{"id":1076,"date":"2016-06-01T13:34:22","date_gmt":"2016-06-01T11:34:22","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1076"},"modified":"2018-10-22T10:43:38","modified_gmt":"2018-10-22T08:43:38","slug":"der-kategorische-imperativ-der-naehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1076","title":{"rendered":"Der kategorische Imperativ der N\u00e4he"},"content":{"rendered":"<h1>Der Abgasskandal ist eine Steilvorlage f\u00fcr eine radikale Kritik der (Auto)-Mobilit\u00e4t. Die Linke sollte sie endlich nutzen<\/h1>\n<p>Mit solchen Leuten wird man niemals den Sozialismus aufbauen\u00ab, sagte ein Freund aus der DDR best\u00fcrzt zu Andr\u00e9 Gorz, als er des Verkehrs in Paris gewahr wurde. Gorz, der in \u00d6sterreich geborene und ab den 1950er Jahren in Frankreich lebende Sozialphilosoph, hat 1975 den Text \u00bbDie gesellschaftliche Ideologie des Autos\u00ab ver\u00f6ffentlicht, in dem er auch diesen Ausspruch aufgreift.<!--more--> Mitte der 1970er Jahre war die Phase des Kapitalismus, die nach dem Autohersteller Ford benannt ist, zwar bereits durch \u00d6lpreisschock und das Ende des Bretton Woods-System in eine massive Krise geraten. Doch von einer postfordistischen Phase sprach man damals noch nicht. Und der Ausdruck meint ja auch nicht, dass die zentrale gesellschaftliche Stellung des Autos ins Wanken geraten ist. Im Gegenteil: Wurden 1975 global \u00bbnur\u00ab etwas \u00fcber 33 Millionen Pkw, Lkw und Busse produziert, hat sich die Zahl heute fast verdreifacht. Insofern erweist sich Gorz\u2019 radikale Kritik des Automobilit\u00e4tsparadigmas als sehr weitsichtig.<\/p>\n<p>Der erst 2009 in dem Buch \u00bbAuswege aus dem Kapitalismus\u00ab wieder ver\u00f6ffentlichte Text erh\u00e4lt durch den Abgasskandal bei VW eine besondere Aktualit\u00e4t. Dieser h\u00e4tte eigentlich eine Steilvorlage f\u00fcr eine radikale Kritik der Autogesellschaft, ihres Mobilit\u00e4tsversprechens und ihrer Ideologie sein k\u00f6nnen. Doch die Chance wurde bislang weitgehend vertan. Das ist umso bedauerlicher, weil es sich bei der Kritik der Zurichtung der Gesellschaft auf den individuellen Autoverkehr um ein Ph\u00e4nomen handelt, in dem die politische \u00d6konomie der Mobilit\u00e4t mit Fragen von \u00d6kologie, Stadtentwicklung, Energie, Gerechtigkeit und Kapitalakkumulation verkn\u00fcpft sind.<\/p>\n<p>Dabei gibt es aufseiten der Linken neben Gorz\u2019 Text weitere hervorragende Arbeiten, die die Automobilit\u00e4t als nicht nur \u00f6kologisch untragbar, sondern auch als \u00f6konomisch und sozial problematisch kritisieren. Doch es hat Gr\u00fcnde, warum sich Linke wenig mit der Kritik der (Auto)-Mobilit\u00e4t besch\u00e4ftigt. Insbesondere die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Linke pries das Auto als Inbegriff von Wohlstand und Freiheit. \u00bbEin Auto f\u00fcr jeden Mann\u00ab (!) lautete eine Forderung der schwedischen Sozialdemokratie, der sich auch die Gewerkschaften anschlossen. Und Helmut Schmidt forderte 1965 \u00bbJeder Deutsche soll den Anspruch haben, sich einen eigenen Wagen zu kaufen.\u00ab Man muss es nicht gleich wie Klaus Gietinger formulieren, der polemisch in seinem \u00bbAutohasserbuch\u00ab schrieb: \u00bbDurch das Blut der Vertreter der Arbeiterklasse flie\u00dft Benzin, das Herz hat eine obenliegende Nockenwelle, der Schwanz ist ein Einspritzer (manchmal auch bei hochbezahlten Nutten), und im Gehirn hat sich Schwer\u00f6l abgelagert.\u00ab Gleichwohl steht fest: Mit der Glorifizierung des Autos ging die Arbeiterbewegung der b\u00fcrgerlichen Ideologie auf dem Leim.<\/p>\n<p>Denn f\u00fcr Gorz stellt der Massenautomobilismus die \u00bbKonkretisierung eines vollst\u00e4ndigen Triumphs der b\u00fcrgerlichen Ideologie auf der Ebene der Alltagspraxis\u00ab dar. Dieser begr\u00fcnde und unterhalte n\u00e4mlich die tr\u00fcgerische Vorstellung, dass sich jedes Individuum auf Kosten aller mehr Geltung verschaffen und bereichern kann. \u00bbDer aggressive, grausame Autofahrer, der in jeder Minute \u203adie anderen\u2039 symbolisch ermordet, da er sie nur noch als materielles Hindernis der eigenen Geschwindigkeit wahrnimmt, dieser Egoismus hat mit der allgemeinen Verbreitung des Autofahrens die Vorherrschaft eines allgemein b\u00fcrgerlichen Verhaltens eingeleitet\u00ab, stellt Gorz fest.