{"id":1062,"date":"2016-04-23T20:37:22","date_gmt":"2016-04-23T18:37:22","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1062"},"modified":"2016-05-03T20:41:17","modified_gmt":"2016-05-03T18:41:17","slug":"der-lange-weg-zur-revolte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1062","title":{"rendered":"Der lange Weg zur Revolte"},"content":{"rendered":"<p><strong>1946 wurde der SDS gegr\u00fcndet. Zun\u00e4chst war er ein braver SPD-Verband.<\/strong><\/p>\n<p>Als der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) 1946 in der Tr\u00fcmmerlandschaft Hamburgs gegr\u00fcndet wurde, trugen die \u00fcberwiegend m\u00e4nnlichen Beteiligten abgeschabte Offizierslederm\u00e4ntel oder umgef\u00e4rbte Uniformen und sorgten sich nicht unwesentlich um die grundlegenden materiellen Dinge des Lebens: Nahrung und Unterk\u00fcnfte. 20 Jahre sp\u00e4ter hatten die immer noch meist m\u00e4nnlichen Akteure die Offiziersm\u00e4ntel schon l\u00e4ngst und die Anz\u00fcge noch nicht so lange abgelegt und diskutierten in Berlin, Frankfurt und Marburg \u00fcber die Integrationsf\u00e4higkeit der sp\u00e4tkapitalistischen Gesellschaft. Materiell fehlte es den Mittzwanzigern im Wirtschaftswunderland Bundesrepublik an nichts.<!--more--><\/p>\n<p>Formal handelte es sich um denselben Verband, der heute in erster Linie mit der 68er-Revolte, der Au\u00dferparlamentarischen Opposition (APO) und mit Rudi Dutschke assoziiert wird. Doch es war ein langer Weg vom \u00bbparteikonformen Studentenverband zum Repr\u00e4sentanten der Neuen Linken\u00ab. Zwischen dem SDS der Nachkriegszeit und dem der 60er Jahre liegen mehrere Unvereinbarkeitsbeschl\u00fcsse, der Beginn des Kalten Krieges, die Gr\u00fcndung der Bundesrepublik, Westintegration und Wiederbewaffnung, der endg\u00fcltige Abschied der SPD vom Marxismus sowie die Bildung der Gro\u00dfen Koalition 1966. Mit einem Wort: Die grundlegend andere politische Konstellation zog eine Wandlung des SDS von einer Vorfeldorganisation der deutschen Sozialdemokratie zu einer unabh\u00e4ngigen linkssozialistischen Vereinigung nach sich.<\/p>\n<p>Hamburg im September 1946: 90 Delegierte finden sich unter den Portr\u00e4ts von Immanuel Kant und Karl Marx zur \u00bbZonentagung sozialistischer Studenten\u00ab in der Elbschlo\u00dfbrauerei ein. Das Ziel: die Gr\u00fcndung eines sozialistischen Studentenbundes. Zum Teil sind die Studierendengruppen aus 20 St\u00e4dten noch nicht von den Besatzungstruppen lizenziert. Ein Bekenntnis zur SPD wird vorerst nicht in die Satzung aufgenommen, obwohl die Vorbereitung des Kongresses in Abstimmung mit dem SPD-Vorstand erfolgte. Die Diskussion \u00fcber das \u00bbideologische Programm\u00ab ist kontrovers: Es gibt Bekenntnisse zum religi\u00f6sen Sozialismus, zur revolution\u00e4ren Tat und zum orthodoxen Marxismus. Andere w\u00fcnschen eine Abkehr vom Revisionismus. Schlie\u00dflich legt man sich vage auf einen freiheitlichen Sozialismus fest. Dem SDS geh\u00f6ren zun\u00e4chst auch Kommunisten an &#8211; bis zum August 1947, als sie durch den ersten Unvereinbarkeitsbeschluss aus dem Verband gedr\u00e4ngt werden. Der Wortlaut dieses Beschlusses stammt \u00fcbrigens von Helmut Schmidt, dem SDS-Vorsitzenden 1947\/48 und sp\u00e4teren Bundeskanzler. In diesem wird ferner das Verh\u00e4ltnis zur SPD wie folgt umrissen: \u00bbDer SDS ist keine Organisation irgendeiner politischen Partei. Wir sind aber der Meinung, da\u00df sich derzeit keine Partei au\u00dfer der SPD zu dem von uns vertretenen freiheitlichen demokratischen Sozialismus bekennt.\u00ab<\/p>\n<p>Die N\u00e4he zur SPD sollte sich in den 1950er Jahren festigen. Insbesondere das F\u00fchrungsduo Ulrich Lohmar und Claus Arndt verstand den SDS als Sprungbrett f\u00fcr eine SPD-Karriere. Inhaltlich richteten sie den bis zur APO konstant rund 1000 Mitglieder z\u00e4hlenden SDS stark auf die Partei aus. Bef\u00fcrwortet wurden sogar die Westintegration der BRD, die Wiederbewaffnung sowie die Nichtanerkennung der DDR. Wenn man ohne Kenntnis der Autorschaft Zitate aus Reden oder Texten aus dem SDS-Organ \u00bbUnser Standpunkt\u00ab liest, k\u00f6nnte man deren Urheber f\u00fcr Kalte Krieger aus der Union halten &#8211; zumindest wenn es um die \u00bbZone\u00ab geht. Kostprobe: \u00bbIn jedem Haus aber sitzt heimlich mit die Angst unter dem Lichterbaum, die Angst vor einer ungewissen Zukunft unter einem System, dessen Grausamkeit sich in st\u00e4ndig steigendem Terror t\u00e4glich neu erweist.