{"id":1026,"date":"2016-02-15T16:23:44","date_gmt":"2016-02-15T15:23:44","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1026"},"modified":"2018-11-05T15:02:03","modified_gmt":"2018-11-05T14:02:03","slug":"herrscher-ueber-das-kapital","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1026","title":{"rendered":"Herrscher \u00fcber das Kapital"},"content":{"rendered":"<h2>Niemand verf\u00fcgt \u00fcber mehr Geld als der Verm\u00f6gensverwalter Blackrock. Regierungen und Zentralbanken suchen die N\u00e4he der gr\u00f6\u00dften Schattenbank der Welt<\/h2>\n<p>New York im Mai 2014: Auf dem Podium einer von der Deutschen Bank organisierten Konferenz sagt ein unscheinbar wirkender Mann zum damaligen Co-Chef der Deutschen Bank, Anshu Jain: \u00bbDas hat doch aber Spa\u00df gemacht, nicht wahr?\u00ab Jain hatte gerade den anwesenden Verm\u00f6genden erl\u00e4utert, dass seit der Finanzkrise viele Gesch\u00e4fte, wie zum Beispiel der Eigenhandel mit Wertpapieren, verschwunden seien. Die Bemerkung des Mannes, der auf den Namen Laurence Douglas Fink h\u00f6rt, bezog sich auf die umstrittenen Wetten in der Finanzsph\u00e4re, die die globale Wirtschaft 2008 fast zur Kernschmelze getrieben hatten.<!--more--><\/p>\n<p>Jain, der sich als Investmentbanker in London eben mit jenen Gesch\u00e4ften auf der Karriereleiter der Deutschen Bank nach oben gearbeitet hatte, ist heute nicht mehr Vorsitzender der Deutschen Bank. Zum Verh\u00e4ngnis wurden ihm nicht nur hochriskante Wettgesch\u00e4fte, sondern auch seine Verstrickung in die Manipulation des Referenzzinssatzes Libor. Machenschaften, die die Deutsche Bank zu R\u00fcckstellungen in Milliardenh\u00f6he zwangen. Und auch der Rekordverlust f\u00fcr das Gesch\u00e4ftsjahr 2015, der Anstieg der Pr\u00e4mien f\u00fcr die Kreditausfallversicherungen sowie der Absturz des Aktienkurses sind als Sp\u00e4tfolgen des unter Jain als Leiter der Investmentabteilung in London praktizierten Gesch\u00e4ftsmodells zu verstehen.<\/p>\n<p>Die Probleme des f\u00fchrenden deutschen Geldhauses und der Scherz des Larry Fink &#8211; sie stehen paradigmatisch f\u00fcr die Gewichtsverlagerungen auf den internationalen Finanzm\u00e4rkten. In der \u00d6ffentlichkeit bekannte Bankh\u00e4user wie die Deutsche Bank, BNP Paribas, JP Morgan Chase, Barclays oder Goldman Sachs verlieren seit dem Desaster der Finanzkrise an Bedeutung, weil internationale Regulierungen ihr ungez\u00fcgeltes Treiben zumindest etwas begrenzen. W\u00e4hrend der Blick der \u00d6ffentlichkeit indes weiter auf Banken, Hedgefonds oder Private-Equity-Fonds ruht, gewinnen in deren Schatten andere Akteure an Bedeutung: Geldmarktfonds und vor allem sogenannte Asset Manager, Verm\u00f6gensverwalter. Dieser Sektor wird auch als Schattenbankensektor bezeichnet. Der mit Abstand gr\u00f6\u00dfte Akteur in diesem Feld ist Blackrock, ein Verm\u00f6gensverwalter mit Sitz in New York, dem der eingangs erw\u00e4hnte Fink vorsteht. Der Name Blackrock sagt nur aufmerksamen Lesern von Wirtschaftsteilen \u00fcberregionaler Zeitungen etwas, und nur die wenigsten d\u00fcrften Larry Fink erkennen, wenn sie sein Gesicht in den Medien sehen, w\u00e4hrend Ackermann, Jain und jetzt Cryan weitaus bekannter sind.