{"id":1110,"date":"2016-10-30T17:12:14","date_gmt":"2016-10-30T16:12:14","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1110"},"modified":"2016-11-08T17:16:27","modified_gmt":"2016-11-08T16:16:27","slug":"weniger-ist-zu-wenig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1110","title":{"rendered":"Weniger ist zu wenig"},"content":{"rendered":"<h2>Wachstumskritiker stellen wichtige Fragen, die Marxisten und Keynesianer \u00fcberwiegend ignorieren. Ihre Antworten indes sind unzureichend. Hier kann Marx weiterhelfen.<\/h2>\n<p>Es ist das Einfache, das schwer zu machen ist, schrieb Bertolt Brecht \u00fcber den Kommunismus. Man kann diese Aussage auch auf eine Gesellschaft \u00fcbertragen, die nicht auf die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP), auf Wachstum ausgerichtet ist. Dabei liegt die Notwendigkeit, \u00fcber eine Postwachstumsgesellschaft nachzudenken, inzwischen seit Jahrzehnten auf der Hand. Der Au\u00dfenseiter-\u00d6konom Kenneth Boulding begr\u00fcndete dies in denkbar schlichten Worten: \u00bbWer glaubt, dass in einer endlichen Welt unendliches Wachstum m\u00f6glich ist, kann nur verr\u00fcckt sein &#8211; oder \u00d6konom.\u00ab<!--more--> Das Gleichsetzen von Verr\u00fccktheit und \u00d6konomenzunft ist berechtigt. 99 Prozent der \u00d6konomen &#8211; und der Politiker, w\u00e4re zu erg\u00e4nzen &#8211; folgen dem Motto: Wachstum ist nicht alles, aber ohne Wachstum ist alles nichts. Die deutsche Politik hat den Zwang zum Wirtschaftswachstum 2009 sogar in Gesetzesform gegossen. Das Wachstumsbeschleunigungsgesetz sollte als Konjunkturpaket die Folgen der Finanzkrise von 2008 abmildern.<\/p>\n<div class=\"Content-Ad\"><\/div>\n<p>Auch linke \u00d6konomen und Politiker, die in der Tradition der sozialistischen Arbeiterbewegung oder des Keynesianismus stehen, zweifeln die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstum in der Regel nicht an. Historisch ist das nachvollziehbar. Mitte des 19. Jahrhunderts, als die sozialistische Bewegung und die marxistische Theorie entstanden, waren die biophysischen Belastungsgrenzen der Erde noch l\u00e4ngst nicht absehbar. Und klassenpolitisch f\u00fchrte Wirtschaftswachstum tats\u00e4chlich zu einer Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse. Aber heute gilt das eben nicht mehr ohne Weiteres. Anfang August wurde der Earth Overshoot Day (Erd\u00fcberlastungstag) begangen. Das hei\u00dft, seit dem 8. August werden mehr Ressourcen verbraucht, als die Erde in einem Jahr reproduziert und mehr Emissionen ausgesto\u00dfen, als die Atmosph\u00e4re absorbieren kann. Der Erd\u00fcberlastungstag ist in den letzten Jahren immer weiter vorger\u00fcckt, 1987 fiel er noch auf den 19. Dezember.<\/p>\n<p>Den Kopf \u00fcber eine Gesellschaft ohne Wachstum zerbricht sich seit Kurzem wieder verst\u00e4rkt eine kleine soziale Bewegung, die in England, Spanien und Frankreich st\u00e4rker ist als hierzulande und dort unter den Namen Degrowth und D\u00e9croissance (Wachstumsr\u00fccknahme) bekannt ist. Sie stellt die f\u00fcr die langfristige \u00dcberlebensf\u00e4higkeit der Menschheit entscheidenden Fragen. Doch ihre Fokussierung auf das Thema Konsumverzicht (Suffizienz) greift zu kurz. Zwar ist es l\u00f6blich, wenn (deutsche) Protagonisten wie der Oldenburger \u00d6konom Niko Paech auf Flugreisen komplett verzichten. Doch dieser Ansatz l\u00e4uft Gefahr, moralisierend zu werden.