{"id":1123,"date":"2017-01-14T15:33:21","date_gmt":"2017-01-14T14:33:21","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1123"},"modified":"2017-01-13T15:38:31","modified_gmt":"2017-01-13T14:38:31","slug":"das-bip-war-ein-instrument-des-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1123","title":{"rendered":"\u00bbDas BIP war ein Instrument des Krieges\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><em>Der \u00d6konom Philipp Lepenies kritisiert, dass der Glaube an das Bruttoinlandsprodukt Verteilungsfragen verdr\u00e4ngt<\/em><em>. Ein Interview.<\/em><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Herr Lepenies, am Donnerstag wurde das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2016 bekannt gegeben. Waren Sie gespannt?<\/strong><br \/>\nGespannt ist \u00fcbertrieben. Als \u00d6konom interessiert mich die Zahl nat\u00fcrlich. Aber nicht so, dass ich ihr entgegenfiebern w\u00fcrde. Wichtig ist das BIP sicherlich. Zusammen mit seiner Ver\u00e4nderungsrate, dem Wachstum, ist es die einzige Kennziffer, die es neben der Zahl der Arbeitslosen \u00fcberhaupt schafft, regelm\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Aufmerksamkeit in den Medien und der Politik zu bekommen. Und das trifft fast f\u00fcr jedes Land der Welt zu. Das muss eine Statistik erst mal schaffen.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Das \u00fcberrascht. Wenn man Ihr Buch \u00bbDie Macht der einen Zahl\u00ab liest, kommt man zu dem Schluss, dass das BIP kein taugliches Instrument zur Wohlstandsmessung ist.<\/strong><br \/>\nDas Besondere ist ja, dass das BIP als ein Indikator f\u00fcr den Zustand der Gesellschaft gesehen wird, obwohl es das ja eigentlich nicht misst. Das BIP erfasst nur den Wert der Produktion eines Jahres. Mehr nicht. Aber steigt das BIP, haben wir also Wachstum, wird alles gut. Das wird uns von Politik und Medien vermittelt. Ein hohes Wachstum bedeutet steigenden Wohlstand, hoffentlich mehr Arbeitspl\u00e4tze und nicht zu vergessen: geopolitische Macht. L\u00e4nder wie China und Indien legitimieren ganz offen ihre gewachsene weltpolitische Stellung durch Wachstum.<\/p>\n<p><strong>Der britische \u00d6konom Arthur Cecil Pigou schrieb: \u00bbWenn ein Mann seine Haushaltshilfe heiratet oder seine K\u00f6chin, verringert sich das Volkseinkommen.\u00ab Was sind die Schw\u00e4chen des BIP?<\/strong><br \/>\nDie St\u00e4rke ist seine Einfachheit. Aber das ist auch seine Schw\u00e4che. Das BIP erfasst nur das, was am Markt gehandelt wird. B\u00fcgelt eine bezahlte Haushaltshilfe Hemden, z\u00e4hlt das zum BIP. Wenn sie k\u00fcndigt und der Mann die Hemden selber b\u00fcgeln muss, z\u00e4hlt dies als unbezahlte Hausarbeit nicht mehr. Gleiche T\u00e4tigkeit, aber ungleiche Erfassung. Total unlogisch. F\u00fcr manche L\u00e4nder, in denen Hausarbeit eine viel gr\u00f6\u00dfere Rolle spielt, weil beispielsweise keine funktionierenden Sozialsysteme existieren, ergibt das BIP ein verzerrtes Bild der wirtschaftlichen Aktivit\u00e4t. Schlimmer ist es nat\u00fcrlich mit der Umweltverschmutzung. F\u00fcr die gibt es keinen Marktpreis, also wird Umweltzerst\u00f6rung nicht eingerechnet. Dass wir uns mit den Folgen des Klimawandels rumschlagen m\u00fcssen, ist auch der Tatsache geschuldet, dass die Politik die Folgen der industriellen Expansion einfach nicht \u00bbbepreist\u00ab hat und durch das BIP abgelenkt wurde.<\/p>\n<p><strong>Auch Simon Smith Kuznets, einer der \u00bbErfinder\u00ab des BIP, war sich der Nachteile seines Konzeptes bewusst. Was kritisierte er?<\/strong><br \/>\nF\u00fcr Kuznets, \u00fcbrigens ein ber\u00fchmter Ungleichheitsforscher, war es wichtig, darauf zu achten, wie der geschaffene Wert der Produktion auf die unterschiedlichen Einkommen verteilt wurde. Darauf sollten seiner Meinung nach die Politiker besonders schauen, weniger darauf, ob mehr produziert wird. Lange hat er in den 1940er Jahren, als das BIP, damals hie\u00df es noch Bruttosozialprodukt, seinen Siegeszug in den USA antrat, daf\u00fcr geworben, dass die Verteilung bei der Fokussierung auf das Wachstum nicht au\u00dfer Acht gelassen werden darf. Leider ohne Erfolg.<\/p>\n<p><strong>Wieso konnte die \u00bbeine Zahl\u00ab so eine gro\u00dfe Wirkung entfalten?