{"id":1031,"date":"2016-03-01T07:50:47","date_gmt":"2016-03-01T06:50:47","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1031"},"modified":"2018-03-22T22:21:00","modified_gmt":"2018-03-22T21:21:00","slug":"knochensplitter-und-erdbeerkuchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1031","title":{"rendered":"Knochensplitter und Erdbeerkuchen"},"content":{"rendered":"<h1>Te-Nehisi Coates\u2019 w\u00fctender Essay \u00fcber die t\u00f6dliche rassistische Gewalt in den Vereinigten Staaten<\/h1>\n<p>Dass der Text eines Journalisten einem Bewerber um das US-Pr\u00e4sidentschaftsamt zumindest indirekt eine Stellungnahme abn\u00f6tigt, ist kein allt\u00e4glicher Vorgang. Dem Journalisten Te-Nehisi Coates ist das mit seiner Forderung nach Reparationen f\u00fcr die Versklavung und Diskriminierung der Afroamerikaner gelungen. Sein Essay \u00abPl\u00e4doyer f\u00fcr Reparationen\u00bb, 2014 im US-Magazin \u00abThe Atlantic\u00bb ver\u00f6ffentlicht, entfachte eine bereits \u00e4ltere Debatte aufs Neue. Auch Bernie Sanders wurde nach seiner Meinung gefragt. Er lehne die Forderung nach Entsch\u00e4digungszahlungen ab, sagte er in einem Interview. Das tun \u00fcbrigens auch Hillary Clinton und Barack Obama.<!--more--><\/p>\n<p>Zusammen mit dem Essay \u00abZwischen mir und der Welt\u00bb ist Coates\u2019 Reparations-Pl\u00e4doyer nun auf Deutsch erschienen. In den USA stand das Buch wochenlang auf Platz 1 der \u00abNew York Times\u00bb-Bestenliste. Der Text, eine Mischung aus Autobiografie, Essay und Analyse, ist einer der krassen Widerspr\u00fcche: Auf der einen Seite brechen Knochen, zerrei\u00dfen Muskeln, werden Atemwege blockiert und Hirne ersch\u00fcttert. Auf der anderen Seite wird am Memorial Day im h\u00fcbschen Vorgarten gegrillt, werden Baumh\u00e4user gebaut und es riecht nach Pfefferminz und Erdbeerkuchen.<\/p>\n<p>Die eine Seite &#8211; das sind die Ghettos von Baltimore, Los Angeles oder Chicago, bewohnt von den Nachfahren der als Sklaven in die neue Welt verschleppten Afrikaner. Die andere Seite, das sind die Suburbs des wei\u00dfen, wohlhabenden Amerikas. Beides h\u00e4ngt miteinander zusammen, \u00f6kononmisch-politisch wie auch individuell f\u00fcr den Autor. Der Reichtum der Vereinigten Staate beruht auf Pl\u00fcnderung und Gewalt; die Sklavengesellschaft schuf \u00fcberdies das wirtschaftliche Fundament f\u00fcr die US-amerikanische Demokratie. Dem jungen Coates flimmern die Vorstadtbotschaften ins Wohnzimmer. Er sieht im Fernsehen \u00abgoldblonde Jungs mit ihren Spielzeuglastern und Footballkarten spielen und bekommt eine Ahnung von der massiven Schranke zwischen sich und der Welt. Seine Welt &#8211; das ist das \u00bbH\u00f6llenchaos von West-Baltimore\u00ab. Wer die grandiose US-Serie \u00bbThe Wire\u00ab gesehen hat, kennt diese von Armut, Rassismus, Gewalt und Perspektivlosigkeit gepr\u00e4gte Welt.<\/p>\n<p>Coates\u2019 als offener Brief an seinen 15-j\u00e4hrigen Sohn geschriebenes Buch trifft einen Nerv, f\u00fcr den der Name einer Stadt im US-Bundesstaat Missouri steht: Ferguson. Als dort im Juli 2014 der unbewaffnete Michael Brown von Polizisten durch Sch\u00fcsse get\u00f6tet wurde, kam es zu schweren Unruhen gegen Polizeigewalt. Ferguson wurde zum Synonym der Diskussion \u00fcber Rassismus, Polizeigewalt und Ungleichheit &#8211; und es gab der \u00bbBlack Lives Matter\u00ab-Bewegung geh\u00f6rigen Auftrieb.