{"id":1034,"date":"2016-03-10T14:14:00","date_gmt":"2016-03-10T13:14:00","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1034"},"modified":"2016-03-16T14:18:48","modified_gmt":"2016-03-16T13:18:48","slug":"forschen-mit-scheuklappen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1034","title":{"rendered":"Forschen mit Scheuklappen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Frank Niessen \u00fcber systemkonforme Wirtschaftswissenschaften an den Unis<\/strong><\/p>\n<p>Frank Niessen ist promovierter Volkswirtschaftler, doch er verzichtete auf eine akademische Karriere, \u2028weil das Fach seiner Ansicht nach versagt hat. In seinem im Marburger Tectum Verlag erschienenen Buch \u00bbEntmachtet die \u00d6konomen! Warum die Politik neue Berater braucht\u00ab (166 S., 17,95\u2005\u20ac) pl\u00e4diert er f\u00fcr eine grundlegende Reform der Wirtschaftswissenschaften. Ein Interview.<!--more--><br \/>\n<strong>Herr Niessen, w\u00e4re es nicht besser gewesen, Sie h\u00e4tten doch eine akademische Karriere eingeschlagen? Dann h\u00e4tten Sie die Wirtschaftswissenschaften von innen heraus kritisieren k\u00f6nnen. So wird es diesen leicht fallen, Ihr Buch zu ignorieren.<\/strong><br \/>\nMit meinen alternativen Forschungsinteressen und meiner systemkritischen Sichtweise h\u00e4tte ich fast nirgends eine Chance auf eine Anstellung gehabt. Und dem Mainstream, dessen Arbeitsweise ich aus tiefster \u00dcberzeugung f\u00fcr falsch halte, konnte und wollte ich mich einfach nicht anpassen. So bleibt mir heute nichts anderes \u00fcbrig, als die Wirtschaftswissenschaften von au\u00dfen zu kritisieren &#8211; zumindest aber als jemand, der sie von innen her kennengelernt hat.<\/p>\n<p><strong>Was sind Ihre zentralen Kritikpunkte an der Volkswirtschaftslehre?<\/strong><br \/>\nIn meinem Buch stelle ich zwei Kritikpunkte heraus. Zum einen unterstelle ich der akademischen Volkswirtschaftslehre methodische Defizite. Volkswirte wollen das wirtschaftliche Handeln von Menschen und Institutionen, also einen sozialwissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand, mithilfe von naturwissenschaftlichen bzw. mathematischen Instrumentarien analysieren und beschreiben. Das f\u00fchrt nicht nur zu v\u00f6llig absurden, realit\u00e4tsfremden Modellierungen, sondern auch zu einer Fixierung auf formale Details. Und solange sich \u00d6konomen f\u00fcr kleinteilige mathematische Probleme interessieren, stellen sie kaum grundlegende oder kritische Fragen \u00fcber die sozial\u00f6konomische Welt, in der sie leben.<\/p>\n<p><strong>Und zweitens?<\/strong><br \/>\nZum anderen unterstelle ich den \u00d6konomen, mit ideologischen Scheuklappen zu forschen. Damit meine ich, dass sie unser Geld- und Wirtschaftssystem einfach als gegeben annehmen. Sie suchen dementsprechend auch nur nach solchen Krisenl\u00f6sungen, die innerhalb des bestehenden Geld- und Wirtschaftssystems funktionieren. Das w\u00e4re ja auch nicht schlimm, solange diese Forschungen zu vern\u00fcnftigen Ergebnissen f\u00fchren w\u00fcrden. Ich f\u00fcrchte aber, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem \u00bbsystemkonforme\u00ab Wirtschaftspolitik die Krisen nicht mehr beseitigen kann. Die meisten Krisen sind aus meiner Sicht systembedingt und deshalb bedarf es einer systemkritischen Sichtweise, die akademische Volkswirte aber nicht anzunehmen bereit sind.