{"id":1044,"date":"2016-03-31T16:51:00","date_gmt":"2016-03-31T14:51:00","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1044"},"modified":"2016-03-30T16:54:30","modified_gmt":"2016-03-30T14:54:30","slug":"das-geldphantasma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1044","title":{"rendered":"Das Geldphantasma"},"content":{"rendered":"<p><em>Paul Schreyer: Wer regiert das Geld? Banken, Demokratie und T\u00e4uschung. Westend Verlag, Frankfurt\/Main 2016, 224 S., \u20ac 17,99<\/em><\/p>\n<p>Sind Sie der Meinung, dass Zentralbanken oder Regierungen Geld produzieren? Falls ja, so befinden Sie sich in guter Gesellschaft. 84 Prozent der Frankfurter und 73 Prozent der Schweizer sind Umfragen zufolge dieser Ansicht. Selbst 71 Prozent der britischen Parlamentsabgeordneten haben die \u00dcberzeugung, dass allein die Regierung Geld sch\u00f6pft. Das Problem ist nur: Sie w\u00e4hnen sich in einem Geldsystem, das ein Phantasma ist.<!--more--><br \/>\n20 Prozent des in Deutschland umlaufenden Geldes ist M\u00fcnz- oder Papiergeld, der Rest wird von privaten Banken auf elektronische Weise geschaffen, durch die Vergabe von Krediten. Bei dieser Kreditvergabe wird weder einem anderen Konto ein Gegenwert abgezogen noch vergibt die Bank \u00fcbersch\u00fcssiges Geld, das Kunden vorher eingezahlt hatten. Die Sch\u00f6pfung von sogenanntem Giralgeld kommt dem Gelddrucken der staatlichen Notenpresse gleich. Es ist ein Milliardengesch\u00e4ft f\u00fcr die gro\u00dfen Bankh\u00e4user. In Deutschland geht es j\u00e4hrlich um Gewinne im zweistelligen Milliardenbereich, im Euroraum insgesamt um dreistellige Milliardenbetr\u00e4ge.<\/p>\n<p>Der \u00fcberwiegend f\u00fcr \u00bbTelepolis\u00ab arbeitende Journalist Paul Schreyer leistet mit seinem neuen Buch \u00bbWer regiert das Geld?\u00ab Aufkl\u00e4rungsarbeit. Er r\u00e4umt auf mit falschen Vorstellungen \u00fcber das moderne Geldsystem, die bis in Standardlehrb\u00fccher der VWL verbreitet sind. Eine komplizierte Materie, die der Autor jedoch sehr verst\u00e4ndlich und gut lesbar vermittelt.<\/p>\n<p>Interessant seine historischen Ausf\u00fchrungen. Die Weltgeschichte wird gleichsam als Ringen um das Zepter \u00fcber die Sch\u00f6pfung des Geldes und deren Steuerung interpretiert. Mal lag die Macht in den H\u00e4nden des Herrschers oder des Staates, mal in der von privaten Geldh\u00e4usern und Verm\u00f6genden. Beispiel die Bank von Amsterdam: Die 1609 von der Amsterdamer Stadtverwaltung gegr\u00fcndete Bank hatte ausschlie\u00dflich das Ziel, ein \u00f6ffentlich kontrolliertes stabiles System f\u00fcr den Zahlungsverkehr zu schaffen. Kredite wurden zun\u00e4chst nicht vergeben, auch keine Zinsen auf Einlagen gezahlt. H\u00e4ndler waren fortan nicht mehr auf private Geldwechsler angewiesen, konnten \u00fcber die Bank zuverl\u00e4ssig ihre Gesch\u00e4fte abwickeln. Das Besondere der Bank of Amsterdam: Die Leitung lag vermittelt \u00fcber einen Ausschuss in den H\u00e4nden des Stadtrates. Die Gewinne kamen der Stadtkasse zugute, nicht privaten Anteilseignern. Die Bank gewann schnell Bedeutung \u00fcber Amsterdam hinaus und war mitverantwortlich f\u00fcr den Aufstieg Hollands zur Weltmacht. Anders in England: Das Gesch\u00e4ftsmodell der Bank of England lautet: privater Profit aus Geldsch\u00f6pfung mit staatlicher Absicherung. Das wurde zum Vorbild f\u00fcr die moderne Finanzwelt.<\/p>\n<p>Schreyers Schlussfolgerungen: Die Macht \u00fcber die Geldsch\u00f6pfung geh\u00f6rt in staatliche H\u00e4nde &#8211; auch aus demokratietheoretischen Gr\u00fcnden. \u00dcber den Staat h\u00e4tte zumindest die Bev\u00f6lkerung die M\u00f6glichkeit, Einfluss zu nehmen. Wir h\u00f6ren schon die Aufschreie des liberalen Mainstreams. Der Staat wird dann die Notenpresse anwerfen und sich selbst Geld drucken. Eine Hyperinflation w\u00e4re vorprogrammiert, in Deutschland das Schreckgespenst schlechthin. Doch Schreyer argumentiert, dass das nur w\u00e4hrend der franz\u00f6sischen Revolution durch die Ausgabe der Assignaten eingetreten ist. Zu erg\u00e4nzen w\u00e4re: Gibt es nicht derzeit durch die Giralgeldsch\u00f6pfung privater Banken eine Inflation der Verm\u00f6genstitel?<\/p>\n<p>Die Vorschl\u00e4ge des Autors laufen auf keine Revolution hinaus: \u00bbKein sowjetischer Sozialismus also, keine Bankenverstaatlichung, sondern einfach nur staatliches Geld.\u00ab Es geht mithin um ein Geldsystem, in das sich der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung bereits w\u00e4hnt. Sogenannte Vollgeldinitiativen, auch Monetative genannt, setzen sich derzeit daf\u00fcr ein, dass ausschlie\u00dflich die Zentralbank \u00fcber die Geldsch\u00f6pfung bestimmt. Die Schweizer d\u00fcrfen dar\u00fcber in B\u00e4lde abstimmen. Selbst der Internationale W\u00e4hrungsfonds hat in einem Arbeitspapier dessen Vorz\u00fcge hervorgehoben. Aber der einseitige Blick auf ein Geldsystem &#8211; wie auch immer ausgestaltet -, auf die Zirkulationssph\u00e4re l\u00e4sst eines unber\u00fccksichtigt. Wie h\u00e4ngt das mit der kapitalistischen Produktionssph\u00e4re zusammen? Diese Frage stellt sich Schreyer nicht.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1006654.das-geldphantasma.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 30.03.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Schreyer: Wer regiert das Geld? Banken, Demokratie und T\u00e4uschung. Westend Verlag, Frankfurt\/Main 2016, 224 S., \u20ac 17,99 Sind Sie der Meinung, dass Zentralbanken oder Regierungen Geld produzieren? 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