{"id":1003,"date":"2015-12-21T17:28:06","date_gmt":"2015-12-21T16:28:06","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1003"},"modified":"2018-03-22T22:21:16","modified_gmt":"2018-03-22T21:21:16","slug":"doppeltes-unglueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1003","title":{"rendered":"Doppeltes Ungl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Autobiografisches Erz\u00e4hlen scheint derzeit einen Nerv zu treffen. Als erstes denkt man an Karl Ove Knausg\u00e5rd. Aber auch die Langzeitprojekte von Peter Kurzeck, Gerhard Henschel, Andreas Maier, des Norwegers Tomas Espedal oder des Niederl\u00e4nders J.H. Voskuil sind zu nennen. Jeder von ihnen hat seine eigene Art des Schreibens gefunden. Bleiben wir bei den Norwegern. <!--more-->Knausg\u00e5rd liebt die epische Breite. Die Schilderung eines Kindergeburtstages zieht sich bei ihm \u00fcber f\u00fcnfzig Seiten hin. F\u00fcnfzig Seiten &#8211; das ist ein Viertel des j\u00fcngsten Buches von Espedal, \u00fcbrigens gut mit Knausg\u00e5rd bekannt. Der 1961 Geborene liebt die Verdichtung. Er sagt das, wof\u00fcr Knausg\u00e5rd Dutzende von Seiten ben\u00f6tigt, in zwei, drei S\u00e4tzen. Seine Prosa ist lyrisch. An einer Stelle des neuen Buches \u00bbWider die Kunst\u00ab schreibt er: \u00bbIch wollte Romane schreiben, als w\u00e4ren sie Lyrik.\u00ab Das gelingt ihm.<\/p>\n<p>Die Ausgangslage des zweiten Teils der \u00bbNotizb\u00fccher\u00ab lautet: \u00bbUns ist gemeinsam, meiner Tochter und mir, dass wir beide unsere M\u00fctter verloren haben.\u00ab Der Einstieg erinnert an die Erz\u00e4hlung \u00bbWunschloses Ungl\u00fcck\u00ab von Peter Handke &#8211; allein der Verlust des Ich-Erz\u00e4hlers ist mit Mutter und ehemaliger Partnerin ein doppelter. Tats\u00e4chlich nimmt Espedal auch auf Handkes Text Bezug.<\/p>\n<p>Espedal schildert seine Versuche, den Alltag mit seiner pubertierenden Tochter nach den Todesf\u00e4llen zu bew\u00e4ltigen. Er bem\u00fcht sich, seiner Tochter die Mutter zu ersetzen &#8211; und f\u00e4llt damit aus seiner Rolle als Vater. \u00bbAber das Kind war unzufrieden, es vermisste nicht nur seine Mutter, jetzt vermisste es auch noch den Vater.\u00ab Der trauerschwere Mann f\u00fcrchtet, den Verstand zu verlieren, dass ihm die Tage entgleiten, er verlassen wird, dass ihn die Tochter eines Tages anruft und sagt, sie ziehe jetzt in eine andere Stadt. Der weitere Schrecken ereilt ihn aber nicht in dieser Form, sondern Hunde fallen die Katze an, die er von seiner verstorbenen Partnerin \u00fcbernommen hat, und rei\u00dfen sie in St\u00fccke. Doch das Tier lebt, der Protagonist muss sie t\u00f6ten. Daraufhin beschlie\u00dft er, das Haus auf der Insel Aksoy aufzugeben und wegzuziehen.<\/p>\n<p>Angesichts des Todes seiner Mutter erinnert er sich an ihr Leben und das anderer Verwandter. Die Erinnerungen an die Vorfahren, aber auch an die eigene Vergangenheit, werden kursorisch eingeflochten. Es ist nicht immer leicht nachzuvollziehen, \u00fcber wen gerade geschrieben wird. Klar ist jedoch, dass in der Familiengeschichte verschiedene soziale Klassen aufeinandertreffen. \u00dcberwiegend ist es ein Arbeiterklassenhintergrund, der Einfluss auf die Art des Schreibens Espedals zeitigt: \u00bbWir arbeiteten, um die Armut fernzuhalten, diese Familienschw\u00e4che, diese konstante Sorge, nicht genug Geld zu haben, die Familie nicht versorgen zu k\u00f6nnen, sie wurde vererbt, um Geld zu verdienen, und ich schrieb, als w\u00e4re ich in einer Fabrik angestellt.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWider die Kunst\u00ab endet vers\u00f6hnlich. Der Erz\u00e4hler ist unendlich froh, zu Hause zu sein. Den Leser l\u00e4sst es zwar weniger verst\u00f6rt als nach der Lekt\u00fcre von Handkes \u00bbWunschloses Ungl\u00fcck\u00ab zur\u00fcck, gleichwohl in dem Bewusstsein, ein stilles und doch intensives Buch aus der Hand zu legen.<\/p>\n<p><em>Thomas Espedal: Wider die Kunst (Die Notizb\u00fccher). Matthes &amp; Seitz. 192 S., 19,90 \u20ac<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/995425.doppeltes-unglueck.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 21.12.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autobiografisches Erz\u00e4hlen scheint derzeit einen Nerv zu treffen. Als erstes denkt man an Karl Ove Knausg\u00e5rd. Aber auch die Langzeitprojekte von Peter Kurzeck, Gerhard Henschel, Andreas Maier, des Norwegers Tomas Espedal oder des Niederl\u00e4nders J.H. Voskuil sind zu nennen. 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