<\/strong><br \/>\nDas Bruttosozialprodukt war ein In-strument des Krieges. Es sollte der US-amerikanischen Regierung nach dem Kriegseintritt der USA anzeigen, dass die Umstellung einer Friedens- auf eine Kriegs\u00f6konomie gelang. Ein h\u00f6heres BIP bedeutete die Produktion von mehr Waffen und R\u00fcstungsg\u00fctern. W\u00e4hrend des Krieges schauten die amerikanischen Politiker nicht nur gebannt auf die Kriegsschaupl\u00e4tze in Europa und Asien, sondern auch auf das Bruttosozialprodukt.<\/p>\n<p><strong>Der Krieg war 1945 vorbei. Wieso war das BIP auch in der Nachkriegszeit so wichtig?<\/strong><br \/>\nDas Entscheidende war, dass man mit der Ausweitung der Produktion auch alle Probleme der Nachkriegszeit glaubte, l\u00f6sen zu k\u00f6nnen: die Inte-gration der heimkehrenden Soldaten in den Erwerbsprozess, den Wiederaufbau des westlichen Europas, die Entwicklung der unterentwickelten ehemaligen Kolonien und vor allem den Systemwettlauf mit der Sowjetunion.<\/p>\n<p><strong>Ein stetig steigendes Sozialprodukt war somit die Voraussetzung f\u00fcr den \u00bbWohlstand f\u00fcr alle\u00ab, den Ludwig Erhard versprach?<\/strong><br \/>\nF\u00fcr die unmittelbare Nachkriegszeit stimmte das. Durch das damalige Wachstum bekamen die Menschen Arbeit, verdienten mehr, konnten sich Wohnungen, Autos und Urlaub leisten. Problematisch ist, dass man zur Zeit des deutschen Wirtschaftswunders glaubte, stetiges Wachstum w\u00e4re m\u00f6glich und deswegen m\u00fcsse man nicht l\u00e4nger auf die Verteilung des Wohlstands achten. Der Glaube war, durch Wachstum profitieren alle. Aber das stimmt nur f\u00fcr die fr\u00fchen 1950er Jahre. Das ist, wenn man so will, die Tragik an der Wachstumsausrichtung. Man ist immer noch der Ansicht, dass Wachstum dieselben Effekte hervorbringen kann, wie in der westlichen Welt vor fast 70 Jahren.<\/p>\n<p><strong>Auch John Maynard Keynes hatte seinen Anteil an der Durchsetzung des BIP. Was war seine Rolle?<\/strong><br \/>\nEs ist vor allem der keynesianische Blick auf die Wirtschaft, der sich in der Systematik der BIP-Berechnung wiederfindet. Beispielsweise die Aktivit\u00e4t des Staates. Staatsausgaben werden als Produktion eingerechnet. Wenn der Staat eine Br\u00fccke bauen l\u00e4sst, ist das genauso, als wenn ein Privatmann ein Haus baut. Aber das ist eine Konvention. Es gibt und gab Argumente, die lauten: Der Staat ist kein Akteur der Wirtschaft, sondern derjenige, der die Voraussetzungen daf\u00fcr schaffen muss, dass wirtschaftliche Aktivit\u00e4ten der B\u00fcrger stattfinden k\u00f6nnen. Der Staat bringt damit so etwas wie eine Vorleistung, die man vom BIP abziehen m\u00fcsste. Aber diese Meinung hat sich nicht durchgesetzt.<\/p>\n<p><strong>Die Kritik am Sozialprodukt legt nahe, dass es keine Rolle mehr spielen sollte.<\/strong><br \/>\nDie Kritik am BIP ist so alt wie das BIP. Und Vorschl\u00e4ge, was man anders machen k\u00f6nnte, gibt es genauso lange. Aber durchgesetzt hat sich bislang keiner. Das BIP sitzt fest im Sattel, weil das Festhalten am Wachstum die politische Illusion erzeugt, sich nicht mit Verteilungsfragen besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen. Pl\u00f6tzlich bestimmt aber dieses Thema wieder die Debatten. Der Mahner Kuznets ist somit aktueller denn je.<\/p>\n<p><strong>Gibt es Chancen, dass sich bessere Verfahren zur Wohlstandsmessung durchsetzen?<\/strong><br \/>\nIch glaube nicht, dass das BIP durch eine Alternative abgel\u00f6st wird oder dass wir uns zu Postwachstumsgesellschaften entwickeln. Beide Vorstellungen sind absurd und naiv. Aber schwindende soziale Koh\u00e4sion bei uns und fast auf der ganzen Welt wird Politiker zwingen dazu, sich mit dem Thema Ungleichheit st\u00e4rker zu befassen, das sie in ihrer Wachstumseuphorie verdr\u00e4ngt haben.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1038352.das-bip-war-ein-instrument-des-krieges.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 13.01.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00d6konom Philipp Lepenies kritisiert, dass der Glaube an das Bruttoinlandsprodukt Verteilungsfragen verdr\u00e4ngt. Ein Interview. 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