<\/p>\n<p>Eine Ironie dabei ist: Gerade der gut verdienende Gr\u00fcnen-W\u00e4hler oder die akademisch gebildete Degrowth-Anh\u00e4ngerin aus den gentrifizierten Stadtteilen von Berlin oder Hamburg verbrauchen mehr Natur als der Hartz-IV-Empf\u00e4nger oder Niedrigl\u00f6hner, der sich weder Auto noch Eigenheim leisten kann. Das gr\u00fcne konsumkritische B\u00fcrgertum hat Geld und gibt das gerne f\u00fcr Weltreisen aus. Die verheerende \u00d6kobilanz wird durch den Einkauf in der Bioeinkaufsgemeinschaft nicht aufgewogen. Mehr noch: Die gebildete gr\u00fcne Elite, zu der der typische Degrowthler bald geh\u00f6ren wird, wird paradoxerweise gar zu einem Vorreiter des Strebens nach positionalen G\u00fctern, die den sozialen Status des K\u00e4ufers charakterisieren &#8211; und damit des kapitalistischen Konkurrenzkonsums. Wenn das \u00f6kologisch bewusste B\u00fcrgertum Bioprodukte kauft, konstituiert es einen neuen Mainstream, dem sich das Individuum nur schwerlich entziehen kann. \u00bbTats\u00e4chlich ist es im Sp\u00e4tkapitalismus ja der Wunsch, sich zu unterscheiden, der st\u00e4ndig neue positionale G\u00fcter kreiert und die Akkumulation anheizt\u00ab, hei\u00dft es in dem j\u00fcngst erschienenen Handbuch \u00bbDegrowth\u00ab.<\/p>\n<p>In diesem kann auch nachgelesen werden, warum die Strategie Konsumverzicht unzureichend ist. Dies wird mit einem Paradoxon begr\u00fcndet, das immer h\u00e4ufiger &#8211; durchaus zu Recht &#8211; als Parade-Argument der Wachstumskritiker gilt: dem Jevons-Paradoxon. Das auch als Rebound-Effekt bekannte Ph\u00e4nomen besagt, dass Effizienzsteigerungen nicht notwendigerweise zu einer Verringerung des Inputs von Energie oder Rohstoffen f\u00fchren. Dadurch, dass sie die Kosten f\u00fcr Produkte oder Dienstleistungen senken, wird mehr angeboten und nachgefragt. Beispiel: Der Kauf eines Sprit sparenden Autos f\u00fchrt oft dazu, dass der Besitzer es f\u00fcr zus\u00e4tzliche Fahrten nutzt. Effizientere Motoren f\u00fchren dazu, dass die Autohersteller immer schwerere Autos konstruieren.<\/p>\n<p>Doch auch ein suffizienter (gen\u00fcgsamer) Lebensstil kann zu Rebound-Effekten f\u00fchren. Wenn etwa Tausende von Degrowth-Anh\u00e4nger im Globalen Norden beschlie\u00dfen, weniger Energie zu kaufen, senkt der geschrumpfte Bedarf den Preis f\u00fcr Energie durch ein Mehr an Energie auf den Weltmarkt. Dies wiederum versetzt die sogenannten Grenzkonsumenten auf der Welt, die so viel wie zuvor arbeiten und mehr Produkte konsumieren m\u00f6chten, in die Lage nachzufragen, was die Suffizienz-Anh\u00e4nger nicht mehr nachfragen. Konsequenz: Konsumverzicht kann zwar zu einem gerechteren Konsum f\u00fchren, aber nicht zwingend zu einer Reduktion von Energie. Denn: Wenn nicht die gesamte Weltbev\u00f6lkerung gen\u00fcgsamer wird, werden andere Menschen den durch freiwilligen Energieverzicht entstehenden R\u00fcckgang der Nachfrage wieder ausgleichen. Insofern ist es moralisch eine zweifelhafte Angelegenheit, Suffizienz f\u00fcr die ganze Erdbev\u00f6lkerung anzustreben, weil Milliarden Menschen in unfreiwilliger (Energie-)Armut leben.