<\/p>\n<p>Rassismus wird in Coates\u2019 Buch als unmittelbar physische Gewalt erfahren, als Angst, seinen K\u00f6rper zu verlieren. Diese Angst vor dem pr\u00fcgelnden Vater, ein Black-Panther-Aktivist, und dem Zugriff der Staatsgewalt hat Coates von klein auf selbst erfahren, sie war immer da &#8211; bei allen Schwarzen in dem Viertel seiner Kindheit und Jugend. Erst w\u00e4hrend eines Paris-Aufenthaltes weicht die Furcht: \u00bbWie wahnsinnig gern ich so ein Leben, wie gern ich eine Vergangenheit ohne Angst gehabt h\u00e4tte.\u00ab Seinem Sohn indes schreibt er mit Verweis auf Eric Garner, John Crawford und Tamir Rice, die durch Polizeigewalt Leib und Leben verloren: \u00bbUnd jetzt wei\u00dft du, dass die Polizeireviere deines Landes mit der Befugnis ausgestattet sind, deinen K\u00f6rper zu zerst\u00f6ren.\u00ab Meist w\u00fcrden sie sogar noch mit einer Rente belohnt, erg\u00e4nzt er sarkastisch. Doch Coates personalisiert nicht und verweist auf historische rassistische Traditionen: \u00bbDie Zerst\u00f6rer sind nicht beispiellos b\u00f6se, sondern schlicht Menschen, die die Launen unseres Landes umsetzen, die sein Erbe und sein Verm\u00e4chtnis richtig deuten, bis heute.\u00ab Und das Erbe lautet: In Amerika ist es Tradition, den schwarzen K\u00f6rper zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Nicht nur hier wird deutlich, Coates hat einen sehr w\u00fctenden Text geschrieben. Sein Hass auf das offizielle Amerika zeigt sich auch in folgender Episode: Nachdem er nach seinem Studium an der Howard University in Washington D.C., dem Mekka f\u00fcr schwarze Intellektuelle, nach New York gezogen ist, erlebt er dort 9\/11. Doch Trauer versp\u00fcrt er keine. \u00bbIch aber betrachtete die Ruinen von Amerika mit kaltem Herzen.\u00ab Eine pers\u00f6nliche Katastrophe hat Coates h\u00e4rter getroffen. Ein Studienfreund ist durch einen (schwarzen) Polizisten zu Tode gekommen. Zudem denkt er an das s\u00fcdliche Manhattan, wo sich ein Sklavenfriedhof mit zahllosen Leichen befand, als Ground Zero der Afroamerikaner.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise leidet unter der Wut die Analysef\u00e4higkeit kaum. (Ausnahme: seine Forderung nach Reparationen mit Zahlungen der BRD an Israel zu begr\u00fcnden, ist sicher nicht gl\u00fccklich.) Insbesondere im \u00bbPl\u00e4doyer f\u00fcr Reparationen\u00ab zeigt Coates, wie auch nach dem offiziellen Ende der Sklaverei Schwarze in Amerika systematisch benachteiligt wurden: \u00bbIm S\u00fcden herrschte eine zweite Sklaverei. Im Norden wirkten gesetzgebende Organe, B\u00fcrgermeister, Nachbarschaftsorganisationen, Banken und B\u00fcrger zusammen, um schwarze Menschen in Ghettos festzusetzen, wo sie \u00fcberv\u00f6lkert, \u00fcbervorteilt und unterbeschult lebten.