\u00ab<\/p>\n<p>Doch schon bald sollte der SDS eine freundlichere Einstellung zur DDR entwickeln, was sich auch im Umgang mit den ab 1956 illegalisierten KPD-Mitgliedern ausdr\u00fcckte. Manche Gruppen gew\u00e4hrten diesen ein Gastrecht. Gewisserma\u00dfen nahm der Verband damit den \u00bbWandel durch Ann\u00e4herung\u00ab durch die sp\u00e4tere SPD unter Willy Brandt vorweg. Mitte der 1950er Jahre jedoch sorgte der Streit um die sogenannten Ost-West-Kontakte f\u00fcr eine Entfremdung von der SPD. Unterst\u00fctzt wurde das durch das Engagement in der Anti-Atomtod-Bewegung und die Bewertung des Godesberger Programms der SPD von 1959. Der au\u00dferparlamentarische Widerstand gegen die von Kanzler Adenauer vorangetriebene Atombewaffnung wurde zun\u00e4chst auch von der SPD unterst\u00fctzt. Doch dann bekam sie kalte F\u00fc\u00dfe, w\u00e4hrend SDS-Mitglieder weiter engagiert blieben. Trotzdem gab es einen weiteren Unvereinbarkeitsbeschluss: 1959 wurden die \u00bbKryptokommunisten\u00ab der Gruppe um die Zeitschrift \u00bbkonkret\u00ab aus dem SDS ausgeschlossen. Der Kreis, zu dem auch Ulrike Meinhof z\u00e4hlte, hatte sich f\u00fcr Verhandlungen mit der DDR und eine einseitige Abr\u00fcstung der BRD eingesetzt.<\/p>\n<p>Die neue F\u00fchrungsgruppe im Umfeld von J\u00fcrgen Seifert war der erste undogmatisch-marxistische Vorstand des SDS. Er setzte sich nicht nur gegen die \u00bbkonkret\u00ab-Gruppe, sondern auch gegen die \u00bbGodesberger\u00ab durch. Aufgeschreckt begannen \u00bbrechte SPD-F\u00fchrer\u00ab (\u00bbND\u00ab, 20.8.1960) daraufhin mit der Ausgrenzung des SDS. Im Mai 1960 wurde der parteinahe \u00bbSozialdemokratische Hochschulbund\u00ab (SHB) gegr\u00fcndet und 1961 beschlossen, dass eine Mitgliedschaft in SPD und SDS unvereinbar sei. Im Studierendenverband l\u00f6ste das zun\u00e4chst Schockwellen aus. Viele Mitglieder gingen zum SHB, die strategische Orientierung war hinf\u00e4llig, weil &#8211; wenngleich in kritischer Solidarit\u00e4t &#8211; im Kern auf die Sozialdemokratie hin orientiert.<\/p>\n<p>Was dann ab Mitte der 1960er Jahre folgte, ist hinl\u00e4nglich bekannt: Der SDS entwickelte sich mit Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Hans-J\u00fcrgen Krahl zu einem Zentrum des unabh\u00e4ngigen marxistischen Denkens. Als 1966 die Gro\u00dfe Koalition gebildet wurde, gab es keine linke Opposition mehr im Parlament. Als Ersatz bildete sich die au\u00dferparlamentarische Opposition heraus &#8211; und ihr Nukleus war der SDS. Erstmals wurde an den Unis die rechte Hegemonie gebrochen.<\/p>\n<p>Das \u00bbND\u00ab \u00fcbrigens berichtete bis zum Jahr 1956 nicht \u00fcber den SDS. Im Januar dann die erste Meldung: \u00bbWie aus Bonn weiter bekannt wird, hat das Bonner Bundesinnenministerium die F\u00f6rderung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes aus Mitteln des Bundesjugendplanes eingestellt. Diese Ma\u00dfnahme sei erfolgt, weil ein f\u00fchrendes SDS-Mitglied in einem Artikel die Wiederaufr\u00fcstung Westdeutschlands abgelehnt und die Adenauer-Politik kritisiert h\u00e4tte.\u00ab Die Berichte h\u00e4uften sich erst, als sich der SDS von der SPD zu l\u00f6sen begann. Auch \u00fcber die Aufl\u00f6sung im M\u00e4rz 1970 wurde im \u00bbND\u00ab nicht berichtet, allerdings \u00fcber das Verbot der Heidelberger SDS-Gruppe im Sommer des Jahres.<\/p>\n<p><i>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1009538.der-lange-weg-zur-revolte.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 23.4.2016<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1946 wurde der SDS gegr\u00fcndet. Zun\u00e4chst war er ein braver SPD-Verband. 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