{"id":1029,"date":"2016-02-17T10:47:50","date_gmt":"2016-02-17T09:47:50","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1029"},"modified":"2016-02-29T10:50:03","modified_gmt":"2016-02-29T09:50:03","slug":"die-macht-ist-kein-suesser-kleiner-hund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1029","title":{"rendered":"Die Macht ist kein s\u00fc\u00dfer, kleiner Hund"},"content":{"rendered":"<p><strong>An der Schaub\u00fchne wurde zum ersten Mal eine TV-Serie f\u00fcr die B\u00fchne adaptiert: die d\u00e4nische Produktion \u00bbBorgen\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Das gab es schon oft: Romane werden f\u00fcr das Theater adaptiert. Das gab es noch nicht: Eine moderne TV-Serie wird auf die B\u00fchne gebracht. Nicolas Stemann hat das nun mit der Erfolgsserie \u00bbBogen\u00ab gemacht. Ein gewagtes Experiment. <!--more--><\/p>\n<p>J\u00fcngst hat Axel Br\u00fcggemann im \u00bbFreitag\u00ab die interessante These <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/axel-brueggemann\/epische-spielplaetze\" target=\"_blank\">aufgestellt<\/a>, dass das Theater nur dann eine Zukunft haben kann, wenn es sich an den neuen TV-Serien orientiert. Wie das? Die neuen Serien zeichnet Br\u00fcggemann zufolge jene uralte Qualit\u00e4t aus, die lange auch die B\u00fchnen hatten: das allgemeing\u00fcltige Epos, das unsere Wirklichkeit spiegelt. Seine Hauptthese lautet: \u00bbDie Serie ist das neue und bessere Theater unserer Zeit &#8211; es versteht sich als Zukunft des poetischen und literarischen Erz\u00e4hlens.\u00ab Relevanz f\u00fcr das Theater sieht er zuk\u00fcnftig nur, wenn sich \u00bbseine Produktionsstrukturen und sein Selbstverst\u00e4ndnis wandeln\u00ab.<\/p>\n<div class=\"Content-Ad\">Der Publizist Br\u00fcggemann pl\u00e4diert mitnichten daf\u00fcr, dass das Theater Serien als Stofflieferant nutzt und \u00bbThe Wire\u00ab, \u00bbBreaking Bad\u00ab oder \u00bbHouse of Cards\u00ab f\u00fcr die B\u00fchne adaptieren sollte. Genau das hat jetzt jedoch die Berliner Schaub\u00fchne mit \u00bbBorgen\u00ab gemacht: einer d\u00e4nischen Polit-Serie um eine linksliberale Politikerin und das intrigante Spiel in Politik, Medien und Wirtschaft. Besonders interessant wird diese Auff\u00fchrung auch deshalb, weil f\u00fcr die Adap-tion der Dramaturg Bernd Stegemann verantwortlich ist, der im vergangenen Jahr mit seinem Buch \u00bbLob des Realismus\u00ab ganz unzeitgem\u00e4\u00df mehr Marxismus im deutschsprachigen Theater <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/974049.alles-so-schoen-kompliziert-hier.html?sstr=Bernd%7CStegemann\" target=\"_blank\">einforderte<\/a>. Sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen Realismus ist gleichzeitig eine Philippika gegen das post-dramatische, -moderne Theater. F\u00fcr das unter anderem auch Nicolas Stemann steht. Der hat nun als Regisseur zusammen mit Stegemann als erstes \u00fcberhaupt eine der viel gefeierten neuen TV-Serien auf die B\u00fchnenbretter gebracht. Eine auf den ersten Blick widerspr\u00fcchliche Konstellation. Kann sie gelingen?