<\/p>\n<p><strong>Nach der Finanzkrise 2008 gab es Bestrebungen, gerade auch von j\u00fcngeren Wirtschaftswissenschaftlern, sich f\u00fcr mehr Pluralismus einzusetzen. Wie beurteilen Sie diese Bem\u00fchungen?<\/strong><br \/>\nSchon seit dem Jahr 2000, als an der Pariser Sorbonne eine studentische Initiative eine \u00bbPost-Autistische \u00d6konomie\u00ab einforderte, hat sich dieses Bestreben nach mehr Pluralismus allm\u00e4hlich verbreitet. So weit ich das beurteilen kann, ist der Erfolg dieser Initiativen aber trotz Finanzkrise eher m\u00e4\u00dfig ausgefallen. Das ist sehr bedauerlich, denn im Aufbrechen der alten Forschungstraditionen und im Zulassen neuartiger und verschiedenartiger Perspektiven sehe ich den Schl\u00fcssel f\u00fcr eine positive Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p><strong>Sie kritisieren die Wachstumsgl\u00e4ubigkeit der \u00d6konomen &#8211; liberaler wie keynesianischer. Warum?<\/strong><br \/>\nWachstumskritik ist aus vielerlei Gr\u00fcnden angebracht. Das wohl st\u00e4rkste Argument gegen weiteres Wachstum ist die Begrenztheit der nat\u00fcrlichen Ressourcen und Senken. Seit Forscher den \u00bb\u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck\u00ab ermitteln, wissen wir, dass wir j\u00e4hrlich mehr Ressourcen verbrauchen, als die Erde im gleichen Zeitraum reproduzieren kann. Das ist nicht nur ein \u00f6kologisches, sondern auch ein \u00f6konomisches Problem. Darum fordere ich von unseren \u00d6konomen, dieser Problematik endlich Rechnung zu tragen und zu erforschen, wie Krisen auch ohne Wachstum oder gar mit negativen Wachstumsraten gel\u00f6st werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>In diesem Zusammenhang packen Sie sogar das \u00bbhei\u00dfe Eisen\u00ab Bev\u00f6lkerungspolitik an.<\/strong><br \/>\nAusgangspunkt auch hier ist die Begrenztheit der nat\u00fcrlichen Ressourcen. Wenn die Ressourcen knapp werden, kann die G\u00fctermenge nicht mehr stetig wachsen. Wenn nun die (Welt-)Bev\u00f6lkerung weiter w\u00fcchse, die G\u00fctermenge aber nicht mehr, dann k\u00f6nnte das zu Verteilungsk\u00e4mpfen und Armut f\u00fchren, weil sich immer mehr Menschen eine gleichbleibende G\u00fctermenge teilen m\u00fcssten. Insofern w\u00e4re die Bev\u00f6lkerungskontrolle ein wirksames Mittel zur Armutsbek\u00e4mpfung, sobald Wachstum nicht mehr m\u00f6glich bzw. erw\u00fcnscht ist. Das ist alles nichts Neues und auch nichts Kompliziertes, es ist nur politisch unkorrekt geworden, es offen zu sagen.<\/p>\n<p><strong>Sie gehen so weit, das Privateigentum an den Produktionsmitteln f\u00fcr nicht sakrosankt zu halten. Und ich habe Ihre Argumente so verstanden, dass die \u00d6konomen vor allem auch versagen, weil sie unser Geld- und Finanzsystem nicht radikal infrage stellen. Pl\u00e4dieren Sie f\u00fcr einen neuen sozialistischen Anlauf?<\/strong><br \/>\nDie Eigentumsfrage und das Geldsystem sollte man getrennt sehen. Das Geldsystem sollte radikal infrage gestellt werden, weil es meines Erachtens zwangsl\u00e4ufig zu Verschuldungskrisen f\u00fchrt. Oder mit anderen Worten: Die aktuelle Schuldenkrise Europas halte ich zu gro\u00dfen Teilen f\u00fcr ein systemimmanentes Problem, es ist ein Resultat der Funktionsweise unseres Geld- und Bankensystems &#8211; und nur am Rande dem Versagen von schlecht haushaltenden Staaten anzulasten. