{"id":1106,"date":"2016-10-20T18:44:53","date_gmt":"2016-10-20T16:44:53","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1106"},"modified":"2016-10-20T18:44:53","modified_gmt":"2016-10-20T16:44:53","slug":"das-verborgene-potenzial","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1106","title":{"rendered":"Das verborgene Potenzial"},"content":{"rendered":"<p>Der neue Bericht an den Club of Rome \u00bbEin Prozent ist genug\u00ab spielt mit dem Feuer &#8211; so werden mit Sicherheit die Urteile der wirtschaftsliberalen Kommentatoren lauten. Der Grund: Der Report kritisiert Marktradikalismus, Freihandel, ja das ganze gegenw\u00e4rtige Wirtschaftssystem und fordert Z\u00f6lle und Handelsschranken, mithin das, was der herrschenden Meinung als nat\u00fcrlicher Feind von Wachstum und Wohlstand gilt: Protektionismus.<!--more--><\/p>\n<p>In einem eigenen Kapitel wird die Ideologie des Marktradikalismus kritisiert. Unmissverst\u00e4ndlich stellen die Autoren Randers und Maxton fest, dass fast alle der dr\u00e4ngenden Probleme auf das jetzige Wirtschaftssystem zur\u00fcckzuf\u00fchren sind: Klimawandel, Armut, Umweltzerst\u00f6rung, Schwund der Rohstoffe, Verlust der Artenvielfalt, Kriege, Terrorismus, Arbeitslosigkeit, Ungleichheit und Migration. \u00bbDas hei\u00dft, sie haben dieselbe Ursache &#8211; n\u00e4mlich den Wunsch nach unendlichem Konsum ohne jeden Gedanken an die Folgen f\u00fcr die Umwelt und das Verh\u00e4ltnis zwischen Arm und Reich.\u00ab Das Streben nach Kostensenkungen und Steigerung kurzfristiger Gewinne, hervorgerufen durch die Finanzm\u00e4rkte, kurz das \u00bbgegenw\u00e4rtige Modell des Marktradikalismus\u00ab sei daf\u00fcr verantwortlich, dass die Reall\u00f6hne gesunken sind und es heute Millionen Menschen schlechter geht als vor 30 Jahren. Und da das derzeitige Wirtschaftssystem auch die st\u00e4ndige Steigerung des Rohstoffdurchsatzes verlange, ist es schuld an den Sch\u00e4den am Planeten Erde, so die Autoren.<\/p>\n<p>Ausdr\u00fccklich ist in dieser Kritik die des \u00fcblicherweise als sarkosankt geltenden freien Handels enthalten. Dieser sei nicht f\u00fcr alle vorteilhaft: \u00bbEntgegen der Behauptung der Verfechter des freien Markts f\u00f6rdert er nicht zwangsl\u00e4ufig das Wirtschaftswachstum.\u00ab Randers und Maxton erw\u00e4hnen die Beispiele S\u00fcdkorea und Taiwan. Beide regulierten strikt den Import ausl\u00e4ndischer G\u00fcter &#8211; und konnten sich gerade auf diese Weise zu modernen Industrienationen entwickeln. Mexiko hingegen \u00f6ffnete mit dem Beitritt zur Freihandelszone NAFTA die Grenzen f\u00fcr Waren &#8211; und musste in Kauf nehmen, dass 28 000 kleine und mittlere Unternehmen schlie\u00dfen mussten, \u00fcber eine Million Bauern ihr Land aufgaben, die Reall\u00f6hne sanken und die Arbeitslosigkeit stieg. \u00bbEin uneingeschr\u00e4nkter freier Handel verhindert also weitgehend die Entwicklung armer L\u00e4nder\u00ab &#8211; und n\u00fctzt vor allem den reichen L\u00e4ndern, die ihre \u00dcbermacht sichern, res\u00fcmieren die Verfasser.<\/p>\n<p>Als Gegenteil von Freihandel gilt Protektionismus. Randers und Maxton fordern genau dies &#8211; exakt: \u00bbein kleines St\u00fcck Protektionismus f\u00fcr Arbeit und Umwelt\u00ab. Aber sie wissen, welchen Ruf Schutzz\u00f6lle und Handelsbarrieren haben, und relativieren: \u00bbWenn wir hier f\u00fcr Protektionismus eintreten, hei\u00dft das nicht, dass wir zu einer \u00c4ra der geschlossenen M\u00e4rkte und des Isolationismus zur\u00fcckkehren wollen. Vielmehr schauen wir nach vorn auf eine Zeit, in der der internationale Handel ausgeglichen und im Interesse der Gesellschaft und eines m\u00f6glichst geringen \u00f6kologischen Fu\u00dfabdrucks reguliert wird.\u00ab Protektionismus verringere die Gefahren f\u00fcr die Arbeitnehmer w\u00e4hrend des Reform-\u00dcbergangs und erm\u00f6gliche es den Menschen, ihren Wohlstand weitgehend zu wahren.<\/p>\n<p>Die Kritik des Wirtschaftssystems, des Freihandels und das Eintreten f\u00fcr protektionistische Ma\u00dfnahmen ist in Zeiten, in denen fast die ganze Welt neue Freihandelsvertr\u00e4ge aushandelt, durchaus mutig und richtig. Interessanterweise schimmert hier und da sogar eine Art Klassenstandpunkt durch. Wenn etwa klar benannt wird, gegen wen die Reformen durchgesetzt werden m\u00fcssten (die Superreichen und die fossilen Energiekonzerne) und wer deren Nutznie\u00dfer ist (99% der Menschen). Doch eine Aushebelung des gesamten Systems wird nicht angestrebt, betonen Randers und Maxton. Der Marxist Wolfgang Harich sagte \u00fcber den Club-of-Rome-Bericht von 1972, dass er auf sozialistische, \u00bbsogar ausgesprochen kommunistische L\u00f6sungen\u00ab hinweise. Das ist im Bericht von 2016 ebenfalls so &#8211; zumindest was sozialistische L\u00f6sungen anbelangt.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1025429.das-verborgene-potenzial.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 14.09.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der neue Bericht an den Club of Rome \u00bbEin Prozent ist genug\u00ab spielt mit dem Feuer &#8211; so werden mit Sicherheit die Urteile der wirtschaftsliberalen Kommentatoren lauten. 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