{"id":1083,"date":"2016-06-06T16:55:45","date_gmt":"2016-06-06T14:55:45","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1083"},"modified":"2016-06-06T16:55:45","modified_gmt":"2016-06-06T14:55:45","slug":"warum-energieeffizienz-eine-illusion-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1083","title":{"rendered":"Warum Energieeffizienz eine Illusion ist"},"content":{"rendered":"<div class=\"baguetteBox\">\n<p><strong>Eine Energiespar-Kampagne des Wirtschaftsministeriums veranschaulicht ungewollt, warum ein gr\u00fcner, umweltschonender Kapitalismus nicht funktionieren kann.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p>Der Slogan wirkt wie eine unfreiwillig komische Illustration des Rebound-Effekts: \u00bbEffizient ist, an den Heizkosten zu sparen. Nicht an den Reisekosten\u00ab, hei\u00dft es auf Plakaten und in Anzeigen, die das Bundesministerium f\u00fcr Wirtschaft und Energie seit einigen Wochen aufh\u00e4ngen und schalten l\u00e4sst. <!--more-->Auf dem <a href=\"http:\/\/www.deutschland-machts-effizient.de\/KAENEF\/Navigation\/DE\/Home\/home.html\" target=\"_blank\">Bild<\/a> sieht man einen Astronauten in voller Montur auf einer Couch sitzen, rechts hinter dem Sofa eine Heizung. Nat\u00fcrlich d\u00fcrfen auch die schwarz-rot-goldenen Farben nicht fehlen, schlie\u00dflich startet bald die Europameisterschaft. \u00bbDeutschland macht\u2018s effizient\u00ab lautet der Titel der Kampagne, die, so hei\u00dft es <a href=\"http:\/\/www.deutschland-machts-effizient.de\/KAENEF\/Navigation\/DE\/Kampagne\/kampagne.html;jsessionid=57FF0A7DE38C363F94EECE94F541D0AC\" target=\"_blank\">auf der Homepage<\/a>, B\u00fcrgerInnen, UnternehmerInnen und Kommunen \u00bbumfassend informieren, sensibilisieren und motivieren\u00ab m\u00f6chte, Strom und W\u00e4rme bewusst einzusetzen.<\/p>\n<h3>Die Energiespar-Kampagne, fast ein kleiner Witz<\/h3>\n<p>Unfreiwillig komisch wirkt diese Kampagne aus zwei Gr\u00fcnden: Erstens weil die Bundesregierung die Energiewende gerade ausbremst und zweitens weil die Hoffnung, durch Effizienz den Energieverbrauch zu verringern, im Grunde schon seit anderthalb Jahrhunderten illusion\u00e4r ist.<\/p>\n<p>Die am Donnerstag erzielte Einigung zur Reform des Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) bedeutet im Kern eine Drosselung des Ausbaus der regenerativen Energien \u2013 zugunsten der fossilen Kraftwerke. Das vorgebrachte Argument, wonach der Ausbau, insbesondere der Windkraft im Norden, zu schnell vorangehe, um den Strom per Trassen an die Orte des Verbrauchs zu leiten, \u00fcbersieht Folgendes: Die Netze werden nicht durch \u00d6kostrom verstopft, sondern durch Kohlestrom. Doch die sch\u00fctzende Hand \u00fcber den Braunkohlewerken will die Bundesregierung nicht zur\u00fcckziehen. Die klimasch\u00e4dlichen Kraftwerke laufen und laufen, produzierten im letzten Jahr 42 Prozent des deutschen Strombedarfs, w\u00e4hrend Sonnen- und Windenergie immerhin ein Drittel beisteuerten.<\/p>\n<h3>Die Bundesregierung setzt auf F\u00f6rderung fossiler Energien<\/h3>\n<p>Welche Priorit\u00e4ten die Bundesregierung trotz aller gr\u00fcnen Rhetorik und partiell richtiger Schritte setzt, zeigt ein Blick in den Report <a href=\"http:\/\/www.imf.org\/external\/pubs\/ft\/survey\/so\/2015\/new070215a.htm\" target=\"_blank\">\u00bbDie Kosten der Energiesubventionen\u00ab<\/a> des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) aus dem vergangenen Jahr. Demnach gab der Bund immerhin 6,5 Milliarden Euro f\u00fcr Forschung, Beihilfen und Investitionen national und weltweit f\u00fcr den Klimaschutz aus. Aber: Mit insgesamt 49,2 Milliarden Euro subventionierten Bund und L\u00e4nder die fossilen Brennstoffe \u00d6l, Gas und Kohle. Enthalten in der Summe sind direkte wie indirekte Subventionen.<\/p>\n<p>Was hatte die Klimakanzlerin Merkel auf dem G7-Gipfel in Elmau gesagt? Und wie war das mit den Klimazielen von Paris? Man sollte annehmen, dass langsam einmal angefangen wird mit einer richtigen Energiewende. Stattdessen wird selbst der zaghaften Variante der Wind aus den Segeln genommen.<\/p>\n<h3>Warum Energieeffizienz nicht den Klimawandel stoppt<\/h3>\n<p>Das ist das eine. Das andere ist der naiv-optimistische Ansatz, durch effizientere Techniken dem Klimaproblem beikommen zu wollen. \u00bbMehr aus Energie machen: Das hei\u00dft, das gleiche Ziel mit m\u00f6glichst wenig Energie erreichen \u2013 und den verbleibenden Bedarf mit erneuerbaren Energien decken. Auf diese einfache Formel l\u00e4sst sich die Energiewende bringen\u00ab, hei\u00dft es auf der Seite des Ministeriums.