{"id":1072,"date":"2016-05-05T16:59:04","date_gmt":"2016-05-05T14:59:04","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1072"},"modified":"2016-05-25T17:04:04","modified_gmt":"2016-05-25T15:04:04","slug":"karikatur-des-kapitalmarktes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1072","title":{"rendered":"Karikatur des Kapitalmarktes"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Neue B\u00fccher zum Verh\u00e4ltnis von Kunst und Kapital<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Im November 2015 wurde das Bild \u00bbLiegender Akt\u00ab des italienischen Malers Amedeo Modigliani f\u00fcr 170,4 Millionen US-Dollar im New Yorker Auktionshaus Christie\u2019s versteigert. Eine stattliche Summe! Nur f\u00fcr Picassos \u00bbDie Frauen von Algier\u00ab wurde noch tiefer in die Schatulle gegriffen. Der neue Besitzer zahlte f\u00fcr dieses Werk 179,4 Millionen US-Dollar. Selbst K\u00fcnstler, die von dem boomenden Kunstmarkt profitieren, \u00e4u\u00dfern sich inzwischen skeptisch \u00fcber die nach oben schie\u00dfenden Preise.<!--more--> Gerhard Richter h\u00e4lt sie f\u00fcr absurd und eigentlich l\u00e4cherlich. Und es gibt noch weitere h\u00f6chst irritierende Entwicklungen. Immer mehr Kunst wird nicht mehr \u00f6ffentlich ausgestellt, sondern in Zollfreilagern gebunkert. Kunst dient als Kapitalanlage der Superreichen, Schieber und betuchten Steuerhinterzieher. Die Schweiz mit ihren Zollfreilagern in Genf, Chiasso und Z\u00fcrich tut sich hier besonders hervor. Allein im gr\u00f6\u00dftem Lager des Landes, in Genf, sollen nach Sch\u00e4tzungen des Kunstmagazins \u00bbConnaissance des arts\u00ab Werke im Wert von mehr als 1,2 Milliarden Euro liegen. Kunst gilt inzwischen als sicherer Hafen f\u00fcr \u00fcbersch\u00fcssiges Geld. Werden die Finanzm\u00e4rkte st\u00e4rker reguliert, wie es seit 2008 tendenziell der Fall ist, wird anstatt mit Derivaten oder Rohstoffen eben mit Kunst spekuliert. Seit kurzem \u00fcbrigens ist eine Abwanderung vieler Objekte nach Singapur im Gange, die Beh\u00f6rden dort stellen weniger Fragen. Die unl\u00e4ngst ver\u00f6ffentlichten \u00bbPanama Papers\u00ab brachten etwas Licht in diese dunklen Gesch\u00e4fte.<\/p>\n<div class=\"Content\">\n<div class=\"Content-Ad\">Was aber bedeutet die Geldschwemme f\u00fcr die Kunst, die K\u00fcnstlerin oder den Kunstrezipienten? \u00bbGeld frisst Kunst &#8211; Kunst frisst Geld\u00ab nannten Markus Metz und Georg See\u00dflen ihr Pamphlet von 2014. Die schwindelerregenden Preise sagten wenig \u00fcber die Kunst, stattdessen viel \u00fcber den Kapitalmarkt, als dessen Karikatur sich der Kunstmarkt geriert, aus. Kunstkonsum sei zum Schwanzvergleich der Oligarchen verkommen, so Metz und See\u00dflen. Auch die beiden Kunsthistoriker und -kritiker Christian Saehrendt und Steen T. Kittl greifen in ihrem neuen Buch \u00bbIst das Kunst oder kann das weg\u00ab dieses Thema auf und fragen sich, ob und wie sich Kunst angesichts von F\u00e4lschungsskandalen, hohlen Massenevents und schriller VIP-Glamour \u00fcberhaupt noch von anderen ebenso bunt, gl\u00e4nzend und durchdesignten Bereichen unterscheidet? \u00bbKunst und Markt lassen sich in der Realit\u00e4t kaum voneinander trennen\u00ab, stellen sie fest &#8211; und sehen sogar viele Anzeichen, dass die beiden Bereiche inzwischen identisch geworden sind.<\/div>\n<p>Pointierter als Saehrendt und Kittl bringt Wolfgang Ullrich in seinem Buch \u00bbSiegerkunst. Neuer Adel, teure Lust\u00ab die j\u00fcngste Entwicklung von Kunst und Markt auf den Punkt. F\u00fcr Ullrich nimmt die Kunst wieder die Stellung ein, die sie im vorb\u00fcrgerlichen Zeitalter hatte: Kunst ist ein Spielball, damals in den H\u00e4nden der F\u00fcrsten, heute in jenen der Superreichen. Hochpreisige Kunst sei zum wichtigsten Ingrediens einer exklusiven Lebenswelt der Erfolgreichsten in Wirtschaft, Film, Sport, Politik und Showbusiness geworden. Das hat Folgen f\u00fcr die Rolle des K\u00fcnstlers, wie sie sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hatte. War es dem K\u00fcnstler im b\u00fcrgerlichen Zeitalter das wichtigste, im Museum gezeigt zu werden, gilt dem K\u00fcnstler heute der Markterfolg als das entscheidende Kriterium. Das Museum entzog dem Markt die Kunst, seit dem Siegeszug des gro\u00dfen Geldes ist der Markt der Ort der Siegerkunst. Der fr\u00fchere engagierte bildungsb\u00fcrgerliche Umgang mit Kunst ist Ullrich zufolge eine Ausnahmeperiode gewesen. Sie entstand aus einer Schw\u00e4cheposition heraus. Der Bildungsb\u00fcrger besa\u00df die Werke nicht. Im Museum jedoch waren sie f\u00fcr ihn zug\u00e4nglich, er konnte sich mit ihnen besch\u00e4ftigen, sie rezipieren. \u00bbDas Museum bot als Ort verstaatlichter Kunst die besten Voraussetzungen daf\u00fcr, sich den Werken unabh\u00e4ngig von \u00f6konomischen Zusammenh\u00e4ngen zu widmen.