<\/p>\n<p>Diese Wahrnehmung k\u00f6nnte sich bald r\u00e4chen. Denn l\u00e4ngst verf\u00fcgt Blackrock \u00fcber so viel Kapital und hat eine so dominante Stellung unter den Verm\u00f6gensverwaltern, dass damit erhebliche Risiken verbunden sind. M\u00f6glicherweise werden Wirtschaftswissenschaftler und Journalisten in wenigen Jahren abermals verdattert auf den Kladderadatsch blicken, so wie sie es vor acht Jahren taten. Denn w\u00e4hrend sich die Regulierungen &#8211; keineswegs zu Unrecht &#8211; auf die Bankh\u00e4user konzentrieren, weicht das nach wie vor \u00fcberakkumulierte und anlagesuchende Kapital in v\u00f6llig unregulierte Sph\u00e4ren aus.<\/p>\n<p>Und es konzentriert sich in den H\u00e4nden von Blackrock, von Larry Fink. Nie in der Geschichte der Menschheit hat sich die unvorstellbare Verf\u00fcgungsmacht \u00fcber so viel Geld &#8211; derzeit 4,65 Billionen US-Dollar &#8211; in der Hand eines einzelnen Unternehmens geballt. Um sich der Dimension klar zu werden: Das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik Deutschland betr\u00e4gt 3,8 Billionen Dollar, alle Private-Equity-Fonds und Hedgefonds der Welt zusammen kommen nicht auf die Summe, mit der die 12 000 Mitarbeiter von Blackrock jonglieren. Die Finanzjournalistin Heike Buchter, Autorin eines Buches \u00fcber die gr\u00f6\u00dfte Schattenbank der Welt, h\u00e4lt pointiert fest: \u00bbBlackrocks Finanzarme reichen heute fast \u00fcberall hin. Die New Yorker halten Anteile von Unternehmen in so gut wie allen Branchen, auf allen Erdteilen. Gleichzeitig sind sie auch Gl\u00e4ubiger von Tausenden Unternehmen. Fink &amp; Co. sind Eigent\u00fcmer und Kunde der gr\u00f6\u00dften Banken der Welt. Sie agieren als Schattenbank, Hedgefonds und Big-Data Staubsauger. Blackrocks Vertreter sind Einfl\u00fcsterer von Notenbankern und Beh\u00f6rden, den Strippenziehern in Washington und Br\u00fcssel.\u00ab<\/p>\n<p>Der Weg dorthin indes war lang und beschwerlich. Laurence Douglas Fink, genannt Larry, w\u00e4chst als Sohn eines Schuhverk\u00e4ufers und einer Englisch-Professorin auf und hilft im zarten Alter von zehn seinem Vater im Laden aus. Nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre und Politikwissenschaften heuert er Mitte der 1980er Jahre als Trader bei der Investmentbank Firma First Boston an. Dort entwickelte Fink die sogenannten Mortgage-backed Securities, jene \u00bbhypothekenbesicherten Wertpapiere\u00ab, die einem breiteren Publikum erst mit der US-Subprimekrise bekannt werden sollten. Doch schon zuvor richteten sie Schaden an &#8211; und einer der Hauptleidtragenden war ihr Erfinder Larry Fink. Im Fr\u00fchjahr 1986 werden \u00fcberraschend zweimal die Leitzinsen gesenkt. Eine Ma\u00dfnahme, mit der Fink nicht gerechnet hatte. First Boston verlor 100 Millionen Dollar &#8211; und Fink seinen Job.<\/p>\n<p>Ein traumatisches Erlebnis, denn von nun an wird Fink eine Sicherheits-Paranoia nachgesagt. Die allerdings sollte sich als das Erfolgsrezept f\u00fcr die 1988 als Ein-Zimmer-B\u00fcro unter dem Dach der Investmentgesellschaft Blackstone entstandene Firma Blackrock erweisen. Die Sicherheits-Paranoia h\u00f6rt auf den Namen \u00bbAladdin\u00ab und ist ein hochkomplexes Computersystem. 