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass eine \u00dcbertragung der Geldsch\u00f6pfungshoheit an die \u00f6ffentliche Hand &#8211; Stichwort: Monetative &#8211; ein sinnvoller Baustein f\u00fcr eine Neuordnung des Geldsystems sein k\u00f6nnte. Das ist aber noch nicht gleichbedeutend mit Sozialismus. Denn im \u00f6konomischen Sinne bedeutet Sozialismus gleichsam die Kollektivierung s\u00e4mtlicher Produktionsmittel, also nicht blo\u00df einer Bank, sondern s\u00e4mtlicher Unternehmen und L\u00e4ndereien. Ich pl\u00e4diere nicht unbedingt f\u00fcr ein solches System, weil es nicht zwingend notwendig ist, um die Krisen unserer Zeit zu l\u00f6sen. Ich pl\u00e4diere nur daf\u00fcr, dass die Wirtschaftswissenschaft zumindest anerkennt, dass im Privateigentum an Produktionsmitteln gewisse Probleme liegen, die bei Kollektiveigentum weniger schwer wiegen w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>In Ihrem Buch geben Sie sechs Empfehlungen, wie Armut und Umweltzerst\u00f6rung abgeschafft werden k\u00f6nnten. Dazu geh\u00f6ren u.a. die Einf\u00fchrung eines Mindesteinkommens und die Beachtung von Naturgrenzen. Klingt gut, aber wer soll das durchsetzen? Und wie?<\/strong><br \/>\nIch habe diese sechs Empfehlungen mit dem ausdr\u00fccklichen Hinweis eingeleitet, dass sie nur als langfristig anzustrebende Ideale verstanden werden k\u00f6nnen und nicht etwa als konkrete politische Ziele f\u00fcr einen nahen Zeithorizont. Es ist im \u00dcbrigen auch gar nicht das Anliegen meines Buches, machtpolitische Strategien zur Realisierung bestimmter Wirtschaftspolitiken zu entwickeln. Es geht mir blo\u00df darum, im Sinne einer wahrheitsorientierten Forschung herauszufinden, was \u00f6konomisch getan werden k\u00f6nnte, um die Menschheit von Armut und Umweltzerst\u00f6rung zu befreien. Die politische Umsetzung dessen ist zuvorderst ein Problem der Politik selbst, nicht eines der (Wirtschafts-)Wissenschaft. Ich k\u00f6nnte mir aber durchaus vorstellen, dass wenn \u00d6konomen aller L\u00e4nder ihre Regierungen zum international abgestimmten Ressourcenmanagement, zur Etablierung internationaler Verteilungsstrukturen und zur gegenseitigen Abr\u00fcstung raten w\u00fcrden, ein Prozess in die richtige Richtung angesto\u00dfen werden k\u00f6nnte, weil die Gipfeltreffen der Spitzenpolitiker dann wom\u00f6glich von einer ganz anderen Tagesordnung geleitet w\u00fcrden, als das heute der Fall ist. Solange unsere \u00d6konomen hingegen meinen, den Politikern weiterhin Ratschl\u00e4ge erteilen zu m\u00fcssen, wie die Wirtschaft am schnellsten wachsen kann, wird sich nat\u00fcrlich nicht viel \u00e4ndern.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1003984.forschen-mit-scheuklappen.html?sstr=Niessen\">neues deutschland<\/a>, 5.3.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank Niessen \u00fcber systemkonforme Wirtschaftswissenschaften an den Unis Frank Niessen ist promovierter Volkswirtschaftler, doch er verzichtete auf eine akademische Karriere, \u2028weil das Fach seiner Ansicht nach versagt hat. In seinem im Marburger Tectum Verlag erschienenen Buch \u00bbEntmachtet die \u00d6konomen! 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