{"id":1006,"date":"2015-12-24T17:32:52","date_gmt":"2015-12-24T16:32:52","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1006"},"modified":"2016-05-09T21:14:50","modified_gmt":"2016-05-09T19:14:50","slug":"das-vergessene-paradoxon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1006","title":{"rendered":"Das vergessene Paradoxon"},"content":{"rendered":"<h2>Technik wird uns nicht aus dem \u00f6kologischen Elend erl\u00f6sen<\/h2>\n<p>William Stanley Jevons muss sich am Kopf gekratzt haben: Komisch, wieso nimmt denn der Verbrauch von Kohle zu, obwohl die neue Dampfmaschine von James Watt viel effizienter arbeitet als die alte Technik? Der \u00d6konom Jevons besch\u00e4ftigte sich in den 1860er Jahren in England, dem Mutterland der industriellen Revolution, mit dieser Frage &#8211; und fand in seinem 1865 publizierten Buch \u00bbThe Coal question\u00ab eine \u00fcberzeugende Antwort: Technologische Innovationen m\u00fcssen nicht zu einer Senkung des verwendeten Rohstoffes f\u00fchren. <!--more-->Oft f\u00fchren sie sogar zu einem gr\u00f6\u00dferen Verbrauch. Warum? Weil durch die effizientere Technik der Preis sinkt und die Nachfrage steigt. So wurde durch Watts Erfindung die Kohle zu einer billigen Energiequelle. Das wiederum f\u00fchrte zur Anwendung der Technik im Verkehrs- und in anderen Industriebereichen.<\/p>\n<p>Die Dampfmaschine steht heute f\u00fcr den Siegeszug des industriellen Kapitalismus. Im Zuge dessen wurde es auch m\u00f6glich, weitere fossilen Rohstoffe &#8211; \u00d6l und Gas &#8211; zu verbrennen. Der fossilistische Kapitalismus hat die Produktivkr\u00e4fte entfesselt und nie gekannte Wachstums- und Beschleunigungsprozesse ausgel\u00f6st. Doch die Schattenseiten sind seit Jahrzehnten bekannt: Naturzerst\u00f6rung und Klimawandel drohen den Planeten Erde f\u00fcr Millionen Menschen zu einem unbewohnbaren Ort zu machen.<\/p>\n<p>Als Wunderwaffe gegen den Treibhauseffekt wird von den Eliten seit wenigen Jahren eine gr\u00fcne \u00d6konomie angepriesen. Ihre Verhei\u00dfungen lauten Effizienz, technologische Innovation und Einf\u00fchrung von Marktelementen im Umweltschutz. Auf diese Weise k\u00f6nne Wachstum generiert, weniger Ressourcen verbraucht und Emissionen in die Luft geblasen werden. Es geht mithin um die Entkopplung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) vom Naturverbrauch.<\/p>\n<p>Es ist erstaunlich, dass Jevons 150 Jahre alte Erkenntnis seitdem kaum Spuren hinterlassen hat. Seine Erkl\u00e4rungen haben den Technikoptimismus nicht tr\u00fcben k\u00f6nnen &#8211; gerade auch den gr\u00fcn angestrichenen nicht, der sich von Technik eine Erl\u00f6sung aus unserem \u00f6kologischen Elend erhofft. Anlass zum Pessimismus m\u00fcssten auch die Erkenntnisse der so genannten Material Flow Analysis geben. Dieser Forschungszweig will den Umfang der Stofffl\u00fcsse (ausgenommen Wasser) in den \u00d6konomien im Zeitverlauf darstellen. Die im letzten Jahr ver\u00f6ffentlichte Studie \u00bbGlobal Patterns of Material Flows and their Socio-Economic and Environmental Implications\u00ab kommt zum Beispiel zu folgendem Resultat. Zwischen 1980 und 2009 hat sich die global Ressourcenextraktion und -konsumtion um 94 Prozent erh\u00f6ht. Zwar hat sich im selben Zeitraum auch die Materialproduktivit\u00e4t in den meisten L\u00e4ndern erh\u00f6ht, d.h. das BIP ist schneller gewachsen als der Ressourcenverbrauch. Aber diese relative Entkopplung sei durch das Wirtschaftswachstum \u00fcberkompensiert worden. \u00bbEs muss also geschlussfolgert werden\u00ab, lautet das Fazit, \u00bbdass die Welt als Ganzes nicht auf dem Weg hin zu einem gr\u00fcnen Wachstum oder einer gr\u00fcnen Wirtschaft ist.\u00ab Was es durchaus geben kann, ist eine relative Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch. Die Wirtschaft w\u00e4chst in diesem Falle schneller als der Verbrauch von Natur.<\/p>\n<p>Eine absolute Entkopplung, eine Reduktion des Naturverbrauchs bei gleichzeitiger BIP-Zunahme, hat es hingegen noch nicht gegeben. Sie wird es auch kaum geben k\u00f6nnen &#8211; womit wir wieder bei Jevons und seinem Paradoxon w\u00e4ren. Immerhin wird dieses seit wenigen Jahren unter dem Begriff Rebound-Effekt auch jenseits wissenschaftlicher Zirkel in Bezug auf Energie diskutiert. Um nur ein aktuelles Beispiel f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen anzuf\u00fchren: Die Einsparpotenziale von besser ged\u00e4mmten Wohnungen resultieren oft nicht in einem R\u00fcckgang des Energiebedarfs, weil gleichzeitig mehr Zimmer oder gr\u00f6\u00dfere Wohnungen beheizt werden.<\/p>\n<p>Dabei ist es schon gegenw\u00e4rtig m\u00f6glich, hei\u00dft es im Schlussbericht der Bundestags-Enquete-Kommission zum Thema Wachstum, den \u00bbVerbrauch von Energiedienstleistungen vom Aussto\u00df von CO2 zu entkoppeln &#8211; und zwar mit den heute bereits bekannten Technologien und ohne hypothetische Ber\u00fccksichtigung m\u00f6glicher zuk\u00fcnftiger Innovationsspr\u00fcnge\u00ab.<\/p>\n<p>Nicht Technik kann uns somit aus unserem \u00f6kologischen Elend erl\u00f6sen. Sondern nur bestimmte Techniken, wie z.B. Solarzellen. Und nur dann, wenn sie in anderen sozial-\u00f6konomischen, politischen und kulturellen Verh\u00e4ltnissen Anwendung finden.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/995848.das-vergessene-paradoxon.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 24.12.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Technik wird uns nicht aus dem \u00f6kologischen Elend erl\u00f6sen William Stanley Jevons muss sich am Kopf gekratzt haben: Komisch, wieso nimmt denn der Verbrauch von Kohle zu, obwohl die neue Dampfmaschine von James Watt viel effizienter arbeitet als die alte &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1006\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Technik wird uns nicht aus dem \u00f6kologischen Elend erl\u00f6sen","footnotes":""},"categories":[84,95],"tags":[89],"class_list":["post-1006","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-okologie","category-oekonomie","tag-wachstumskritik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1006","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1006"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1006\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1067,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1006\/revisions\/1067"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1006"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1006"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1006"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}