{"id":1047,"date":"2016-04-01T15:43:49","date_gmt":"2016-04-01T13:43:49","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1047"},"modified":"2016-04-14T15:46:22","modified_gmt":"2016-04-14T13:46:22","slug":"mehr-spass-am-untergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1047","title":{"rendered":"Mehr Spa\u00df am Untergang"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Hamburger Ausstellung \u00bbGeniale Dilletanten\u00ab historisiert die Subkultur der 1980er Jahre<\/strong><\/p>\n<p>Als Anfang der 1980er Jahre vornehmlich in der alten Bundesrepublik eine subkulturelle Kulturszene eine Explosion der Kreativit\u00e4t verursachte, h\u00e4tten sich ihre Protagonisten wohl nicht tr\u00e4umen lassen, wenige Jahrzehnte sp\u00e4ter in der hochkulturellen Institution schlechthin &#8211; dem Museum &#8211; historisiert zu werden. Doch so ist es gekommen. <!--more-->Das, was als \u00bbNeue Deutsche Welle\u00ab (Musik), \u00bbNeues Deutsches Design\u00ab und als \u00bbJunge Wilde\u00ab oder \u00bbHeftige Malerei\u00ab (Bildende Kunst) in Berlin, D\u00fcsseldorf, Hamburg, K\u00f6ln und M\u00fcnchen abseits der etablierten Institutionen das Licht der Welt erblickte, wird derzeit im Hamburger Museum f\u00fcr Kunst und Gewerbe ausgestellt. \u00bbGeniale Dilletanten\u00ab, konzipiert vom Goethe-Institut, war im vergangenen Jahr bereits in M\u00fcnchen zu sehen, doch die Ausstellung in der Hansestadt pr\u00e4sentiert eine erweiterte Fassung, inklusive eines eigens gedrehten Interviewfilms.<\/p>\n<div class=\"Content-Ad\">Der Titel mit dem absichtlich falsch geschriebenen Wort ist Programm und rekurriert auf die Veranstaltung \u00bbDie gro\u00dfe Untergangsshow &#8211; Festival Genialer Dilletanten\u00ab, die 1981 in Berlin stattfand. Heute gilt er als \u00bbSynonym einer kurzen Epoche k\u00fcnstlerischen Aufbruchs\u00ab, so der Pressetext. So mancher Zeitgenosse beurteilte das, was beispielsweise das musizierende Kunstprojekt Die T\u00f6dliche Doris auf der B\u00fchne veranstaltet, anders. Ein Leserbriefschreiber gab im Berliner Stadtmagazin \u00bbTip\u00ab kund: \u00bbIch dachte immer, Musik zu machen h\u00e4tte doch wenigstens ansatzweise etwas mit Kreativit\u00e4t zu tun, aber bei den \u203aGenialen Dilletanten\u2039 = NULL! \u2026\u00ab<\/div>\n<p>Die T\u00f6dliche Doris ist vielleicht das beste Beispiel der neuen Untergrund-Str\u00f6mung, die sich um Professionalit\u00e4t und K\u00f6nnerschaft nicht scherte. Im Gegenteil, im Geiste des Punks hielt sie die Selbsterm\u00e4chtigung des \u00bbDo It Yourself\u00ab hoch und machte sich um musikalische wie k\u00fcnstlerische Genregrenzen keine Gedanken. So geh\u00f6rten zum Projekt um die beiden Kunststudenten Wolfgang M\u00fcller und Nikolaus Uterm\u00f6hlen auch Installationen, Texte, Filme und Fotografien. M\u00fcller gab kurz nach dem Festival das Buch \u00bbGeniale Dilletanten\u00ab im Merve-Verlag heraus (angeblich soll Heiner M\u00fcller ein Exemplar heimlich in die DDR geschmuggelt haben). Blixa Bargeld, S\u00e4nger der Einst\u00fcrzenden Neubauten, schrieb in seinem Beitrag: \u00bbUnsre Musik sind keine T\u00f6ne mehr, es ist auch nicht wichtig, was es f\u00fcr Kl\u00e4nge sind.\u00ab<\/p>\n<p>Die Neubauten sind eine weitere zentrale Band der Str\u00f6mung und vermutlich die prominenteste. Sie, die T\u00f6dliche Doris und sechs weitere Musikgruppen stehen im Zentrum der Hamburger Ausstellung. Die anderen sind Der Plan aus D\u00fcsseldorf, die Hamburger Palais Schaumburg, die mit ihrem Song \u00bbDer Mussolini\u00ab sehr kontroversen D.A.F. &#8211; Deutsch Amerikanische Freundschaft, die bis dato aktive M\u00fcnchener Band F.S.K. &#8211; Freiwillige Selbstkontrolle, die von John Peel als \u00bbQueens of Noise\u00ab bezeichneten Mania D\/Malaria! sowie die ostdeutsche Band Ornament und Verbrechen. Neben Foto, Video- und H\u00f6rmaterial gibt es von wenigen Bands zus\u00e4tzlich noch besondere Exponate. Von den Neubauten ist das legend\u00e4re Stahlschlagzeug ausgestellt, von Ornament und Verbrechen sind die selbst gebastelten Instrumente zu sehen. Da dienen ein Gartenschlauch und der Auspuff eines Mopeds als Blasinstrument, ein mit Legosteinen gef\u00fcllter Plastikkanister oder eine mit Fell bespannte Schublade als Perkussionsinstrumente. Das nach dem \u00f6sterreichischen Architekten Adolf Loos benannte Bandprojekt um die Br\u00fcder Ronald und Robert Lippok war die \u00bbbekannteste unbekannte\u00ab Band in der DDR. Sie war von Jazz, britischem Industrial und elektronischer Musik beeinflusst und galt schon wegen ihres Namens den staatlichen Stellen als unangepasst und subversiv. Offizielle Konzerte konnte die Band nicht spielen, so blieben nur \u00bbPiraten-Gigs\u00ab. Ihre Musik wurde auf Kassette aufgezeichnet und \u00fcber ein gut funktionierendes Untergrundnetzwerk vertrieben. Die neue Kassettentechnik war auch in der BRD der zentrale Tontr\u00e4ger und zun\u00e4chst der \u00fcbliche Weg, Musik zu ver\u00f6ffentlichen. Erst sp\u00e4ter kamen LP-Ver\u00f6ffentlichungen auf Labels wie ZickZack und Ata Tak hinzu. Bezug genommen wurde auf Kunstrichtungen der 1920er Jahre wie Dada, gesungen auf Deutsch, in bewusster Abgrenzung zum dominierenden englischsprachigen Pop. D.A.F. bezeichneten das ausdr\u00fccklich als Signal gegen den amerikanischen Kulturimperialismus.