\u00ab Am Beispiel des Chicagoer Stadtteils North Lawndale beschreibt er die Praxis des \u00bbRedlining\u00ab, des staatlichen Markierens von Stadtteilen, in denen Banken keine Hypothekenkredite vergeben d\u00fcrfen. Die aus den S\u00fcdstaaten in die Industriemetropolen des Nordens wandernden Schwarzen waren somit gezwungen, H\u00e4user per Vertrag zu kaufen &#8211; v\u00f6llig \u00fcberteuert und mit harten Auflagen. So ging die Immobilie in die H\u00e4nde des Voreigent\u00fcmers zur\u00fcck, wenn die K\u00e4ufer mit den Raten in Verzug gerieten. Coates schildert das Leid der Betroffenen, die wie zum Beispiel Clyde Ross gezwungen waren, \u00fcber Jahrzehnte drei Jobs parallel zu haben, um \u00fcber die Runden zu kommen. Und er beschreibt, wie Ross und andere sich gegen diese Praxis zur Wehr setzten. 1968 wurde \u00bbRedlining\u00ab offiziell verboten, doch erstens war da der Schaden, die Ghettobildung schon angerichtet, und zweitens scheint die Praxis auch heute noch nicht vollst\u00e4ndig Geschichte zu sein. So wurde der bewaffnete Raub der Sklaverei nach dessen Abschaffung noch 100 Jahre fortgef\u00fchrt &#8211; \u00bbleise, systemisch, im Verborgenen\u00ab. Und das trotz der auch bei vielen Linken in den USA wie in Europa gesch\u00e4tzten New-Deal-Gesetzgebung in den 1930er Jahren unter Roosevelt.<\/p>\n<p>Womit sich der Kreis schlie\u00dft: Der demokratische Sozialist Bernie Sanders lehnt Reparationszahlungen an Afroamerikaner ab, weil es unwahrscheinlich sei, ein solches Gesetz durch den Kongress zu bekommen, und sie zu polarisierend seien. Sanders verweist darauf, dass es darauf ankomme, Armut und soziale Ungleichheit im Allgemeinen zu bek\u00e4mpfen. Klasse \u00fcber \u00bbRasse\u00ab, so k\u00f6nnte man seinen Ansatz zusammenfassen. Coates nennt das den typischen demokratischen Ansatz, frei nach dem Motto, eine steigende Flut hebt alle Boote. Aber, so lautet sein in mehreren Zeitschriftenbeitr\u00e4gen vorgebrachtes Argument, das \u00e4ndere nichts an der wei\u00dfen Vorherrschaft. Bedenkenswerte Argumente. Um so erstaunter reagierte die US-amerikanische \u00d6ffentlichkeit auf die Nachricht von Mitte Februar, dass Coates gleichwohl f\u00fcr Sanders stimmen werde.<\/p>\n<p>\u00bbZwischen mir und der Welt\u00ab ist ein beeindruckendes, mitunter pathetisches, ein hervorragend geschriebenes Buch, eines, das literarische Eleganz mit scharfer Analysef\u00e4higkeit verbindet. Zwar ist es in erster Linie ein Buch \u00fcber die USA, doch seine Erkenntnis, dass Reichtum und Demokratie der Vereinigten Staaten von Amerika auf Ausbeutung und Versklavung beruhen, ist ebenso gut auf die gesamte sogenannte westliche Zivilisation zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p><i>Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt. Hanser Berlin. 235 S., geb., 19,90 \u20ac.<\/i><\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1003318.knochensplitter-und-erdbeerkuchen.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 29.02.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Te-Nehisi Coates\u2019 w\u00fctender Essay \u00fcber die t\u00f6dliche rassistische Gewalt in den Vereinigten Staaten Dass der Text eines Journalisten einem Bewerber um das US-Pr\u00e4sidentschaftsamt zumindest indirekt eine Stellungnahme abn\u00f6tigt, ist kein allt\u00e4glicher Vorgang. 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