<\/p>\n<p>Die Anzahl der Menschen, die j\u00e4hrlich durch BMWs, VWs oder Chryslers get\u00f6tet oder verletzt werden, ist tats\u00e4chlich immens. Der Stra\u00dfenverkehr sei t\u00f6dlicher als Ebola oder Malaria, hie\u00df es im \u00bbSpiegel\u00ab anl\u00e4sslich der Ver\u00f6ffentlichung des \u00bbWeltberichts zur Sicherheit im Stra\u00dfenverkehr\u00ab 2015. In letzter Zeit starben in Deutschland rund 3500 Menschen pro Jahr auf der Stra\u00dfe, weltweit sind es ca. 1,25 Millionen. Das sind mehr als zwei Tote pro Minute. Hinzu kommt die Zahl der Verletzten: Sie bel\u00e4uft sich Sch\u00e4tzungen der WHO zufolge auf bis zu 50 Millionen Menschen j\u00e4hrlich. Massenvernichtungswaffe Auto &#8211; diese Einsch\u00e4tzung ist nicht \u00fcbertrieben.<\/p>\n<p>Doch im Gegensatz zu anderen Massenvernichtungswaffen ist das Auto kein mediales Aufreger-Thema. Die Opfer haben das Pech, vereinzelt get\u00f6tet zu werden, Crashs mit Todesfolgen sind zu selbstverst\u00e4ndlich geworden. Nur wenn einmal ein Bus einen Abhang hinunterst\u00fcrzt oder ein Unfall bizarre Z\u00fcge hat, schaffen sie es in die Nachrichten. Oder wenn ein Intellektueller wie der ehemalige Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella seine Trauer \u00fcber den Tod seiner Schwester auf der Autobahn an prominenter Stelle zum Ausdruck bringen darf &#8211; und seine Wut dar\u00fcber, dass Deutschland das einzige Land in Europa ist, dass kein Tempolimit auf Autobahnen kennt. \u00bbAllein Strafgesetze hindern mich, meine Emp\u00f6rung und meine Wut diejenigen sp\u00fcren zu lassen, die f\u00fcr diese Tode, f\u00fcr diese Raserei Mitverantwortung tragen\u00ab, schrieb Gsella in der \u00bbFAZ\u00ab.<\/p>\n<p>Zum Preis des Fortschritts Mobilit\u00e4t geh\u00f6ren jedoch noch jene, die durch Abgasemissionen wie Stickoxide und Feinstaub fr\u00fchzeitig aus dem Leben scheiden. Forschern des Max-Planck-Instituts zufolge sterben in Deutschland doppelt so viele Menschen an Verkehrsemissionen wie an Verkehrsunf\u00e4llen. Global sind es zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen j\u00e4hrlich. Prognose steigend.<\/p>\n<p>Doch warum h\u00e4lt sich der Mythos vom Auto, das angeblich Freiheit, Autonomie und Mobilit\u00e4t verspricht, so hartn\u00e4ckig? Im Grunde, weil unsere Gesellschaft, insbesondere die st\u00e4dtische, in so einem Ma\u00dfe auf die Anforderungen des Autoverkehrs zugeschnitten ist, dass es f\u00fcr viele Menschen eine Notwendigkeit ist, sich ein Auto anzuschaffen. Die Orte des Wohnens, Arbeitens, der Freizeit und des Konsums fallen auseinander. Die Zersiedelung der Stadt entlang von mehrspurigen Autobahnen macht die Stadt zu einem unwirtlichen Ort. Die Stra\u00dfe, vor dem Siegeszug des Autos ein Ort des Zusammenkommens, der Kommunikation, dient nur noch dazu, m\u00f6glichst schnell von A nach B zu kommen.<\/p>\n<p>M\u00f6glichst rasch ist dabei relativ. Zwar kann man mit dem Auto in beispielsweise einer halben Stunde sehr viel mehr Kilometer zur\u00fccklegen als mit dem Fahrrad oder zu Fu\u00df. Doch erstens setzt das freie Stra\u00dfen voraus, was oft nicht gegeben ist. Vielmehr ist die Durchschnittsgeschwindigkeit im Stadtverkehr oft nicht h\u00f6her, als sie auch ein Radfahrer erreichen kann. Und zweitens verringert sich durch das Auto nicht die Zeit, die man im Durchschnitt am Tag f\u00fcr Mobilit\u00e4t aufbringt, da zugleich immer l\u00e4ngere Strecken zur\u00fccklegt werden.