<\/p>\n<p>Die gesellschaftliche Stimmung, gepr\u00e4gt vom Kalten Krieg, drohendem Atomkrieg und saurem Regen, bef\u00f6rderte die kreative Freiheit. \u00bbMehr Lust am Untergang\u00ab, lautete das Motto. Nicht nur in der Musik, sondern auch in den Bildenden K\u00fcnsten, Film und Design dr\u00fcckte sich das aus. Zu den Jungen Wilden, die sich durch einen neo-expressiven Stil auszeichneten, geh\u00f6rten unter anderem Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Werner B\u00fcttner in Hamburg, Salom\u00e9, Helmut Middendorf, Rainer Fetting und Bernd Zimmer in Berlin sowie Hans Peter Adamski, Peter B\u00f6mmels und Walter Dahn in K\u00f6ln. Zimmers monumentales achtundzwanzig Meter langes Bild \u00bb1\/10 Sekunde vor der Warschauer Br\u00fccke\u00ab, das einen vorbeifahrende S-Bahn zeigt und urspr\u00fcnglich f\u00fcr den Punk-Club SO36 hergestellt wurde, ist ebenso derzeit in der Elbmetropole zu sehen wie Middendorfs Adaption des Covers von \u00bbLondon Calling\u00ab, der ber\u00fchmtesten Platte der Punkband The Clash. Ein Symptom der neuen Malerei, die sich insgesamt nur schwer auf einen Begriff bringen l\u00e4sst, waren auch Gemeinschaftsproduktionen. Oehlen und B\u00fcttner malten etwa gemeinsam in der Hamburger Buchhandlung \u00bbBuch Handlung Welt\u00ab.<\/p>\n<p>Das Neue Deutsche Design stellte mit seinen Werken bis dahin geltende Maximen der Funktionalit\u00e4t bzw. der \u00bbGuten Form\u00ab in Frage. Sehr gut zu sehen am ausgestellten Wohnzimmer von Christian Borngr\u00e4ber, wo beispielsweise ein Einkaufswagen zum Sessel umfunktioniert wird. \u00dcber die Dysfunktionalit\u00e4t der \u00bbM\u00f6bel Perdu\u00ab, so der Titel einer Ausstellung 1982 in Hamburg, sch\u00fcttelten so manche Besucher den Kopf. Doch zugleich wurden wichtige Impulse f\u00fcr die Design-Entwicklung gegeben.<\/p>\n<p>Schon w\u00e4hrend des Ausstellungsbesuchs fragt man sich, was man in f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren im Museum vorfinden wird, aber heute in kleinen Clubs und Galerien verpasst? Und die Subkultur-Protagonisten von damals? Sie sind heute als Suhrkamp-Autor und ausstellende K\u00fcnstlerin Teil der Hochkultur &#8211; oder Tourmanager von Robbie Williams. Wohl auch deshalb fordert ZickZack-Labelgr\u00fcnder Alfred Hilsberg (der mit einer soeben erschienenen Biografie ebenfalls Teil der Historisierung ist) in dem Booklet des die Ausstellung begleitenden CD-Samplers eine neue Bewegung, die die vorherrschende Angepasstheit und die Vereinzelung \u00fcberwinden soll.<\/p>\n<p>\u00bbGeniale Dilletanten\u00ab. Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland, Museum f\u00fcr Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, Hamburg, Bis 30.4.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1006798.mehr-spass-am-untergang.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 31.03.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hamburger Ausstellung \u00bbGeniale Dilletanten\u00ab historisiert die Subkultur der 1980er Jahre Als Anfang der 1980er Jahre vornehmlich in der alten Bundesrepublik eine subkulturelle Kulturszene eine Explosion der Kreativit\u00e4t verursachte, h\u00e4tten sich ihre Protagonisten wohl nicht tr\u00e4umen lassen, wenige Jahrzehnte sp\u00e4ter &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1047\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Die Hamburger Ausstellung \u00bbGeniale Dilletanten\u00ab historisiert die Subkultur der 1980er Jahre","footnotes":""},"categories":[116],"tags":[],"class_list":["post-1047","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1047","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1047"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1047\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1048,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1047\/revisions\/1048"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1047"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1047"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1047"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}