<\/p>\n<p>Diese Argumentation gilt nicht nur f\u00fcr Energie, sondern f\u00fcr den Naturverbrauch im Allgemeinen. In dem Degrowth-Handbuch wird stattdessen eine gesetzliche Obergrenze f\u00fcr die Menge der gef\u00f6rderten und verbrauchten Rohstoffe ins Spiel gebracht. Denn was zuv\u00f6rderst nicht mehr wachsen, ja schrumpfen soll, ist nicht in erster Linie das BIP &#8211; das ist lediglich eine abstrakte mathematisch-statistische Gr\u00f6\u00dfe -, sondern die Menge an biophysikalischem, von Menschen verursachtem Durchsatz, sprich die Gesamtmenge verbrauchter nat\u00fcrlicher Ressourcen plus Emissionen.<\/p>\n<p>Obergrenzen k\u00f6nnen in der Tat ein Weg sein. Es gibt aber noch einen anderen. In dem Handbuch wird er nur angedeutet, wenn beil\u00e4ufig die kapitalistische Produktionsweise und ihr Zwang zur Gewinnerwirtschaftung erw\u00e4hnt werden. Der Kapitalismus wird von Degrowth-Autoren \u00fcberwiegend nicht in Frage gestellt, obwohl sie zumeist einr\u00e4umen, dass zwischen Kapitalismus und Degrowth eine grundlegende Unvereinbarkeit besteht. So schreibt Serge Latouche, einer der einflussreichsten Autoren der D\u00e9croissance-Bewegung: \u00bbDie Wachstumsr\u00fccknahme ist notwendigerweise antikapitalistisch.\u00ab Aber die Feststellung in dem \u00bbHandbuch f\u00fcr eine neue \u00c4ra\u00ab, wonach sich die Degrowthler str\u00e4uben, selbst explizit Position gegen den Kapitalismus zu beziehen, ist zutreffend. Drei Gr\u00fcnde lassen sich daf\u00fcr anf\u00fchren: Erstens soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass der Hauptgegner der Kapitalismus sei. Dieser sei der Produktivismus. Erneut Latouche: \u00bbEin mehr oder weniger liberaler Kapitalismus und ein produktivistischer Sozialismus sind zwei Varianten ein und derselben Wachstumsgesellschaft, die auf der Entfesselung der Produktivkr\u00e4fte gr\u00fcndet.\u00ab Hinzu kommen b\u00fcndnis- und wissenschaftspolitische Motive: Man will nicht nur Antikapitalisten als Partner und man strebt nach Akzeptanz in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Res\u00fcmierend hei\u00dft es in dem Handbuch: \u00bbAufgrund dieser Bedenken hat sich die Degrowth-Gemeinde bisher im Gro\u00dfen und Ganzen einem kritischen Engagement hinsichtlich der politischen \u00d6konomie des Kapitalismus und der M\u00f6glichkeiten seiner Transformation verweigert.\u00ab Dies bleibe indes eine entscheidende intellektuelle und politische Aufgabe f\u00fcr Wissenschaftler und Aktivisten, die die Wachstumsr\u00fccknahme wollen.<\/p>\n<p>Nicht links liegen lassen k\u00f6nnen sie dabei den sogenannten \u00d6komarxismus, der vor allem in den USA zu einer Neuinterpretation des Werkes von Marx und Engels gef\u00fchrt hat. Seine Vertreter zeigen, dass Marx\u2019 Werk nicht nur \u00f6kologisch zu interpretieren, sondern im Kern \u00f6kologisch ist. Untermauert wird diese These nun von Kohei Saito, der soeben eine Dissertation zur Marxschen \u00d6kologie vorgelegt hat. Marxsche \u00d6kologie? Hat der gro\u00dfe Denker aus Trier denn nicht der absoluten menschlichen Herrschaft \u00fcber die Natur das Wort geredet? Und den Produktivkraftfetisch in die Welt gesetzt? Das hat er durchaus, sagt Saito. Aber nur bis Mitte der 1860er Jahre. Dann begann eine neue Periode, die durch die Lekt\u00fcre agrarwissenschaftlicher Werke zum Beispiel von Justus von Liebig eingel\u00e4utet wurde. Dieser und andere Wissenschaftler hatten beobachtet, dass sich die Bodenertr\u00e4ge durch den Einsatz von D\u00fcnger und Maschinen zwar kurzfristig erh\u00f6hen lie\u00dfen, aber langfristig abn\u00e4hmen. Mehr und mehr thematisierte Marx mithilfe eines physiologischen Begriffs des \u00bbStoffwechsels\u00ab die Mensch-Natur-Beziehung &#8211; und begann, dessen St\u00f6rung als Widerspruch des Kapitalismus und seiner unendlichen Verwertungsbewegung zu kritisieren.