<\/div>\n<p>Wir sehen eine von Katrin Nottrodt schlicht ausgestattete B\u00fchne. An einer Art Konferenztisch sitzen die Schauspieler, links und rechts stehen je zwei Monitore, auf die zun\u00e4chst die Protagonisten aus der in \u00fcber 70 L\u00e4ndern ausgestrahlten Erfolgsserie \u00bbBorgen\u00ab vorgestellt werden und sp\u00e4ter die Gesichter der mit Smartphone aufgenommenen Schauspieler zu sehen sind. Diese lesen ihren Text von Telepromptern ab, was offenkundig den Inszenierungscharakters des politischen Betriebes verdeutlichen soll. Denn diesen zu entlarven war das Ziel von Stegemann und Stemann, wie sie im Vorfeld der Premiere am Sonntag in Interviews betonten. Von den \u00bbVorg\u00e4ngen hinter den Vorg\u00e4ngen\u00ab, den \u00bbkomplexen Prozessen hinter der Oberfl\u00e4chenerz\u00e4hlung\u00ab war da die Rede oder von dem Versuch, \u00bbgleichzeitig eine Realit\u00e4t herzustellen und die Herstellung dieser Realit\u00e4t zu zeigen.\u00ab<\/p>\n<p>Stemanns Inszenierung gelingt es aber nur bedingt, diesen Anspruch umzusetzen. Zwar wird mit einem ganzen Reigen an V-Effekten gearbeitet. Es wird eingef\u00fchrt, moderiert, es werden Zwischenfazite gezogen und Songs gesungen. Der Zuschauer wird direkt angesprochen, eine Handlung wird in Alternativen erz\u00e4hlt (schade, dass die Variante mit dem US-Pr\u00e4sidenten hoch oben in der mobilen Freiheitsstatue so kurz ist). Und vor allem wechseln die Darsteller ihre Rollen und die Hauptfiguren werden karikiert. Die Journalistin Katrine F\u00f8nsmark wird von Regine Zimmermann als \u00fcberengagiertes, idealistisches Blondchen gespielt. Der Spindoktor Kasper Juul (Tilman Strau\u00df) dealt m\u00e4nnerb\u00fcndisch mit dem ehemaligen Premierminister und Arbeiterparteivorsitzenden Michael Laugesen. Nyborgs Mentor, der in der Serie sehr sympathisch wirkende Bent Sejr\u00f8 (ebenfalls Regine Zimmermann) ist hier ein armer Greis.<\/p>\n<p>Die Handlung der in drei Staffeln gelaufenen Serie wird freilich in gestraffter Form dargeboten. Ausgangspunkt ist der Wahlsieg der Moderaten Partei unter F\u00fchrung ihrer Vorsitzenden Birgitte Nyborg (Stephanie Eidt). Sie f\u00e4llt aus der Rolle der Wahlk\u00e4mpferin, weil sie mit den Vorgaben des Politikbetriebs bricht &#8211; und findet sich deshalb in der Rolle der Wahlsiegerin wieder. Schlie\u00dflich wird sie Premierministerin einer Mitte-Links-Regierung. Beginnend mit den Koalitionsverhandlungen muss sie sich auf Kompromisse, Kuhandel und Halbwahrheiten einlassen. Mitunter lehnt sie die schmutzigsten Deals ab.<\/p>\n<p>Kann sie aber an der Macht bleiben und trotzdem sie selbst bleiben? So formuliert Nyborg immer wieder die zentrale Frage der Inszenierung, so dass auch der Letzte im Publikum nun verstanden haben muss, dass das die Essenz des St\u00fcckes ist. Zumal es in einem Song treffend hei\u00dft: \u00bbDie Macht ist kein s\u00fc\u00dfer, kleiner Hund.\u00ab Warum es allerdings nach der ersten Pause noch zwei Stunden so weitergehen muss, erschlie\u00dft sich nicht vollst\u00e4ndig &#8211; zumal das St\u00fcck sp\u00e4ter zu sehr in eine Homestory abrutscht. Die Tochter leidet an Angstzust\u00e4nden, der achtj\u00e4hrige Sohn n\u00e4sst das Bett, Birgittes Ehemann Philip will nicht l\u00e4nger auf seine eigene Karriere verzichten und nimmt einen Job als Aufsichtsratsvorsitzender eines gro\u00dfen Konzerns an. Schlussendlich geht die Ehe in die Br\u00fcche, weil Nyborg nicht von der Politik lassen will.<\/p>\n<p>Aber dass der Job des Premierministers auch im kleinen Staate D\u00e4nemark zeitraubend und die Work-Life-Balance schwerlich auszutarieren ist &#8211; das wusste man auch schon vor der TV-Fassung des Stoffes. Immerhin kommt in dieser Phase des St\u00fcckes zumindest so etwas wie dramaturgische Spannung auf.