\u00ab Damit, so Ullrich, war die Moderne das Zeitalter des Bildungsb\u00fcrgers. Er und nicht der Adel setzte die Priorit\u00e4ten und beanspruchte die Hoheit \u00fcber die Begriffe.<\/p>\n<p>Heute hingegen pr\u00e4gt die kapitalistische Elite die Priorit\u00e4ten. Der US-amerikanische Kunsttheoretiker Donald Kuspit etwa beklagt, dass diese \u00fcber die Macht verf\u00fcgt, die Zukunft dessen, was einmal als Kunst angesehen wurde, zu kontrollieren und zu besitzen. Aber: Dabei handele es sich gar nicht mehr um Kunstwerke, sondern um \u00e4sthetisierte Waren.<\/p>\n<p>Das erinnert an Adornos Begriff des \u00bbInszenierungswerts\u00ab, der die Marx\u2019sche Dichotomie von Gebrauchs- und Tauschwert um eine dritte Wertkategorie erg\u00e4nzt. Gernot B\u00f6hme greift in seiner Aufsatzsammlung \u00fcber den \u00e4sthetischen Kapitalismus auf diese zur\u00fcck: \u00bbUm den Tauschwert zu erh\u00f6hen, werden die Waren aber mittlerweile auf besondere Weise hergerichtet. Man gibt ihnen ein bestimmtes Aussehen, sie werden \u00e4sthetisiert, und sie werden in der Tauschsph\u00e4re inszeniert\u00ab, schreibt der Philosoph. Seine Argumentation hat den Vorzug, dass er die Prozesse kapitalismustheoretisch andeutet. Entscheidend f\u00fcr die \u00e4sthetische \u00d6konomie ist demnach, dass sich ein quantitativ bedeutender Sektor der Gesamtwirtschaft auf die Produktion von Inszenierungswerten ausrichtet bzw. dass ein wesentlicher Teil der Warenproduktion darin besteht, die Ware mit Inszenierungswert zu versehen. Dazu h\u00e4tte man gerne etwas Empirisches gelesen, womit B\u00f6hme aber nicht dient.<\/p>\n<p>Ullrichs Buch ist das argumentativ pr\u00e4gnanteste, doch es l\u00e4sst wichtige Fragen unbeantwortet &#8211; die allerdings Saehrendt und Kittl stellen. Gibt es einen wahren Wert der Kunst jenseits des Marktwertes und wenn ja, worin besteht er? Wer ist eigentlich ein K\u00fcnstler? Es doch doch nicht nur der Ullrichsche Siegerk\u00fcnstler, der wie Takashi Murakami im Atelier die aktuellen Wechselkurse der wichtigsten W\u00e4hrungen auf Monitoren anzeigen l\u00e4sst? Oder Jeff Koon, der damit angibt, dass in seinem Studio in 24 Stunden-Schichten gearbeitet wird? Es sind doch auch die Rentner in Gro\u00dfbritannien, die die gestiegene Lebenserwartung nutzen, um Bilder im \u00dcberfluss zu malen. Irritierenderweise begegnet diesen Laienk\u00fcnstlern ein seltsamer Hochmut. Aber Freizeitsportlern wird doch auch nicht vorgeworfen, dass sie keine olympischen Ergebnisse liefern, argumentieren die beiden Kunsthistoriker. Sie weisen \u00fcberdies darauf hin, dass sich 60 Prozent aller Kunstk\u00e4ufe in Europa unter der Marke von 4000 Euro und 40 Prozent der Gesch\u00e4fte unter 2.000 Euro bewegen. Das hei\u00dft: Die Siegerkunst mag zwar das mediale Bild der Kunst pr\u00e4gen. Doch Kunst ersch\u00f6pft sich nicht in Siegerkunst. Kunst &#8211; das sind auch die malenden Rentner, die Off-Galerien und die Ausstellungen in Kreisst\u00e4dten. Somit gibt es selbstredend einen wahren Wert der Kunst jenseits des \u00f6konomischen. Er liegt zum Beispiel in der F\u00e4higkeit der Kunst, \u00bbeine differenzierte Gef\u00fchlskultur\u00ab und kulturelle Begegnungen zu erm\u00f6glichen oder darin, f\u00fcr Irritationen in der \u00bbge\u00f6lten propagandistischen Bildmaschinerie\u00ab zu sorgen.<\/p>\n<p><em>Gernot B\u00f6hme: \u00c4sthetischer Kapitalismus. Suhrkamp. 158 S., brosch., 14,40 \u20ac; Christian Saehrendt\/Steen T. Kittl: Ist das Kunst oder kann das weg? Vom wahren Wert der Kunst. Dumont. 237 S., geb., 19,99 \u20ac; Wolfgang Ullrich: Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust. Wagenbach. 157 S., brosch., 16,90 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1010443.karikatur-des-kapitalmarktes.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 2.5.2016<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue B\u00fccher zum Verh\u00e4ltnis von Kunst und Kapital Im November 2015 wurde das Bild \u00bbLiegender Akt\u00ab des italienischen Malers Amedeo Modigliani f\u00fcr 170,4 Millionen US-Dollar im New Yorker Auktionshaus Christie\u2019s versteigert. Eine stattliche Summe! 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