6000 Rechner f\u00fchren Hunderte Millionen Kalkulationen pro Woche aus. Ziel ist es, Risiken jeglicher Art f\u00fcr eine gewinnbringende Kapitalanlage einzusch\u00e4tzen, seien es Finanzblasen, D\u00fcrren oder politische Unruhen. In einer Zeit, in der mittlerweile 70 Prozent des Aktienhandels, 50 Prozent des Devisenhandels und 40 Prozent des Anleihenhandels mit dem Computer durchgef\u00fchrt werden, ist das ein Pfund, mit dem zu wuchern ist. \u00bbAladdin\u00ab, so zitiert Buchter den Blackrock-Manager Rob Goldstein, \u00bbsei eine Art Kernspintomograph f\u00fcr die Anlageportfolios von institutionellen Investoren\u00ab. Man kann auch Big-Data-Maschine des Finanzkapitalismus dazu sagen. Und diese \u00fcberwacht rund 14 Billionen Dollar, denn Blackrock bietet die Dienste \u00bbAladdins\u00ab auch anderen Investoren und Regierungen an. \u00dcber 150 institutionelle Investoren seien bereits Kunden, darunter die gr\u00f6\u00dften Anleger der Welt, Pensionskassen, Stiftungen und Staatsfonds, so Buchter.<\/p>\n<p>Als 2007 die Immobilienblase platzte, schlug die Stunde von Blackrock. Finks Unternehmen wurde von der US-amerikanischen Regierung beauftragt, das Risikomanagement der toxischen Finanzpapiere zu \u00fcbernehmen, die der US-Staat mit der Verstaatlichung der Pleite-Banken oder dem Versicherungsunternehmen AIG \u00fcbernommen hatte. Es schadete freilich nicht, dass der damalige Finanzminister Timothy Geithner ein Freund Finks ist, sie telefonierten h\u00e4ufig in der Krisenzeit. Inzwischen ist der schwarze Riese ein wichtiger Partner von rund 50 Notenbanken, die ihre Reserven von ihm analysieren lassen. Auch f\u00fcr die irische und die griechische Regierung \u00fcbernahm Blackrock Berater- und Analyset\u00e4tigkeiten. Gegen stattliche Geb\u00fchren. 30 Millionen Dollar \u00fcberwiesen die Iren nach New York. So entwickelte sich der wenig aufregende Verm\u00f6gensverwalter zu einem wichtigen Akteur hinter den Kulissen von Hochfinanz und Politik<\/p>\n<p>2009 dann ein weiterer Meilenstein auf den Weg zum gr\u00f6\u00dften Finanzverwalter: Blackrock \u00fcbernahm die Verm\u00f6gensverwaltung der britischen Bank Barclays. Dadurch erwarb das Unternehmen die Rechte an der Indexfondssparte iShares, die als Zukunft des Investmentgesch\u00e4fts gilt. Beachtlich sind \u00fcberdies Blackrocks Beteiligungen an Unternehmen in der ganzen Welt. Dem \u00bbEconomist\u00ab zufolge gab es Ende 2013 unter den 14 weltgr\u00f6\u00dften Unternehmen kein einziges, an dem Blackrock nicht als gr\u00f6\u00dfter oder zweitgr\u00f6\u00dfter Eigner beteiligt gewesen ist. Der schwarze Riese ist gr\u00f6\u00dfter Aktion\u00e4r bei Apple, Exxon Mobil, Micro-soft oder General Electric und ist auch an jedem deutschen DAX-Konzern beteiligt &#8211; sei es ThyssenKrupp, Siemens, Bilfinger, Adidas oder BASF. Zwar liegt der Anteil meist nur bei zwei bis sechs Prozent. Doch da sich 80 Prozent der DAX-Aktien in Streubesitz befinden, gen\u00fcgt es bereits, wenn man Anteile im geringen Prozentbereich h\u00e4lt, um Einfluss auszu\u00fcben.