<\/p>\n<p>Der allgemeine gesellschaftliche Zwang zur Geschwindigkeit und zur grenz\u00fcberschreitenden Mobilit\u00e4t von Menschen und Waren hat auch etwas mit der Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der Kapitalakkumulation zu tun. Der Unternehmer m\u00f6chte den in den Waren vergegenst\u00e4ndlichten Mehrwert so schnell wie m\u00f6glich realisieren, um die Reproduktion des Kapitals auf erweiterter Stufenleiter fortzusetzen. Dazu zwingt ihn die Konkurrenz der anderen Kapitalien. Er realisiert den Profit je schneller, desto rascher die Handys, Autos und Computer auf die M\u00e4rkte gelangen und dort losgeschlagen werden. Es gibt mithin eine starke Motivation, den Verlust, den gro\u00dfe Entfernungen mit sich bringen, durch Innovationen im Transportsektor zu minimieren. Die Umschlagzeit des Kapitals dr\u00fcckt der ganzen Gesellschaft ihren Stempel auf.<\/p>\n<p>Dem Paradigma der Automobilit\u00e4t kann nur eines der N\u00e4he entgegengesetzt werden. Gorz beschrieb dieses nur global zu verwirklichende Prinzip folgenderma\u00dfen: \u00bbDamit die Leute auf ihr Auto verzichten k\u00f6nnen, gen\u00fcgt es nicht, ihnen bequemere kollektive Verkehrsmittel anzubieten: es muss m\u00f6glich sein, dass sie \u00fcberhaupt nicht mehr transportiert zu werden brauchen, weil sie sich in ihrem Viertel, ihrer Gemeinde, ihrer auf Menschen zugeschnittenen Stadt zu Hause f\u00fchlen und weil es ihnen Freude macht, von ihrer Arbeit zu Fu\u00df nach Hause zu gehen &#8211; zu Fu\u00df oder oder allenfalls mit dem Fahrrad.\u00ab Nun, \u00fcber Stra\u00dfen- und S-Bahnen lie\u00dfe sich vielleicht noch nachdenken.<\/p>\n<p>Aber offenkundig ist Gorz\u2019 Zielrichtung: Es geht darum, die Desintegration des Menschen, die in der kapitalistischen Fabrik begann und die sich in der Desintegration des Raumes fortsetzte, aufzuheben. Und in diesem Sinne fordert das schwedische Autorenkollektiv Planka.nu, dessen Essay \u00bbVerkehrsMachtOrdnung\u00ab im vergangenen Jahr auf Deutsch erschien: \u00bbWer den Liberalismus bek\u00e4mpfen will, muss den Autoverkehr bek\u00e4mpfen.\u00ab Optimistisch postuliert das Kollektiv, es sei m\u00f6glich, eine Gesellschaft aufzubauen, in der Mobilit\u00e4t kein kategorischer Imperativ ist. Provinziell, r\u00fcckst\u00e4ndig und piefig? Planka.nu h\u00e4lt dagegen. Die Umstellung auf nachhaltige Energieformen setze auch voraus, unseren Energieverbrauch drastisch einzuschr\u00e4nken. Das hei\u00dfe indes nicht, sich gar nicht mehr fortzubewegen. \u00bbEs bedeutet nur, dass der Zwang des monotonem Hin-und-Her verschwindet und dass wir uns w\u00e4hrend unserer Reisen als Teil der Gesellschaft f\u00fchlen, anstatt ihr zu entfliehen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Leider ist nicht \u00fcberliefert, was der eingangs erw\u00e4hnte DDR-B\u00fcrger, der sich so entsetzt \u00fcber den Autoverkehr in der kapitalistischen Metropole Paris zeigte, \u00fcber die Situation auf den Stra\u00dfen der DDR nach dem Anschluss an die BRD dachte. Mit der Mauer fiel n\u00e4mlich auch das Tempolimit in Ostdeutschland. Die unterdr\u00fcckten DDR-B\u00fcrger konnten mit ihren neu erworbenen West-Autos ihren Drang nach Freiheit durch das Durchdr\u00fccken des Gaspedals nun so richtig ausleben. 14 410 Menschen \u00fcberlebten das nicht, die Zahl der t\u00f6dlichen Unf\u00e4lle verdreifachte sich und hatte sich erst 2002 wieder dem Ausgangsniveau angen\u00e4hert. Ganz so friedlich waren zumindest die Folgen der \u00bbfriedlichen Revolution\u00ab nicht.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1013322.der-kategorische-imperativ-der-naehe.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 28.05.2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Abgasskandal ist eine Steilvorlage f\u00fcr eine radikale Kritik der (Auto)-Mobilit\u00e4t. Die Linke sollte sie endlich nutzen Mit solchen Leuten wird man niemals den Sozialismus aufbauen\u00ab, sagte ein Freund aus der DDR best\u00fcrzt zu Andr\u00e9 Gorz, als er des Verkehrs &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1076\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Der Abgasskandal ist eine Steilvorlage f\u00fcr eine radikale Kritik der (Auto)-Mobilit\u00e4t. 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