{"id":1104,"date":"2016-10-20T18:43:19","date_gmt":"2016-10-20T16:43:19","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1104"},"modified":"2023-12-04T16:19:37","modified_gmt":"2023-12-04T15:19:37","slug":"wir-muessen-das-system-aendern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1104","title":{"rendered":"Wir m\u00fcssen das System \u00e4ndern"},"content":{"rendered":"<h2>Der neue Bericht an den Club of Rome setzt auf konkrete Ma\u00dfnahmen, die den meisten Menschen n\u00fctzen sollen<\/h2>\n<p>Jorgen Randers ist ein alter Hase im Gesch\u00e4ft der Zukunftsforschung. Der norwegische Wissenschaftler war bereits als Mitautor des weltber\u00fchmten Berichts an den Club of Rome \u00fcber \u00bbDie Grenzen des Wachstums\u00ab beteiligt. Der 71-J\u00e4hrige kann daher auf einen \u00fcber 40-j\u00e4hrigen Erfahrungsschatz zur\u00fcckblicken. Dieser hat ihn gelehrt, dass man mit der bisherigen Praxis nicht weiterkommen k\u00f6nne. Wieder und wieder habe man auf die dr\u00e4ngenden \u00f6kologischen Probleme hingewiesen &#8211; ohne Resultat.<!--more--><\/p>\n<p>Die Folge: Jetzt m\u00fcssten konkrete L\u00f6sungen her! Das sagte Randers am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung des neuen Berichts an den Club of Rome \u00bbEin Prozent ist genug. Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bek\u00e4mpfen\u00ab.<\/p>\n<div class=\"Content-Ad\"><\/div>\n<p>Und zwar geht es um L\u00f6sungen, die den Menschen deutlich machten, dass zumindest die 99% von ihnen davon Vorteile haben und nicht Opfer erbringen m\u00fcssten. \u00bbDenn\u00ab, so Randers, \u00bbdie Menschen wollen reisen und Geld ausgeben.\u00ab Sein Ko-Autor Graeme Maxton skizzierte bei der Pr\u00e4sentation die Probleme: Wir lebten in einer Welt, in der wir immer mehr wollten, mehr Wachstum, Eigentum und Konsum. Das indes f\u00fchre zu \u00f6kologischen und sozialen Problemen. Stichwort Klimawandel.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist, dass in dem neuen Bericht der Fokus gleichrangig auf soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit und Ungleichheit gelegt wird. Maxton, seit 2014 Generalsekret\u00e4r des Club of Rome, macht auf folgendes Paradoxon aufmerksam: \u00bbW\u00e4hrend der letzten 30 Jahre haben wir das st\u00e4rkste Wirtschaftswachstum gehabt, die Probleme aber sind schlimmer geworden. Obwohl die \u00d6konomen uns etwas anderes erz\u00e4hlt haben.\u00ab Diese w\u00fcrden Wirtschaftswachstum als Voraussetzung f\u00fcr die Verringerung der Arbeitslosigkeit und der Ungleichheit ansehen. \u00bbWachstum\u00ab, so Maxton, \u00bbist aber nicht die L\u00f6sung des Problems, sondern die Ursache.\u00ab Deshalb m\u00fcsse eine neue Perspektive her: \u00bbWir m\u00fcssen das Wirtschaftssystem \u00e4ndern\u00ab, so die Forderung.<\/p>\n<p>Wie eine nachhaltige und soziale Welt erreicht werden k\u00f6nne, dazu pr\u00e4sentierten die Autoren 13 Vorschl\u00e4ge. Sie sollen leicht realisierbar sein, obwohl, so Randers, manche provokant und manche seltsam seien. In der Tat: In die Kategorie provokant und seltsam fallen vor allem zwei Vorschl\u00e4ge: zum einen der, Frauen daf\u00fcr zu belohnen, nur ein Kind oder besser keins zu bekommen. Hintergrund hier ist die neomalthusianische Annahme, dass es zu viele Menschen auf der Erde gebe, was von Maxton auch explizit so gesagt wurde. Problematisch auch die Forderung nach einem h\u00f6heren Renteneintrittsalter, \u00bbdamit \u00e4ltere Menschen ihren Lebensunterhalt so lange bestreiten k\u00f6nnen, wie sie wollen\u00ab. Das klingt nach dem neoliberalen Credo, das auf eine K\u00fcrzung der Rente hinausl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Andere sozialpolitische Forderungen gehen in eine andere Richtung. So pl\u00e4dieren Maxton und Randers f\u00fcr mehr bezahlte Urlaubstage, ein existenzsicherndes Grundeinkommen und f\u00fcr die Bezahlung h\u00e4uslicher Pflegearbeiten. Zudem sollte das Arbeitslosengeld erh\u00f6ht und Gewerkschaften gest\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p>Die \u00f6kologischen Probleme wollen die Autoren vor allem mit der Auflegung eines gr\u00fcnen Konjunkturpakets angehen. Dazu soll zus\u00e4tzlich Geld gedruckt werden, das an die Menschen zu verteilen ist. \u00dcberdies fordern sie eine Umstellung des Steuersystems. Fossile Brennstoffe wie \u00d6l und Gas sollen st\u00e4rker besteuert und die Einnahmen fair verteilt werden. \u00bbWeg von der Einkommens-, hin zur Rohstoffbesteuerung\u00ab, fasste Randers zusammen. Die soziale Ungleichheit wollen sie mit einer h\u00f6heren Besteuerung von Erbschaften, Reichen und Unternehmen bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Wie realistisch diese Vorschl\u00e4ge seien? Darauf Maxton: \u00bbUnsere L\u00f6sungen funktionieren, sie werden zum Teil schon in Skandinavien und Deutschland angewendet.\u00ab Auf die Frage, ob mit einer Bev\u00f6lkerungspolitik nicht besser in den L\u00e4ndern des S\u00fcdens angefangen werden m\u00fcsse, schlie\u00dflich nehme dort die Bev\u00f6lkerung rasant zu, antwortete Randers: \u00bbMeine Tochter, jung und gut ausgebildet, ist das gef\u00e4hrlichste Wesen auf dem Planeten. Sie konsumiert 30 mal mehr Naturressourcen als eine Frau in Indien.\u00ab<\/p>\n<p>Trotz dieses berechtigten und plastischen Hinweises auf den ungerechten Ressourcenkonsum zwischen dem Globalen Norden und S\u00fcden, muss hier die Kritik ansetzen: Selbst als pars pro toto f\u00fcr die imperiale Lebensweise des globalen Nordens bleibt Randers einpr\u00e4gsames Beispiel von seiner Tochter als gef\u00e4hrlichstem Wesen des Planeten problematisch, weil es personalisiert und auf die Konsumseite abhebt, wo \u00fcber Strukturen und die Zw\u00e4nge der kapitalistischen Produktionsweise zu reden w\u00e4re. Die deutlich formulierte Marktskepsis und viele richtige Vorschl\u00e4ge k\u00f6nnen nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass die Vorschl\u00e4ge teils problematisch und unzureichend sind.<\/p>\n<p><em>Jorgen Randers\/Graeme Maxton: Ein Prozent ist genug. Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bek\u00e4mpfen. Der neue Bericht an den Club of Rome. oekom-Verlag, M\u00fcnchen 2016, 288 S., 22,95 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1025428.wir-muessen-das-system-aendern.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 14.09.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der neue Bericht an den Club of Rome setzt auf konkrete Ma\u00dfnahmen, die den meisten Menschen n\u00fctzen sollen Jorgen Randers ist ein alter Hase im Gesch\u00e4ft der Zukunftsforschung. 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