{"id":1112,"date":"2016-11-02T17:19:49","date_gmt":"2016-11-02T16:19:49","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1112"},"modified":"2016-11-08T17:21:48","modified_gmt":"2016-11-08T16:21:48","slug":"nicht-der-mensch-an-sich-ist-das-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1112","title":{"rendered":"Nicht der Mensch an sich ist das Problem"},"content":{"rendered":"<h2>Immer mehr \u00f6kologisch motivierten Studien liegt das Konzept des Anthropoz\u00e4ns zugrunde. Mehr Erkl\u00e4rungswert hat das Kapitaloz\u00e4n<\/h2>\n<p>Die ungebremste Expansion des Menschen auf der Erde habe zerst\u00f6rerische Folgen f\u00fcr die anderen Bewohner des Planeten &#8211; das ist eine zentrale Botschaft des \u00bbLiving Planet Reports 2016\u00ab. Formulierungen wie \u00bbDie Dimensionen menschlichen Handelns sprengen seit Mitte des 20. Jahrhunderts alle vorhergesehenen Grenzen\u00ab oder \u00bbTats\u00e4chlich hat sich die Menschheit in bedrohlicher Weise \u00fcber andere Lebewesen erhoben\u00ab veranschaulichen das.<!--more--> Die Folge: Immer mehr Tiere sterben aus, immer mehr Kohlenstoffe werden in die Luft geblasen und treiben den Klimawandel an. Meere \u00fcbers\u00e4uern, \u00d6kosysteme verschwinden. Kurz: Der Mensch dr\u00fcckt dem Planeten Erde seinen Stempel auf, und dieser steht im Zeichen eines \u00f6kologischen Untergangszenarios.<\/p>\n<div class=\"Content-Ad\">Daher sprechen Wissenschaftler immer h\u00e4ufiger vom sogenannten Anthropoz\u00e4n, altgriechisch f\u00fcr das vom Menschen geschaffene Neue. Der Begriff soll das geologische Zeitalter charakterisieren, in dem der Mensch zu einem der entscheidenden Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosph\u00e4rischen Prozesse f\u00fcr die Erde geworden ist.<\/div>\n<p>Ausdr\u00fccklich nehmen auch die Autoren der Living-Planet-Studie auf das Anthropoz\u00e4n-Konzept Bezug, das von dem niederl\u00e4ndischen Chemie-Nobelpreistr\u00e4ger Paul Crutzen zu Beginn des neuen Jahrtausends bekannt gemacht wurde und inzwischen in immer mehr \u00f6kologischen Studien, auf den Wissenschaftsseiten von Zeitungen und selbst in Kunstausstellungen eine Rolle spielt.<\/p>\n<p>Aber welchen Erkl\u00e4rungswert hat dieses Konzept? Ist es tats\u00e4chlich der Mensch, der die vielfach \u00f6kologisch verheerenden und unumkehrbaren Eingriffe vornimmt? Marxistische Wissenschaftler ziehen das zu Recht in Zweifel. Und tats\u00e4chlich ist das Gerede von dem Menschen in gewisser Weise ein philosophiegeschichtlicher R\u00fcckschritt. Denn schon Marx kritisierte, dass der Mensch kein abstraktes, au\u00dfer der Welt hockendes Wesen ist, sondern: \u00bbDer Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Soziet\u00e4t\u00ab oder \u00bbdas Ensemble der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse\u00ab. Was Marx damals in Auseinandersetzung mit der Feuerbachschen Religionskritik schrieb, l\u00e4sst sich f\u00fcr die Debatte um das sogenannte Antrhopoz\u00e4n fruchtbar machen. So kritisiert der marxistische Politikwissenschaftler Elmar Altvater am Antrhropoz\u00e4n-Begriff, der f\u00fcr die h\u00f6chste Steigerungsform von Wachstum und Globalisierung steht, die mangelnde sozialwissenschaftliche Fundierung. Denn: Zwar w\u00fcrden die Menschen zweifelsohne Erdgeschichte schreiben. Aber sie schrieben diese nicht als Individuen und als Abstraktum Menschheit, sondern eingebunden in einer historischen Gesellschaftsformation. Und diese ist durch die kapitalistische Vergesellschaftung gepr\u00e4gt. Altvater schl\u00e4gt daher mit dem Geografen Jason W. Moore einen Alternativ-Begriff vor: Kapitaloz\u00e4n. \u00bbDenn die erdsystemischen Ver\u00e4nderungen haben Menschen in kapitalistischer Vergesellschaftung insbesondere seit Beginn des Industriezeitalters in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts und dann in enormer Beschleunigung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gemacht.\u00ab<\/p>\n<p>Nun ist der Begriff Kapitaloz\u00e4n ohne Zweifel noch sperriger als Anthropoz\u00e4n, aber auf jeden Fall pr\u00e4ziser &#8211; und vor allem f\u00fcr emanzipatorische Politik nutzbar zu machen. Bei die Menschen im Sinne des Anthropoz\u00e4ns klingt immer an, dass es zu viele von ihnen auf der Welt gibt. Da lauert die Falle des Malthusianismus. Das Kapitaloz\u00e4n indes wirft zumindest die Frage auf, ob eine andere historische Vergesellschaftung denkbar ist. Konkret, ob der Kapitalismus mit seinem immanenten Wachstumszwang durch eine andere mit den \u00f6kologischen Tragf\u00e4higkeitsgrenzen kompatible Gesellschaftsform ersetzt werden k\u00f6nnte. Wohl wahr: Der Sozialismus hat es in seiner real existierenden Form bis dato zu keiner besseren \u00d6kobilanz gebracht. Aber dieser war im Grunde nur eine nachholende Modernisierung &#8211; aufgezwungen durch die Systemkonkurrenz.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1030266.nicht-der-mensch-an-sich-ist-das-problem.html?sstr=Guido|Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 28.10.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer mehr \u00f6kologisch motivierten Studien liegt das Konzept des Anthropoz\u00e4ns zugrunde. 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