<\/p>\n<p>Klingt auf den ersten Blick einleuchtend \u2013 ist es aber nicht. Und das h\u00e4ngt mit dem Rebound-Effekt zusammen. Rebound-Effekt? Ein Alltagsbeispiel macht deutlich, worum es sich dabei handelt: Die Neuanschaffung eines Autos mit spritsparendem Motor muss nicht dazu f\u00fchren, dass tats\u00e4chlich weniger Benzin verbraucht wird. Der Besitzer kann auch nach dem Motto handeln: \u00bbWeil der Wagen weniger verbraucht, benutze ich ihn \u00f6fter oder fahre weitere Strecken.\u00ab Er kann sich auch sagen: Wenn ich Benzin sparen, kann ich ja demn\u00e4chst mal eine Kreuzfahrt machen. Oder die von der Kampagne der Bundesregierung angesprochene Hausbesitzerin oder Mieterin steckt ihr bei den Heizkosten gespartes Geld in Reisen. Die an einer Stelle eingesparte Energie wird an anderer wieder verbraucht.<\/p>\n<h3>Hat die Bundesregierung nie vom Rebound-Effekt geh\u00f6rt?<\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich ist in kapitalistischen Gesellschaften von Beginn an zu beobachten, dass sie immer mehr Energie verbrauchen, obwohl die Technologien stets effizienter geworden sind. Die Einsparung von Energie durch Effizienzsteigerungen f\u00fchrt eben nicht eins zu eins zur absoluten Einsparung von Inputs. Der britische \u00d6konom William Stanley Jevons beschrieb dieses Paradoxon 1865 in seinem Buch \u00bbThe Coal Question\u00ab. Deshalb ist auch vom Jevons-Paradoxon die Rede. In den Wirtschaftswissenschaften wird das Paradoxon erst seit wenigen Jahrzehnten intensiver diskutiert \u2013 vornehmlich in der Mikro\u00f6konomik. Erst durch die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 und die Renaissance der wachstumskritischen Bewegung wurde der Rebound-Effekt einer etwas gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit bekannt.<\/p>\n<p>Das Ministerium f\u00fcr Wirtschaft und Energie hat offenbar noch nie von ihm geh\u00f6rt. Dabei wurde der Mechanismus des Jevons-Paradoxon im Schlussbericht der Enquete-Kommission \u00bbWachstum, Wohlstand, Lebensqualit\u00e4t\u00ab des Bundestages 2009 pr\u00e4zise beschrieben. Dort lesen wir zum Beispiel: \u00bbH\u00f6here volkswirtschaftliche Ressourceneffizienz im Sinne von weniger Ressourcenaufwand f\u00fcr die Produktion der gleichen G\u00fcter w\u00fcrde nicht ausreichen, da sie teilweise oder ganz durch eine Steigerung der G\u00fctermenge wieder aufgewogen wird.\u00ab<\/p>\n<p>Der Sozialwissenschaftler Tilman Santarius, der vor kurzem eine Dissertation zum Thema ver\u00f6ffentlicht hat, interpretiert den Rebound-Effekt abstrakt betrachtet letztlich als eine Facette des kapitalistischen Gewinnstrebens. Ein Unternehmen k\u00f6nnte theoretisch mit weniger Ressourceneinsatz dieselbe Menge produzieren, wenn es effizientere Produktionstechniken einf\u00fchrt. Aber wieso sollte es dies tun, wenn es mit demselben Input mehr Output erzielen k\u00f6nnte \u2013 und damit die Chance h\u00e4tte, den Kredit f\u00fcr die neue Technologie zur\u00fcckzuzahlen und vor allem mehr Profite zu realisieren?<\/p>\n<h3>Wie die kapitalistische Konkurrenz Klimasch\u00e4den produziert<\/h3>\n<p>Die Konkurrenz zwingt dem Unternehmen genau dieses Verhalten auf. Die Wirtschaft w\u00e4chst und w\u00e4chst, verbraucht mehr Naturressourcen und produziert mehr Emissionen. Eine Verringerung von fossilen Energien und des Naturverbrauchs, so lautet die Schlussfolgerung, gebiete eine Abkehr vom Ziel des Wachstums. \u00bbDenn so lange die Wirtschaft weiter w\u00e4chst, werden Rebound-Effekte eine hinreichende Verminderung des absoluten Naturverbrauchs vereiteln\u00ab, stellt Santarius fest. Wenn aber Wachstum bzw. marxistisch gesprochen die Akkumulation des Kapitals ein inh\u00e4renter Bestandteil kapitalistischer \u00d6konomien ist, muss \u00fcber Alternativen nachgedacht werden.<\/p>\n<p>Das kann man von der Bundesregierung nat\u00fcrlich nicht erwarten. F\u00fcr sie, aber auch f\u00fcr weite Teile der \u00f6kologischen Parteien und Bewegungen, ist es bequemer, weiter der Illusion eines gr\u00fcnen Kapitalismus bzw. Wachstums durch eine vermeintliche Effizienzrevolution anzuh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/oxiblog.de\/warum-energieeffizienz-eine-illusion-ist\/\">Oxiblog.de<\/a>, 3.6.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Energiespar-Kampagne des Wirtschaftsministeriums veranschaulicht ungewollt, warum ein gr\u00fcner, umweltschonender Kapitalismus nicht funktionieren kann. Der Slogan wirkt wie eine unfreiwillig komische Illustration des Rebound-Effekts: \u00bbEffizient ist, an den Heizkosten zu sparen. 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