{"id":1086,"date":"2016-06-18T20:26:57","date_gmt":"2016-06-18T18:26:57","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1086"},"modified":"2023-12-04T16:20:42","modified_gmt":"2023-12-04T15:20:42","slug":"renditen-im-kopfstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1086","title":{"rendered":"Renditen im Kopfstand"},"content":{"rendered":"<div class=\"Article-Header\">\n<h1>Ist der Minuszins der zehnj\u00e4hrigen Bundesanleihe tats\u00e4chlich eine Z\u00e4sur in der Geschichte des Kapitalmarkts?<\/h1>\n<\/div>\n<div class=\"Content\">\n<div class=\"Lead\">Die Notenbanken in den USA, Japan, der Schweiz sowie Gro\u00dfbritannien bleiben bei ihrer expansive Geldpolitik. Grund f\u00fcr die Entscheidungen ist auch die Sorge vor dem Brexit.<\/div>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<div class=\"Lead\">\n<p>Die Entscheidungen kamen nicht v\u00f6llig \u00fcberraschend &#8211; und sind doch bemerkenswert. Die US-amerikanische Notenbank FED gab am Mittwoch bekannt, dass sie ihre im Dezember zaghaft begonnene Zinswende erst einmal aussetzt. Der Leitzins wird nicht erh\u00f6ht. Am Donnerstag zogen weitere Zentralbanken nach. Die Banken in Japan, der Schweiz und in England belie\u00dfen die Leitzinsen unver\u00e4ndert im negativen beziehungsweise leicht positiven Bereich. Eine Rolle bei diesen Entscheidungen spielte auch der m\u00f6gliche Brexit am kommenden Donnerstag. Die Zentralbanken wollen angesichts des unkalkulierbaren Risikos beim Austritt Gro\u00dfbritanniens ihren ohnehin geringen Handlungsspielraum nicht unn\u00f6tig einengen. Und erst letzte Woche hatte die Europ\u00e4ische Zentralbank mit dem Aufkauf von Unternehmensanleihen ihren Kurs der expansiven Geldpolitik intensiviert. Dieser wird f\u00fcr die niedrigen bis negativen Zinsen verantwortlich gemacht.<\/p>\n<p>Negative Zinsen? Ist das \u00fcberhaupt noch Kapitalismus, fragte der \u00bbSpiegel\u00ab bereits vor wenigen Monaten angesichts von Nullzinspolitik und Negativrenditen? Diese Frage stellt sich seit Dienstag erneut: Erstmals rutschte die zehnj\u00e4hrigen Bundesanleihe ins Minus. Anleger, die eine Anleihe aufnehmen, bekommen nach zehn Jahren also weniger Geld zur\u00fcck. Von einem Meilenstein, einer Z\u00e4sur und einer neuen Epoche am deutschen Kapitalmarkt ist die Rede. Denn die zehnj\u00e4hrige Anleihe ist nicht irgendeine Staatsanleihe. K\u00fcrzer laufende Anleihen befinden sich bereits seit 2012 im negativen Bereich. Aber die zehnj\u00e4hrige ist der Platzhirsch. Sie dient als Zinsreferenz f\u00fcr den Euro und damit f\u00fcr eine der wichtigsten W\u00e4hrungen der Welt. Fast die H\u00e4lfte der gesamten Schulden hat der Bund mit der Laufzeit von zehn Jahren ausgegeben.<\/p>\n<p>Was als ewige Gewissheit galt, hat keine G\u00fcltigkeit mehr: Schuldner werden daf\u00fcr belohnt, dass sie Schulden machen. Bislang war es andersherum. Freuen kann sich insbesondere der deutsche Staat. Er spart schon seit der Eurokrise massiv an Zinsen. Von 2010 bis heute hat er mehr als 100 Milliarden Euro gespart, sch\u00e4tzte das Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung in Halle. Insgesamt weisen mehr als die H\u00e4lfte aller Staatsanleihen im Euroraum negative Renditen auf; weltweit bel\u00e4uft sich das Volumen auf rund elf Billionen Dollar.<\/p>\n<p>Wie ist das zu verstehen? Ist es tats\u00e4chlich so, dass der Kapitalismus gerade eines seiner wesentlichen Merkmale verliert? Ganz so ist es nicht. Erstens sind negative Zinsen ein Ph\u00e4nomen der Finanzsph\u00e4re. Doch nur im Zusammenhang mit der Produktionssph\u00e4re kann die Frage beantwortet werden. Diese indes ist immer noch durch Privatbesitz an den Produktionsmitteln und dem Kriterium der Profiterwirtschaftung gekennzeichnet.<\/p>\n<p>Und doch sind Strafzinsen und negative Renditen Ausdruck einer neuen Entwicklung des Kapitalismus: jener der auslaufenden Akkumulationsdynamik. So viel Geld mittels der Zentralbanken auch geschaffen wird &#8211; es wird nicht mehr investiert, um reale Waren herzustellen. Das Kapital flie\u00dft in die Finanzsph\u00e4re &#8211; und erh\u00f6ht damit die Gefahr der Blasenbildung. Zugespitzt kann man die Negativrenditen als Vorbote eines Minuswachstums der \u00d6konomien betrachten. Das Verh\u00e4ngnisvolle an dieser Situation: Weil die Staaten in der letzten Krise den implodierenden Banken zur Seite sprangen, ist ihr Handlungsspielraum durch die erh\u00f6hten Schuldenst\u00e4nde eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Neben diesen langfristig wirkenden Faktoren spielt ohne Zweifel auch die kurzfristige politische Sorge um die Folgen eines Brexits eine Rolle. Schweizer und deutsche Bundesanleihen gelten als sicherer Hafen f\u00fcr institutionelle Investoren und Versicherungen. Die Verzweiflung muss hoch sein, wenn viele von ihnen anstelle von Profiten leichte Verluste in Kauf nehmen. F\u00fcr Investoren ist die momentane Situation verheerend. Und sie birgt gro\u00dfe Risiken. Wenn ein wichtiger Markt f\u00fcr halbwegs sichere Anlagen wegbricht, treibt das einige Investoren in risikoreichere Investments. Eine erneute Destabilisierung des Finanzsystems wird wahrscheinlicher.<\/p>\n<p>Eine \u00c4nderung der Entwicklung ist nicht in Sicht. Der Chef-Anlagestratege des US-Verm\u00f6gensverwalters Blackrock, Richard Turnill, rechnet mittelfristig nicht mit h\u00f6heren Zinsen in der Eurozone. Auf Zinsen von zwei oder drei Prozent \u00bbk\u00f6nne man noch sehr lange warten\u00ab, sagt er in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsmagazines \u00bbCapital\u00ab.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1015553.renditen-im-kopfstand.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 17.06.2016<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"Lead\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist der Minuszins der zehnj\u00e4hrigen Bundesanleihe tats\u00e4chlich eine Z\u00e4sur in der Geschichte des Kapitalmarkts? Die Notenbanken in den USA, Japan, der Schweiz sowie Gro\u00dfbritannien bleiben bei ihrer expansive Geldpolitik. 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