<\/p>\n<p>Und wem geh\u00f6rt Blackrock? Laut einer Studie der Eidgen\u00f6ssischen Technischen Hochschule (ETH) verteilen sich 75 Prozent der Anteile auf drei Gro\u00dfbanken: Merrill Lynch, Barclays und PNC Financial Services, an denen wiederum Blackrock beteiligt ist. Grundlage der aufsehenerregenden ETH-Studie aus dem Jahr 2011 waren Daten aus 2007. Ein zentrales Ergebnis: Nur 147 Unternehmen, vornehmlich aus dem Finanzbereich, kontrollieren die H\u00e4lfte der globalen Wirtschaft. Blackrock ist eines der wichtigsten.<\/p>\n<p>Gleichwohl ist der Titel dieses Textes &#8211; \u00bbHerrscher \u00fcber das Kapital\u00ab &#8211; eine bewusste Verk\u00fcrzung und Zuspitzung. Er will den Fokus auf ein Unternehmen wie Blackrock lenken, das unter dem Radar der \u00d6ffentlichkeit immer mehr Macht gewinnt. Die \u00dcberschrift ist verk\u00fcrzend, weil sie die polit-\u00f6konomische Grundstruktur, die ein Ph\u00e4nomen wie Blackrock erst erm\u00f6glicht, ausblendet. Und diese ist trotz Krise immer noch durch einen neoliberal deregulierten Finanzmarktkapitalismus gepr\u00e4gt, der durch Umverteilung und Privatisierung eine gigantische Konzentration von Geld und \u00fcberakkumuliertem Kapital in den H\u00e4nden weniger erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Die Gefahr des Finanzmarktkapitalismus im Allgemeinen und von Blackrock im Besonderen liegt dabei in der ungeheuren Menge an Kapital, das von einem Unternehmen allein verwaltet wird, und darin, dass durch das Computersystem \u00bbAladdin\u00ab ein quasi Monopol entstanden ist. Immer st\u00e4rker entscheiden Investoren nach Blackrocks Kriterien, das Herdenverhalten droht sich auszuweiten. Und dieses wiederum erh\u00f6ht die Wahrscheinlichkeit von neuen Crashs an den Finanzm\u00e4rkten.<\/p>\n<p>Dringlich w\u00e4re es also, den Verschiebungen an den Finanzm\u00e4rkten analytisch Rechnung zu tragen. Die traditionellen Banken, auf die sich der Unmut der \u00d6ffentlichkeit richtet, sind nicht mehr das Hauptproblem. Es ist der unregulierte Schattenbanksektor mit Blackrock an der Spitze. Daf\u00fcr spricht auch, dass in London und New York Investmentbanker zu Hedgefonds oder Beteiligungsgesellschaften wechseln, weil es dort keine Beschr\u00e4nkungen der Boni durch Aufsichtsbeh\u00f6rden gibt.<\/p>\n<p>Eines macht die Sache allerdings kompliziert: Blackrocks Larry Fink taugt nur bedingt in der Rolle des geldgierigen, skrupellosen Finanzmenschen. Wenn er die weitere Privatisierung der Rentensysteme propagiert, ist er Teil des neoliberalen Mainstreams. Mit diesem scheint er zu brechen, wenn er sich wie k\u00fcrzlich gegen zu hohe Dividenden und f\u00fcr ein Ende des kurzfristigen Shareholderkapitalismus ausspricht.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1001570.herrscher-ueber-das-kapital.html?sstr=speckmann\">neues deutschland<\/a>, 13.02.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Niemand verf\u00fcgt \u00fcber mehr Geld als der Verm\u00f6gensverwalter Blackrock. 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