<\/p>\n<p>Doch vom Ziel, die Vorg\u00e4nge hinter den Vorg\u00e4ngen zu zeigen, f\u00fchrt der private Strang eher weg. Als zielf\u00fchrend ist wohl gemeint, dass die Kinder der Nyborg (anders als in der Vorlage) als fr\u00fchreife kritische Geister in der Sofalandschaft agieren. Insbesondere Sohn Magnus tut sich hier hervor. Er fragt nach den Ursachen von globaler Ungleichheit, Armut und dem Aufstieg des IS. Letzteren vermutet er als vom Irakkrieg der USA verursacht. Er wirft zudem die Frage nach der Verantwortung des westlichen Kapitalismus f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me auf und wiederholt mehrmals res\u00fcmierend: Letztlich sei alles eine Frage des Klassenkampfes. Das mag schon sein, doch im Munde eines klugschei\u00dfenden Dreik\u00e4sehochs wirkt das l\u00e4cherlich. Bezeichnend die Reaktion der Eltern: \u00bbKinder, was lest ihr eigentlich f\u00fcr B\u00fccher?\u00ab<\/p>\n<p>Stemann f\u00fchrt \u00fcberdies abweichend zur TV-Serie einen Exkurs \u00fcber die Frage der offenen Grenzen aus Sicht der deutschen Wirtschaft in Form eines auf den Monitoren \u00fcbertragenen Interviews ein. Hier blitzen interessante Gedanken auf. Zum Beispiel, welche Konsequenzen es hat, mit Unternehmern, die B\u00fcrgerkriege finanzieren und somit f\u00fcr Flucht sorgen, das Projekt offene Grenzen zu verteidigen. Und nat\u00fcrlich wird das Merkelsche Diktum \u00bbWir schaffen das\u00ab zitiert und auf Pegida inklusive des Galgen, der vor Kurzem f\u00fcr Aufsehen erregte, angespielt. Doch das wirkt drangeklatscht, weil man dazu schon so viel geh\u00f6rt und gelesen hat.<\/p>\n<p>So muss man festhalten, dass das eingetreten ist, was Stemann im Vorfeld <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/borgen-an-der-schaubuehne-schmutzige-machtspiele\/12897968.html\" target=\"_blank\">angedeutet<\/a> hat: Das Experiment, \u00bbBorgen\u00ab auf die B\u00fchne zu bringen und die Prozesse hinter der Politik darzustellen, kann scheitern. Und das tut es &#8211; trotz zahlreicher charmanter Inszenierungseinf\u00e4lle. Stark etwa die Szene, als Guantanamoh\u00e4ftlinge in orangefarbenen Overalls auf der B\u00fchne mit Nationalflaggen westlicher Staaten bedeckt werden.<\/p>\n<p>Die Vorlage machte es besser. Gerade weil sie die Protagonisten als idealistische sympathische Figuren zeichnet, obwohl sie schmutzige Kompromisse eingehen m\u00fcssen. Denn so wird dem Zuschauer mehr Komplexit\u00e4t vermittelt und er muss den Widerspruch zwischen Identifikation mit den Hauptdarstellern und Zynismus des Politik- und Medienbetriebs, der diese immer wieder besch\u00e4digt, aushalten. Insofern hat sich Stemann einen Popanz aufgebaut, wenn er mit Blick auf die Vorlage feststellt: \u00bbLetztlich gehen die Figuren und auch das System unbeschadet aus diesen Konflikten hervor.\u00ab Gerade das tun sie nicht. Zumindest in Bezug auf \u00bbBorgen\u00ab bleibt die Serien-Fassung das bessere Theater unserer Zeit.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1001918.die-macht-ist-kein-suesser-kleiner-hund.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 16.02.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An der Schaub\u00fchne wurde zum ersten Mal eine TV-Serie f\u00fcr die B\u00fchne adaptiert: die d\u00e4nische Produktion \u00bbBorgen\u00ab Das gab es schon oft: Romane werden f\u00fcr das Theater adaptiert. 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