wien. Als audiophiler Liebhaber von hochwertigen Aufnahmen arbeitet er in der Welt der Hi-Fi. Weiterlesen

Als die Menschenrechtler zur Waffe griffen

Vor 20 Jahren bombardierte die Nato Jugoslawien. Für Deutschland war der Krieg der erste seit 1945

Der Jubiläumsgipfel vor 20 Jahren konnte terminlich passender nicht fallen. Seit vier Wochen fielen Nato-Bomben auf Restjugoslawien, als am 24. und 25. April 1999 in Washington das 50-jährige Jubiläum des Nordatlantikpaktes gefeiert wurde. Gegründet 1949 im Zeitalter des Kalten Krieges, geriet das Militärbündnis mit dem Untergang des Sozialismus in Osteuropa in eine Sinnkrise. Die Aufgabe, Verteidigung gegen die angeblich expansive Sowjetunion, war hinfällig. Weiterlesen

Mit Löffel Kaffee schlürfen

Halb Arbeiter, halb Händler: Annie Ernaux schreibt über ihren Vater

Mitunter verirren sich auch gute Bücher auf die Bestsellerlisten von »Focus«, »Stern« und »Spiegel«. Ein Beispiel ist »Rückkehr nach Reims« des französischen Soziologen Didier Eribon. Diese 2016 erschienene Mischung aus Autobiografie und soziologischer Erklärung, warum linke Arbeiter sich der Rechten zugewandt haben, wurde von der Linken intensiv diskutiert. Weiterlesen

»Populismus ist eine Reaktion auf Verteilungskonflikte«

Der Politikwissenschaftler Philip Manow erklärt, warum sich Protestparteien in einigen Ländern rechts und in anderern links positionieren. Ein Interview.

Herr Manow, Sie kritisieren in Ihrem Buch, dass die Debatte über Populismus ein Defizit hat: Sie wird zwar mit viel Moral und Leidenschaft geführt, aber ohne über den Kapitalismus zu reden. Warum ist letzteres wichtig? Weiterlesen

Populistisch sind immer die anderen

Der Populismusvorwurf dient der Selbstlegitimation

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, Thinktank der CDU, bewertete 2017 den Populismus als »weltweites Stabilitätsrisiko Nr. 1«. Die Ergebnisse der Wahlen zum Europaparlament im Mai könnten dieser Ansicht zufolge eine weitere Gefahr für den Status quo werden. Denn insbesondere die rechtspopulistischen Kräfte könnten an Stimmen hinzugewinnen. Aber auch die linkspopulistische La France Insoumise von Jean-Luc Mélenchon kann auf erkleckliche Prozentanteile hoffen. Weiterlesen