<\/p>\n<p>Saito rekonstruiert das erstmals auch anhand der Marxschen Exzerpt-hefte, die im Rahmen der Marx-Engels-Gesamtausgabe ver\u00f6ffentlicht werden. Fast zur H\u00e4lfte besch\u00e4ftigte sich Marx in diesen mit biologischen, chemischen, botanischen, geologischen und mineralogischen Fragen. Bekanntlich hat Marx die weiteren B\u00e4nde des \u00bbKapital\u00ab nicht vollenden k\u00f6nnen. Saitos These lautet, dass Marx sich mit gr\u00f6\u00dfter Wahrscheinlichkeit viel st\u00e4rker des Problems der \u00f6kologischen Krise als zentralem Widerspruch des Kapitalismus angenommen h\u00e4tte. Ihm sei bewusst geworden, dass seine optimistische These vom emanzipatorischen Potenzial der Produktivkraftentwicklung nicht mit den stofflichen Naturgrenzen der menschlichen Produktion in Einklang zu bringen sei. Es entstehe ein irreparabler Riss im von der Arbeit vermittelten Prozess des Stoffwechsels von Mensch und Natur. Und deshalb fordert Marx bereits im ersten Band des \u00bbKapital\u00ab als zentrale Aufgabe des Sozialismus die bewusste Regulierung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur.<\/p>\n<p>Die Kritik der Degrowthler am traditionellen Marxismus und Keynesianismus, mit dem Setzen auf Wachstum und Produktivkraftfortschritt &#8211; verstanden als ein Mehr materieller Produktion &#8211; die zum Teil bereits \u00fcberschrittenen planetarischen Grenzen zu ignorieren, ist zutreffend. Zielen sie auf Marx selbst, laufen sie ins Leere. Das Einfache, das schwer zu machen ist &#8211; mit der \u00f6kologischen Marx-Interpretation von Kohei Saito und anderen wird es zumindest denkbar. Nicht Konsumverzicht allein bietet eine L\u00f6sung, sondern dessen klassenpolitisch und global differenzierte Kombination mit einer anderen Produktionsweise, die dem Verwertungszwang des Kapitals und des immer gr\u00f6\u00dferen Naturverbrauchs ein Ende setzt.<\/p>\n<p><strong>Zum Weiterlesen:<\/strong><br \/>\nGiacomo D\u2018Alisa u.a. (Hrsg.): Degrowth. Handbuch f\u00fcr eine neue \u00c4ra. oekom, M\u00fcnchen 2016, 297 S., 25 Euro. Serge Latouche: Es reicht! Abrechnung mit dem Wachstumswahn. oekom, M\u00fcnchen 2015, 200 S., 14,95 \u20ac. Kohei Saito: Natur gegen Kapital. Marx\u2019 \u00d6kologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus. Campus, Frankfurt\/M., 328 S., 39,95 \u20ac.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1029559.weniger-ist-zu-wenig.html?sstr=Guido|Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 22.10.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wachstumskritiker stellen wichtige Fragen, die Marxisten und Keynesianer \u00fcberwiegend ignorieren. Ihre Antworten indes sind unzureichend. Hier kann Marx weiterhelfen. Es ist das Einfache, das schwer zu machen ist, schrieb Bertolt Brecht \u00fcber den Kommunismus. 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