{"id":1058,"date":"2016-04-15T15:58:32","date_gmt":"2016-04-15T13:58:32","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1058"},"modified":"2016-04-18T16:33:56","modified_gmt":"2016-04-18T14:33:56","slug":"wer-ist-hier-der-barbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1058","title":{"rendered":"Wer ist hier der Barbar?"},"content":{"rendered":"<h2>Alain Badious Streitschrift gegen den globalen Kapitalismus nach den Morden von Paris<\/h2>\n<div class=\"Content\">\n<div class=\"Lead\">Der bei jungen Hipstern beliebte kommunistische Modedenker Alain Badiou hat eine Streitschrift wider dem Kapitalismus ver\u00f6ffentlicht. Diese ist dann am st\u00e4rksten, wenn sie die Doppelmoral des Westens offenlegt.<\/div>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ist der Kapitalismus schuld an allen \u00dcbeln dieser Welt? Zu einem Ja tendieren marxistische und radikale Linke. Nein antworten gem\u00e4\u00dfigte Linken &#8211; Liberale und Konservative sowieso. In dieser Eindeutigkeit erscheint die Beantwortung der Frage naiv. Und doch kann man die Ausf\u00fchrungen Alain Badious in seiner soeben erschienenen Streitschrift auf eine \u00e4hnliche Formel bringen: Der Kapitalismus ist nicht nur schuld an extremer Ungleichheit, Auspl\u00fcnderung armer Staaten, sondern bringt auch den islamistischen Terror hervor, der zuletzt Paris und Br\u00fcssel heimsuchte.<\/p>\n<div class=\"Content-Ad\">Der franz\u00f6sische Philosoph, Mathematiker, Autor und Kommunist warnt in dem schmalen Buch, das die Verschriftlichung eines Vortrage ist, zun\u00e4chst davor, uns angesichts von Terroranschl\u00e4gen von Affekten leiten zu lassen. Diese w\u00fcrden nur den Wunsch nach Identit\u00e4t st\u00e4rken. Aber was ist Frankreich, was der Westen? Eine Zivilisation, die vom barbarischen Terror getroffen werde? Nein, Badiou erinnert uns daran, dass \u00bbes \u00fcberall auf der Welt Tag f\u00fcr Tag zu solchen Massenmorden kommt\u00ab. In Nigeria, in Mali, in Irak, Pakistan und Syrien. Doch das spielt bei uns kaum eine Rolle. Und vor allem schweigt sich der Westen \u00fcber seine eigene Rolle als Barbar aus. Mit Blick auf die t\u00e4glich auch zivile Opfer fordernden Drohnenangriffe der USA stellt Badiou fest: \u00bbWenn man also das T\u00f6ten von Menschen f\u00fcr nichts und wieder nichts als barbarischen Akt bezeichnet, dann sind die Westler jeden Tag Barbaren.\u00ab<\/div>\n<p>Klassisch marxistisch skizziert Badiou sodann die Struktur der heutigen Welt. Diese sieht er vor allem durch die seit 30 Jahren wiedergekehrte Ur-Energie des Kapitalismus gepr\u00e4gt. Dieser habe nicht nur die zersetzende Energie wiedergefunden, sondern den Kapitalismus als anerkannte globale Struktur und unangefochtene Herrschaftsform \u00fcber den gesamten Erdball etabliert. Das ist im Grundsatz richtig, obwohl Badiou gegenl\u00e4ufige Entwicklungen unerw\u00e4hnt l\u00e4sst. So geht er nicht auf die zumindest phasenweise Schw\u00e4chung des Kapitalismus durch die Krise von 2008 ein. Auch die von ihm konstatiert Rolle des Staates als lokaler Verwalter der globalen kapitalistischen Struktur gilt nicht f\u00fcr alle Staaten, wohl aber f\u00fcr die sogenannten failed states. Badiou f\u00fchrt hierf\u00fcr den Begriff der Zonierung ein; Staaten werden nunmehr eher zerst\u00f6rt anstatt korrumpiert. Diese neue imperiale Praxis begann mit der Zerschlagung Jugoslawiens. J\u00fcngere Beispiele sind Libyen und weitere Staaten Afrikas. Hinter den westlichen Interventionen &#8211; allein Frankreich hat in den letzten 40 Jahren mehr als 50 Mal milit\u00e4risch in Afrika interveniert &#8211; st\u00fcnden Rohstoffinteressen, so Badiou.<\/p>\n<p>Konsequenz f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungen: eine nie dagewesene wachsende Ungleichheit. Zwischen einer kleinen globalen Oligarchie und einer Masse von Mittellosen, die rund die H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung ausmache, befinden sich die Mittelschichten der hoch entwickelten L\u00e4nder. An dieser von Prekariat bedrohten Schicht richte sich der Diskurs \u00fcber die Verteidigung der westlichen Werte.<\/p>\n<p>Wie aber kommt es dazu, dass sich Menschen dem IS anschlie\u00dfen und Terrorakte ver\u00fcben? Das hat mit dem zu tun, was Badiou die \u00bbnihilistische Subjektivit\u00e4t\u00ab nennt. Diese sinnt auf Rache und Vergeltung. Aber &#8211; und das ist das Entscheidende &#8211; sie speist sich auch aus einer entt\u00e4uschten Sehnsucht. \u00bbDer in seiner Sehnsucht nach dem Westen Entt\u00e4uschte wird, indem er sich faschisiert, zum Feind des Westens, weil sich seine Sehnsucht nach dem Westen nicht erf\u00fcllt hat.\u00ab Die Religion ist Badiou ein Deckmantel, den sich faschistische Banden \u00fcberwerfen.<\/p>\n<p>Als Ausweg aus dieser deprimierenden Situation setzt Badiou auf die Schaffung einer weiteren Subjektivit\u00e4t, die die Herrschaft des globalisierten Kapitalismus hinter sich lassen will. Dieses scheint er im internationalen Wanderproletariat zu erblicken. Badiou ist unersch\u00fctterlicher Optimist und macht damit Gramscis Ausspruch \u00bbPessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens\u00ab alle Ehre. Sein Ausblick mag unrealistisch erscheinen, seine Schuldzuweisung zu einseitig. Damit jedoch erf\u00fcllt diese Streitschrift ihren Zweck.<\/p>\n<p><i>Alain Badiou: Wider den globalen Kapitalismus. F\u00fcr ein neues Denken in der Politik nach den Morden von Paris. Ullstein. 64 S., geb., 7 \u20ac.<\/i><\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1008447.wer-ist-hier-der-barbar.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 14.04.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alain Badious Streitschrift gegen den globalen Kapitalismus nach den Morden von Paris Der bei jungen Hipstern beliebte kommunistische Modedenker Alain Badiou hat eine Streitschrift wider dem Kapitalismus ver\u00f6ffentlicht. 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